Albrecht und Elsbeth

DÜRERS SEHNSUCHT

Die Malerei hat die göttliche Macht,  

Nicht nur das zu leisten, was man von der 

Freundschaft sagt, nämlich eine ab- 

wesende Person anwesend erscheinen  

zu lassen, sondern mehr noch: Wie 

Lebende wirken diejenigen, die vor Jahr- 

hunderten gestorben sind, sodass man 

Dem Maler große Bewunderung zollt. 

Leon Battista Alberti, Della Pittura, Buch II, 1435 

Sie war eingenickt, im Faltstuhl sitzend, den sie sich ins Chörlein, den kleinen Erker des stolzen Nürnberger Patrizierhauses, gerückt hatte, nachdem sie eines der mit teuren Butzenscheiben verglaste Fenster halb geöffnet hatte, auf dass sie die letzten warmen Sonnenstrahlen, die ein großzügiger Oktober noch zu vergeben hatte, genießen konnte, bevor sie ein klammer November in seine Eisgrube sperren würde.

Jäh war sie fröstelnd aus dem Schlaf aufgeschreckt, aus einem Albtraum, der ihr ihren Mann vorgaukelte, wie er von einer Badstube zur anderen eilte, stets mit drallen Dirnen buhlend, und aus einem großen hölzernen Humpen Bier in sich hineinschüttend.

Szene aus einem Badehaus. (Abbildung aus dem Factorum Dictorumque Memorabilium des Valerius Maximus, um 1470



Zunächst war sie beim Erwachen verwirrt gewesen, doch als sie wieder souveräne Herrin über ihre Sinne war, wunderte sie sich eigentlich nicht mehr über das Traumgesicht. Ihr Gatte war sehr viel auf Handelsreisen unterwegs, zu den großen Umschlagplätzen Europas, und da blieb es nicht aus, dass man von Nürnbergern gesehen wurde, die in ähnlichen Missionen unterwegs waren. Und so waren ihr schon da und dort verstohlen geäußerte Gerüchte zu Ohren gekommen, dass ihr Ehemann anscheinend immer wieder in allen Metropolen in weiblicher Begleitung gesichtet worden war, mit übel beleumundeten Metzen ebenso wie mit üppigen ältlichen, aber reichen Witwen, deren Ehemänner gerade erst verschieden waren, und die wegen der Kürze der seither verstrichenen Zeit noch keinen knackigen Gesellen zum Ehelichen gefunden hatten, um das Gewerbe und den florierenden Betrieb weiterführen zu können. Da kam ein stattlicher patrizischer Kaufmann wohl gerade recht als Lückenbüßer – und zwar in des Wortes eigentlicher Bedeutung, die ja nichts mit „büßen“ zu tun hat, sondern mit „bessern“. Somit ist Lückenbüßer einer, der dafür sorgt, dass eine Lücke zumindest temporär wieder ausgefüllt wird. Wer hier im gegebenen Fall eine schlüpfrige Nebenbedeutung assoziiert, den würde ich nicht voreilig einer schmutzigen Fantasie zeihen, so sehr liegt, wenn man ehrlich ist, eine solche Konnotation auf der Hand. Doch sie benötigte für ihre Verdächtigungen gar nicht unbedingt eine üble Fama, denn sie war sensibel genug, um gemerkt zu haben, wie er beim letzten Tanz im Nürnberger Rathaus die Gattin des Patriziers Schürstab begierig angesehen hatte. Die Schürstabin (nomen est omen; vgl. auch das Wappen) galt freilich genauso Seitensprüngen nicht abhold, vielleicht allerdings ebenfalls erst verursacht durch die ebenso eklatante Untreue ihres Mannes.

Wappen mit zwei gekreuzten Schürhaken

Ihrem eigenen Gemahl war auch sonst keine Spielwiese zu feucht. So erzählte man sich etwa, er habe auch der blutjungen und gewissermaßen hinter den Ohren noch nicht trockenen Eva Pognerin nachgestellt, die sich gerade noch nicht im klaren war, ob sie ihre Primeurs dem Gott Hymen auf einem sehr alten Altar mit Goldhintergrund (in mehrfachem Sinne) opfern sollte, oder auf einem solchen, wie ihn die junge, moderne Renaissancekunst darstellte – ohne Gold, aber mit herrlicher Perspektive auf die Weite einer offenen jugendlich-kräftigen Landschaft. Ihr Gatte, der ohne Erfolg versucht hatte, sich im Tanz eng an die Pognerin anzuschmiegen, hatte bei dieser erotischen „vergleichenden Kunstbetrachtung“ nur das Pech gehabt, dass sich das Noch-Jüngferchen gerade Hals über Kopf in einen stolzen jungen Adeligen verliebt hatte, und dieser in sie. Einige weitere geile Alten schauten gleich ihrem Mann durch die Röhre. Es soll sogar eine nächtliche Prügelei gegeben haben. Ihr Gatte war damals auch spät nach Hause gekommen, sodass sie schon schlief. Außerdem verbrachten sie ohnedies die Nächte in verschiedenen Alkoven, was er – eher fadenscheinig – mit bis in späte Stunden dauernden Ratssitzungen begründete, nach denen er sie „nicht stören“ wollte.

Merkwürdigerweise „schmückte“ auch ihn am nächsten Morgen ein blaues Auge, das er mit der üblichen Ausrede sich schlagender Männer quittierte, er habe sich auf dem Weg zum Abtritt den Kopf an der Türe gestoßen, als plötzlich die Kerze ausgegangen sei. Dabei gab es in ihrem Haus nur die qualitativ hochwertigen, teuren Wachslichter, die einem Zugwind durchaus standhielten, keinesfalls die minderwertigen aus Unschlitt.

Ja, so sah ihr Leben aus. Es war wohl auch nicht sonderlich verwunderlich, dass sie keine Kinder hatte, denn aus dem bisher Geoffenbarten ist wohl unschwer ableitbar, dass die Gelegenheiten, bei denen solche hätten entstehen können, allzu dünn gesät waren.

Nun fror Elsbeth Tucher, die Gemahlin des Nikolaus Tucher, endgültig, und sie begab sich vom Erkerlein tiefer ins Haus hinein und machte Halt im holzgetäfelten Geschäfts- und Gesellschaftssaal, in dem ein prächtiger Kachelofen stand, den eine vorausblickende Magd bereits vorsorglich geheizt hatte.

