In diesen Tagen fand an einer Stelle, die topografisch noch nie genau erfasst wurde, und die von einer beträchtlichen Zahl von Menschen überhaupt geleugnet wird, eine brisante Besprechung statt, den gegenwärtigen katastrophalen Zustand der Erde betreffend, wie er von ihren unwürdigen Bewohnern herbeigeführt worden war.
Was mir in diesem Zusammenhang durch einen in Österreich verehrten Heiligen heimlich „gesteckt“ wurde (aus Gründen des Informantenschutzes verrate ich selbstverständlich seinen Namen nicht, denn er würde vom alleröbersten Gerichtshof vermutlich zumindest vom „Heiligen“ zum „Seligen“ herabgestuft werden) ist von höllischer Brisanz.
Dass ich es hier wiedergebe, ist natürlich ein schwerer Verstoß gegen jegliche „theological correctness“ und müsste eigentlich zu meiner sofortigen Exkommunikation führen. Da aber die Mühlen des Vatikan bekanntlich sehr langsam mahlen (außer es handelt sich um die Seligsprechung eines Habsburgers – im Volksmund wird er „Krampfadern“-Karl genannt – auf Betreiben eines einstmals u.a. auch als Boxer bekannten Bischofs), bin ich überzeugt, dass meine Causa (wenn überhaupt) durch den höchsten Appelations-Gerichtshof behandelt werden und mit einem Freispruch oder höchstens ein bisschen Fegefeuer enden wird. Ich berichte daher unverzagt, was mir zu Ohren gekommen ist.
Wie bereits angedeutet, fand im Himmel (für alle, die daran glauben) eine umfassende Lagebesprechung über den weiteren Umgang mit Mensch und Natur auf Erden statt. Grundsätzlich soll der Eindruck entstanden sein, dass sie eine Art Ultimatum einläuten sollte.
Da mein Gewährsmann ein wenig zu spät kam (naja, ich habe ja schon erwähnt, dass er zu Lebzeiten Österreicher war, då nimmt man’s net so genau), hörte er als erstes, dass der Große Vorsitzende seinen Feldherrn ansprach: „Michael, ich hatte dich vor fünf Jahren ausgesandt, dieser total verkommenen Welt dort unten, die meiner Schöpfung nicht mehr ähnelt, einen ersten Denkzettel zu verpassen, indem du die Pariser Kathedrale „Notre Dame“ mit deinem Flammenschwert auf höchst mysteriöse Weise in Brand setzen solltest. Das ist dir danach trefflich gelungen.


Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fl%C3%A8che_en_feu_-_Spire_on_Fire.jpeg
Doch nach einem ersten gewaltigen Schock ging man sehr schnell zur Tagesordnung über. Der französische Präsident Macron ordnete einfach an – als ob er „Gott in Frankreich“ wäre – , dass die Kathedrale spätestens bis zur Pariser Olympiade 2024 instand gesetzt sein müsse, koste es was es wolle. Diese Vorgabe sollte keinesfalls Glauben und Frömmigkeit unterstützen, sondern nur seinem weltlichen Prestige dienen, auf dass auch jene kulturbeflissenen Touristen, die sich während des größten Sportspektakels in die französische Hauptstadt verirren würden, sein vielstrophiges Loblied singen müssten.
Dabei sind mir Olympiaden eo ipso ein Dorn im Auge (und der stammt nicht von meinem einst brennenden Busch auf dem Sinai). Seit die in der Antike hehre und sogar noch mit Kultur verbundene Idee sportlich fairen Wettkampfs 1896 wieder aufgegriffen wurde, wälzen sich schmutzige Politik, Mammon, Korruption, Nationalismus und Rassismus mit Frau Olympia im Bett, die mittlerweile einen höchst zweifelhaften Ruf genießt, wie man dem kürzlich erschienenen mutigen Buch „Olympia“ von Peter Filzmaier entnehmen kann. Schon der vielgepriesene Pierre de Coubertin war keineswegs eine kulturgeschichtliche Lichtgestalt, sondern ein faschistoider Dunkelmann. Ich muss mir noch überlegen, ob ich dem Monsieur Macron nicht doch größere Probleme bei seinen sportlichen Spielen bereiten sollte. Er schwitzt sich ohnedies schon nieder bei der Sorge, wie er den Glamour einer unvergesslichen Eröffnung mit deren hundertprozentiger Sicherheit in Einklang bringen wird können. Vielleicht sollte auch die Pariser Olympiade zu einem unvergesslich katastrophalen Fiasko werden, so wie 1972 jene von München, wobei freilich meinem Todesengel Ezrael (wie ihn die Äthiopier nennen) nie wieder ein so idiotischer Irrtum passieren dürfte, sonst ist er selbst dran und der ewigen Vernichtung anheimgegeben. Mein Auftrag hatte damals selbstverständlich gelautet, dass er die palästinensischen Attentäter hinwegmähen sollte. Und da bringt der Tölpel alles durcheinander und mordet die Athleten aus meinem auserwählten Volk.
Ich hätte das damals schon zum Anlass nehmen sollen, um die irrgläubigen Palästinenser mit Stumpf und Stiel auszurotten. Ich bin immer noch zu gütig und barmherzig. Hätte ich beizeiten schon streng gehandelt, dann wäre es niemals zu den jetzt tobenden furchtbaren Gaza-Schlächtereien gekommen, vom Zaun gebrochen eben von dieser entmenschten Hamas.
Vorsichtig erhob sich da im Hintergrund eine gepflegte Stimme. Es war St. Ivo, der Patron der Rechtsgelehrsamkeit.

