2) ROM
Im ersten Teil von „Karneval/Fasching“ habe ich erzählt, dass man früher dachte, dass alle unsere Karnevalsveranstaltungen ihre Wurzeln in der Antike hätten, vor allem in den römischen, unendlich ausschweifenden Saturnalien. Man ist davon völlig abgekommen, denn zu viele Jahrhunderte liegen dazwischen, bis dann im Mittelalter da und dort, sei es im Rheinland oder in Venedig, wieder ein närrisches Treiben nachweisbar ist.
Ganz anders in Rom selbst, der einstigen Heimstätte der Saturnalien. Freilich gab es auch hier keine Kontinuität. Nehmen wir nur das römische Forum, einst das vital schlagende Herz eines Weltreichs. Kaum war dieses untergegangen, setzte der Verfall ein. Am besten waren noch einige Mauern dran, die man zu Kirchen umgestaltete, ansonsten wurde es Brauch, sich mit noch gut erhaltenen Steinen für die Errichtung von Neubauten zu versorgen. Den Rest erledigte die Natur. Ein Teil war Wiese und Weide geworden und trug daher beim Volk den Namen campo vaccino ( = Kuhweide). Ein angrenzender Stadtteil war sogar völlig entvölkert. Von närrischem Treiben erst recht keine Rede.
Aber dann plötzlich im 10. Jahrhundert sprechen historische Dokumente in den vatikanischen Archiven zum ersten Mal wieder von Karnevalsvergnügungen. Für unser heutiges Denken völlig unerwartet, war nämlich der Papst daran interessiert, so etwas wie die antiken Saturnalien wieder aufleben zu lassen. Es gibt bis heute neben den berühmten sieben natürlichen Hügeln in Rom auch noch einen künstlichen, den „Testaccio“. Hier waren die Tonscherben von geschätzten 25 Millionen Amphoren ca. 50 Meter hoch aufgetürmt worden, und zwar von 150 v. Chr. bis 250 n. Chr., also 400 Jahre lang.

Gleich in der Nähe war nämlich der Flusshafen und die Lagerhäuser am Tiber. Die meisten dieser Amphoren werden mit Olivenöl aus Spanien gefüllt gewesen sein und daher so ausgesehen haben wie diese:

Ölamphoren ließen sich nach dem Gebrauch nicht vollständig reinigen. Das Olivenöl blieb an der Innenwand haften, sickerte in den Ton und verdarb. Unbrauchbar gewordene Amphoren zerschlug und entsorgte man daher.
Zu dieser damals bereits überwachsenen Erhebung bewegte sich nun vom Kapitol aus ein Festzug mit prächtigen und fantasievollen Kostümen und später auch mit Wägen mit allegorischen Darstellungen. Auch der Papst ritt in Begleitung des städtischen Adels zu den wiedererweckten, wohl in vielem aber auch erfindungsreich neu adaptierten Spielen. Geboten wurden Duelle, Turniere, Stierkämpfe und andere Tierhatzen, bei denen neben jungen Stieren auch ein Bär und ein Hahn getötet wurden. Eine Radierung von 1558 vermittelt uns einen ungefähren Eindruck davon, was hier los war.

Wir sehen hier den Stierkampf vor einem Rund von eingezäunten Zuschauerplätzen.

Zwei herausgehobene Logen fallen uns besonders auf:

Neben der linken prangt eine Standarte mit dem päpstlichen Wappen, einer Tiara vor den gekreuzten Schlüsseln des Apostel Petrus. Siehe: gelber Pfeil. Rechts weht eine Fahne mit der (hier seitenverkehrten) Abkürzung S.P.Q.R., dem antiken Kürzel für das Hoheitszeichen Roms, aufgelöst in: Senatus Populusque Romanus, „Senat und Volk von Rom“ (roter Pfeil).
Besonders beliebt war aber bei diesen Karnevalsspielen das „Saurollen“. Karren, beladen mit lebendigen Schweinen, wurden über den steilen Hang hinuntergestoßen oder von Stieren im Galopp hinuntergezogen.