Ihr Blick fiel auf das Diptychon, das ihr Konterfei und jenes ihres Mannes zeigte. Gemalt hatte es vor kurzem der wohl größte seiner Zunft weit über Nürnberg hinaus, Albrecht Dürer.

Es wurde ihr warm ums Herz, wenn sie an die langen Stunden zurückdachte, die sie dem Meister Modell gesessen hatte. Sie hatten Vertrauen zueinander geschöpft, ja, sie hatte den Eindruck gewonnen, dass sie sich weitgehend ihre Herzen geöffnet hatten.

Dürer war vor vier Jahren aus Venedig zurückgekehrt. Seine Reise dorthin war eigentlich eine triviale Flucht gewesen, wenn auch aus einem dramatischen und potentiell lebensgefährlichen Anlass, dem Ausbruch der Pest in Nürnberg. Die Lagunenstadt war für ihn ein unfassbares Paradies gewesen. Was hatte er alles für seine Malkunst gelernt! Aber auch anderseits: wieviel Bewunderung hatte auch sein Talent unter den großen Namen der venezianischen Malerei geerntet und damit sein Selbstbewusstsein gestärkt, das er nun gegenüber jenen arroganten Pfeffersäcken der freien Reichsstadt gut brauchen konnte, welche das Zahlengekritzel in ihren Kontorbüchern höher schätzten, als ein noch so kunstvoll ausgeführtes Ornament, und ihre schmucklosen Schatztruhen als heiliger als jede Altarretabel, den protzigen Zobelkragen auf ihrer Amtstracht höher als das an malerischer Finesse nicht zu übertreffende Fellkleid eines Feldhasen, das selbst einem Genie wie Dürer nicht zu minder erschien, um es im Bild festzuhalten. Meister Albrecht, dem die faltigen und zerfurchten betenden Hände seiner Mutter um ein Vielfaches mehr wert dünkten, für die Nachwelt festgehalten zu werden, als die feisten, klobigen, nur vom Geldzählen schwieligen Hände der meisten läppischen Patrizier – vielleicht eingedenk der frommen Volksweisheit, Gott würde bei der Ankunft eines Sterblichen vor seinem Richterstuhl als erstes auf dessen Hände schauen, um ihn zu beurteilen.

In Venedig war er ein HERR gewesen, und das wollte er nun auch in seiner Geburtsstadt sein, kein bilderpinselnder Lakai, der einen stinkreichen Auftraggeber porträtieren sollte, nur weil es Mode war unter diesen Hohlköpfen, selbige auf der Leinwand abgebildet zu sehen – natürlich geschmeichelt, schöner und jünger als in der Realität, Hauptsache, ihr Reichtum kam durch die Kostbarkeit ihrer Kleidung und irgendwelcher schmückender Akzessoirs zur Geltung. Nun, er, Dürer, würde fortan seinen Preis haben und trotzdem jede Schönfärberei ablehnen, im Gegenteil, er würde – was die Betroffenen in ihrer seichten Eitelkeit nicht erkennen würden – geschickt ihre Laster und Schwächen, ihren Geiz und ihren Hochmut, ihr betrügerisches Wesen und ihre Verachtung ihren Mitmenschen gegenüber schonungslos festhalten, für die Zeitgenossen und für die Nachwelt. Natürlich, wo es begründet war, auch ihre Charakterfestigkeit, Freigebigkeit, Bescheidenheit und Empathie. Doch er wusste, dass die nicht allzu oft vorkommen würde, denn sein bisheriges Leben hatte ihn die Gültigkeit einer Sentenz gelehrt, die er einmal von einem alten Domherrn von St. Sebaldus gehört hatte: „Als das Geld erfunden worden war, konnte sich der Teufel zur Ruhe setzen“. So würde er wohl das glaubwürdige Darstellen rechtschaffener Gesichter eher an Heiligenfiguren üben müssen, an solchen, die in ein frommes Gespräch mit der Gottesmutter vertieft waren, in eine „Sacra Conversazione“, ein Motiv, das er so oft auf venezianischen Altären sehen konnte. Noch tiefer in die Gemüter solcher Märtyrer, Büßer und Gottesgelehrter würde er wohl eindringen können, wenn es ihm gelänge, eines Tages seinen Plan zu verwirklichen, ein Allerheiligenbild zu schaffen, vielleicht rund um eine Dreifaltigkeit, einen Gnadenstuhl.

Immer wieder erzählte der künstlerische Großmeister Frau Elsbeth von Venedig. Nicht nur von seinen fachlichen artistischen Erfahrungen, sondern vor allem auch vom bunten Alltagsleben, dem lebhaften Getriebe auf dem Rialto, den exotischen Trachten, die mit der Berufskleidung der einheimischen Fischer und Handwerker abwechselte, und er fabulierte drauflos, dass die südwesterartige Kopfbedeckung der Seeleute auf den türkischen Turban traf, und die auf großem Fuß lebende, oder besser gesagt, auf hohem Kothurn daherstolzierende Kurtisane der slawischen Bäuerin aus Dalmatien begegnete, die gerade auf der Riva degli Schiavoni, also auf dem Slawenufer, angelandet war. Solche hatte er auch zwei Mal im Bild festgehalten.

Er war fasziniert gewesen von der Meeresfauna, die auf dem Fischmarkt ausgebreitet lag. Auch hier gebot er seinem Zeichenstift, etwa das Miniaturungeheuer eines Hummers oder den Gnomenalbtraum einer schwer gepanzerten Krabbe als Gedächtnisstütze zu archivieren.

Von einem der größten Maler der Antike, Zeuxis, sagte man, er habe einmal Weintrauben so realistisch gemalt, dass Vögel herbeiflogen und versuchten, an den Früchten zu picken. Ebenso hätten wohl große Möwen oder Albatrosse versucht, die Rüstungen von Dürers gezeichneten Schalentieren zu knacken, wenn er seine diesbezüglichen Blätter an den Meeresstrand gelegt hätte.

Diese Anekdote über Zeuxis hatte mir Dürer gegen Ende einer meiner Modellsitzungen erzählt, erinnerte sich die Tucherin, und dabei auch den zweiten Teil der Geschichte berichtet. Ein Rivale des Zeuxis war Parrhasios, ebenso bedeutend wie dieser. Er lud daher den Traubenmaler ein, ein Bild aus seiner Hand zu begutachten. Die beiden standen vor einem Vorhang. Nichts tat sich, worauf Zeuxis ungeduldig wurde und den Kollegen ersuchte, endlich das Tuch von dem Bild wegzuziehen. Dieser lachte herzlich, denn der Vorhang war gemalt; er war das eigentliche Meisterwerk, ebenso wirklichkeitsgetreu wie des anderen Weintrauben.

