JESAS na, bist du net der . . . oder: ein WIRTSHAUS ersetzt manchmal einen PRIVADETEKTIV
Eine Geste ist flüchtig, Erkenntnis beständig. Das ändert aber nichts an der mächtigen Wirkung einer noch so vergänglichen Handlung __ insbesondere wenn sie an Symbolisches erinnert. Hingegen kann es passieren, dass noch so kluge Reden und Widerreden manchmal dennoch keine Erkenntnis schaffen.
So plaudern auch zwei alte Männer über Alltägliches, gemächlich durch eine Naturlandschaft dahinwandernd __ manche glauben freilich, sie hätten hitzig diskutiert über ein Thema, das in Jerusalem schon seit über drei Tagen Gesprächsstoff vieler war __ das Hereinbrechen furchtbarere schwarzer Gewitterwolken, Hagelkörner von Straußeneiergröße ausspeiend, Blitze und Donner folgten, als ob im Schlachtengetöse tausende Schwerter auf Schilde prallten, so gewaltig, dass die Erde erzitterte. Als ob dies nicht gereicht hätte, sollte es alsbald noch viel ärger werden, denn auf einmal zog es einem den Boden unter den Füssen weg, als ob man auf hoher See mit einem Kahn in einen Wirbelsturm geraten wäre. Die Erde bebte nämlich so stark, dass man zu den eigenen Lebzeiten sich an keinen annähernd ähnlichen Vergleich zu so einer Gewalt erinnern hätte können. Darauf folgte ein stundenlanger Regenguss von einer nebeligen Dichte, dass man die eigene Hand vor Augen kaum sehen konnte. Das dürfte wohl der Grund dafür gewesen sein, dass immer mehr behaupteten, sie hätten Leute gesehen, von denen sie dachten, die seien schon seit Jahren tot __ beschwören hätten sie es freilich nicht können, zu schlecht war die Sicht und zu viel Regenwasser war in ihre Augen geronnen.
Unsere beiden Männer hatten diese nie geahnten Naturgewalten zwar beileibe noch nicht überwunden, bemühten sich aber, ihren Schrecken zu verdrängen. Daher vermieden sie auch ein Gespräch darüber. Aber etwas anderes nagte an ihnen. Beide waren sie Geschäftsleute, ihre Gattinnen waren gestorben, und sie hatten keinen Nachwuchs. Das bedeutete, dass sie selbst auf ihre alten Tage noch schuften mussten. Sie waren beide unterwegs, weil es wieder einmal darum ging, Lieferverträge abzuschließen.
Der eine hatte einen kleinen unscheinbaren Laden in der Jerusalemer Vorstadt, nicht weit weg vom Garten Gethsemane. Hier verkaufte er Obst und Gemüse. Freilich war dieser abseitigen Lage geschuldet, dass nicht gerade Kundenströme sein Geschäft belagerten. Daran änderte sich auch nicht viel, wenn er bei warmen Wetter zusätzlich noch einen Stand ins Freie stellte und versuchte, mit seiner eher kratzigen Altmännerstimme weitere Kundschaft anzulocken, denn zum Marktschreier taugte er noch kaum. Dennoch sicherten seinen Unterhalt einige treue Stammkunden, meist in seinem eigenen Alter __ für sie und ihn ein Glücksfall, da auch von ihnen wohl nur mehr wenige am Leben sein würden, wenn sie hinter seiner Leiche seinen Laden versiegeln würden.
Der andere Geschäftsreisende war um einiges besser gestellt. Er hatte eine Weinboutique im Zentrum der Metropole, in der Nähe des Tempels. Und da er sehr gute Tropfen auch aus dem römischen Imperium, aus Griechenland und aus dem Land des „Goldenen Vlieses“ führte, waren von früh bis spät Gäste anwesend, die kennerhaft kosteten, verglichen, schwelgten oder kritisierten, letzteres, um sich eventuell einen Preisnachlass zu ergaunern. Doch schnell durchschaut und von den wahren Kennern widerlegt und niedergemacht, mussten sie schnell ihr fieses Unterfangen aufgeben. Zur Buße kauften sie anschließend meist die doppelte Menge an großen Korbgallonen. Und gar erst zu Zeiten der großen jüdischen Feste, an denen sich Freunde und Verwandte in Jerusalem trafen, die oft von weit her kamen und sich lange nicht gesehen hatten. Da standen nicht nur die frommen Verrichtungen im Vordergrund, sondern auch vergnügte Wiedersehensfeiern, bei denen auch der edle vergorene Traubensaft in Strömen fließen musste. Besonders arg war es ja zu Purim, denn da sollten sogar die Rabbiner besoffen sein __ so wollte es die Tradition.1
Und trotzdem war eine Leere in unserem Weinhändler. Er hatte längst die Seichtheit der Schickeria erkannt, die seine Hauptkundschaft ausmachte. Sie gingen in seinem Weinkeller auf und ab, redeten von Kopien heidnischer griechischer Plastik, die sie unlängst erworben hatten, was __ und dabei waren sie längst in in einen Flüsterton verfallen __ natürlich der Hohenpriester und der Sanhedrin niemals erfahren dürften, waren sie doch durch die Bank höchst orthodoxe Pharisäer, aus der Unzahl der von ihnen jemals im Tempel geopferten Tauben hätten man ein unbesiegbares Geschwader von militanten schwarmintelligenten Brieftauben heranzüchten können, mit denen man vermutlich auch __ und hier sank ihr Flüstern zu einem kaum mehr verständlichen Lispeln und Zischen herab __ den römischen Besatzern auf geheimdienstlichen Pfaden beikommen und ihnen eine Schlappe beibringen hätte können. Diese falschen Hunde! Unser Kaufmann wusste nur zu genau, dass ein ganzer Klüngel von ihnen als willkommene Kollaborateure immer wieder an die Tafel dieses arroganten römischen Präfekten Pontius Pilatus geladen waren, und dort, da konnte man sicher sein, gab es gewiss keine koscheren Speisen. Und böse __ oder eher ehrliche __ Zungen behaupteten, es wäre auch schon manchmal vorgekommen, dass die Genannten im vermeintlichen Schutz von Nacht und Nebel bereits nach dem Sonnenuntergang am Vorabend des Schabbat zum Landpfleger geeilt seien, denn im römischen Imperium war das erst der Abend jenes Tages, welcher der Göttin Venus und somit allen Lustbarkeiten und Spielen geweiht war. Und daher lud Pilatus gerade gerne in jenen Stunden (in denen für den gläubigen Juden bereits alle Schabbat-Vorschriften galten) zu geselligen Würfelrunden, begleitet natürlich von erlesenen Speisen und Getränken sowie spärlich bekleideten Mädchen. Und wie freute sich der Statthalter, wenn es ihm wieder einmal gelungen war, den von ihm in Wirklichkeit verachteten Juden viele Schekel wegzuzocken.
So kam es, dass der Privatönologe, wie ihn die pharisäischen Kunden oft nannte, um sich selbst zu erhöhen, indem sie eine erlesene Bildung vorspiegelten, die ihnen keinesfalls zu eigen war __ dass er also nach etwas Geistigem, Ideellem, seelisch Erfüllenden suchte.
Da geschah es einmal, dass er auf einer Geschäftsreise an einem felsigen Hügel vorbei kam, der mit viel Volk übersät war. Gerade als er näher trat, fing oben einer an, eine laute, aber wohltönende Rede zu halten.