Am Fuß des Hügels war eher ordinäres Volk versammelt, das sich um das Fleisch, das von den Schweinen übrig geblieben war, raufte, sich aber gleichzeitig gegen die jungen Stiere wehren musste, die ja nun, nachdem der Karren zerschellt war, frei geworden waren. Dass die Kirche nichts gegen eine solche aus der Antike ererbte Brutalität gegen Tiere einzuwenden hatte, wurzelte in der Anschauung, dass das Töten der Tiere die Befreiung von Sünden symbolisiere.
Vom Testaccio zog spätestens seit dem 13. Jahrhundert die römische Plebs nach reichlichem Weingenuss laut schreiend und singend zu einem Platz, der heute Piazza Navona heißt und früher die Wettkampfarena des Kaisers Domitian war. Auch gegen die dortigen Feste, die agone genannt wurden und immer mehr Interesse vom Testaccio abzogen, hatten die Päpste nichts einzuwenden. Sie – oder ihre Berater – waren zweifellos große Psychologen und Soziologen, noch lange bevor diese Fächer wissenschaftliche Disziplinen wurden. Sie waren zu der Einsicht gekommen, dass das Volk einmal im Jahr ein Ventil brauchte, um sich ungestraft austoben zu können.
Diese Weisheit beherzigte insbesondere dann auch Papst Paul II. im 15. Jahrhundert. Er stammte aus Venedig und war ein Liebhaber von Luxus, Prunk und allerlei Spektakel. Persönlich entschied er 1466, dass ein Wettlauf, ein cursus in der Via Lata, der heutigen Via del Corso stattfinden dürfe. Daher stammt auch der seit dem 19. Jahrhundert populär gewordene Ausdruck „Korso“, als Bummelmeile, oder für prächtige Umzüge, etwa einen Blumenkorso oder einen Autokorso. Überdies ordnete Paul II. Maskenumzüge an, die von ihm selbst organisiert und finanziert wurden. Ob schon unter ihm neben den Wettläufen hier auch Pferderennen stattfanden, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.
Nachdem die Päpste aus ihrem „babylonischen Exil“ in Avignon nach Rom zurückgekehrt waren, wuchs ihre Macht gegenüber der zivilen Stadtverwaltung ins Unermessliche, ebenso wie die Prunkentfaltung der obersten Herren der Christenheit. Bei den Renaissancepäpsten wurde der Festzug nun eine Zeitlang vom Blumenmarkt, dem „Campo dei Fiori“ bis zum Petersplatz geführt, also nicht wie früher eher an die kommunalen Randzonen, sondern mitten hinein ins römische Stadtzentrum. Die Auswüchse waren enorm. So gab es kurzfristig sogar auf dieser Strecke ein Wettrennen der Prostituierten, das aber bald wieder aufgegeben werden musste, da sich die Sexarbeiterinnen auf dem letzten Abschnitt in der Nähe des Vatikans ihrer Kleider entledigten. Das war selbst den Lebemännern unter den Päpsten in Hinblick auf die aufrecht zu erhaltende öffentliche Ordnung und Moral zu viel und so wurde dieser Exzess wieder abgeschafft.
Gehen auch wir daher wieder zurück zum römischen Korso.