Doch zurück zu Dürers Erzählungen. Was er gar zu erzählen wusste von den Palästen, die mitten im Wasser standen, und von der Pracht des Dogenwohnsitzes, dem Palazzo Ducale, und der benachbarten alten, prächtigen Kirche, die so ganz und gar anders aussah als unsere Gotteshäuser, den darin verwahrten Heiltümern, unter ihnen vor allem das Grab des Evangelisten Markus, nach dem dieser Dom benannt wurde. Aber auch von Dornen von der Spottkrone Christi wusste er zu berichten, deren Hauptteil aber ein französischer König erworben haben soll, der dann in Paris über dieser Reliquie eine „heilige Kapelle“ errichten ließ, deren Herrlichkeit ihresgleichen suchen sollte, mit lichtdurchfluteten, in allen Farben strahlenden Glasfenstern. Doch davon wusste Dürer auch nur ein wenig vom Hörensagen, obwohl er sie gerne mit eigenen Augen gesehen hätte. Dann schwärmte er von den Gewürzen, Salben und Duftwässern aus dem Orient, die man gerne kaufte, schon um den Gestank aus manchen Kanälen zu übertünchen, der nahezu unerträglich wurde, wenn ihn der samumheiße Schirokko in jeden Gassenwinkel der Lagunenstadt trug.

Zur nächsten Sitzung mit mir brachte Dürer einen Kupferstich mit, dem er den Titel „Die junge Frau und der Tod“ gegeben hatte, der aber später in Nürnberg auch „Der Gewalttätige“ hieß.

Und beim ersten Blick auf das Werk stockte mir der Atem, und ich dachte an meinen Mann, an seine Brutalität, sein wildes Zupacken, sein überhastetes Vermeiden jeglicher verspielter Zärtlichkeit beim ohnedies so selten gewordenen Geschlechtsverkehr. Ich war blass geworden, da ich mich schämte ob dieser Assoziation. Gleich darauf stieg mir aber eine brennende Röte ins Gesicht, denn ich kam mir plötzlich völlig nackt vor in Dürers Augen, die so tief in meine Seele geblickt hatten, in eine Bodenlosigkeit, die mir selbst kaum bewusst war. Es musste ihm klar sein, wie es um mich stand.

Um mir aus der Verlegenheit zu helfen, fragte er, ob mir nicht wohl sei und er mir ein Glas Wasser bringen sollte. Ich winkte nur ab, im Augenblick zu keiner Äußerung fähig. Der Künstler lenkte von der Situation ab, indem er erklärte, er habe den vor fünf Jahren geschaffenen Stich mitgebracht, um meine Meinung zu hören, ob es ihn – gewissermaßen als einem zweiten Parrhasios – gelungen sei, den realistischen Eindruck zu erzeugen, dass der den Schoß der jungen Frau bedeckende Kleiderstoff augenblicklich unter dem Ansturm des Vergewaltigers reißen werde. Ich konnte nur bejahend nicken, denn der Gedanke an mein eigenes Leben ließ mich nicht los. Ich musste das Bild weiter denken: vor meinem inneren Auge riss die Seide wie ein vergrößertes Hymen, der Eingang in den Unterleib der Frau lag frei – doch nicht wie in der Brautnacht zum potentiellen liebevollen Zeugen neuen Lebens, nein, frei für die letale Vergewaltigung durch den Tod. Ich schauderte ein weiteres Mal, denn ich musste an meine eigene Hochzeitsnacht denken. Unerfahren wie ich war, kam ich mir gewalttätig missbraucht vor, verletzt, blutend, voll Schmerzen – körperlichen wie seelischen, ob der grenzenlosen, nur seiner eigenen Befriedigung dienenden Rücksichtslosigkeit meines Bräutigams. Kinder bekam ich freilich keine, obwohl dem Nikolaus Tucher wohl in erster Linie an einem männlichen Erben gelegen gewesen wäre – sexuelle Spielwiesen hatte er anderswo, wie bereits erwähnt, längst, ja von Anfang an, zur Genüge gefunden.

So waren sie allesamt, die Tucher, untreue Verräter, ohne Empfindsamkeit, verliebt lediglich in ihren Reichtum und die gefinkelten kommerziellen Zeugungsakte zur Vermehrung desselben. Felicitas, meine Schwägerin, verheiratet mit Hans Tucher, dem Bruder meines Gatten, hatte es wohl noch schlechter getroffen. Auch dieses Paar hatte sich von Dürer porträtieren lassen, noblesse – oder wohl treffender – richesse obliege. Ihr Mann war zwar ein „hohes Tier“ („Genannter“) im Nürnberger „Größeren Rat“ und in der mächtigen Steuerbehörde, der sogenannten „Losungsstube“ (ganz genau kannte sie sich da nicht aus, da sie sich kaum für Politik interessierte), und natürlich war er auch Geld scheffelnder Kaufmann. Und das Paar hatte zum Zeitpunkt der Dürer-Porträts bereits sechs Kinder, zwei kamen 1501 und 1503 noch dazu, doch gerade daran beziehungsweise in dem Umstand, dass zwischen der Geburt der Kinder jeweils nur ein bis drei Jahre lagen, kann man wohl ableiten, dass auch Hans XI. Tucher keinerlei Rücksicht auf seine Frau nahm, sondern sie offensichtlich körperlich ausbeutete. Wenn ich den Gerüchten glauben darf, dachte ich, dann hielt sich mein Schwager stets bei den fortgeschrittenen Schwangerschaften seiner Gattin an wohlgeformterem Fleisch schadlos. Einmal hatte er sogar mir einen obszönen Antrag gemacht, doch ließ ich ihn natürlich hohnlachend abblitzen, vielleicht weniger deshalb, weil ich nicht auch gelegentlich Lust gehabt hätte, mich für die ausgeprägte Untreue meines Mannes zu rächen, obwohl ich mich dann letztlich nie dazu entschließen konnte, wenngleich es mich manchmal danach gejuckt hätte, insbesondere nach der Lektüre von Boccaccios „Decamerone“, das mir meine gute Freundin Margarete Holzschuherin geborgt hatte. Sie ist die Gattin des bedeutenden Druckers Anton Koberger, der unter anderem auch eine Filiale in Venedig unterhält, über welche er an das reichlich unanständige Büchlein herangekommen war, es aber nach eigener Lektüre achtlos herumliegen ließ, da ihn der Druck der Schedelschen Weltchronik über alle Maßen in Atem hielt. Margarete entdeckte das Werk des Italieners, las es mit großem Vergnügen und borgte es mir anschließend. Nun ja. Läge in meinem Wesen eine besondere Laszivität, dann hätte sie Dürer wohl zweifellos in meinem Porträt aufgedeckt. Aber auch wenn ich zügelloser geartet gewesen wäre, hätte mich gewiss ohnedies von einer Affäre mit meinem Schwager abgehalten, dass er denselben über Leichen gehenden brutalen Gesichtsausdruck hatte wie sein Bruder, mein Ehemann, nur dass dieser noch etwas bulliger und gemeiner aussah.