Bald brummte ihm der Schädel, denn der da oben versuchte all denen Trost zu spenden, die da im Leben zu kurz gekommen waren, die da zu Unrecht verfolgt und verachtet wurden, die dürsteten und darbten, weniger wegen der Bedürfnisse ihres Leibes, eher wegen der Verbiegung oder gar Exilierung der Wahrheit in Tyranneien aller Art. Neben ihm saß einer, der nicht weniger geschockt war von der ungewohnten Rede und ihren Verheißungen, dass jene selig seien, denen all dies Ungemach widerfuhr. Ihr habt es erraten, es war jener Verkäufer von Gärtnerei-Produkten, der jetzt auch mit dem Weinhändler unterwegs war nach Emmaus. Danach hatten sie sich angeblickt und instinktiv erkannt, dass in ihrem Inneren ähnliche Bedürfnisse wie beim anderen wohnten. Mittag war schon einige Zeit vorüber und daher stellte sich Hunger ein, sodass sie ihre jeweilige Jause auspackten, sich einen guten Appetit wünschten und so ins Gespräch kamen. Beide waren neugierig geworden auf den merkwürdigen Redner da oben, der inzwischen herabgestiegen und im Getümmel der Menge in der Ebene untergetaucht war. Gesprächen in der Nachbarschaft entnahmen sie, dass jener wieder demnächst in der Synagoge predigen würde. Da vereinbarten die beiden Händler, sich dort wieder zu treffen. Seither freundeten sie sich an und ließen keine Gelegenheit mehr aus, dem von einer einzigartigen Aura Umgebenen zuzuhören, wie viele andere Jünger auch.
Und jetzt waren sie eben auch gemeinsam unterwegs, um in Emmaus am nächsten Tag ihren jeweiligen Zwischenhändler zu treffen, um ihre Vorräte wieder rechtzeitig aufzustocken zu können, die durch das gerade abgelaufene Pascha-Fest stark dezimiert worden waren. Sie sprachen es freilich ebenso weinig an wie die Naturkatastrophe, aber in ihren Köpfen geisterte herum, was sie bei einigen Kundengesprächen aufgeschnappt hatten. Und das betraf just ihr geistiges Idol.

Angeblich sei er als Opfer einer Intrige gekreuzigt worden, weil einige aus der Priesterschaft, die lausige Theologen waren, um ihre Reputation und vor allem um ihr Salär fürchteten. Da aber beide Wanderer voneinander wussten, dass ihnen das fulminante Ostergeschäft keine ruhige Minute zum Verlassen des Geschäfts gelassen hätte, sodass sie sich eventuell auf der Straße hätten umhören können. ob an den Gerüchten etwas dran sein könnte, klammerten sie, wie bereits erwähnt, auch dieses Thema aus.

Gerade als sie so gedankenschwer schweigend nebeneinander dahinwanderten, trat plötzlich eine Gestalt neben sie __ beinahe hätten sie es gar nicht gemerkt. „Merkwürdig, da war ja gar kein einmündender Seitenweg, aus dem er herauskommen hätte können. Ach, wahrscheinlich war er nur hinter einem dieser Büsche gewesen, um sich zu erleichtern, und hat eben etwas länger gebraucht, sodass wir ihn vor uns noch nicht gesehen hatten. Außerdem hatten wir ja unsere Nasen hängen lassen und kaum aufgeblickt“, dachten sie bei sich.
Freundlich grüßte der Hinzugetretene: „Schalom die Herren! Ich möchte ja nicht indiskret sein, aber ihr schaut so traurig und bedrückt aus. Oder habe ich bei einer geheimen Unterredung oder Handlung gestört? Ihr seid doch hoffentlich nicht vom galiläischen Amt für geistige Gesundheit entsandt, die hinter irgendwelchen Dämonen her sind, um sie in eine geeignete Schweineherde zu jagen. Oder sonstige Zauberer. Man weiß ja nie. In diesem Fall würde ich es freilich bevorzugen, mich zu verabschieden und in die entgegengesetzte Richtung zu marschieren!“ Da mussten sie alle drei aus ganzem Herzen lachen. Die beiden rechtschaffenen Wirtschaftstreibenden, dass man sie mit magischen Scharlatanen hätte verwechseln können __ sahen sie wirklich so verkommen, alt, knorrig und verschrumpelt aus? __ und der Fremdling, weil sein Scherz anscheinend gut aufgenommen worden war.