Diese schnurgerade Via del Corso ist eine der prächtigsten Straßen Roms, flankiert von den Prunkfassaden von Palästen und Kirchen. An beiden Enden liegen in zwei Kilometer Entfernung große Plätze. Wie wir später sehen werden, eine ideale Strecke für ein Pferderennen.
Es ist ein enormes Glück für unsere römischen Karnevalstudien, dass kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe auf seiner italienischen Reise auf Hausnummer 18 des Korso wohnte. In derselben Unterkunft wohnte auch der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der 1787 vor der Landschaft der römischen Campagna eines der berühmtesten Goethe-Bilder schuf, sodass wir bestens informiert sind, wie der Dichter zu dieser Zeit aussah:

Goethe konnte also 1786 vom Fenster seiner Wohnung aus das Treiben auf dem Korso wunderbar beobachten und in der Folge seine Eindrücke schriftlich festhalten. Grundlegend ist schon einmal seine Bemerkung: „Das [sic!] Römische Karneval ist ein Fest, das dem Volk eigentlich nicht gegeben wird, sondern, das sich das Volk selbst gibt.“ Jeder darf „so töricht und toll sein, als er wolle, und außer Schlägen und Messerstichen ist fast alles erlaubt. Die allgemeine Frechheit und Freiheit wird durch eine allgemeine gute Laune im Gleichgewicht gehalten.“
Goethe schildert dann, dass die höchsten Erwartungen auf die letzten acht Tage des Karnevals gerichtet sind. Tribünen werden aufgebaut und schließlich gibt eine Glocke vom Kapitol das Zeichen, „es sei erlaubt, unter freiem Himmel töricht zu sein.“ Und Goethe weiter: „In diesem Augenblick legt der ernsthafte Römer, der sich das ganze Jahr sorgfältig vor jedem Fehltritt hütet, seinen Ernst und seine Bedächtigkeit auf einmal ab“.
Zuerst kommen „junge Männer, geputzt in Festtagskleidern der Weiber aus deren unterster Klasse … Sie liebkosen die ihnen begegnenden Männer, tun vertraut mit den Weibern als mit ihresgleichen, treiben sonst, was ihnen Laune, Witz oder Unart eingeben.“ Soweit Goethe, der dann ergänzt, „dass die Frauen ebensoviel Lust haben, sich in Mannskleidern zu zeigen, als die Männer sich in Frauenkleidern sehen zu lassen“, so verkleiden sie sich gerne als Pulcinella und Goethe bestätigt, dass sie oft „in dieser Zwittergestalt höchst reizend sind“.

Also wieder einmal verkehrte Welt, wobei ich an dieser Stelle auch daran erinnern möchte, dass ja auch die „Jungfrau“ im „Kölner Dreigestirn“ von einem Mann dargestellt wird und ursprünglich auch die dortigen Funkenmariechen.

Alsbald erscheint am Korso ein als Advokat Verkleideter.

Er droht vielen mit einem Prozess. Anderen wirft er lächerliche Verbrechen vor, den nächsten angebliche Schulden, Frauen und Mädchen schilt er wegen ihrer Liebhaber. Begegnet er aber sogar einem Kollegen, so erreicht die Tollheit ihren höchsten Grad. Auf diesem Bild nimmt er zwei Pulcinellen in die Mangel, die so tun, als wären sie sich ihrer Schuld bewusst. Die Darstellung stammt ebenso wie die nächsten von Johann Georg Schütz, der als Hausgenosse Goethes auf dem Korso Skizzen über die römischen Masken verfertigte, die dann von Melchior Krause in Frankfurt in illuminierte Radierungen umgewandelt wurden, um Goethes Schrift zu illustrieren. Wir können also ziemlich sicher sein, dass wir ein genaues Bild von dem Treiben vor uns haben.
Dann bezieht sich unser Dichterfürst auf die sogenannten Quacqueri.

Sie sind in altfränkische Tracht gekleidet, dickleibig, pausbäckig und mit kleinen Schweinsäuglein. Von ihren Perücken hängen wunderliche Zöpfchen. Sie stellen läppische, verliebte und betrogene Toren dar. Es sind ihrer gegen hundert, ebensoviele wie Pulcinellen, und sie laufen den Korso auf und ab.

