KARNEVAL / FASCHING

2) ROM

Im ersten Teil von „Karneval/Fasching“ habe ich erzĂ€hlt, dass man frĂŒher dachte, dass alle unsere Karnevalsveranstaltungen ihre Wurzeln in der Antike hĂ€tten, vor allem in den römischen, unendlich ausschweifenden Saturnalien. Man ist davon völlig abgekommen, denn zu viele Jahrhunderte liegen dazwischen, bis dann im Mittelalter da und dort, sei es im Rheinland oder in Venedig, wieder ein nĂ€rrisches Treiben nachweisbar ist.

Ganz anders in Rom selbst, der einstigen HeimstĂ€tte der Saturnalien. Freilich gab es auch hier keine KontinuitĂ€t. Nehmen wir nur das römische Forum, einst das vital schlagende Herz eines Weltreichs. Kaum war dieses untergegangen, setzte der Verfall ein. Am besten waren noch einige Mauern dran, die man zu Kirchen umgestaltete, ansonsten wurde es Brauch, sich mit noch gut erhaltenen Steinen fĂŒr die Errichtung von Neubauten zu versorgen. Den Rest erledigte die Natur. Ein Teil war Wiese und Weide geworden und trug daher beim Volk den Namen campo vaccino ( = Kuhweide). Ein angrenzender Stadtteil war sogar völlig entvölkert. Von nĂ€rrischem Treiben erst recht keine Rede.

Aber dann plötzlich im 10. Jahrhundert sprechen historische Dokumente in den vatikanischen Archiven zum ersten Mal wieder von KarnevalsvergnĂŒgungen. FĂŒr unser heutiges Denken völlig unerwartet, war nĂ€mlich der Papst daran interessiert, so etwas wie die antiken Saturnalien wieder aufleben zu lassen. Es gibt bis heute neben den berĂŒhmten sieben natĂŒrlichen HĂŒgeln in Rom auch noch einen kĂŒnstlichen, den „Testaccio“. Hier waren die Tonscherben von geschĂ€tzten 25 Millionen Amphoren ca. 50 Meter hoch aufgetĂŒrmt worden, und zwar von 150 v. Chr. bis 250 n. Chr., also 400 Jahre lang.

Quelle: https://renatoprosciutto.com/nl/monte-testaccio-rome/

Gleich in der NĂ€he war nĂ€mlich der Flusshafen und die LagerhĂ€user am Tiber. Die meisten dieser Amphoren werden mit Olivenöl aus Spanien gefĂŒllt gewesen sein und daher so ausgesehen haben wie diese:

Quelle: https://www.antike-tischkultur.de/amphorendressel19-20.html

Ölamphoren ließen sich nach dem Gebrauch nicht vollstĂ€ndig reinigen. Das Olivenöl blieb an der Innenwand haften, sickerte in den Ton und verdarb. Unbrauchbar gewordene Amphoren zerschlug und entsorgte man daher.

Zu dieser damals bereits ĂŒberwachsenen Erhebung bewegte sich nun vom Kapitol aus ein Festzug mit prĂ€chtigen und fantasievollen KostĂŒmen und spĂ€ter auch mit WĂ€gen mit allegorischen Darstellungen. Auch der Papst ritt in Begleitung des stĂ€dtischen Adels zu den wiedererweckten, wohl in vielem aber auch erfindungsreich neu adaptierten Spielen. Geboten wurden Duelle, Turniere, StierkĂ€mpfe und andere Tierhatzen, bei denen neben jungen Stieren auch ein BĂ€r und ein Hahn getötet wurden. Eine Radierung von 1558 vermittelt uns einen ungefĂ€hren Eindruck davon, was hier los war.

Quelle: https://www.hamburger-kunsthalle.de/sites/default/files/178101_0.jpg

Wir sehen hier den Stierkampf vor einem Rund von eingezÀunten ZuschauerplÀtzen.