Das Beste wäre wohl, wenn sie sich nun gegenseitig vorstellen würden.
Der Weinhändler begann: „Mein eigentlicher Name ist Kleopas.2 Aber alle meine Freunde nennen mich ‚Noah‘, da ich ein Weingeschäft in Jerusalem habe. Und ich bin auf Geschäftsreise unterwegs nach Emmaus.“ Der Obst- und Gemüsetandler tat es ihm nach: „Mein Name ist Adam __ als hätte meine Mutter schon gewusst, dass ich einst saftige, rotbackige Äpfel verkaufen würde“, grinste er, und der Neuling musste wieder herzlich lachen, ehe er sich selbst bekannt machte: „Meine Eltern nannten mich meist David und behaupteten immer wieder steif und fest, ich wäre irgendwie verwandt mit diesem königlichen Haus. Ich weiß aber nicht so recht. Jedenfalls wäre mir nicht bewusst, dass ich in dieser Welt ein Reich hätte. Und Gewaltmensch bin ich auch keiner, wahrscheinlich auch nicht so mutig wie mein Namensvetter, der den als unbesiegbar geltenden Goliath umbrachte; vielleicht liegen meine Siege woanders. Jedenfalls habe ich mich bisher immer an das alte Sprichwort gehalten: ‚Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen’“
Die Stimmung war nun schon sehr angenehm aufgelockert, als man ihn fragte, was sein Beruf sei? „Oh“, antwortete er, „ich bin mit meinen 30 Jahren sozusagen Frührentner. Ich habe das Glück, einen sehr reichen und mächtigen Vater zu haben. Er ermöglicht mir, dass ich mich bisher immer ganz dem Geistigen widmen konnte, dem Philosophieren und Meditieren, dem Studium theologischer und juridischer Probleme und dem Weiterverbreiten und Diskutieren jener Wahrheiten, die ich glaube gefunden zu haben, wobei ich auch immer darauf Wert gelegt habe, mir viel rhetorisches Geschick anzueignen, um möglichst breite Schichten zu erreichen.“
„Gratuliere zu einer solchen Sinecure“, sagten seine beiden Gefährten eingedenk ihrer merkantilen Mühsal und Sorgen.
„Nun ja, ganz so ein Honigschlecken ist so ein Dasein auch nicht unbedingt, es hat schon auch so manche Pein, und man macht genau so leidvolle Erfahrungen, denn es gibt zu viele Neider, vor allem unter den Unfähigen. Die würden einen am liebsten kreuzigen. Am Schluss aber gibt einem ein durchschlagender Erfolg doch recht.“
Der Weinhändler nickte und fragte: „Verzeih‘ meine Neugier, aber lässt ein solches Leben nicht doch auch tolle und befriedigende Freizeitbeschäftigungen zu?“
„Ja“, sprach der neue Wandergeselle, „meine Freunde und ich haben ein Ferienhäuschen am See Genezareth und ein dazugehöriges Boot. Wir sind leidenschaftliche Fischer und Segler. Manchmal sind die Netze mit Fischen zum Bersten voll, ein andermal freilich will nichts beißen. Und die Bootsfahrten sind so etwas von entspannend; da bin ich manchmal tief eingeschlafen, zum Verdruss meiner Gesellen, die lieber meinen Worten gelauscht hätten. Einmal habe ich sogar verschlafen, als ein mordsmäßiges Gewitter mit Sturm und Hagel aufzog. Bei JHWH, da waren sie alle ganz aus dem Häuschen, dass ich in so einer Situation so ruhig schlummern konnte. Ich hatte die Hände voll zu tun, die Petri-Jünger wieder zu beruhigen __ so nannte ich sie nämlich nach einem gewissen Simon, den Chef ihres Fischervereins, den ich aber eben Petrus nannte, weil er so stur wie ein Felsen sein konnte. Einmal bildete er sich gar ein, er könnte ohne Hilfsmittel über das Wasser gehen, und natürlich probierte er es entgegen aller Warnungen auch gleich aus, soff aber gleich ab wie ein Stein, mit dem Effekt, dass ich ihn sofort retten und ins Boot zerren musste.“
Völlig durchnässt kamen wir alle in meinem Ferienhaus an. Dort werkten aber bereits die zwei Schwestern Martha und Maria, zwei sehr liebenswerte Frauenzimmer, die aber verschieden waren wie Tag und Nacht. Während die eine Pfeffer im Hintern hatte und keine Minute Ruhe geben konnte, bevor ihr auch schon wieder etwas einfiel, womit sie allen Gästen einen Aufenthalt noch komfortabler machen könnte, war die andere eher verträumt, wusste gute Geschichten zu erzählen, konnte aber auch eine sehr aufmerksame Zuhörerin sein, wenn sie einmal von einem Thema fasziniert war. Alles in allem hatten die beiden schon ein herrliches Menu vorausgekocht, und an Getränken, die einem ordentlich einheizten nach dem eisigen unfreiwilligen Bad von oben und unten, mangelte es auch nicht. So verbrachten wir noch einen unvergesslich gemütlichen Abend, und ich sage euch, das ‚Anglerlatein‘ kam damals auch nicht zu kurz.“
Während solcher und ähnlicher Geschichten kam allmählich Emmaus in Sicht. Die Drei waren schon lange nicht mehr hier gewesen und hatten gar nicht so in Erinnerung, dass ihnen nun doch noch ein ganz schöner Anstieg3 bevorstand __ freilich, man war ja auch schon einmal jünger gewesen!

Endlich war man beim Tor zu der Herberge angekommen, und der ihnen mittlerweile sehr sympathisch gewordene Begleiter schickte sich an, Abschied zu nehmen und weiterzugehen. Das wäre wohl wieder ein Moment der Herausforderung für einen sensiblen und gleichzeitig gestaltungsgenialen Künstler.
Ich beginne mit Duccio di Buoninsegna (* um 1255 vermutlich in Siena; † 1318 oder 1319 in Siena).4 Dieser Künstler war noch so im Glauben verankert, dass er überzeugt war, dass die beiden Jünger weder ihre sprachlichen noch haptischen Überredungskünste voll einsetzen mussten, um ihren __ noch nicht erkannten __ Meister zum Eintritt in die Taverne zu bewegen. Auch dieser scheint nicht große Einwände zu erheben. Alles ist ohnedies vorbestimmt.