Das Gedränge wird immer größer. Die Maskierung als Bettler oder Bettlerinnen ist auch sehr beliebt. Hier zwei solche, die eine milde Gabe von einem Quacquero heischen: Manche machen es sich leicht und erscheinen nur in Pelzen oder im Hausgewand, tragen aber Gesichtsmasken. Den Frauen geht es hauptsächlich darum, aus dem Haus zu kommen, und sie sind dann sehr erfinderisch in den Methoden, sich zu verstecken. Auch hüllte man sich in die Gewandung verschiedener Berufe, oder kleidete sich etwa als Gespenst ganz in Weiß.
Ein Wahrsager karikiert die verbreitete Leidenschaft für das Lottospiel.

Und neben ihm sehen wir einen Narren, der sich nicht entblödete, sich als Hahnrei zu outen, als betrogener Ehemann, als „Gehörnter“, kenntlich an den beiden mächtigen Auswüchsen auf seiner Perücke.
Auch janusköpfige Masken waren zu sehen, bei denen man nicht wusste, wo vorne und hinten ist.

Und es gab selbstverständlich auch sehr unanständige Verkleidungen.
Goethe wendet sich in seiner Schilderung nun den Kutschen zu, die nach und nach in den Korso hineinfahren. Gegen Ende des Karnevals werden offene Equipagen bevorzugt, in denen sich nun die vornehmen Damen, also die Reichen und Schönen, von der Menge bewundern lassen. Je attraktiver sie sind, umso weniger verdecken sie ihren Reiz durch eine Maske.
Dann aber wendet sich unser Weimarer Dichter einem sehr seltsamen Kapitel zu, den Konfetti. Man kennt das Wort als Bezeichnung für kleine ausgestanzte bunte Papierschnitzel, um sich beim Karneval damit zu bewerfen. Man kennt aber gewiss auch das Wort „Konfekt“ für „feine Süßwaren, Pralinen oder süßes Kleingebäck. Nun, beide Worte stammen aus derselben Wurzel, aus mittellateinischem „confectum“, was soviel wie „zusammen zubereitet“ bedeutet und im Mittelalter in der Apothekersprache gebräuchlich war für alle Arten von eingezuckerten oder eingekochten süßen Früchten, oder mit Sirup verrührtem Pulver, Rezepturen, die jeweils für Heilzwecke verwendet wurden. Erst im 16. Jahrhundert nimmt das Wort den heutigen Sinn von Pralinen an. Und aus derselben alten Wurzel kommt übrigens auch der Ausdruck „Konfitüre“, der natürlich über das Französische zu uns gelangt ist, und soviel wie „Marmelade mit ganzen Früchten oder Fruchtstücken“ bezeichnet, also wieder etwas Zusammengemixtes. „Conficere“: „Bestandteile zusammenführen, vermischen“.
Stets spielt also fruchtig Süßes eine Rolle. Wie, zum Teufel, passen dann die „Konfetti“ in diese Reihe? Sollte gar jemals ein angesoffener Faschingsnarr, ein Jeck, so übermütig gewesen sein, sich eine Handvoll Konfetti ins Maul gestopft zu haben, so hätte er schnell bemerkt, dass dies keine Bonbons sind, sondern übel schmeckendes Papier, aus Hadern und Lumpen hergestellt, oder heute aus ebenso grauslich schmeckender Zellulose?
Ja, aber das war nicht immer so. Ich rufe wieder Goethe in den Zeugenstand. Er schreibt, dass es sich früher bei den Konfetti im römischen Karneval um gezuckerte Mandeln gehandelt hatte, die z.B. eine Schöne auf einen guten Freund warf, der gerade mit dem Rücken zu ihr stand, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Daher verwendete man dasselbe Wort „Konfetti“ ( = „Konfekt“) wie eben auch für andere Süßwaren, die so hießen. Allmählich sei man aber zu der Ansicht gekommen, dass diese Methode, um jemandes Blicke auf sich zu lenken, auf die Dauer zu teuer käme. Und so ersetzte man die süßen Wurfgeschosse durch Puzzolane, das sind kleine Gesteinsbrocken, meist vulkanischer Herkunft.