Zwei herausgehobene Logen fallen uns besonders auf:

Neben der linken prangt eine Standarte mit dem pĂ€pstlichen Wappen, einer Tiara vor den gekreuzten SchlĂŒsseln des Apostel Petrus. Siehe: gelber Pfeil. Rechts weht eine Fahne mit der (hier seitenverkehrten) AbkĂŒrzung S.P.Q.R., dem antiken KĂŒrzel fĂŒr das Hoheitszeichen Roms, aufgelöst in: Senatus Populusque Romanus, „Senat und Volk von Rom“ (roter Pfeil).

Besonders beliebt war aber bei diesen Karnevalsspielen das „Saurollen“. Karren, beladen mit lebendigen Schweinen, wurden ĂŒber den steilen Hang hinuntergestoßen oder von Stieren im Galopp hinuntergezogen.

Am Fuß des HĂŒgels war eher ordinĂ€res Volk versammelt, das sich um das Fleisch, das von den Schweinen ĂŒbrig geblieben war, raufte, sich aber gleichzeitig gegen die jungen Stiere wehren musste, die ja nun, nachdem der Karren zerschellt war, frei geworden waren. Dass die Kirche nichts gegen eine solche aus der Antike ererbte BrutalitĂ€t gegen Tiere einzuwenden hatte, wurzelte in der Anschauung, dass das Töten der Tiere die Befreiung von SĂŒnden symbolisiere.

Vom Testaccio zog spĂ€testens seit dem 13. Jahrhundert die römische Plebs nach reichlichem Weingenuss laut schreiend und singend zu einem Platz, der heute Piazza Navona heißt und frĂŒher die Wettkampfarena des Kaisers Domitian war. Auch gegen die dortigen Feste, die agone genannt wurden und immer mehr Interesse vom Testaccio abzogen, hatten die PĂ€pste nichts einzuwenden. Sie – oder ihre Berater – waren zweifellos große Psychologen und Soziologen, noch lange bevor diese FĂ€cher wissenschaftliche Disziplinen wurden. Sie waren zu der Einsicht gekommen, dass das Volk einmal im Jahr ein Ventil brauchte, um sich ungestraft austoben zu können.

Diese Weisheit beherzigte insbesondere dann auch Papst Paul II. im 15. Jahrhundert. Er stammte aus Venedig und war ein Liebhaber von Luxus, Prunk und allerlei Spektakel. Persönlich entschied er 1466, dass ein Wettlauf, ein cursus in der Via Lata, der heutigen Via del Corso stattfinden dĂŒrfe. Daher stammt auch der seit dem 19. Jahrhundert populĂ€r gewordene Ausdruck „Korso“, als Bummelmeile, oder fĂŒr prĂ€chtige UmzĂŒge, etwa einen Blumenkorso oder einen Autokorso. Überdies ordnete Paul II. MaskenumzĂŒge an, die von ihm selbst organisiert und finanziert wurden. Ob schon unter ihm neben den WettlĂ€ufen hier auch Pferderennen stattfanden, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Nachdem die PĂ€pste aus ihrem „babylonischen Exil“ in Avignon nach Rom zurĂŒckgekehrt waren, wuchs ihre Macht gegenĂŒber der zivilen Stadtverwaltung ins Unermessliche, ebenso wie die Prunkentfaltung der obersten Herren der Christenheit. Bei den RenaissancepĂ€psten wurde der Festzug nun eine Zeitlang vom Blumenmarkt, dem „Campo dei Fiori“ bis zum Petersplatz gefĂŒhrt, also nicht wie frĂŒher eher an die kommunalen Randzonen, sondern mitten hinein ins römische Stadtzentrum. Die AuswĂŒchse waren enorm. So gab es kurzfristig sogar auf dieser Strecke ein Wettrennen der Prostituierten, das aber bald wieder aufgegeben werden musste, da sich die Sexarbeiterinnen auf dem letzten Abschnitt in der NĂ€he des Vatikans ihrer Kleider entledigten. Das war selbst den LebemĂ€nnern unter den PĂ€psten in Hinblick auf die aufrecht zu erhaltende öffentliche Ordnung und Moral zu viel und so wurde dieser Exzess wieder abgeschafft.