Über ein halbes Jahrtausend später sah dies schon anders aus. Hier wendet sich Christus bereits in die entgegengesetzte Richtung und seine beiden Begleiter müssen sich sehr bemühen, um ihn zum Umdenken zu bewegen. Das geht beim ersten Bild (Binzer) so weit, dass Christus sogar bei seinem Übergewand gezogen wird, um ihn umzustimmen.


Bei so manchem Bild wird die Grenze zur Nötigung schon fast überschritten:


Natürlich bin ich kein studierter Kunsthistoriker, aber zumindest meinen bescheidenen Recherchen war es nicht beschieden, ein Kunstwerk von einer solchen Intensität zu finden, das meinem Bauchgefühl nach diesem spannungsgeladenen Moment gerecht würde, wie es dann vor allem Caravaggio mit der alles erhellenden Segnung des Brotes durch Christus gelingen sollte.
Möglicherweise war es hingegen der Musik gelungen, den Augenblick der drohenden Trennung wesentlich ergreifender zu gestalten als der bildenden Kunst. Ich denke zunächst an den wunderbaren Kanon „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget“. Ich habe bewusst eine puristische Aufnahme mit nur drei Sängern gewählt, aufgenommen im Chorraum der Kilianskirche zu Heilbronn (https://www.youtube.com/watch?v=WDR7lk7-Kuw&list=RDWDR7lk7-Kuw&start_radio=1).
Dieser Emmaus-Text ist auch die Basis des „Abendlieds“ von Josef Rheinsberger5. Hier in einer Aufnahme von VOCES8 in London: https://www.youtube.com/watch?v=sIOagJryMik.
Dies alles verblasst letztlich vor dem Faktum, dass bereits Johann Sebastian Bach die Kantate „Bleib bei uns“ (BWV 6) für den 2. Ostertag 1725 komponiert hat. Bekannt ist das Werk für seinen intensiven Eingangschor und die Verbindung von Choral und Arien. Das intensive Überreden zum Bleiben übernimmt beim ersten Mal die Oboe a Caccia, später die tiefen Streicher (2 Celli, 1 Kontrabass), wie wenn sich beide Kaufleute daran beteiligen würden. Die Kantate wurde am 22.3.2024 in der protestantischen Kirche von Trogen (Schweiz) mit dem Chor und Orchester der J. S. Bach Stiftung aufgenommen. (https://www.youtube.com/watch?v=i-ed7SFbSow&t=22s)

Nach so tiefem Ernst sitzt mir meist der Schalk im Nacken, und ich möchte nach guter altgriechischer Tradition dann immer gerne einen Scherz folgen lassen, ein Satyrspiel auf die Tragödie. So stellte ich mir die Emmaus-Episode nach Bayern verlegt vor, genauer gesagt, vor die Tore des Klosters Weihenstephan. Unterwegs waren zwei Mönche aus dem Kloster Ettal, zu denen ein Wanderprediger gestoßen war, der den Namen des Prodromos, also des Vorläufers Jesu, beziehungsweise dessen Lieblingsjünger trug, nämlich Johannes.

Die beiden strebten durstig der dem Kloster benachbarten ältesten Brauerei der Welt zu, während der Prediger in die entgegengesetzte Richtung weiterziehen wollte. Auch hier war vor kurzem ein Gewitter aufgezogen. Es ist klar, dass sie ihn mit folgendem Lied zum Mitgehen in den Bierkeller bewogen: „Hans, bleib do, du woaßt ja net, wie’s Wetter wird!“ (https://www.youtube.com/watch?v=Lm43bQ7R_R0)
Incipit Ingenium Artificum
Natürlich muss ich ganz einfach meine beiden Lieblingsbilder an den Anfang stellen. Zuvorderst natürlich den von mir mit Bewunderung überschütteten CARAVAGGIO:

Meines Erachtens ist es niemandem mehr gelungen, das Erstaunen der beiden Männer so überwältigend darzustellen. Und der große Italiener hat erkannt, dass es nicht das Brechen des Brotes durch den verklärten Messias ist… auf wieviele besondere Arten kann man denn schon das Brot brechen? Vielmehr ist es der unnachahmliche Ansatz dazu, diese einleitende Geste. Auch wir werden in der Realität wohl niemals Vergleichbares sehen. Auch der Wirt __ der ja keine Ahnung hat, um was es hier geht, und gerade nur fragen wollte, ob alles zur Zufriedenheit ist, oder ob es noch weitere Wünsche gäbe __ hat noch nie einen solchen Jubel-Trubel erlebt.
Und auch ein weiteres Mal hatte der große Lombarde zum Pinsel gegriffen.

Das Werk fällt mit einem für den Maler sehr heiklen biographischen Moment zusammen: Das war im Sommer 1606. Im Alter von 35 Jahren kommt Caravaggio nach Rom, wo er endlich Ruhm und Erfolg erreicht: Aber plötzlich ändert sich alles. Der Maler wird in eine Rauferei verwickelt, bei der er einen Rivalen erschlägt, und muss fliehen. Darüber hinaus wurde er selbst während der Kampfs schwer verwundet. Von diesem Moment an wird er wegen Mordes gesucht und muss ein Leben auf der Flucht führen. Wahrscheinlich wurde dieses Bild gemalt, während Caravaggio sich auf den Landgütern seiner Beschützer, den Prinzen Colonna versteckte, in Erwartung seiner Genesung und seiner Weiterreise nach Neapel. Vielleicht ist dies eine plausible Begründung dafür, dass alle sichtbaren Gesichter Sorgen ausdrücken. Auch das Gesicht Christi wird zur Hälfte im Schatten belassen und drückt ein Gefühl von ergreifender Melancholie aus. Wie man sieht, werden die narrativen Elemente auf ein Minimum reduziert: Neben den beiden erstaunten Jüngern sind im Hintergrund der Wirt und eine ältere Frau zu sehen, die ein Fleischgericht trägt. Das Brot ist in der Mitte der Komposition: eine sehr realistische Szene in bescheidenem Ausdruck. Die Gefühle sind vollständig auf die expressive Energie der Gesichter und der Haltungen der Figuren übertragen. Der Wechsel von Licht und Schatten schafft eine Atmosphäre von großer mystischer Intensität, die aber keinesfalls mit der tiefen Einfachheit kontrastiert.