Doch zurück zu Dürers Konterfeis von unserer verschwägerten Patrizierfamilie. Hier kannte der Künstler kein Halten mehr, seinen psychologischen Einblicken malerischen Ausdruck zu verleihen. Es gibt ja die Redewendung „jemanden aufblättern“, wenn es einem gelungen ist, die Falschheit, Verlogenheit, Angeberei, Verschleierung übler Angelegenheiten, versuchte Schönfärberei der eigenen Charakterschwächen einer Person ans Tageslicht zu bringen. Ich habe es schon angedeutet, Dürer hat die negativen Eigenschaften des Hans Tucher schon virtuos in dessen Physiognomie offengelegt. Für denjenigen, der gelernt hat, auch verborgene symbolische Details wahrzunehmen, hat er aber auch seine künstlerische Geringschätzung für den Abgebildeten in die beiden Ringe gelegt: nur spielerisch und nachlässig hält der Kaufmann den kaum sehr wertvollen Ehering zwischen den Fingern (kommt er ihm aus, und fällt er zu Boden – na wenn schon!), während ein weitaus wertvolleres Exemplar sicher an seinem Daumen steckt. Was sind schon Menschen, und sei es die eigene Ehefrau, gegen den Mamon.

Und Dürer hat selbstverständlich gemerkt, dass dies alles meiner Schwägerin Felicitas längst zum Hals heraushing. Nicht nur, dass er in ihrer Abbildung ihren Kopf vom Pendantporträt ihres Gatten abwendet, nein, er lenkt auch ihren Blick dadurch noch weiter weg, dass er ihre Pupillen ganz in die entfernteren Augenwinkel lenkt.

Mehr Geringschätzung geht nicht – und sie war schon angekündigt durch den resignierenden Mund.

Und auch hier gibt es einen zusätzlichen symbolischen Hinweis: Wenn Hans Tucher den schäbigen Ehering lässig zwischen Daumen und Zeigefinger hält, so hält die Tuchersche Ehefrau zwischen nämlichen Fingern eine Nelke, aber weder eine rote, die liebende Zuneigung verraten würde, noch eine weiße, die ein Bekenntnis zu lebenslanger Treue wäre, sondern eine violette.

Wenn der Mann durch die Ringhaltung seine Leichtfertigkeit gegenüber seinem Ehegelübde signalisiert, so verrät uns seine Gattin durch die Farbe ihrer Blume, welche leidvolle Passion sie durch diese seine Gesinnung durchlebt. In der Marienikonographie1 bedeuten Nelken nämlich wegen ihrer Form, die an einen Nagel erinnert, einen Hinweis auf die Passion Christi, ebenso wie die violette Farbe, in der bekanntlich auch die Messgewänder in der vorösterlichen Fastenzeit gehalten sind. Konnotiert wurden in Richtung auf die Passion Christi (Annagelung an das Kreuz) möglicherweise wegen ihrer ausgeprägten Nagelform2 sogar auch die in Europa seit dem Mittelalter bekannten Gewürznelken.


1Ein berühmtes Beispiel stellt Raffaels nunmehr in der Londoner National Gallery befindliche Bild „Madonna mit den Nelken“ (1506–1508) dar.

2In dem Lied Guten Abend, gut‘ Nacht erscheinen Nelken unter der Bezeichnung „Näglein“ (Text in „Des Knaben Wunderhorn“, hg. Von Arnim und Brentano. Vertonung von Johannes Brahms). Ahd. negellī(n), nagelken n. (Hs. 13. Jh.), mhd. negel(l)īn, negelkīn n., in der Bedeutung von „Nelke“ stellt ein eine Verkleinerungsform zu dem Substantiv „Nagel“ dar,  indogerm. *ongh-, *nogh- ‘Nagel an Fingern und Zehen, Kralle’. Die Bedeutung ‘Metall- oder Holzstift zum Einschlagen’ findet sich im gesamten Germanischen, ist aber offenbar erst sekundär hinzugetreten, während in den übrigen Sprachen der Ausdruck auf „Finger, Kralle, Zehen etc. beschränkt bleibt.


Ich bin überzeugt davon, dass mein Mann Nikolaus und mein Schwager Hans Tucher ihre üblen Charaktereigenschaften gewiss schon von ihren Eltern geerbt hatten. Der Vater hieß auch Hans, war ein Musterbeispiel an pharisäischer Verstellungskunst, und Nürnberg mit seinen vielen, nur auf Kapitalvermehrung ausgerichteten, personifizierten Geldsäcken war der geeignete Boden dafür, mit dieser Windschlüpfrigkeit große Karriere zu machen.

Als ich jung verlobt war und noch kaum weibliche Formen aufwies, aber nach dem Urteil von Freundinnen, Freunden und gut Bekannten angeblich vom Antlitz und meiner Haarpracht bereits ausnehmend hübsch gewesen sein soll, maß mich der künftige werte Herr Schwiegervater oft mit begehrlichen und anzüglichen Blicken. Fühlte er sich allerdings ertappt, dann richtete er ganz fromm, als könnte er kein Wässerchen trüben, seine Augen himmelwärts. So hat ihn übrigens bezeichnenderweise auf einem Diptychon, das ihn mit seiner Gattin zeigt, ein ganz großer Nürnberger Maler dargestellt, Michael Wohlgemut. Es ist nicht verwunderlich, dass dieser Dürers Lehrer war. Er wird seinem Schüler auch beigebracht haben, mit Linien und Farben nicht nur Äußerlichkeiten dem Bildbetrachter vor Augen zu führen, sondern auch die Wesensessenz eines Porträtierten, seine allfällige charakterliche Tarnung zu entlarven. Gott sei Dank hat dieses Chamäleon im Jahr vor meiner Hochzeit der Teufel geholt.