Gehen auch wir daher wieder zurĂŒck zum römischen Korso.

Rom: Via del Corso. Foto: By Gil – Own work, CC BY 2.0, Quelle. https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=66766628

Diese schnurgerade Via del Corso ist eine der prĂ€chtigsten Straßen Roms, flankiert von den Prunkfassaden von PalĂ€sten und Kirchen. An beiden Enden liegen in zwei Kilometer Entfernung große PlĂ€tze. Wie wir spĂ€ter sehen werden, eine ideale Strecke fĂŒr ein Pferderennen.
Es ist ein enormes GlĂŒck fĂŒr unsere römischen Karnevalstudien, dass kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe auf seiner italienischen Reise auf Hausnummer 18 des Korso wohnte. In derselben Unterkunft wohnte auch der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der 1787 vor der Landschaft der römischen Campagna eines der berĂŒhmtesten Goethe-Bilder schuf, sodass wir bestens informiert sind, wie der Dichter zu dieser Zeit aussah:

Goethe konnte also 1786 vom Fenster seiner Wohnung aus das Treiben auf dem Korso wunderbar beobachten und in der Folge seine EindrĂŒcke schriftlich festhalten. Grundlegend ist schon einmal seine Bemerkung: „Das [sic!] Römische Karneval ist ein Fest, das dem Volk eigentlich nicht gegeben wird, sondern, das sich das Volk selbst gibt.“ Jeder darf „so töricht und toll sein, als er wolle, und außer SchlĂ€gen und Messerstichen ist fast alles erlaubt. Die allgemeine Frechheit und Freiheit wird durch eine allgemeine gute Laune im Gleichgewicht gehalten.“

Goethe schildert dann, dass die höchsten Erwartungen auf die letzten acht Tage des Karnevals gerichtet sind. TribĂŒnen werden aufgebaut und schließlich gibt eine Glocke vom Kapitol das Zeichen, „es sei erlaubt, unter freiem Himmel töricht zu sein.“ Und Goethe weiter: „In diesem Augenblick legt der ernsthafte Römer, der sich das ganze Jahr sorgfĂ€ltig vor jedem Fehltritt hĂŒtet, seinen Ernst und seine BedĂ€chtigkeit auf einmal ab“.

Zuerst kommen „junge MĂ€nner, geputzt in Festtagskleidern der Weiber aus deren unterster Klasse 
 Sie liebkosen die ihnen begegnenden MĂ€nner, tun vertraut mit den Weibern als mit ihresgleichen, treiben sonst, was ihnen Laune, Witz oder Unart eingeben.“ Soweit Goethe, der dann ergĂ€nzt, „dass die Frauen ebensoviel Lust haben, sich in Mannskleidern zu zeigen, als die MĂ€nner sich in Frauenkleidern sehen zu lassen“, so verkleiden sie sich gerne als Pulcinella und Goethe bestĂ€tigt, dass sie oft „in dieser Zwittergestalt höchst reizend sind“.

PULCINELLA (Zeichnung von Maurice Sand, 1860)

Also wieder einmal verkehrte Welt, wobei ich an dieser Stelle auch daran erinnern möchte, dass ja auch die „Jungfrau“ im „Kölner Dreigestirn“ von einem Mann dargestellt wird und ursprĂŒnglich auch die dortigen Funkenmariechen.

Quelle: https://koelnerkarneval.de/koelner-dreigestirne/koelner-dreigestirn

Alsbald erscheint am Korso ein als Advokat Verkleideter.

Johann Georg SchĂŒtz/Melchior Krause: Advokat mit Pulcinellen; Quelle: http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3068

Er droht vielen mit einem Prozess. Anderen wirft er lĂ€cherliche Verbrechen vor, den nĂ€chsten angebliche Schulden, Frauen und MĂ€dchen schilt er wegen ihrer Liebhaber. Begegnet er aber sogar einem Kollegen, so erreicht die Tollheit ihren höchsten Grad. Auf diesem Bild nimmt er zwei Pulcinellen in die Mangel, die so tun, als wĂ€ren sie sich ihrer Schuld bewusst. Die Darstellung stammt ebenso wie die nĂ€chsten von Johann Georg SchĂŒtz, der als Hausgenosse Goethes auf dem Korso Skizzen ĂŒber die römischen Masken verfertigte, die dann von Melchior Krause in Frankfurt in illuminierte Radierungen umgewandelt wurden, um Goethes Schrift zu illustrieren. Wir können also ziemlich sicher sein, dass wir ein genaues Bild von dem Treiben vor uns haben.