Er hub an: „O Herr, bitte mache dir keine Vorwürfe. Wie hättest du deinen Vernichtungsplan denn anstellen sollen, ohne Israel, dein eigenes Volk, genauso in Mitleidenschaft zu ziehen! Zu eng sind doch beide Gebiete verwoben. Keine Naturkatastrophe und keine Seuche ließe sich so abzirkeln, dass es nicht beide Ethnien treffen würde. Und selbst wenn du damals schon einen kriegerischen Flächenbrand in der gesamten Region entzündet hättest. Man hätte es einzig und alleine dir als israelitischem יהוה in die Schuhe geschoben. Alle Welt hätte dich maßlos verflucht. Und da man ja zurecht auch das Christentum mit dir verbindet, wären im ganzen muslimischen Bereich von Ägypten bis in den Iran wieder hunderte Christen ermordet und ihre Kirchen geschändet oder in Brand gesetzt worden. Nicht einmal mit mir als Verteidiger wäre ein Freispruch für dich in der internationalen Meinung zu erreichen gewesen. Sieh dir nur an, wie sich jetzt im Gaza-Krieg der Hass gegen die Juden wieder unfassbar verstärkt hat, letztlich bis in die UNO, den Sicherheitsrat und die Studentenschaft amerikanischer Elite-Universitäten hinein. Gar nicht zu reden von der lächerlichen, letztlich aber bestürzenden Klage Südafrikas gegen Israel wegen Völkermords, sowie jene nicht minder idiotische von Nicaragua gegen Deutschland wegen Beihilfe zum Völkermord.“
Der heilige Ivo war zum Schluss gekommen. Nun trat eine minutenlange Stille ein, alles hielt den Atem an. Doch Gottvater strich sich nur über seinen weißen Bart, den er nur mehr trug, weil noch viele kleine Kinder sein Bild so vor Augen hatten, ebenso wie ganz alte Betweiblein nie eine andere Vorstellung von ihm gehabt hatten.
Dann murmelte er in eben diesen Bart so gut wie unhörbar (und das war gut so, denn seine verbitterten Äußerungen waren an „political incorrectness“ nicht zu überbieten): „Was sind denn das jetzt für perverse Zeiten – wenn ich das schon höre: Demokratie, Menschenrechte, Gleichheit und Brüderlichkeit! Wie problemlos war es doch beispielsweise einstmals, das ägyptische Heer zu vernichten – Rotes Meer teilen, und dann wieder rechtzeitig zusammenklappen, das war’s! Und da war nie von Genozid die Rede. Auf den Steintafeln, die ich dem Moses übergab wäre gar kein Platz für Völkerrecht gewesen, und kein Mitglied eines Schiedsgerichts hätte aus Furcht vor meinem Rächerblitz gewagt, mit dem Schlag des Richterhammers mich zu verurteilen.
Aber ich bin ja wohl auch selbst schuld. Als ich für die Menschen noch ein junger Gott war, kannte und erzählte man noch jenen Mythos, dass Zeus einfach mit seinen mächtigen Gegnern, den Titanen, kurzen Prozess gemacht und sie auf ewig weggesperrt hatte. Genau das hätte ich machen sollen, als dieser Mohammed aus dem Stand heraus diesen Allah erfand, den jetzt Millionen ehemalige Kameltreiber anbeten, wobei manche rettungslos Liberale sogar behaupten, er und ich seien dieselbe Person. Wie einst Sodom und Gomorrha hätte ich damals Mekka und Medina vernichten sollen. Aber das ist – wie ich immer zu sagen pflege ‚verschüttete Milchstraße‘, oder [und hier soll er unverschämt gegrinst haben] ‚hintendrein reitet die Urschel mit ihren 11.000 Jungfrauen!‘
Ivo, Euer Ehren! Ich habe dich ja schon manchmal erbost Paragraphenreiter, Haarspalter, Pfennigfuchser oder gar Korinthenkacker genannt, wenn du mir mit deiner Pedanterie auf die Nerven gegangen bist. Diesmal freilich hast du mich zum Grübeln gebracht, so ungern ich dies zugebe. Ich werde also noch einmal über die Pariser Olympiade nachdenken und verspreche dir, dich rechtzeitig als meinen Rechtsbeistand über meinen endgültigen Entschluss zu informieren.
Aber nun zurück zu zeitlich Vordringlichem! Also, meine treuen Vasallen, ich würde gerne eure Berichte über dieses vergangene Lustrum hören, das ihr mit meinen Aufträgen auf der Erde verbracht habt.
Vielleicht fangen wir mit euch an, ihr wackeren Pest-Spezialisten, die ich einst in Salerno, zu Padua, Bologna und in Montpellier habe studieren lassen, die ihr dann im St. Thomas Hospital unweit der London Bridge euren Turnus gemacht habt, und später dann noch zur Weiterbildung nach Berlin an die Charité, an das Pariser Institut Pasteur und an das Hôpital de la Salpêtrière geeilt seid.
Als wohl prominentester Wortführer der Angesprochenen antwortete Sankt Sebastian dem Allerhöchsten: „O Herr, anfangs waren wir äußerst erfolgreich. Nachdem Cosmas und Damian unter Assistenz von Luzia und Ottilie unserer Rosalia die Augen so umoperiert hatten, dass sie ohne weiteres als Chinesin durchgehen konnte, und in ihren Körper ein paar Implantate eingesetzt wurden, die ihre weiblichen Reize für den Geschmack der Männer aus dem Reich der Mitte unwiderstehlich machten, war es für sie ein Leichtes im chinesischen Chemie-Labor von Wuhan angestellt zu werden. Und das nicht nur wegen ihrer Attraktivität und ihrer hervorragenden Sprachkenntnisse (hatte ihr doch Katharina von Alexandria, die größte Gelehrte aus unseren Reihen, in kürzester Zeit chinesische Sprachkenntnisse im besten Kantonesisch beigebracht), sondern vor allem auch wegen ihrer herausragenden virologischen Fachkenntnisse. Von dort aus konnte sie dann unschwer jenes Virus hinaus in die Freiheit der ganzen Welt entlassen, das dann zumindest drei Jahre lang Angst und Schrecken verbreitete – zunächst in der rabiaten Phase wegen der vielen Todesfälle, später dann wegen der bis heute nicht geklärten Langzeitfolgen in gar nicht so wenigen Fällen. Und schließlich hat die Frage „Impfpflicht – ja oder nein“ die Gesellschaft in einem nie geahnten Ausmaß gespalten.
Allerdings hatten wir nicht mit dem immer stärker anwachsenden Leichtsinn der Menschen gerechnet. Sie wollten einfach – allen noch immer lauernden Gefahren zum Trotz – um jeden Preis wieder ins Wirtshaus, in die Sporthalle, ins Kino, zu Vorträgen, Partys, Bällen und sonstigen Tanzveranstaltungen, in die Oper und in den Konzertsaal u.s.w. Sie wählten allerblödeste Gesundheitsminister aus, nachdem sie die guten und verantwortungsvollsten in die Wüste geschickt hatten.
Vor allem musste in ihren Augen die Wirtschaft wieder so schnell wie möglich florieren, koste es, was es wolle. Und der schulische Heimunterricht musste wieder schleunigst abgeschafft werden, auf dass sich jeder in aufrichtiger Zu-Neigung bei seinem Banknachbarn anstecken konnte.
O Herr, ratlos sind wir zurückgekehrt und erwarten deine Direktiven, denn alleine wissen wir nicht weiter!“
Da lobte sie Gottvater: „Ihr habt an und für sich gute Arbeit geleistet. Für die grenzenlose Dummheit vieler Menschen könnt ihr nichts. Anscheinend hat das chinesische Virus nicht den Erfolg gezeitigt, den man sich hätte erwarten können. Da werde ich wohl wie im Mittelalter meine Pfeile in stärkeres Gift tauchen müssen, um sie auf all die Bornierten abzuschießen.
Ich muss nachdenken. Vielleicht wäre es eine geeignete Option, die Pest wieder aufleben zu lassen. Ich würde mich mit euch, Sebastian, Rosalia und Rochus, die ihr die Pestheiligen par excellence seid, gerne später noch beratschlagen.