Womit konnte dieser Hans VI. Tucher seine Mitbürger so blenden? Nun, er war am 6. Mai 1479 zusammen mit seinem Ratskollegen Sebald Rieter zu einer Pilgerfahrt ins Heilige Land aufgebrochen. Neun Monate dauerte ihre Reise, die sie unter anderem nach Jerusalem, Kairo, Alexandria und in das Katharinenkloster am Fuße des Sinai führte. In einem gemeinsamen Tagebuch hielten die Pilger ihre Erfahrungen und Erlebnisse während dieser Zeit fest. Am 12. März 1480 kehrten sie nach Venedig zurück, und am 10. April zogen sie unter dem Jubel der Bewohner Nürnbergs in ihre Heimatstadt ein.

Nach der Rückkehr arbeitete Tucher die Aufzeichnungen zu einem Reisebericht um, der sich explizit an zukünftige Pilger richtete. Das Werk stieß bei seiner Veröffentlichung auf großen Zuspruch. Freilich war nur der erste Teil einigermaßen fromm, da es sich um die Stätten im Heiligen Land drehte. Im Abschnitt über Ägypten spiegelt sich aber deutlich wieder, dass das Interesse der beiden auch der Fremdartigkeit von Land und Leuten galt, die Reise also wohl auch einem Unterhaltungsaspekt gewidmet war, sicher auch wegführen sollte von der lauten Kinderschar aus der ersten Ehe mit Barbara, geborene Ebner, die drei Jahre zuvor gestorben war.

Er hatte also seine Nachkommen wegen der Pilgerfahrt elternlos zurückgelassen, denn seine zweite Frau, Ursula Harsdörffer, ehelichte er erst 1481 (diese Ehe blieb kinderlos). Ein weiterer Hinweis auf einen zwielichtigen Charakter.


Prunkvolle Handschrift (1489) von Tuchers „Reise ins Gelobte Land“

Die Vergrößerung eines Ausschnitts aus diesem Bild zeigt eine herrische und hartherzige Frau als Mutter meines Mannes und seines Bruders, eine Eigenschaft, die sie wohl an die beiden vererbte.

Doch noch einmal zurück zu Hans VI. Tucher. In seiner pseudofrommen Eitelkeit ließ er sich von einem Meisterschüler Michael Wohlgemuts auf dem sogenannten Peringsdörfer Altar verewigen, und zwar auf der Marientod-Tafel. Der in der Augustinerkirche3 stehende gotische Wandaltar in Form eines Triptychons 1486 von Sebald Peringsdörfer und seiner Frau Katharina Harsdörffer4 gestiftet.


3Im Jahre 1564 wurde der Altar in die Kirche des Heilig-Kreuz-Pilgerspitals überführt und nach deren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg in die Friedenskirche.

4Wir erinnern uns, dass auch die zweite Frau des Hans VI. Tucher aus der Familie der Harsdörffer stammte.


Während alle Apostel traurige und untröstliche Gesichter aufweisen, blickt Hans VI. Tucher beinahe vergnügt gen Himmel (nicht einmal direkt auf Maria), sich sicher wähnend, dass seine Reputation einst im Jenseits ob seiner unschätzbaren Verdienste wohl ebenso groß sein werde, wie hienieden. In Vorfreude darauf und stolz auf seine klugen Strategien, mit denen er als Reicher das Nadelöhr umgehen wollte, obwohl er gewiss eines der größten Kamele der Freien Reichsstadt war; rieb er sich die Hände.5


5Uns Heutige mutet dieses Händereiben an, wie ein Vorgriff auf jene protestantisch-calvinistische Einstellung, dass Erfolg (vor allem finanzieller) auf Erden signalisierte, dass man prädestiniert war, auch im Jenseits beste Chancen zu haben (vgl. Max Weber).


Wie zur Strafe blickt ihn Maria selbst aus ihren brechenden Augen voll eisiger Verachtung an.

Ich muss schon sagen, der noch verhältnismäßig junge Künstler traute sich allerhand, so gegen den Stachel der reichen und mächtigen Auftraggeber zu löcken. Oder war er sich einfach sicher, dass sie vom Eigendünkel so verblendet waren, dass sie sich gar nicht vorstellen hätten können, dass sie jemand bloßstellt. Ich habe später über den extrem begabten Künstler nie mehr etwas erfahren, außer dass er Nürnberg verlassen hatte. Ich hoffe zu Gott, dass er weder erkrankte, noch gar starb, sondern dass er interessante Aufträge woanders kriegen konnte – nicht um ihn mir als saturierten, bequemen und wohlhabend gewordenen malenden Handwerksmeister vorzustellen, sondern als einen von seiner Mission besessenen Künstler, der seine Zeitgenossen und später eine sensible Nachwelt aufrütteln würde.

So, jetzt ist aber genügend Klage geführt wider eine üble Sippe, in die ich hineinverheiratet wurde. Zurück zu Dürer und meinem Bildnis.

Bei meiner allerletzten Modellsitzung schwärmte der Meister davon, noch einmal, vielleicht in ein paar Jahren, nach Venedig zu reisen. Mein Herz wurde mir schwer. Noch einmal schwelgte er in so vielen Erinnerungen, die er aufzufrischen gedachte. An die laue Luft, die einen umfing, sobald man erst die Salurner Klause überwunden hatte. Wie einem Fortuna/Nemesis lachte, wenn man auf den Ort Klausen am Eisack hinabblicken konnte.

Wie herrlich mild die Farben der welschen Weine waren, und erst ihr unverfälschter Geschmack. Nicht halb zu Essig geworden durch den langen Transport vom Süden nach den deutschen Landen, nicht verwässert durch die Fuhrleute und gesüßt mit mit giftigem Bleizucker durch die Wirte der Stadt an der Pegnitz. Und nicht in zinnernen Kannen aufgetischt von derben Schankweibern, sondern in regenbogenfarbenen, glänzenden Pokalen, verfertigt von meisterlichen Glasbläsern auf der Insel Murano, serviert von madonnenhaften Elfenwesen.