Dann bezieht sich unser DichterfĂŒrst auf die sogenannten Quacqueri.

Johann Georg SchĂŒtz/Melchior Krause: Quacqueri; Quelle: http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3068

Sie sind in altfrĂ€nkische Tracht gekleidet, dickleibig, pausbĂ€ckig und mit kleinen SchweinsĂ€uglein. Von ihren PerĂŒcken hĂ€ngen wunderliche Zöpfchen. Sie stellen lĂ€ppische, verliebte und betrogene Toren dar. Es sind ihrer gegen hundert, ebensoviele wie Pulcinellen, und sie laufen den Korso auf und ab.

Johann Georg SchĂŒtz/Melchior Krause: Quacquero mit zwei Bettelleuten; Quelle: http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3068

Das GedrĂ€nge wird immer grĂ¶ĂŸer. Die Maskierung als Bettler oder Bettlerinnen ist auch sehr beliebt. Hier zwei solche, die eine milde Gabe von einem Quacquero heischen: Manche machen es sich leicht und erscheinen nur in Pelzen oder im Hausgewand, tragen aber Gesichtsmasken. Den Frauen geht es hauptsĂ€chlich darum, aus dem Haus zu kommen, und sie sind dann sehr erfinderisch in den Methoden, sich zu verstecken. Auch hĂŒllte man sich in die Gewandung verschiedener Berufe, oder kleidete sich etwa als Gespenst ganz in Weiß.

Ein Wahrsager karikiert die verbreitete Leidenschaft fĂŒr das Lottospiel.

Johann Georg SchĂŒtz/Melchior Krause: Wahrsager und Hahnrei; Quelle: http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3068

Und neben ihm sehen wir einen Narren, der sich nicht entblödete, sich als Hahnrei zu outen, als betrogener Ehemann, als „Gehörnter“, kenntlich an den beiden mĂ€chtigen AuswĂŒchsen auf seiner PerĂŒcke.

Auch janusköpfige Masken waren zu sehen, bei denen man nicht wusste, wo vorne und hinten ist.

Johann Georg SchĂŒtz/Melchior Krause: Januskopf; Quelle: http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3068

Und es gab selbstverstÀndlich auch sehr unanstÀndige Verkleidungen.

Goethe wendet sich in seiner Schilderung nun den Kutschen zu, die nach und nach in den Korso hineinfahren. Gegen Ende des Karnevals werden offene Equipagen bevorzugt, in denen sich nun die vornehmen Damen, also die Reichen und Schönen, von der Menge bewundern lassen. Je attraktiver sie sind, umso weniger verdecken sie ihren Reiz durch eine Maske.

Dann aber wendet sich unser Weimarer Dichter einem sehr seltsamen Kapitel zu, den Konfetti. Man kennt das Wort als Bezeichnung fĂŒr kleine ausgestanzte bunte Papierschnitzel, um sich beim Karneval damit zu bewerfen. Man kennt aber gewiss auch das Wort „Konfekt“ fĂŒr „feine SĂŒĂŸwaren, Pralinen oder sĂŒĂŸes KleingebĂ€ck. Nun, beide Worte stammen aus derselben Wurzel, aus mittellateinischem „confectum“, was soviel wie „zusammen zubereitet“ bedeutet und im Mittelalter in der Apothekersprache gebrĂ€uchlich war fĂŒr alle Arten von eingezuckerten oder eingekochten sĂŒĂŸen FrĂŒchten, oder mit Sirup verrĂŒhrtem Pulver, Rezepturen, die jeweils fĂŒr Heilzwecke verwendet wurden. Erst im 16. Jahrhundert nimmt das Wort den heutigen Sinn von Pralinen an. Und aus derselben alten Wurzel kommt ĂŒbrigens auch der Ausdruck „KonfitĂŒre“, der natĂŒrlich ĂŒber das Französische zu uns gelangt ist, und soviel wie „Marmelade mit ganzen FrĂŒchten oder FruchtstĂŒcken“ bezeichnet, also wieder etwas Zusammengemixtes. „Conficere“: „Bestandteile zusammenfĂŒhren, vermischen“.