Augsburg, Werkstatt des Meisters der Ulrichslegende, um 1460/70. Aufnahme: Reproduktion nach: „Auktionskatalog Altes Kunstgewerbe. Plastik – Gemälde des 15.–18. Jahrhunderts aus süddeutschem Privatbesitz. […]“ Münchener Kunstversteigerungshaus Adolf Weinmüller, Katalog 12, München 1937, Taf. III.
Doch nun zu den anderen Bereichen. Ich bitte zunächst dich, Christophore, Beherrscher der überschäumenden Fluten, um deinen Bericht.“
Dieser ergriff das Wort: „Gewichtiger Weltenträger! Auch ich tat bisher, was ich konnte, und – ohne mich zu rühmen – mit nicht unbeträchtlichen Erfolgen, die vom indischen Kerala bis Italien (hier vor allem im Jahr 2023), von Nigeria bis Griechenland, von den Sturmfluten der Nordsee bis China und von Neuseeland bis Spanien reichen. Auf die Einzelheiten einzugehen, würde zu lange dauern, deshalb möchte ich, wenn es dir recht ist, nur auszugsweise berichten.
Mein Meisterstück habe ich jetzt gerade, bevor ich heraufkam, abgelegt. Ich habe nämlich Dubai und Umgebung, einen Begriff von Wüste schlechthin, unter Wasser gesetzt. Solches hatten sie dort seit 70 Jahren nicht mehr erlebt. Ich habe ihren Flughafen, einen der größten der Welt, geflutet, sodass noch immer tausende Passagiere in den Hallen auf dem Boden sitzen und übernachten müssen, denn nichts geht mehr. Die muslimischen neureichen Säcke hatten so etwas niemals erwartet und daher nur für ein lächerlich schwaches Kanalsystem gesorgt.
Im vorigen Sommer habe ich aber auch in kleinerem Maßstab einer unglaublich seichten und unterhaltungssüchtigen Schickeria einen Denkzettel erteilt, und zwar in Österreich am Kärntner Wörthersee. Ich habe nämlich zwei Mal mit enormen Platzregen und Hagelschloßen von der Größe eines Tennisballs den Seespiegel um einen Meter steigen lassen und somit ihre Playgrounds und Bootsbrücken unter Wasser gesetzt.
Um grenzenlose Verwirrung zu stiften, habe ich aber auch mit meinen diametralen, für die meisten völlig unerwarteten Fähigkeiten gewaltig Verwirrung gestiftet – als ich nämlich 2021/22 große Bereiche des Po, des größten italienischen Flusses, habe austrocknen lassen. War das ein Spaß, der die norditalienischen Erzkapitalisten völlig ratlos machte. Dasselbe galt für die spanische Südküste und den österreichischen Neusiedlersee.“
Gottvater musste tatsächlich auch herzhaft lachen und rief: „Genug! Du hast einzigartige Stück’ln gespielt. Ich weiß, ich kann mich auch weiterhin auf dich verlassen!
Nun zu euch, Bartl und Laurenzi! Ich hatte euch ja für die großen Waldbrände eingeteilt, da dem einfachen weltlichen Volk ja über Legenden irgendwie bekannt wurde, dass du, Bartholomäus, wegen deiner Heizerqualitäten von den Römern schon beim Rösten des Laurentius eingesetzt warst, bevor du bald darauf selbst das Martyrium erlitten hast. Gemäß dem irdischen Heiligenkalender heißt es ja: „Schür, Bartl, schür, in 14 Tagen ist’s an dir.“ Und du, Laurentius bist ja als ‚Grillmeister‘ avant la lettre bekannt.