Dürer: Ansicht von Trient

Bei dieser Schilderung befiel mich fast so etwas wie Eifersucht. Elsbeth, was ist los mit dir? Oh, und erst recht benebelt wurde ich durch den südlichen Duft des Blühens, das der Meister schilderte, jenes der wilden Zitronen, der Orchideenart „Fiormosca“ (wie die Einheimischen die Hummel-Ragwurz nennen), der Rispen der Manna-Esche, oder der kräftigen rosa Blüten an dem im Frühjahr noch nackten Judasbaum, die zu der Legende inspirierten, dass Judas sich nach seinem Verrat an Jesus an eben diesem Baum erhängte und vor Scham errötete, wie der Meister zu erzählen wusste.

Reife Limonen gab es schon am Gardasee, am Lago di Benaco, wie ihn die Einheimischen nannten.

Dürer: Burg von Arco am Gardasee


Und wenn die Früchte in der venezianischen Ebene reiften, Kirschen, Pfirsiche, Melonen, Maulbeeren, Orangen – wie konnte er all diese Farben schildern, so genau, als hätte er sie gerade auf die Leinwand aufgetragen, denn er war auch ein Meister der Sprache. So hörte ich ihn einmal in der alten Weinstube in der Gasse der Weißgerber mit seinem Freund, dem bedeutenden universalen Humanisten Willibald Pirkheimer über die neue Kunstströmung diskutieren, die sich von den bisher so steifen Bildern unterschied, die im Norden noch so vorherrschend waren, dass die Welschen sie „maniera tedesca“ nannten, während sie das Neue als „rinascitá“, „Wiedergeburt“ bezeichneten, nämlich der Antike und ihrer Kunst, auf die man durch verschiedene Umstände aufmerksam geworden war.

Dürer, der nicht nur ein unübertroffen intuitiver Bildner, sondern auch ein scharfer Denker war (bedenkt man seine Leistungen als Mathematiker, geometrisch fundierter Konstrukteur mit theoretischen und praktischen Auswirkungen für die Gestaltung der Perspektive, und dergleichen mehr), zeigte sich mit dieser Namensgebung nicht zufrieden. Er hätte lieber von einer „Wiedererwachsung“ gesprochen, denn „wiedergeboren“ konnte nur werden, was bereits tot war. Das war aber bei der alten griechischen und römischen Kunst nie zur Gänze der Fall gewesen, sonst hätte sie jetzt nicht zum Vorbild für die neue Kunstauffassung werden können.

Doch zurück zu jener Stunde, als Dürer die letzten Pinselstriche an meinem Porträt vollführte. Die heitere Miene, die er während seinen märchenhaften Erzählungen über die Wunder des Südens an den Tag gelegt hatte, wich nun einem ernsten, vielleicht sogar ein wenig traurigen Gesichtsausdruck. Er berichtete nun noch über das vielleicht ehrenvollste Erlebnis, das er in der Dogenstadt gehabt hatte: „Ich hatte keinen leichten Stand unter den jungen Malern von Venedig, die sich durch mein überragendes Talent natürlich bedroht fühlten. Sie setzten die Verleumdung in die Welt, ich sei im Stechen wohl ganz gut, aber meine Malerei sei nichts, mit den Farben wisse ich nicht umzugehen. Sie setzten es sogar durch, dass ich dreimal in die Signoria vorgeladen und dazu verurteilt wurde, vier Gulden in ihre Innungskasse zu zahlen.

Einer nur war in der fremden Gilde, der frei von aller Kleinlichkeit mir gegenüber war: der greise, gütige, Giovanni Bellini. Es war wie ein Ritterschlag, dass er mich in meiner Werkstatt aufsuchte, Edelleute mitbrachte, und mich in deren Gegenwart sehr lobte. Seine Anerkennung war aber nicht nur bloße Höflichkeit. Er bat mich nämlich sogar, ihm etwas zu malen, und dies nicht umsonst, sondern für gutes bares Geld. Ganz besonderen Eindruck hatte auf Bellini meine Feinmalerei gemacht. Wir wurden tatsächlich trotz des großen Altersunterschiedes so etwas wie gute Freunde. Bei einem Besuch erbat er sich von mir einen der Pinsel, mit denen ich das feine Haar zu malen pflege. Ich raffe zusammen, was an Pinseln grade umherliegt, und halte es Bellini hin: er möge sich selbst einen auswählen, oder auch sie alle nehmen. Bellini glaubt sich falsch verstanden und erklärt mir noch einmal: einen der Pinsel für die feinen Haare. Aber ich versichere ihm, dass ich dafür keine anderen Pinsel nehme, und zum Beweis male ich gleich vor Bellinis Augen die Locke eines Frauenhaares. Der Alte war starr. Hätte er’s nicht selbst gesehen, so hätte er es nie geglaubt, versicherte er mir und erzählte es später genau so den Leuten.

Solches brach natürlich das Eis, denn Gian Bellin, wie wir ihn in Deutschland oft nennen, war weit über die Grenzen Venedigs hinaus der angesehenste Künstler überhaupt. 1483 war er zum offiziellen Maler der Republik Venedig ernannt worden, mit dem Auftrag, einen großen Saal im Palast des Dogen mit seiner Malerei zu schmücken. Nun, da mich Bellini gesellschaftlich eingeführt hatte, öffnen sich mir alle Tore. Zwar mögen mich viele von den minder bemittelten einheimischen Malern noch immer nicht recht. Das ist mir aber herzlich egal, denn die Edelleute finden trotzdem den Weg in meine Werkstatt. So stark wird oft der Andrang der Besucher, dass ich mich verleugnen muss, um mein Schaffen nicht gänzlich zu vernachlässigen.“

Als Dürer diese Schilderung beendet hatte, merkte man ihm an, dass er noch immer ergriffen war von diesem Erlebnis mit Bellini, eine Anerkennung, die selbst ihm in seiner jetzigen Berühmtheit in dieser Form wohl kaum ein zweites Mal im Leben widerfahren würde.

Er trat hinter der Staffelei hervor, und ohne ein weiteres Wort nahm er mit unendlicher Sanftheit meine Haube ab. Erst jetzt sagte er: „Bitte schüttle dein langes, dunkelbraunes Haar. Ich muss es erblicken, denn ich wusste die ganze Zeit, wie herrlich es aussehen würde. Ich durfte es natürlich auf diesem strengen Patrizierbild nicht verewigen, doch kann ich es mir nun für immer einprägen, und ich werde es, wenn es dir recht ist, später einmal auf einem Bild meiner Fantasie verewigen. Und wenn du wirst wissen wollen, mit welchem Werk ich die Schönheit deiner Haarpracht für immer Dauer verliehen haben werde, so wirst du mein Schaffen, so lange einer von uns lebt, verfolgen müssen. Das wird uns für immer verbinden.“

Während er sprach, malte er geheimnisvolle Buchstaben auf den Saum meiner Haube, wie er sie auch schon auf dem Gemälde hinzugefügt hatte: M H M N S K. Er neigte sich vor und flüsterte versonnen: Meine Hoffnung, meine Neigung, schöne Königin.“ Seine Augen hatten jenen sehnsuchtsvollen Ausdruck angenommen, den sie hatten, wenn er von Venedig, dem Meer und der südlichen Sonne erzählte.