Stets spielt also fruchtig SĂŒĂŸes eine Rolle. Wie, zum Teufel, passen dann die „Konfetti“ in diese Reihe? Sollte gar jemals ein angesoffener Faschingsnarr, ein Jeck, so ĂŒbermĂŒtig gewesen sein, sich eine Handvoll Konfetti ins Maul gestopft zu haben, so hĂ€tte er schnell bemerkt, dass dies keine Bonbons sind, sondern ĂŒbel schmeckendes Papier, aus Hadern und Lumpen hergestellt, oder heute aus ebenso grauslich schmeckender Zellulose?

Ja, aber das war nicht immer so. Ich rufe wieder Goethe in den Zeugenstand. Er schreibt, dass es sich frĂŒher bei den Konfetti im römischen Karneval um gezuckerte Mandeln gehandelt hatte, die z.B. eine Schöne auf einen guten Freund warf, der gerade mit dem RĂŒcken zu ihr stand, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Daher verwendete man dasselbe Wort „Konfetti“ ( = „Konfekt“) wie eben auch fĂŒr andere SĂŒĂŸwaren, die so hießen. AllmĂ€hlich sei man aber zu der Ansicht gekommen, dass diese Methode, um jemandes Blicke auf sich zu lenken, auf die Dauer zu teuer kĂ€me. Und so ersetzte man die sĂŒĂŸen Wurfgeschosse durch Puzzolane, das sind kleine Gesteinsbrocken, meist vulkanischer Herkunft.

Quelle: https://www.amazon.se/-/en/Puzzolan-Conifers-Perennial-Watering-Facilitates/dp/B08Y1TWHHT

Damit das TĂ€uschungsmanöver perfekt war, bestreute man sie mit Gipsstaub, den man fĂŒr Zucker halten konnte. Es entstand ein ganzes Gewerbe, um diese nunmehr unangenehme, ja mitunter schmerzhafte Karnevals-Munition herzustellen. Es kam nun unter den Masken nicht nur zu ZweikĂ€mpfen und ScharmĂŒtzeln, sondern sogar zu wahren Schlachten, wenn sich zwei Rudel durch gegenseitiges Bewerfen belĂ€stigten, wobei unversehens auch Eifersucht oder persönlicher Hass ausgelebt wurden. Damit der Mini-Artillerie nicht die Munition ausginge, patrouillierten HĂ€ndler mit Körben voller solcher Steinkonfetti den Korso auf und ab.

In spÀteren Zeiten wurde auch der Gebrauch dieser steinernen und eingegipsten Wurfgeschosse zu aufwendig, und so wurden sie durch jene Papierschnitzel ersetzt, wie sie heute noch im Fasching gebrÀuchlich sind.

Nun schildert Goethe einen weiteren Höhepunkt, das Pferderennen bei dem die wertvollen Berber-Pferde nicht von Jockeys geritten, sondern durch Stallburschen angetrieben werden.

Wir haben nicht nur das GlĂŒck, einen schreibenden Goethe als Korrespondenten vor Ort zu haben, sondern auch einen Bildberichterstatter. Es hatte sich nĂ€mlich gerade auch der bedeutende französischen Maler ThĂ©odore GĂ©ricault zu einer Italienreise entschlossen, die ihn auch nach Rom fĂŒhrte. Und wie es der Zufall so will, war er ĂŒberdies ein ausgemachter Pferdenarr. Daher wohnte auch er 1817 dem karnevalesken Pferderennen bei, von dem er fasziniert war.

