CHRISTI HIMMELFAHRT

Für mich ist seit langem die schönste musikalische Gestaltung der „Himmelfahrt Christi“ J. S. Bachs gleichnamiges Oratorium „Lobet Gott in seinen Reichen“ (BWV 11, D-Dur). Ich möchte nun auch sehen, wie das Thema in der bildenden Kunst behandelt wurde. Die Palette der Bilder reicht weit: von der starren, statuenhaften Auffahrt bis zur wilden, ekstatischen Bewegung.

Andrea Mantegna: statuenhaft(1431-1506); bedeutender italienischer Renaissance-Maler; Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Andrea_Mantegna_012.jpg
Sebastiano Ricci: wild bewegt; https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Ricci_-_Christi_Himmelfahrt,_1702,_Gal.-Nr._548.jpg

Sebastiano Ricci (getauft 1.August 1659 in Belluno; † 15. Mai 1734 in Venedig) war ein italienischer Maler des Barock und ein Vorreiter des Rokoko. Er gilt als einer der wichtigsten und einflussreichsten venezianischen Maler seiner Zeit. Eine internationale Karriere führte ihn nicht nur in andere Gegenden Italiens, sondern auch nach Wien, London und Paris.

Ich möchte euch aber nicht zu weiteren dieser Meisterwerke führen, die ihr selbst im Internet unter „Himmelfahrt“ googeln könnt, sondern ich mache euch lieber auf eine kleine Köstlichkeit aufmerksam, über die nur wenige Bescheid wissen dürften.

Das erste Mal dürfte ich dieses Details auf einem Fastentuch gesehen haben. Die sind eine kunstgeschichtliche Kärntner Spezialität und stellen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament dar. Mit ihnen wurden die Hochaltäre in der vorösterlichen Fastenzeit verhängt. Ich nehme z.B. die „Himmelfahrtsszene“ auf dem Baldramsdorfer Fatentuch her:

Foto: © Harald Hartmann, 2007 (verändert); Quelle: https://www.sagen.at/doku/fastentuecher/Fastentuecher_Kaernten_3.html

Die roten (von mir eingefügten) Pfeile weisen auf zwei Fußabdrücke hin. Und da dachte ich mir zunächst: dieser Maler war ganz besonders originell, er hinterließ auf dem Boden, auf dem Jesus zuletzt gestanden war, Abdrücke, wie man sie kurzfristig produziert, wenn man etwa am Meer an der Wasserkante im nassen Sand spazieren geht. Ich dachte mir: Genial! Letztes Andenken an Christus, das wohl schon wieder früher verwischt wäre, bevor noch der Caelsonaut 😊 im Himmel angekommen sein würde.

Verwundert war ich, als mir Abbildungen von anderen Kunstwerken unter die Augen kamen, die dasselbe Detail aufwiesen. Hier ein paar Beispiele (wieder füge ich rote Pfeile ein):

Berghofen (Nebenkirche St. Peter und Paul), Wandmalerei um 1400; Bild: EOM, HA Kunst, (verändert); Fotograf: Bunz; Quelle: https://www.erzbistum-muenchen.de/spiritualitaet/christi-himmelfahrt-ausgewaehlte-kirchen-im-erzbistum
Antwerpen, 16. Jh. (jetzt im Wallraf-Richarts-Museum in Köln); Quelle: https://museenkoeln.de/portal/bild-der-woche.aspx?bdw=1999_19
Oswald Kreusel: Millstätter Fastentuch (1503); Quelle: https://picryl.com/media/oswalt-kreusel-millstatter-fastentuch-christi-himmelfahrt-4dad8a
Francisco Camilo: die Fußspuren sind auch ohne Pfeil deutlich zu erkennen Quelle: https://en.m.wikipedia.org/wiki/File:Francisco_Camilo_-_Ascension_-_Google_Art_Project.jpg

Francisco Camilo (1610-1671) war ein spanischer Maler, der Sohn eines italienischen Einwanderers, der sich in Madrid niedergelassen hatte. Als sein Vater starb, heiratete seine Mutter den Maler Pedro de las Cuevas, der ihn wie einen eigenen Sohn behandelte und in seiner Kunst unterwies. Camilo malte u.a. in vielen bedeutenden Klöstern Spaniens.

St. Niklausen (Kapellen am Flüeli Ranft); Schweiz: 1370; https://eichinger.ch/eichifamilyhom/Reisen/Jakobsweg/Schweiz/10-Stans-Sachseln/Stans-Sachseln_Ranft.htm
Christi Himmelfahrt: Fresko im Limburger Dom; Quelle: https://bistumlimburg.de/beitrag/christi-himmelfahrt-im-georgsdom/
Antwerpen: flämisches Poliptychon aus der Werkstatt des Pieter Coecke van Aelst 1542; Quelle: https://rlp.museum-digital.de/singleimage?imagenr=42876

Nun verstand ich eigentlich die (Kunst)Welt nicht mehr. Das konnte ich doch nicht glauben, dass so viele Künstler unabhängig voneinander diese Idee der Fußabdrücke gehabt haben könnten!? Und dafür, dass einer vom anderen abgezeichnet hätte, dafür lagen die Werke zeitlich und räumlich zu weit voneinander entfernt.