Die beiden Heiligen klopften sich herzhaft lachend auf die Schultern und beschlossen gleich, nachher selbander auf ein Bierchen zu gehen, war doch Laurentius auch der Patron der Bierbrauer. Dann aber berichteten sie eilig: „Domine! Wir waren sehr eifrige Brandstifter für viele Biedermänner im Geiste, die aus Dummheit noch glimmende Zigaretten im dürren Wald wegwerfen, oder Lagerfeuer beim Verlassen nicht sorgsam genug löschen, beziehungsweise noch glühende Asche von der letzten Speisenbereitung aus ihren Grillkaminen achtlos ins Freie entsorgen. Auch gewissenlose Bodenspekulanten waren uns eine große Hilfe. Ihnen ist jedes Stück unversiegelter Boden ein Dorn im Auge. Vor dem inneren Auge ihrer Fantasie schaffen sie es, jedes Waldstück, das sie einfach hässlich finden, durch gewinnbringende, aus Beton hingeklotzte Wolkenkratzer zu ersetzen. Mit Andersdenkenden diskutieren sie nicht, sondern spielen sich – scheinbar ganz absichtslos und in Gedanken versunken – lieber mit ihren lackierten und vergoldeten Dupont-Feuerzeugen, am liebsten übrigens neben dürrem Buschwerk. So erleichterte die menschliche Borniertheit und ihre unstillbare Geldgier unsere Arbeit enorm. Es war manchmal – vor allem natürlich in der Méditerranée, aber etwa auch in Kalifornien oder Australien – fast wie ein Urlaub, aber pflichtbewusst haben wir uns etwa auch Sibirien, Brandenburg, Sachsen und Kanada zugewendet.
Wir wollen uns bei dieser Gelegenheit aber auch ausdrücklich bei zwei Kollegen bedanken, bei Nikolaus und Erasmus. Sie waren seit je die verlässlichen Bewahrer von rechtschaffenen und gläubigen Seefahrern vor mörderischen Stürmen. Du, unvergleichlicher Admiral, hast ihnen aber zurecht jegliche Hilfestellung verboten, seit auch die „christliche“ Seefahrt immer mehr der Profitgier erlegen ist und unglaubliche Schäden für die Natur anrichtet. Wir sprechen nicht nur von havarierten Öltankern, deren giftige Last ins Meer strömt und dort Fauna und Flora auf Jahre hinaus schädigt.

Gemeint sind nämlich auch jene Kreuzfahrtschiffe, deren größtes eine Länge von über einem Drittel Kilometer erreicht, 7 000 Passagiere fasst, die von 2 394 Besatzungsmitgliedern betreut werden. Die Luftverschmutzung dieser Riesen ist enorm, nicht zuletzt, weil nicht einmal bei stundenlangen Landausflügen die Klimaanlagen ausgeschaltet werden.
Und diese modernen Meeresungeheuer ruinieren auch brutal seit vielen Jahren die Stadt deines Evangelisten Markus.
Somit haben Nikolaus und Erasmus mit der Untersagung ihrer Hilfeleistungen zur See und dem neuen Auftrag, einen Beitrag zur Erweckung der Laissez-Faire-Menschheit zu leisten Freiräume bekommen, deren Nutzung sie uns generös zur Verfügung gestellt haben. Das sollte sich als Volltreffer erweisen, denn niemand kennt die infernalischen Taifune, Hurrikans, Zyklone, Orkane und Wirbelstürme besser als sie. Und als diese Luftdämonen nun von den beiden Heiligen gerufen wurden, dachten sie, diese hätten endlich die Seiten gewechselt, und sie bliesen in die lodernden Wälder hinein, mächtig wie noch nie. Ja sie holten zur Unterstützung sogar den antiken Gott Äolus1 aus der Heidenhölle, was wir wegen des guten Zwecks tolerierten.