Eigentlich hätte ich über den nun zugefügten Lettrismus auf meiner Haube besorgt sein müssen. Jeder Ehemann, dem noch etwas an seiner Gattin gelegen gewesen wäre, hätte eifersüchtig gefragt, was es mit den Buchstaben auf sich habe. Da brauchte ich aber bei meinem Gatten nichts zu befürchten. Er hatte diese Kopfbedeckung von einer Venedigreise mitgebracht, aber keinesfalls auf dem Rialto erstanden, denn seine Gedanken waren nicht bei mir, sondern bei seinen Kebsen an der Ponte delle Tette gewesen, wo er angrenzend an diese Tittenbrücke1 die Ca’ Rampani2 fast allabendlich zu besuchen pflegte.


1Um Kunden anzulocken, standen die Prostituierten stundenlang an den Fenstern ihrer Häuser und zeigten ihre nackten Brüste, deshalb wurde eben die Brücke, die Santa Croce mit San Polo verbindet, Ponte delle Tette (Brücke der Brüste) genannt (und Rio delle Tette heißt der entsprechende Kanal).Die Serenissima förderte den Exhibitionismus der Carampane, um die Homosexualität zu bekämpfen, die zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert in Venedig weit verbreitet war und zu einem staatlichen Problem wurde: Die Gerichte der damaligen Zeit arbeiteten unermüdlich daran, die aus „Handlungen gegen die Natur“ entstandenen Verfehlungen zu bestrafen, indem sie die unglücklichen Schuldigen enthaupten und verbrennen ließen.

2Dieses Bordell war benannt nach der ausgestorbenen Familie Rampani, welcher einst die Häuser rund um die Ponte delle Tette gehört hatten. Die neuen Bewohnerinnen wurden nach diesem Hurenhaus – auch ganz offiziell – Carampane genannt, ein Begriff, der dann nicht nur dem ganzen Viertel den Namen gab, sondern auch ganz allgemein zum Synonym für Prostituierte wurde. Die venezianische Regierung erließ strenge Vorschriften für ihr tägliches Verhalten. Die Carampane durften zwar ihre Wohnung verlassen, aber nicht über die engen Grenzen ihres „Arbeits“-Viertels hinausgehen, und um die dritte Abendglocke mussten sie unter Androhung von 10 Peitschenhieben in ihr Quartier zurückkehren.
Auch während der heiligen Zeiten (Weihnachten, Fastenzeit, Ostern) durften sie bei Strafe von 15 Peitschenhieben keine Kunden aufgabeln. Sie durften nicht in die Tavernen gehen. Nur samstags durften sie die Innenstadt aufsuchen, mussten aber als Erkennungszeichen ein auffälliges gelbes (die alte Hurenfarbe, die auf mittelalterlichen Bildern auch die Kleidung der personifizierten „Synagoge“ aufweist) Tuch um den Hals tragen, und sonntags, am Tag des Herrn, mussten sie sich in den Häusern der „matrona“ (Puffmutter) verbarrikadieren, die die Konten verwaltete und regelmäßig die Steuern bezahlte.


Wie ich von dem ihn begleitenden Gesellen, der ein bisschen ein Auge auf mich geworfen hatte, erfuhr, war meinem Hans erst in Bozen eingefallen, dass er noch kein Mitbringsel für mich hatte, und da die Hauptstadt des welschen Tirol ein wichtiger Umschlagplatz für den Seidenhandel war, erstand er erst hier in aller Eile die in Rede stehende Haube. Angesichts dieser Umstände habe ich sie nur ganz selten getragen, aber für das Gemälde Dürers aufgesetzt, da sie eben so gut wie neu und immerhin von erstrangiger Qualität war. Meinem Mann würde es nicht einmal unter der Folter einfallen, ob sie Schriftzeichen aufwies, und wenn, hätte er keine Ahnung, ob es sich um unsere altdeutschen Buchstaben, Runen, oder gar Hieroglyphen handelte. Abgesehen davon, würde ich dieses jetzt schon kaum benützte Stück künftig wohl nie mehr im Alltag tragen, sondern wie eine Reliquie hüten, die mich insgeheim an einen der wohl ergreifendsten Augenblicke in meinem Leben erinnern würde.

Dürer hatte das Kopftuch wieder vom Boden aufgehoben und legte es mir ganz sanft in die Hände. Ich aber band es mir in diesen noch verbleibenden Minuten unserer letzten Sitzung nicht mehr um, wollte ich doch dem von meinen Haaren so begeisterten Künstler nicht vorzeitig um seine Wonne bringen. Stumm, aber mit einem langen, wehmütigen Blick gingen wir auseinander.

Voll Ehrfurcht, aber auch mit pochendem Herzen, verfolgte ich das weitere Schaffendes wohl größten Künstlers, den zu meiner Zeit unser liebes Nürnberg hervorgebracht hatte.

Ein paar Jahre später, 1504, kam mir ein Kupferstich zu Gesicht, der den Sündenfall zeigte. Als Eva erkannte ich mich wieder.

Hier hatte der große Albrecht mein Haar fliegen lassen, von dem er anscheinend nie zu träumen aufgehört hatte. Und er hatte sich mich in jungen Jahren vorgestellt. Die imaginierte Ähnlichkeit war frappierend. Auch im vollen Profil des Stichs ist ebenso wie auf dem Gemälde mein markantes Kinn zu erkennen.