Eher durch Zufall (da ich leider nie eine Reise nach Israel machen konnte) bin ich auf die spannende Lösung des Rätsels gekommen. Es besteht ja die Überlieferung, Christus sei vom Ölberg aus in den Himmel aufgefahren (manche Bilder zeigen ja so etwas wie eine Felssäule als eine Art Startrampe). Und da hatte man tatsächlich vor Jahrhunderten etwas im Felsen entdeckt, das aussah wie die Abdrücke zweier Füße:

Quelle: https://www.thorstenhansen.com/israel/
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Himmelfahrtskapelle_%28Jerusalem%29#/media/Datei:Chapel_of_the_Ascension_1_(741).jpg

Nun, „das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“ (Goethe), also baute man flugs die sogenannte Himmelfahrtskapelle“ auf dem Ölberg rundherum!

Quelle: https://www.israelmagazin.de/israel-christlich/himmelfahrtskapelle

Es wurde sehr früh nach Jerusalem gepilgert. Sogar Frauen hatten frühzeitig die enormen Strapazen auf sich genommen, um den heiligen Stätten nahe zu sein, Da gab es im 4. Jahrhundert eine gewisse Egeria. Sie war wahrscheinlich eine Laienschwester aus Nordspanien oder Südfrankreich, die eine ausgedehnte Reise in den Nahen Osten unternahm und als erste Pilgerin schriftliche Aufzeichnungen (in Form von Briefen an ihre daheim gebliebenen Glaubensschwestern) über ihre Eindrücke und Erlebnisse hinterließ. Es wird angenommen, dass sie eine vermögende und gebildete Frau war, die sich – wie zu ihrer Zeit üblich – nach dem Tod ihres Gatten zu einem spirituellen Leben entschloss und auf Pilgerfahrt begab. Sie erhielt Geleit von einer militärischen Eskorte und von lokalen Geistlichen. Sie war keine Mystikerin, sondern eine Chronikerin mit scharfem Verstand, die neugierig und interessiert war, zu den besuchten Plätzen aber eine gewisse beobachtende Distanz wahrte. Egeria ist das klassische Beispiel einer rastlosen Pilgerin, die sich am Ende der ursprünglichen Reise zu einer lebenslangen Pilgerreise entschloss und vor hatte, bis zu ihrem Lebensende weiter zu reisen.

Eine Gleichgesinnte war im 4. Jahrhundert Paula. Auch sie war Witwe und Mutter von fünf Kindern, als sie im Alter von 33 Jahren von Rom zu einer Pilgerreise ins Heilige Land aufbrach. Sie begleitete den Kirchenvater Hieronymus, der sie in seinen Schriften als „typisch weiblich“ mit übersteigerten Emotionen beschrieb. Im Heiligen Land gründete sie ein Kloster, wo sie bis zu ihrem Lebensende blieb.

Während der Kreuzzüge (11.-13. Jahrhundert) pilgerte nun Kreti und Pleti ins Heilige Land. Das war nun nicht gerade immer die vornehmste Gesellschaft. Viele hatten nicht die geringsten religiösen Absichten, sondern waren Glücksritter und Abenteurer, wohl auch solche, die genug hatten vom heimatlichen Kindergeschrei und der keifenden Ehefrau. Modern gesprochen, verkündeten sie einfach eines Abends, sie gingen nur schnell einmal „Zigaretten holen“, und bogen dann eben rechts ab nach Jerusalem! Das Wienerische kennt den Ausdruck „Pülcher“ für einen Gauner, Strolch, Asozialen, Halbstarken bzw. Prolo. Der Ausdruck geht tatsächlich auf das mittelhochdeutsche „pilgerim“ (Pilger) zurück, und somit auf jenes Gesindel, das da damals auch neben den Frommen bis Palästina unterwegs war.

Was aber brachten jene, die sich fromm alle Heiligtümer angeschaut und heil zurückgekehrt waren, mit sich? Natürlich Erzählungen und Berichte, und darunter wohl auch die Schilderung, sie hätten auf dem Ölberg die Fußabdrücke Christi, bevor er in den Himmel fuhr, gesehen. Und viele Maler hielten sich natürlich an diese Berichte. Ein Stück abendländischer, mit dem Orient verbundener Geschichte – da und dort zu entdecken auf einem kleinen Bilddetail!

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