1Ausschnitt aus Botticellis Gemälde „Primavera“. Äolus heißt hier Zephir.
Gottvater exkulpierte und lobte sie gleichzeitig: „Es sei euch verziehen, denn ihr habt wirklich Wackeres geleistet, wie ich ja auch allen von mir verfolgten Zeitungsberichten und Nachrichtenvideos entnehmen konnte. Ich rechne euch übrigens auch noch hoch an, dass ihr mit eurer „Express-Luftpost“ Sahara-Staub um die halbe Welt exportieren ließt, in einer Quantität wie nie zuvor, was die betroffenen Menschen sehr irritiert hat, gilt das Phänomen doch auch gesundheitsschädlich für Allergiker und Personen, die an Atemwegserkrankungen leiden. Ich prophezeie übrigens, dass es am 23. April beispielsweise in Athen so aussehen wird:


Lasst uns nun aber gleich fortsetzen mit der nächsten Folge von Naturkatastrophen, welche die Erdenbürger endlich zur Raison bringen sollen. Es war mein fester Vorsatz, die Erde in letzter Zeit weitaus öfter ‚rocken‘ zu lassen, als die Jahrzehnte zuvor. Ursprünglich wollte ich diesen Part selbst übernehmen, wäre aber bei der angestrebten Dichte der Erdstöße im Alleingang doch überfordert gewesen, da ich in Anbetracht meiner Eigenschaft als feuriger Blitz- und Donnergott es mir nicht nehmen lassen konnte, über weitest gefächerten Vulkanismus Angst und Schrecken zu verbreiten. Also musste ich nachdenken, wer der Fähigste wäre, die Erde gewaltig zu erschüttern.
Da bedurfte es freilich keiner langen Überlegungen, denn es gab nur einen alttestamentarischen Helden von so ungeheurer Körperkraft, wie sie notwendig war, und das war Samson, der sogar einmal einem Löwen ins Maul fasste und ihn zerriss!

Er war der Schrecken der Philister, die mein Volk Israel so sehr bedrängten. Gar viele von ihnen hatte er erschlagen und wäre weiterhin unbesiegbar geblieben, hätte ihn nicht das korrupte Weib Dalilah an seine Feinde verraten. Sie schnitt dem scheinbar Geliebten im Schlaf das Haupthaar, an das seine Kraft gebunden war, die somit dahin war. Ich habe ihm damals aber für einige ausreichende Augenblicke noch einmal seine Riesenstärke zurückgegeben, auf dass er sich rächen konnte durch das Einreißen der Säulen des Tempels der Philister, von denen er Tausende in den Tod mitnahm.

Tritt hervor, mächtiger Löwen-Zerreißer und berichte von deinen jüngsten Taten:“
Samson: „Unbesiegbar bist du, Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ich will nicht aufhören, dich zu preisen, dass du mir nach meinem Tod nochmals meine volle Kraft hier im Jenseits wiedergeschenkt hast, auf dass ich sie neuerlich zu deinem nicht endenden Lob einsetzen darf. Und genau das habe ich in deinem Auftrag versucht, indem ich die unterirdischen Erdschollen verschoben habe – von Pakistan bis Kalifornien, von Indonesien bis zum Balkan, von China bis Mexiko, und von der Türkei bis zu den Philippinen. Hei, das war ein Auftrag nach meinem Geschmack. Dagegen waren der Löwe und die philiströsen Tempelsäulen nur wie ein Streicheltier oder ein Spielzeug aus Bauklötzen.“
Gottvater: „Wohlgesprochen, riesenhafter Recke! Ich kann deine Begeisterung gut nachvollziehen. Denn – wie schon angedeutet – habe auch ich mich nicht träge auf meinem Wolkenthron herumgeflätzt, sondern umrundete mehrfach die Erde, unberechenbar wie einst die von unser aller Lieblingsdichter Shakespeare ersonnene Figur des Puck – vom Südpazifik und vom Kilauea in Hawei bis La Palma, vom Kongo bis Island, wo ich gedenke, noch lange die hunderte Meter lange Spalte bei Grindavik offen zu halten. Und, Samson, genau wie dich das Rütteln an den diversen tektonischen Platten begeistert hat, so geriet auch ich beinahe in Ekstase beim Heraufpressen der glühenden Lava aus den Höllenkratern.