Und wenn man genauer hinsieht, kann man bemerken. Dass Dürer einen ganz klaren Hinweis auf mich versteckt hat: Auf meinem Patrizierinnen-Gemälde kann man entdecken, dass Dürer mir ein ganz zartes, durchsichtiges Gespinst als eine Art Untergewand über die Hälfte meines Dekolletees legte, kenntlich nur durch ein paar kaum erahnbare Stoffzacken unter meiner rechten Schulter (rote Pfeile). Und diesen Schleier führte er – für den Bildbetrachter unsichtbar – über mein Haupthaar unter der Haube, an deren rechter Seite er ihn als Band austreten ließ (blaue Umrandung) und unter der Wange und dem Kinn vorbeiführte. Bei schlampigem Hinschauen könnte man den Eindruck gewinnen, ich hätte leichte Hamsterbäckchen. Genau so einen Streifen zeichnet er unter Evas linke Wange (grüne Umrandung), doch kann dies kein Kopftuchband sein, da Eva ja nackt ist, in Wirklichkeit aber auch kein Fleischwulst, da das Gesicht der Urmutter ja ansonsten ebenmäßig schlank und hübsch ist. Es konnte daher nur ein Wink an mich sein: schau her, das bist DU, das schönste Weib, Eva (gerade noch) im Paradies. Gib acht, das sind DEINE Haare, deren Schönheit somit aufbewahrt ist für alle Welt und alle Zeiten, wie ich es dir versprochen hatte. Und es stimmt: es ist mein langes gelocktes Haar, das in nicht endenwollenden Flechten weit über meine Schultern fällt, weshalb auch meine Haube so umfangreich sein muss, um auch die letzte dünne Strähne zu verdecken, die Haube, unter die ich kam, als ich Nikolaus Tucher die Hand zum Ehebund reichte, und die mich nun drückt, als ob sie aus Blei wäre, die Haube, die aber auch glücklicherweise mein Haar für Außenstehende verdeckt, die mich somit nicht mehr mit der Eva von Dürers „Sündenfall“ in Verbindung bringen können, denn der Einzige, der mein Haar seit meiner Hochzeit je zu Gesicht bekam, ist mein Gatte, und den interessiert es längst nicht mehr, er schaut es nicht einmal mehr an, geschweige denn, dass er seine Finger spielerisch darin vergräbt, wie noch zur Zeit junger Verliebtheit. Und damals, bei der letzten Modellsitzung, sah eben für wenige Augenblicke Dürer mein Haar, und ich verlängerte ihm diese Momente, solange ich konnte, denn ich spürte – wie dies schon die Menschen in ferner Vergangenheit und in vielen Kulturen empfanden – dass diese Haare Sitz meiner Seele und Lebenskraft waren, an der ich ihn willig partizipieren lassen wollte, da ich nichts anderes mit ihm körperlich teilen konnte.

Jetzt, eine alte Frau geworden, ist mein fetischgleiches Haar dünn, schütter und grau geworden. Wie gerne träume ich aber heute noch, ich stünde auf dem Umgang des hohen Turmes der Nürnberger Burg, umstrichen vom schreienden Star, und ließe, gleich einer Mänade, den Sturm mir wühlen im flatternden Haar. Und ich wollte, der Orkan würde mich fassen wie ein wilder Geselle; wir würden uns kräftig umschlingen und Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand, auf Tod und Leben dann ringen! Oder ich sehe mich mit wehenden, von der Gischt durchnässten Locken am Strand des italischen Meeres, wie es mir Dürer geschildert hatte; nackt würde ich springen in die tobende Meute der klafterhohen Wogen! Oder mit meinem Maler möchte ich sitzen in einem kämpfenden Schiff; er hätte mir großmütig – trotz des lebensgefährlich auf und nieder sich drehenden Kiels, der über das brandende Riff zischte – das Steuerruder überlassen, wie einem männlichen Gefährten, und dennoch vernarrt in meine von Seemöven gestreifte weibliche Haarpracht.

Dann werde ich wieder wach und nüchtern und weiß, dass ich gefangen bin in diesen von scheinheilig tugendhafter, doch kernfauler Moral aufgetürmten, alles Lebensfrohe, Heitere, Trunkene und Mutige abwehrenden Wellenbrechern („Murazzi“ nennen sie die Venezianer, wie mich Dürer lehrte) aus Geldsäcken und Schatztruhen. Und dass ich – von Kind an dazu erzogen – nur fein, klar und artig dazusitzen habe, und nicht einmal heimlich mein Haar lösen darf, um es flattern zu lassen im Winde!

Doch mein gedankenschweres Sinnen lässt sich nicht einzäunen, es drängt weiter, denn es weiß, dass es gewiss noch vieles geben musste, was der geniale Dürer aussagen wollte mit der symbiotischen Kombination der beiden Frauenbilder, der „Elsbeth“ und der „Eva“.

Bedeutete das gewählte Thema des „Sündenfalls“, dass er ahnte, oder wusste, dass wir, als wir stumm nach seinem letzten Pinselstrich auseinanderschieden, nur eine Handbreit entfernt waren von einem Schritt, der ungeahnte Konsequenzen nach sich gezogen hätte.

Es wäre mein Untergang gewesen, ebenso wie seiner. Wolkenkuckucksheime gedeihen weder an der Pegnitz noch in der Lagune. Eine neidige Umgebung demoliert sie, reißt sie nieder bis auf die Grundmauern, ja gräbt selbst diese noch aus und streut Salz in die entstandenen Erdfurchen. Und ihre Bewohner – die Gesellschaft wird nicht ruhen, bis es von ihnen heißt: „Verdorben! Gestorben!“

Ein heißer Wachstropfen fällt vom niedergebrannten Kerzenstumpf, den ich halte, auf meine Hand. Der stechende Schmerz auf meiner Haut entspricht jenem in meiner Seele. Und so glühend fließen nun auch meine Tränen, welche die Flamme auslöschen. Im Dämmern taste ich mich in mein kaltes Schlafgemach.

Ade, Albrecht! Mein Sehnen, mein Wähnen, es träumt sich zurück. Zurück in die Zeit, als du mich zuerst mit dem Zauber der Ferne umgarntest, um dann einen unlöschbaren Brand in meine Seele zu werfen. Jetzt und hienieden trennt uns deine schon zu Lebzeiten erlangte Unsterblichkeit. Gibt es ein Auferstehen? Werden wir uns wiedersehen? Wirst du mich erkennen am Jüngsten Tag an meinem dunkelgoldenen Haar? Und wenn ja – wird dann das Blut heiß in uns kreisen dürfen, das hier auf Erden die eisigen Kompressen der Konventionen zum Erstarren brachte. Wird uns dann drüben Tanz, Rausch, Glut und Kuss beschieden sein?

Betrachte ich die überirdische Vollkommenheit deiner Bilder, und sei es „nur“ den „Flügel einer Blauracke“, den du als Mensch dem göttlichen Schöpfer nachgeschaffen hast, dann weiß ich: es wird so sein!

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