Setzen wir einer solchen Banalität gleich einen Geniestreich von 1665/68 entgegen:

Er stammt vom Holländer Jan Steen und hängt im Amsterdamer Rijksmuseum. Der Tisch könnte der Bildträger für ein typisches Stillleben6 sein, bei dem durch Verfall, Welken, Verschimmeln stets auch der Tod mitgedacht wird. So auch hier: auf dem Zinnteller kärgliche Reste, vermutlich von einer Fisch- oder Seefrüchte-Mahlzeit, worauf die Zitrone mit der langen, abgeschälten Zeste schließen ließe. Zwei Brotreste auf dem Tischtuch __ einer noch dazu beschnitten, nicht gebrochen wie jener an der rechten Tischkante. Auf dem Boden neben anderem Abfall wiederum stilllebentypisch zerbrochene Eierschalen (vielleicht aber auch sehr hintergründig auf neues Leben hindeutend, denn auch Küken schlüpfen aus geborstenen Eiern). Die rechte Kellnerin bringt Nachschub an Brot. Die linke Magd schenkt Wein nach, obwohl die beiden Jünger nach der üppigen Mahlzeit anscheinend eingeschlafen sind.7 Kommt ihnen erst jetzt __ wie im Traum und frei von der Realität der Vorgänge in der Gaststube __ die Erkenntnis, wer ihr Wandergefährte war? Und just da entschwindet Christus bereits, wir sehen von ihm nur mehr ein sich auflösendes Nebelbild unter der linken Loggia8. Wenn die beiden mit dem beglückenden neuen Wissen, „dass ihr Erlöser lebet“9 erwachen werden, dann wird der dritte Platz an ihrem Tisch leer sei, aber sie werden nach Abschluss ihrer Geschäfte nach Jerusalem zurückkehren und allen Aposteln, Jüngern und frommen Frauen die frohe Botschaft ihres Erlebnisse berichten.
Und ich möchte gerne mein Fabulieren noch ein wenig fortsetzen, ohne freilich zu wissen, ob meine Interpretation mit der des Künstlers übereinstimmt. Auf einigen Emmausbildern kommen auch Hunde vor, ein besonders großer auf diesem Gemälde von Nicolas Régnier (um 1588 – 1667):

Zumindest in einem früheren, auf der Kabbala und bestimmten rabbinischen Quellen aufbauenden streng orthodoxen Judentum galt der Hund als rituell unrein. Entweder erinnerten sich einzelne Maler nicht daran, oder wollten sie damit andeuten, dass mit dem Neuen Testament, mit dem Christentum, solche altjüdische Vorschriften nicht mehr galten.10
Wir wissen schon, dass Tintoretto sehr exzentrisch sein konnte. Aber hier hatte er wohl gar einen konkurrenzlos kuriosen Einfall. Christus ist mit dem Brotsegen noch gar nicht am Ende, und schon sitzt er verhältnismäßig vereinsamt da, denn es würdigen die beiden Jünger den Meister keines Blickes mehr, wenden sich aber auch nicht zur Bestätigung gegenseitig zu, sondern interagieren völlig extravertiert mit dem Wirt und der Weinkellnerin anderseits. Die werden wohl einige Zeit gebraucht haben, bis sie begriffen hatten, was hier eigentlich los war.

Man könnte für das folgende Bild den Slogan der früheren DuMont-Kunstführer „Man sieht nur, was man weiß“ in Anwendung bringen. Denn wenn es stimmt, dass wir das Betrachten von Bildern gemäß unserer sonstigen Leserichtung oft links beginnen, dann muss man tatsächlich vorinformiert sein, dass sich da im rechten Hintergrund die Offenbarung von Emmaus abspielt. Viel mehr Bedeutung scheint hingegen den Arbeiten in der Küche zugemessen zu sein, ebenso wie dem behäbigen Padrone im Zentrum, der alles überwacht und wohl den kleinsten Fehler, die geringste Unachtsamkeit streng ahnden würde.

Auch der spanische Barockmaler Pedro de Orrente lenkt ein bisschen unverschämt die Aufmerksamkeit des Bildbetrachters vom Emmausmahl ab auf das Gespräch zwischen dem Wirt und der Kellnerin.

Ich habe ziemlich lange über Bilder dieser Art nachgedacht. Natürlich war ich zunächst überzeugt davon, dass es sich bei den Malern um ganz schön ausgeprägte Egomanen gehandelt haben muss, detailverliebt, gute Beobachter des Alltagslebens und von ansehnlichen malerischen Fähigkeiten, die sie auch zur Schau stellen wollten (z.B. in der Darstellung von Küchengerät).
In der Folge wurde ich freilich unsicher. War das Gastmahl von Emmaus wirklich nur ein unbedeutender Vorwand, Virtuosität zu zeigen? Waren die Künstler zynische Libertins? Als solche hätten sie sich freilich sehr bald der allgegenwärtigen Inquisition ausgesetzt. Ich erinnere nur an das ursprünglich als „Letztes Abendmahl“ figurierende große Gemälde von Paolo Veronese, das der hohen Geistlichkeit alsbald als viel zu weltlich für dieses hochheilige Ereignis erschien, sodass es der Venezianer umtaufen musste zum „Gastmahl im Hause des Levi“. Ob man es also wirklich gewagt hätte, ohne plausiblen Grund das Emmaus-Mahl nahezu spöttisch so ins Abseits zu drängen. Denn es gibt wirklich weitere arge Beispiele, wo Christus und die Jünger ganz weit weg in ein Hinterzimmer verbannt sind, während vorn in Perfektion alles Erdenkliche aus dem Lebensmittelbereich vorgeführt wird:


Auch ein ganz Großer wie Velasquez11 stellt beispielsweise eine Küchenszene mit dem sogar nur zu Zweidritteln erfassten Emmausmahl im Nebenraum dar.