Quelle: https://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:Th%C3%A9odore_G%C3%A9ricault_-_Riderless_Racers_at_Rome_-_Walters_37189.jpg

Hier verewigte er die Augenblicke, bevor das Startseil fiel, und die Rösser wie wilde Mustangs aus der „Piazza del Popolo“ hinaus stĂŒrzten, um in wahnsinnigem Galopp den Korso zu durchqueren, und so als erste den Endpunkt zu erstĂŒrmen, den „venezianischen“ Platz, wo sie eingefangen werden.

London Illustrated News: Pferderennen auf dem Korso (Holzschnitt 1873); Quelle: https://www.ebay.de/itm/272596795766?mkevt=1&mkcid=1&mkrid=707-53477-19255-0&campid=5338722076&customid=&toolid=10050

Nicht selten kommen in chaotischen Situationen Tiere aber auch Menschen um Leib und Leben.

Hier malte GĂ©ricault einen der letzten Momente des Wettbewerbs, in dem ein junger Mann, gekleidet in traditioneller römischer Manier, das siegreiche Pferd triumphierend ĂŒber den Parcours fĂŒhrt. Der Besitzer des gewinnenden Pferdes erhielt nĂ€mlich eine versilberte oder vergoldete Standarte mit kostbaren Stickereien, das sogenannte Pallio.

                Quelle: https://www.museothyssen.org/sites/default/files/styles/full_resolution/public/imagen/obr        as/descarga/1979.40_carrera-libre-caballos.jpg

Wenn sich nach dem Rennen die meist nahezu unentwirrbaren Verknotungen von Wagen, FußgĂ€ngern und Pferden doch noch aufgelöst haben, strebt ein Großteil des Publikums meist wieder unmaskiert nach den Theatern, wo alles konsumiert werden konnte, von Oper und Ballett bis zum Puppenspiel und Seiltanz.

Am frĂŒhen Morgen des nĂ€chsten Tages wird der Korso gereinigt und sein Belag – wo nötig – repariert, ĂŒbrigens unter Heranziehung einer Prostituierten-Steuer. Bald nach Mittag konnte dann der soeben geschilderte nĂ€rrische Zyklus wieder von Neuem beginnen.

Der letzte Karnevalsabend, es ist unser Faschingdienstag, war in Rom noch durch einen weiteren Brauch gekennzeichnet. Jeder musste eine kleine brennende Kerze, den Moccolo, mit sich tragen. Man versuchte nun gegenseitig, diesen auszublasen. Dazu erscholl der scheinbar brutale Ruf: „Ermordet werde, wer kein LichtstĂŒmpfchen trĂ€gt!“ Dieses Treiben nĂ€herte sich fanatischer Ekstase und Goethe ließ daher in Bezug auf den gesamten römischen Karneval durchblicken, wie sehr sich der Genuss von Freiheit und Gleichheit dem Taumel des Wahnsinns annĂ€hern kann.

Quelle: https://www.walksinsiderome.com/de/blog/romes-carnival-from-ancient-to-modern-times/

Die Pferderennen am Korso wurden durch die laizistische Verwaltung erst 1874 in Rom abgeschafft, das damals seit drei Jahren Hauptstadt des geeinten Italien war. Anlaß war, dass ein Knabe von Pferden zu Tode getrampelt worden war.

Letztlich war das aber auch der Todesstoß fĂŒr jeglichen traditionellen römischen Karneval. Nach Augenzeugenberichten ist heutzutage die Innenstadt mehr oder weniger eine maskenfreie Zone, am ehesten trifft man noch verkleidete Kinder an. Am Faschingsonntag gibt es eventuell in einigen Vierteln kleine MaskenumzĂŒge, doch weist sogar der Tourismusverband darauf hin, dass es in Orten der unmittelbaren Umgebung Roms ein wesentlich vitaleres Narrentreiben gibt. Selbst ein Tarantella-Treffen, also eine Tanzveranstaltung fĂŒr Jung und Alt, wird in der Hauptstadt hauptsĂ€chlich von Traditionsgruppen aus Latium, der Campagna, den Abruzzen und aus Kalabrien gespeist.