Damit das Täuschungsmanöver perfekt war, bestreute man sie mit Gipsstaub, den man für Zucker halten konnte. Es entstand ein ganzes Gewerbe, um diese nunmehr unangenehme, ja mitunter schmerzhafte Karnevals-Munition herzustellen. Es kam nun unter den Masken nicht nur zu Zweikämpfen und Scharmützeln, sondern sogar zu wahren Schlachten, wenn sich zwei Rudel durch gegenseitiges Bewerfen belästigten, wobei unversehens auch Eifersucht oder persönlicher Hass ausgelebt wurden. Damit der Mini-Artillerie nicht die Munition ausginge, patrouillierten Händler mit Körben voller solcher Steinkonfetti den Korso auf und ab.
In späteren Zeiten wurde auch der Gebrauch dieser steinernen und eingegipsten Wurfgeschosse zu aufwendig, und so wurden sie durch jene Papierschnitzel ersetzt, wie sie heute noch im Fasching gebräuchlich sind.
Nun schildert Goethe einen weiteren Höhepunkt, das Pferderennen bei dem die wertvollen Berber-Pferde nicht von Jockeys geritten, sondern durch Stallburschen angetrieben werden.
Wir haben nicht nur das Glück, einen schreibenden Goethe als Korrespondenten vor Ort zu haben, sondern auch einen Bildberichterstatter. Es hatte sich nämlich gerade auch der bedeutende französischen Maler Théodore Géricault zu einer Italienreise entschlossen, die ihn auch nach Rom führte. Und wie es der Zufall so will, war er überdies ein ausgemachter Pferdenarr. Daher wohnte auch er 1817 dem karnevalesken Pferderennen bei, von dem er fasziniert war.

Hier verewigte er die Augenblicke, bevor das Startseil fiel, und die Rösser wie wilde Mustangs aus der „Piazza del Popolo“ hinaus stürzten, um in wahnsinnigem Galopp den Korso zu durchqueren, und so als erste den Endpunkt zu erstürmen, den „venezianischen“ Platz, wo sie eingefangen werden.

Nicht selten kommen in chaotischen Situationen Tiere aber auch Menschen um Leib und Leben.
Hier malte Géricault einen der letzten Momente des Wettbewerbs, in dem ein junger Mann, gekleidet in traditioneller römischer Manier, das siegreiche Pferd triumphierend über den Parcours führt. Der Besitzer des gewinnenden Pferdes erhielt nämlich eine versilberte oder vergoldete Standarte mit kostbaren Stickereien, das sogenannte Pallio.

Wenn sich nach dem Rennen die meist nahezu unentwirrbaren Verknotungen von Wagen, Fußgängern und Pferden doch noch aufgelöst haben, strebt ein Großteil des Publikums meist wieder unmaskiert nach den Theatern, wo alles konsumiert werden konnte, von Oper und Ballett bis zum Puppenspiel und Seiltanz.
Am frühen Morgen des nächsten Tages wird der Korso gereinigt und sein Belag – wo nötig – repariert, übrigens unter Heranziehung einer Prostituierten-Steuer. Bald nach Mittag konnte dann der soeben geschilderte närrische Zyklus wieder von Neuem beginnen.
Der letzte Karnevalsabend, es ist unser Faschingdienstag, war in Rom noch durch einen weiteren Brauch gekennzeichnet. Jeder musste eine kleine brennende Kerze, den Moccolo, mit sich tragen. Man versuchte nun gegenseitig, diesen auszublasen. Dazu erscholl der scheinbar brutale Ruf: „Ermordet werde, wer kein Lichtstümpfchen trägt!“ Dieses Treiben näherte sich fanatischer Ekstase und Goethe ließ daher in Bezug auf den gesamten römischen Karneval durchblicken, wie sehr sich der Genuss von Freiheit und Gleichheit dem Taumel des Wahnsinns annähern kann.