Was könnte der eigentliche Grund für solche Bildgestaltungen gewesen sein? Vielleicht war es doch ein geistiger, moralischer, aufrüttelnder, kritischer? Dass wir nämlich in der Hektik des Arbeitslebens, oder auch gefangen in der Welt der fürs Leben so gar nicht unersetzlichen Luxusgüter, denen wir in einer unstillbaren Gier nachjagen, und über alledem die wichtigsten Belange im Dasein übersehen, als da wären Liebe, Freundschaft, Erkenntnis, Bildung, Charakter, Gewinn von Reife nach nicht ausbleibenden initiatorischen Prüfungen des Daseins, oder auch nicht zuletzt den Sinn fürs Schöne in der Natur und Kunst. So interpretiert wären solche Bilder sogar Verstärkungen des Emmaus-Themas, denn die beiden Wanderer erkannten bei ihrer Versponnenheit in ihre eigenen materiellen Belange auch nicht, dass ihr angebetetes Ideal, ihr seelischer Erlöser, die Antwort auf ihre existentiellen Fragen, schon die ganze Zeit neben ihnen einher gegangen war.
Es gab auch Maler, die __ wahrscheinlich zurecht __ annahmen, dass in dem Wirtshaus schon reger Betrieb herrschte, als die drei Wanderer eintraten. Das war so unrealistisch gar nicht gedacht. Ein gutes Lokal hat auch viel Publikum __ Laufkundschaft von der Straße ebenso wie treue Stammgäste. Begangen wurden Verlobungsfeiern, Hochzeiten, Kindergeburtstage u.ä. So dürfte auch Paolo Veronese gedacht haben, als er eine venezianische Patrizierfamilie nach Emmaus beamte.

Es gibt für mich noch ein Faszinosum an diesem Gemälde. Die beiden Jünger müssen nun Christus blitzschnell erkannt haben. Sie schauen gar nicht mehr auf die Segensgeste, sondern sind damit beschäftigt, sich selbst zu bestärken, indem sie sich „five“ geben, um dies modern auszudrücken.
Auch Vittore Carpaccio setzte noch weitere zwei Personen (einen Schwarzgekleideten und einen Turbanträger) an Jesu Tisch in Emmaus.

Pontormo wiederum hatte sein Emmaus-Werk 1525 für die Karthause Certosa del Galluzzo bei Florenz geschaffen, die der Bewirtung und Unterbringung von Gästen diente, sodass das gewählte Thema passend war. Zwei Jahre zuvor hatte der Künstler übrigens dort selbst vor der Pest Zuflucht gesucht. Im Hintergrund sind Porträts von fünf Mönchen der Certosa aus der Entstehungszeit des Werkes zu sehen, darunter (ganz links) der Auftraggeber Prior Buonafede selbst, dessen linke Hand in einer Bewegung erhoben ist, die an die Geste Christi erinnert.

Niemand möge behaupten, dass unser Thema nicht auch geeignet wäre für einen Kunstkrimi:

Dieses Emmausbild in einer gewissen Nachfolge von Caravaggio stammt nämlich von 1937 und wurde von Han van Meegeren verfertigt, der als der größte Kunstfälscher des 20. Jahrhunderts gilt. Aperçu am Rande: Bei dem Porträt der Wirtin auf dem Bild könnte Han van Meegeren an ein kurz zuvor veröffentlichtes Foto von Greta Garbo gedacht haben. Christus und die Jünger in Emmaus wurde das beste Gemälde, das Han van Meegeren gemalt hat. Schließlich versah er es mit der Signatur von Jan Vermeer. In einem Selbstbildnis hat er sich später beim Malen des Bildes Christus und die Jünger in Emmaus dargestellt.
Da die Kunstkritik seine eigenen privaten Bilder als Kitsch angesehen hatte, betrachtete er sich selbst nun als verkanntes Genie und wollte den Rezensenten beweisen, dass er in seinen Gemälden nicht nur den Stil der großen Meister nachahmen konnte, sondern dass es ihm durchaus möglich war, so perfekt gefälschte Gemälde á la Frans Hals, Pieter de Hooch, Gerard ter Borch und Jan Vermeer zu malen, dass sie als echte Gemälde dieser alten Meister anerkannt werden müssten.
Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg schaffte Meegeren es 1942 sogar, die Vermeer-Fälschung Christus und die Ehebrecherin über einen Zwischenhändler an Hermann Göring zu verkaufen.
Es heißt ja oft „das Beste kommt zum Schluss“. Ob es in diesen Zeilen auch so sein könnte, möge die geneigte Leserschaft selbst entscheiden. Vorausschicken muss ich freilich, dass ich Rembrandt verehre __ und zwar in erster Linie wegen der unergründlichen Weisheit seiner Altersporträts. Daher kam mir die Idee, nachzusehen, ob vielleicht auch er sich für das Emmaus-Thema interessiert hätte. Oh ja, er hatte! Doch das erste Bild, auf das ich stieß, enttäuschte mich.