Freilich musste ich mehrfach mit Entsetzen feststellen, dass die verstocktesten Hedonisten selbst diese Urgewalten als willkommene nervenkitzelnde Abwechslung in ihrem langweiligen Party-Einerlei zwischen den Malediven und Las Vegas ansehen. Keine Absperrungen und keine Warnung über Megaphone, nicht einmal Polizeikräfte können sie abhalten, sich in lebensgefährliche Nähe zu den Funkenregen und kilometerweit in den Äther aufsteigenden Feuer- und Schwefelrauch-Säulen zu begeben.
Manche riskieren ihr Leben für ein gewagtes Selfie, wie unlängst eine Chinesin, die in Indonesien an einen vulkanischen Kraterrand herantrat, um ein besonders perfektes Selbstporträt zu knipsen. Was sie fand, war ein besonders perfekter Tod, denn sie verhedderte sich im Saum ihres langen Kleides und fiel 76 Meter tief in den brodelnden Schlund, wo sie sofort den wohlverdienten Tod fand.
Ach ja, die ganze Materie ist grausig, denn sie erinnert tatsächlich immer wieder fatal an Mephisto und sein Höllenreich.Da brauche auch ich gelegentlich ein bisschen Spaß zur Entspannung. Es ist schon eine ganze Weile her, dass ein gewisser Che Guevara hier heroben angeklopft hat. He, Petrus, kannst du dich noch erinnern?“
Petrus schreckte aus seinem leichten Dösen auf: „Ja, hm! Ich habe dich, o Herr nicht ganz verstanden. Wie lautete deine Frage genau?“ Gottvater schmunzelte: „Ich weiß schon, du bist im Augenblick stark überlastet, da so viele Tote – gefallen in den gegenwärtigen Kriegen, hingerafft durch Seuchen, oder in Naturkatastrophen gewaltsam ums Leben gekommen – an deine Himmelstüre pochen, du aber dennoch den Überblick nicht verlieren darfst. Entschuldige bitte, es war wirklich nichts Wichtiges. Bitte schlaf ruhig weiter!“ Und schon vernahm man aus der Pförtnerloge sanftes Schnarchen.
Der oberste Chef fuhr fort mit überraschenden Erklärungen: „Also, Che Guevara ante portas. Man muss sich nun erinnern, dass Korruption und Bestechlichkeit nicht nur in seiner Heimat, sondern im ganzen Erdteil, von dem er kam, als völlig normal, ja sogar als überlebenswichtig angesehen werden. Und so dachte er, es könne wohl sicher nicht schaden, wenn er einige Kistchen feinster kubanischer Zigarren auf seine Jenseitsreise mitnehmen würde. Fragt mich nicht, wie ihm der Schmuggel gelang, ob heimlich am Fährmann Charon vorbei, oder hatten er und der bereits besoffene Bānļkråma bereits je einen solchen fetten Luxus-Glimmstengel gemeinsam gepafft. Ich will es – meiner Allwissenheit zum Trotz – gar nicht wissen! Wohin käme ich denn auch, wenn ich mich auch noch persönlich um solche Details kümmern müsste.
Jedenfalls haben damals meine beiden Wächter an der Jenseitspforte – der schlüsselgewaltige Petrus und Michael der Seelenwäger – goldrichtig entschieden. Sie nahmen die Zigarren-Humidors an sich, behielten je ein Kisterl für sich und lieferten den beträchtlichen Rest an mich ab. Dabei berichteten sie mir, dass sie den Parade-Revoluzzer einfach für ein paar Äonen ins Fegefeuer geschickt hätten, womit für uns hier heroben das Problem für einige Zeit gelöst wäre.
Aber auch Che soll damit sehr zufrieden gewesen sein, schrappte er nämlich durchaus an einer ewigen Höllenstrafe vorbei, weil er als brutaler Mörder, Folterer und auch sonstiger Menschenrechtsverletzer es gewagt hatte, sich ganz nach dem Porträt meines geliebten eingeborenen Sohnes gestylt hatte, um zusätzlichen unverdient charismatischen Eindruck zu schinden.

Petrus und Michael hatten vorsichtshalber eine juridische Expertise bei St. Ivo eingeholt, die dahingehend lautete, dass die zahlreichen typischen Guevara-Fotos ja auch meinem Sohn zugute kämen, da sie somit auch das traditionelle Christusbild inklusive jenes auf der Turiner Sindon wieder einer breiten Masse zumindest unterschwellig in Erinnerung rufen würden.

Ich war mit so viel diplomatischer Weitsicht und mutiger Eigeninitiative durchaus zufrieden.
Meine gerade an den Tag gelegte Weitschweifigkeit hängt übrigens mit meinem angekündigten Spaß zusammen. Durch die Weltpresse gingen ja kürzlich viel bestaunte Fotos, die ganz regelmäßige und kunstvolle Rauchringe über dem Ätna zeigten. Was glaubt ihr wohl, woher die stammten?

Freilich hat vor Jahrzehnten, als das Rauchen noch schick war, wie allein viele alte Schwarz-Weiß-Filme beweisen, jeder Old-School-Raucher die Kunst beherrscht, geometrisch perfekte Rauchringe in den Salon zu blasen, und sei es nur, um der dort versammelten Weiblichkeit zu imponieren.
Auf diesen meinen ausgedehnten Ausflügen habe ich eigentlich wieder selbst gestaunt, wie sich die von mir geschaffene Erde in ihrem Inneren verhält. Das hat natürlich auch die Menschen von Anbeginn fasziniert, in Schrecken versetzt und belehrende Legenden verfassen lassen, in denen sie etwa Persönlichkeiten, denen sie (eher zu Unrecht) Verleumderisches nachsagten, wie etwa Theoderich in seiner Sagengestalt als Dietrich von Bern, oder den großen staufischen Papstwidersacher Friedrich II., ja sogar den inexistenten König Artus in den Ätna versetzt. Vielleicht könnten die feuerspeienden Berge verbunden mit großen Erdbeben wirklich am ehesten die Leute zum nachdenklichen Schaudern bringen.
Das könnte, geschätzter Samson, bedeuten, dass wir beide künftig noch mindestens einen Zahn zulegen werden müssen. Es ist mir zum Beispiel aufgefallen, dass wir in letzter Zeit kaum einen nennenswerten Tsumani mit hunderten Toten zu verzeichnen hatten. Da wäre gewiss noch Luft nach oben.“
Da meldete sich spontan Christophorus durch Heben seines ausgerissenen Baumstammes, der ihm nach wie vor als Wanderstecken dient, zu Wort:

„O Herr, vergib! Da ist wohl in meinem Bereich etwas schiefgelaufen. Ich hatte den Propheten Jonas als Subunternehmer angestellt. Er hat doch, wie wir alle wissen, beste Beziehungen zu Walfischen. Und so hatte ich ihn beauftragt, nach den Erdbeben in Meeresnähe jeweils eine zusammenhängende Kette von Riesenwalen, Killerwalen, Orcas, großen weißen Haien, Mantas und ähnlich monströsem Meeresgetier in Richtung auf die betroffene Küste zu jagen, und damit die Flutwelle gigantisch zu verstärken. Der Trottel hat sich aber so blöd angestellt, dass er aus den Viechern eine Art stabilen Staudamm errichtet hat, der die Meereswellen zurückhielt und brach, sodass sie den Strand nur mehr verhältnismäßig harmlos umspülten.“
Indem er die Stirne runzelte, ähnelten Gottvaters Gesichtszüge wieder eher jenen des zürnenden Jehova, der er in seiner Jugend gewesen war, und er sprach: „Höchstwahrscheinlich trifft dich, getreuer Fluss-Sherpa Stoffel, keine Schuld. Jonas war bekanntlich schon einmal ungehorsam meinem Wink und Willen. Damals, als ich ihn beauftragt hatte, der sündigen Stadt Ninive die Leviten zu lesen, wollte er sich vor dem Auftrag drücken. Er bestieg absichtlich ein Schiff, das ihn in die entgegengesetzte Richtung bringen sollte. Ich erregte aber alsogleich einen furchtbaren Meeressturm, der das Schiff beinah zum Kentern brachte. Die Besatzung erkannte, dass der fremde Gast wohl das Unheil heraufbeschworen hatte. Daher warfen sie ihn ohne weitere Umschweife in die See.

Jonas und der Wal, Gemälde von Pieter Lastman, 1621; Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Jona#/media/Datei:Pieter_Lastman_-_Jonah_and_the_Whale_-_Google_Art_Project.jpg
Da schwamm ein Wal herbei und verschlang den Widerborstigen, um ihn am dritten Tag an dem von mir vorgegebenen Bestimmungsort nahe Ninive auszuspeien. So hatte ich ihm also gezeigt, wo der Bartl den Most holt.“
Der heilige Bartholomäus zuckte bei dieser Bemerkung zusammen und schaute irritiert aus seiner abgezogenen Haut.
Da beruhigte ihn Gottvater: „Nein, nein, Bartholomäus, das hat mit dir nichts zu tun! Das ist nur so eine jiddische Redewendung, die auch in die Gaunersprache Eingang gefunden hat, in welcher Bartl das Brecheisen, den Dietrich, den Nachschlüssel bedeutet. Und Most wurde noch einmal verballhornt aus Moos, das wiederum ein Deckname für Geld ist. Alles in allem bedeutet der Satz unter Dieben also so viel wie einem anderen Gauner zeigen, wo sich ein Einbruch lohnt, wo man also mit einem Brecheisen eine Türe öffnen kann, um dann drinnen Geld zu stehlen. Im übertragenen Sinne meint der Ausspruch aber jetzt so viel wie jemanden unmissverständlich zurechtzuweisen, ihm zu bedeuten, wo es langgeht, wie er sich zu verhalten hat, oder ihm zu zeigen, wo der Hammer hängt – um es volkstümlich auszudrücken.
Da ich mir also seit damals eigentlich nicht sicher bin, ob ich Jonas wirklich trauen kann, werde ich einen Untersuchungsausschuss unter meinem Propheten Habakuk einsetzen. Und wenn es sich erweisen sollte, dass Jonas wieder feig und unehrlich war, dann werde ich ihn zwingen, dass er sich zur Strafe an die Westküste Australiens begeben muss, um sich eigenhändig im Schweiße seines Angesichts an der Rettungsaktion für die 160 Langflossen-Grindwale, die demnächst stranden werden, zu beteiligen.“

Christophorus: „Auch wenn es dazu kommen sollte, würde deine Strafe noch barmherzig sein. Viel schlimmer wäre es für Jonas, wenn er herausfinden müsste, warum sich die Wale so leminghaft verhalten. Das ist bisher noch niemandem gelungen.“
Nun meldeten sich noch die Soldatenheiligen Demetrios von Saloniki, Theodoros von Eutachïta und Georg unter der Führung des Ranghöchsten unter ihnen, dem Matamoros Jakobus dem Älteren zu Wort. (Letzterer sah übrigens tatsächlich so prächtig aus, wie ihn G. B. Tiepolo gemalt hatte.):