Die Pferderennen am Korso wurden durch die laizistische Verwaltung erst 1874 in Rom abgeschafft, das damals seit drei Jahren Hauptstadt des geeinten Italien war. Anlaß war, dass ein Knabe von Pferden zu Tode getrampelt worden war.
Letztlich war das aber auch der Todesstoß für jeglichen traditionellen römischen Karneval. Nach Augenzeugenberichten ist heutzutage die Innenstadt mehr oder weniger eine maskenfreie Zone, am ehesten trifft man noch verkleidete Kinder an. Am Faschingsonntag gibt es eventuell in einigen Vierteln kleine Maskenumzüge, doch weist sogar der Tourismusverband darauf hin, dass es in Orten der unmittelbaren Umgebung Roms ein wesentlich vitaleres Narrentreiben gibt. Selbst ein Tarantella-Treffen, also eine Tanzveranstaltung für Jung und Alt, wird in der Hauptstadt hauptsächlich von Traditionsgruppen aus Latium, der Campagna, den Abruzzen und aus Kalabrien gespeist.
Am originellsten ist wohl noch eine Faschingsonntag-Spezialität auf dem Tiber. Maskierte Erwachsene und Kinder machen den Fluss mit Kanus, Gummibooten, und anderen Schiffchen, Surfbrettern und sogar Tauchern unsicher, angefeuert von Radfahrern, Fußgängern und Animatoren auf den Uferwegen.

Endstation ist dann die Engelsburg.

Und heuer gibt es erstmalig sogar eine zweifelhafte Karnevals-Premiere: die Einbeziehung der Cinecittà World, das ist ein vor zehn Jahren eröffneter gigantischer Vergnügungspark, bei dem einst so grandiose Filme gedreht wurden wie „La Dolce Vita“, „Quo Vadis“, „Ben Hur“ oder auch die renommierten Italo-Western.

Zum ersten Mal werden Masken, Paraden, Festwagen, Kostüme, Shows und jede Menge anderer Bespaßungen in diesem Kino- und TV-Vergnügungspark Einzug halten. Beste Masken werden prämiert und am Ende jeden Tages wird die größte Konfetti-Schlacht quasi ohne Limits eröffnet. Es gibt eine sogenannte Horrorroute, inspiriert von der verfilmten Legende vom Vampier Graf Dracula, oder ein Virtual-Reality-Erlebnis am Set des Science-Fiction-Films „Krieg der Welten“. Außerdem wird für exotische Kulinarik gesorgt, und täglich wird die ungemein populäre Carmen Russo als Entertainerin für Stimmung sorgen, ihres Zeichens Tänzerin, Sängerin, Schauspielerin und Pornodarstellerin.
Man sieht also: mit traditionellem Fasching hat das alles außer den Verkleidungen so gut wie kaum mehr etwas zu tun. Wer aber schon einmal Unterhaltungssendungen in der RAI, dem italienischen Fernsehen, angeschaut haben sollte, der weiß, dass die Italiener total den diesbezüglichen Amerikanismen verfallen sind. So eben offensichtlich auch bei der Wiederbelebung des römischen Karnevals.
Der Vollständigkeit halber noch ein letzter Blick zurück in die Geschichte. Der französische Komponist Hector Berlioz hatte den „Prix Rome“ gewonnen, womit auch ein Rom-Aufenthalt verbunden war. 1831 fühlte er sich vom römischen Karneval so inspiriert, dass er eine gleichnamige Ouvertüre schrieb, in der er in Tönen alles das beschrieb, was Goethe in Worte gefasst hatte: die Pferderennen auf dem Korso, das Liebesgeflüster der Maskierten, und im Saltarello die wilde Ausgelassenheit des Volkes.

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