Am originellsten ist wohl noch eine Faschingsonntag-SpezialitĂ€t auf dem Tiber. Maskierte Erwachsene und Kinder machen den Fluss mit Kanus, Gummibooten, und anderen Schiffchen, Surfbrettern und sogar Tauchern unsicher, angefeuert von Radfahrern, FußgĂ€ngern und Animatoren auf den Uferwegen.

Quelle:https://romalike.it/2024/il-carnevale-tiberino-a-roma-un-evento-tra-sport-maschere-e-divertimento/

Endstation ist dann die Engelsburg.

Quelle:: https://www.terzobinario.it/tutti-in-maschera-sul-fiume-di-roma-domenica-torna-il-carnevale-tiberino/

Und heuer gibt es erstmalig sogar eine zweifelhafte Karnevals-Premiere: die Einbeziehung der CinecittĂ  World, das ist ein vor zehn Jahren eröffneter gigantischer VergnĂŒgungspark, bei dem einst so grandiose Filme gedreht wurden wie „La Dolce Vita“, „Quo Vadis“, „Ben Hur“ oder auch die renommierten Italo-Western.

Quelle: https://www.laziotv.it/roma-il-villaggio-di-carnevale-a-cinecitta-world/

Zum ersten Mal werden Masken, Paraden, Festwagen, KostĂŒme, Shows und jede Menge anderer Bespaßungen in diesem Kino- und TV-VergnĂŒgungspark Einzug halten. Beste Masken werden prĂ€miert und am Ende jeden Tages wird die grĂ¶ĂŸte Konfetti-Schlacht quasi ohne Limits eröffnet. Es gibt eine sogenannte Horrorroute, inspiriert von der verfilmten Legende vom Vampier Graf Dracula, oder ein Virtual-Reality-Erlebnis am Set des Science-Fiction-Films „Krieg der Welten“. Außerdem wird fĂŒr exotische Kulinarik gesorgt, und tĂ€glich wird die ungemein populĂ€re Carmen Russo als Entertainerin fĂŒr Stimmung sorgen, ihres Zeichens TĂ€nzerin, SĂ€ngerin, Schauspielerin und Pornodarstellerin.

Man sieht also: mit traditionellem Fasching hat das alles außer den Verkleidungen so gut wie kaum mehr etwas zu tun. Wer aber schon einmal Unterhaltungssendungen in der RAI, dem italienischen Fernsehen, angeschaut haben sollte, der weiß, dass die Italiener total den diesbezĂŒglichen Amerikanismen verfallen sind. So eben offensichtlich auch bei der Wiederbelebung des römischen Karnevals.

Der VollstĂ€ndigkeit halber noch ein letzter Blick zurĂŒck in die Geschichte. Der französische Komponist Hector Berlioz hatte den „Prix Rome“ gewonnen, womit auch ein Rom-Aufenthalt verbunden war. 1831 fĂŒhlte er sich vom römischen Karneval so inspiriert, dass er eine gleichnamige OuvertĂŒre schrieb, in der er in Tönen alles das beschrieb, was Goethe in Worte gefasst hatte: die Pferderennen auf dem Korso, das LiebesgeflĂŒster der Maskierten, und im Saltarello die wilde Ausgelassenheit des Volkes.

3 Antworten zu „KARNEVAL / FASCHING“

  1. Lieber Gerhard, wie immer sehr lehrreich und unterhaltsam!

    Tollt Bilder!!!

    Habe mir gleich ñ€žLe carnaval romainñ€œ angehört!

    Danke!

    Ganz liebe GrĂƒÂŒĂƒÂŸe und ñ€žIo Saturnaliañ€œ, Margit

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    1. Ich freue mich sehr, dass die „nĂ€rrischen BeitrĂ€ge dir gefallen haben! Ein persönliches Treffen könnte vor der TĂŒre stehen! Ganz liebe GrĂŒĂŸe Gerhard

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      1. Ich wĂƒÂŒrde mich darĂƒÂŒber freuen!

        Alles Liebe, Margit

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