So brav, uninspiriert, bourgeois __ wie immer in solchen Fällen dachte ich mir: Rembrandt van Rijn, du kannst das besser! Und tatsächlich, ich brauchte nicht lange zu suchen:

Das ist flapsig ausgedrückt noch immer „nicht das Gelbe vom Ei“, aber schon etwas geheimnisvoller, denn man könnte sich fragen, wozu eigentlich die horizontale Stange im Vordergrund dienen sollte, auf die ein buntscheckiges Tuch schlampig übergeworfen ist. Könnte es ein gebrauchtes Tischtuch sein? Dann stünde es vielleicht für das Alte Testament, dessen strenger, rächender Jehova hinter dieser Barriere in einer gewissen Düsternis zurückbleiben muss, während der sich gerade offenbarende Christus in strahlendem Licht wie eine Personifikation von Milde und Verzeihung erscheint. Die unteren, man könnte vielleicht sagen „animalischeren“ Partien der beiden Jünger liegen gewissermaßen noch eher im Dämmerlicht, die oberen, „geistigen“ Partien sind schon heller beleuchtet, ganz besonders beim linken, der sich allerdings noch in einer ungemütlichen Sitzposition findet, eingeklemmt zwischen einem großen dunkelgrauen Fauteuil und einer Fensterbank __ es wäre Rembrandt durchaus zuzutrauen, dass er mit all dem andeuten wollte, dass die Jünger gerade erst ihre Initiation in die neue Religion erleben.
Weiters wäre es nicht der überragende niederländische Künstler, wenn er nicht auch den Lichtverhältnissen eine überragende Bedeutung zumessen würde. Auf den ersten Blick scheint es nur die Sonne von außen zu sein, die einen Teil des Gastraums durchflutet, dann erkennt man freilich, dass ein mächtiges Strahlen auch von Christus ausgeht.
Merkwürdig ist die Frauenperson ganz rechts im dunkel gebliebenen Hintergrund, vor ihr anscheinend große Brotkörbe. Hier erscheint normalerweise eine Serviererin. Doch hier stocke ich schon. Denn die Figur ist zu klein für eine Stehende oder Schreitende, und wieso sollte eine Person an einer solchen Stelle halb im Hintergrund sitzen? Mein Eindruck wäre, dass wir hier am ehesten eine fahle, schmutzigweiße Marmorbüste vor uns haben könnten, die für das antike Heidentum stehen könnte, und nun durch das strahlende neue Christentum so überholt wäre wie das Judentum.
Dass ich ihn beim ersten Bild als zu konventionell eingeschätzt habe, zahlt es mir jetzt Rembrandt ganz schön heim! Jetzt ist gar nichts mehr normal:

Da müssten die drei Wanderer eigentlich in einem völlig dunklen Raum Platz genommen haben, denn jetzt erst kommt das Wirtspaar, wobei der Mann anscheinend eine __ vom rechten Jünger verdeckte __ Kerze und ein großes Tablett trägt, die Frau hingegen ein Glas. Woher hatte dann Christus schon das Brot, das er gerade in die Hände nimmt? Und ein Glück, dass sich der linke Jünger im Finstern nicht an dem Messer verschnitten hat, das offensichtlich auch schon im Dunkeln auf dem Tisch lag.
So, jetzt aber Schluss mit lustig, Schluss mit Papperlapapp und jeglichem Stuss. Wer erlaubt sich, Beckmesser zu spielen, wenn Rembrandt mit strahlender Helle und tiefstem Dunkel kontrastreich experimentiert, er _ der große Meister des Chiaroscuro. Freilich war auch ich offenbar nicht von der Versuchung frei, unnötigerweise meinen eigenen kommentarischen Senf dazugeben zu wollen.
Das Gemälde, das aber jetzt zum Schluss folgt, ist m.E. wie ein bildgewordenes „Donnerwort“, und wer es einmal gesehen hat, sollte es in alle „Ewigkeit“ nicht mehr vergessen können. Dieses Bild ist Magie von der sakralen Art, wie Petrus den Simon Magus zu Fall brachte, Hexerei und Zauberkunst, durch die auch gute und talentierte Maler in ihre Schranken gewiesen werden.

Rembrandt verspottet uns: „Wer hat euch davon überzeugt, dass Triumpf immer gleißen muss. Nein, ich zeige euch hier einen verklärten Christus in tiefster Schwärze!“
Einen solchen Schatten konnte nur eine übernatürliche Lichtquelle an die Wand werden. Diese Schwärze saugt den zweiten Jünger, der uns den Rücken zuwendet, in sich auf, zwingt ihn zu Boden. Seine Züge würden, wenn sie sichtbar wären, dasselbe heilige Entsetzen zeigen wie sein Gegenüber. Der nämlich sah nicht nur etwa, wie ein Gott Brot brach, er sah gleichzeitig, dass dieser bislang unerkannte Begleiter selbst das Brot war, das in einer Leidenspassion sondergleichen gebrochen, zerstückelt, zerrissen wurde, auf dass die Menschheit erlöst würde. Er sah das heilige Gegenteil eines Dämons, das dennoch nicht weniger Schrecken verbreitete als ein solcher.
Vielleicht erschien ihm visionär sogar dieses Antlitz, ein „Haupt voll Blut und Wunden“.

Der mächtige Schatten wird alsbald aus dem Raum entschwinden, und mit ihm jener, der ihn warf.12
Die beiden, die an seinem Tisch in Emmaus saßen, werden zurückkehren nach Jerusalem und die frohe Botschaft, die aus diesem seltsamen Treffen resultierte, allen jenen die jemals mit diesem Jesus von Nazareth zusammengetroffen waren, erzählen. Nicht lange danach konnte man die beiden Kaufleute unter die frühesten christlichen Märtyrer zählen. Rembrandt hat uns nämlich das Gesicht des einen Jünger gezeigt, damit wir begreifen, dass, wer einmal das numinose Antlitz der „Wahrheit“ gesehen hat, nie mehr einen Götzen würde anbeten können, sei es die Statue des Kaisers in Rom oder allen Mammon dieser Welt.

- Das Purim-Fest (meist im März) ist ein freudiger jüdischer Feiertag, an dem der Alkoholkonsum eine besondere Rolle spielt. Laut Talmud ist es Tradition, so viel Wein zu trinken, bis man nicht mehr zwischen „Verflucht sei Haman“ und „Gesegnet sei Mordechai“ unterscheiden kann. ↩︎
- Lukas 24,13-35 erwähnt nur den Namen von einem der Wanderer als „Kleopas“. ↩︎
- Im einst bibelfesten Bürgertum hatte sich der Brauch herausgebildet, am Ostermontag einen mehr oder weniger ausgedehnten Spaziergang zu unternehmen (vgl. auch den „Osterspaziergang“ in Goethes „Faust I“). Dabei mischte auch eine Volksetymologie mit. Man leitete den biblischen Ort „Emmaus“ vom mundartlichen „eben aus“ ab und promenierte eben gemütlich an einem verhältnismäßig ebenen Ort. So sah es wohl auch der Maler Fritz von Uhde in seinem Emmausbild von 1891 (abgebildet nach der letzten Fußnote).
↩︎ - Duccios berühmtestes Werk war seine „Maestà“ für den Hochaltar des Doms zu Siena. ↩︎
- Josef Gabriel Rheinsberger (1839 – 1901) war in München wirkender Komponist, Organist und Musikpädagoge. Er gehörte zu den erfolgreichen Komponisten seiner Zeit. Verleger, Musiker und Chöre traten mit Kompositionsaufträgen an ihn heran. 1877 wurde er Hofkapellmeister des bayerischen Königs Ludwig II. Damit nahm er eine zentrale Position in der katholischen Kirchenmusik in Deutschland ein. Als Kompositionslehrer an der Münchner Musikschule und der Akademie der Tonkunst an 1893 war Rheinberger eine Kapazität von internationalem Rang. Zahlreiche Auszeichnungen spiegeln seinen Erfolg wider. ↩︎
- Ein Stillleben mutet mir an wie die Bildwerdung des Titels eines ein halbes Jahrtausend zuvor entstandenen literarischen Werks unter dem Titel „Von des Todes Gehugede“, mit dem Anfang des 12. Jahrhunderts Heinrich von Melk seine Fassung des „Memento Mori“, seine Mahnung bezüglich der Vergänglichkeit allen irdischen Lebens, schriftlich niederlegte. ↩︎
- Ist dies wiederum ein Hinweis auf die Eucharistie, die besteht, ob wir sie ignorieren oder nicht. ↩︎
- Kraft seines verklärten Körpers kann er sich genauso in Luft auflösen, wie Räume durch geschlossene Türen betreten. ↩︎
- Vgl. die Sopranarie „Ich weiß, dass mein Erlöser lebet“ aus Händels „Messias“. ↩︎
- Es ist fast ein Muss, hier auf den Schluss des „Buch von San Michele“ des Arztes (seit 1908 Leibarzt der schwedischen Königin Viktoria), Schöpfers der „Villa San Michele“ auf Capri und Schriftstellers Axel Munthe hinzuweisen. Der Autor war ein sehr großer Hundeliebhaber. In seinem Roman entwirft er auch seine eigene Sterbeszene und die Ankunft vor dem jenseitigen höchsten Gericht. Ob seines doch recht weltlichen Lebens stehen seine Chancen auf einen Einlass ins Paradies gar nicht gut. Das verdammende Urteil über ihn verstärkt sich noch, als die himmlische Richterschaft erfährt, dass auch noch sein treuer Hund vor dem Himmelstor auf ihn wartet. Sofort zetert der alttestamentliche Prophet Habakuk: „Ein Hund, ein unreines Vieh.“ Das ist zu viel für Munthe, dem man zuvor beigebracht hatte, dass es besser ist, vor dem Gericht den Mund zu halten. Er keift zurück:
„Er ist kein unreines Tier! Er wurde erschaffen von demselben Gott , der dich und mich erschaffen hat. Wenn es für uns einen Himmel gibt , muss es auch einen Himmel geben für die Tiere, ihr grimmigen alten Propheten.“ Na, mehr brauchte es nicht. Wenn es nicht ein Paradoxon in Bezug auf den Himmel wäre, könnte man sagen, die Hölle brach los, wobei sich wieder die Granden des Alten Testaments besonders hervortaten. Plötzlich vernahm der völlig verängstigte Munthe Vogelgezwitscher, und der Reihe nach bedankten sich geflügelte Boten bei ihm dafür, was er als Tierfreund an Gutem für so viele ihrer Verwandten auf Erden getan hatte. Die jenseitige Landschaft verwandelt sich in die toskanischen Hügel,
wie sie ein Fra Angelico gemalt hatte, mit silbergrauen Olivenbäume und dunklen, sich vom sanften Abendrot abhebenden Zypressen. Man hörte die Glocken von Assisi läuten. Und da kam er, der bleiche umbrische Heilige, der langsam den gewundenen Hügelpfad hinabstieg, begleitet von Bruder Leo und Bruder Leonardo, ebenso von schnellflügeligen Vögeln. Der heilige Franziskus stand still an Munthes Seite und blickte dessen Richter mit seinen wundervollen Augen an, gegen welche Widerstand zwecklos war.
Moses, zuvor einer der allerärgsten Verurteiler, sank in seinen Sitz zurück und ließ seine Zehn Gebote fallen. „Immer er“, murmelte er bitter, „der gebrechliche Träumer mit seinem Vogelschwarm und seiner Anhängerschaft aus Bettlern und Ausgestoßenen, schwächlich und doch stark genug, um sich durchzusetzen. Wo bleibt deine rächende Hand, o Herr! Bist du denn nicht Jehova? Der eifernde Gott, der in Feuer und Rauch herabstieg auf den Berg Sinai und das Volk von Israel vor Furcht erzittern ließ?“ Und so zeterte er noch lange weiter. Munthe schreibt nur mehr, dass sein Kopf an die Schulter des hl. Franziskus sank, und dass er tot war, es aber nicht merkte. Wir aber sind sicher, dass sein Hund im selben Moment mit wedelnder Rute in den Tierhimmel Einzug hielt. ↩︎ - Ein ähnliches Bild von Velasquez stellt im Nebenraum Christus im Gespräch mit Martha und Maria dar. ↩︎
- Wie in dem obigen Bild von Jan Steen, wo der Erlöser freilich an helllichten Tag entschwindet. ↩︎



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