„Divine Generalissime! Wir würden niemals an deiner Taktik zweifeln, aber bitte kläre uns auf, warum du in deiner Weisheit die Kriege, die gerade auf der ganzen Erde toben, aus deinem Strafenkatalog ausgeklammert hast?“
Der oberste Strategos antwortete: „Das ist eine sehr gute Frage, mein geschätzter Apostel und Maurentöter! Auch ich möchte in diese Pestgruben meine Brandfackeln schleudern, doch hatte ich mich, als ich den Menschen schuf, entschlossen, ihm seinen freien Willen zu schenken. Manchmal freilich, in gewissen Stunden, welche die irdischen Groundlings mit ihrer eigenen depressiven Schlaflosigkeit vergleichen würden, habe ich mich selbst schon auch gefragt, ob es damals ein Fehler war, ihnen ein solches Gottesgeschenk zu bescheren, das sie ganz offensichtlich überhaupt nicht vernünftig zu nutzen verstehen. Da ich aber weiß, dass ich mich in meiner Göttlichkeit nicht irren kann, so soll es wohl so sein! Und so muss ich eben ertragen, dass die von mir geschaffenen Menschen ihre sadistischen Machtgelüste, ihre Egomanie, das Imponiergehabe zu klein geratener Diktatoren in kannibalistische Kriege umleiten.
Aber eines kann ich euch versprechen, ihr tapferen Milites Christiani. Wenn die Erdlingees einmal zu weit getrieben haben werden (und ich glaube nicht, dass wir von diesem Zeitpunkt noch weit entfernt sind), dann werdet ihr an meiner Seite an vorderster Front in die letzte apokalyptische Schlacht ziehen, und dieses Armageddon wird gefolgt werden vom gnadenlosen Jüngsten Gericht.
Bis dahin kann ich nur allen Geschändeten, Gefolterten und Dahingeschlachteten zurufen, was der österreichische Komponist Franz Schmidt in seinem Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“ in unsterbliche Töne gesetzt hat:
„Ruhet noch und wartet eine kleine Weile, bis dass eure Zahl voll ist und
eure Mitknechte und Brüder zu euch kommen, die auch getötet werden, gleich wie ihr.
Dann will ich richten und rächen euer Blut an denen,
die auf der Erde wohnen und die gesündigt haben an euch!“
Ich hoffe aber freilich doch auch noch immer, dass sich die Menschheit zum Besseren besinnt – schließlich habe ich die Hoffnung so geschaffen, dass sie als letzte stirbt.
Die heiligen Krieger neigten zustimmend ihre Häupter, salutierten, und traten wieder in den Hintergrund zurück.
Gottvater hatte wieder ganz die Züge Jehovas angenommen und klatschte gebieterisch in die Hände: „Nun ist es aber höchste Zeit, Pläne für die nächste Zukunft zu schmieden. Ich knüpfe gleich an den Anfang unserer Konferenz an. Wir werden wieder mit einem Paukenschlag beginnen, und du, mein Signifer Sancte Michael, wirst dabei wieder die Hauptrolle spielen.
Vor fünf Jahren hatte ich dich ja – wie schon erwähnt – beauftragt, die Pariser Kathedrale ‚Notre Dame‘ anzuzünden, um das symbolisches Signal auszusenden, dass ich der Meinung bin, dass meine Kirche im Laufe der Zeit, aber erst recht in der jüngsten Gegenwart in einen Schweinestall verwandelt wurde. Priester schänden Minderjährige (vorzüglich des eigenen Geschlechts), Bischöfe – schwarz und rußig vor Sünde – leben ganz öffentlich im Konkubinat und machen mit Waffenhändlern krumme Geschäfte, andere verprassen Unsummen für ihren persönlichen Luxus, Usura, also Wucher treiben vermeintliche Seelenhirten mit der Höllenangst reicher Witwen, Risikofinanzierungen sind der Nervenkitzel im Vatikan und seiner Bank, und ich habe daher viel Verständnis für jene im Innersten auf ihre Art noch immer Frommen, die mit Schaudern die Kirchenräume verlassen und ihren Obolus aufkündigen.

Ich möchte jetzt in ganz ähnlicher Art ein Denkmal des frühen Kapitalismus treffen. Daher wirst du, Michael, mit deinem Flamberg2, aus dem wirkliche Flammen aufzucken werden, die alte Börse in Kopenhagen entzünden.
2Beidhändig geführtes Schwert mit einer wellen- oder flammenförmigen Klinge.

Es ist eines der ältesten Gebäude der dänischen Hauptstadt und stammt aus dem 17. Jahrhundert, als König Christian IV. Kopenhagen zu einer internationalen Handelsmetropole machen wollte. Dazu brauchte er eine Börse, an der die verschiedenen Handelsströme zusammenlaufen sollten. Und da gegenwärtig alles jenem liberalen Kapitalismus geopfert wird, der damals schon sich allmählich zu regen begann, mittlerweile aber voll aus dem Schlangenei gekrochen ist, werde ich mein Missfallen auch in diese profane Richtung schleudern. Als erstes, Michael, lässt du den Dachreiter einstürzen, damit man den Zusammenhang mit Paris begreift. Die Erbauer wollten mit den ineinander verwobenen Drachen-Schwänzen zwar die engen Beziehungen zwischen Dänemark, Norwegen und Schweden hervorheben, und die Ungeheuer sollten außerdem ausdrücklich vor Feuersgefahr beschützen. Was ihnen im Lauf der Jahrhunderte auch gelang. Die Börse blieb selbst damals unversehrt, als die Nachbargebäude und sogar das Schloss Christiansborg einem Brand zum Opfer fielen.

Das wollen wir jetzt ändern, denn – wie ihr alle wisst – ist der Drache das Wappen-Tier unseres alten Widersachers Luzifer. Und dieser ist so stark mit dem Kapitalismus verbunden, dass der Volksmund unten auf der Erde zurecht das Bonmot prägen konnte: ‚Als der Teufel das Geld erfunden hatte, konnte er sich sorglos zur Ruhe setzen.‘
Dem gehört einmal ein Fanal entgegengesetzt, und daher wird der Drachenreiter als erstes brennen und einstürzen.

Ob es etwas nützen wird, weiß ich nicht. Der Brand von Notre Dame hatte jedenfalls nicht allzu viel an der herrschenden verlogenen Kirchnpolitik geändert. Nun, wir werden sehen! Auf jeden Fall wird dies nur der Weckruf sein. Morgen ist noch Ruhetag, aber übermorgen widmet euch bitte wieder mit neuem Elan euren Aufgaben. Und legt noch ein paar Scheiter nach, wie man so zu sagen pflegt.“
Sic dicebat Dominus!
Jeder ergreifenden, den Atem stocken lassender Tragödie sollte freilich nach alter Vätersitte so etwas wie ein Satyrspiel folgen. Das ist vielleicht in unserem Fall nicht ganz der richtige Ausdruck, aber vernehmt selbst:
Als sich das himmlische Einsatzkommando zwecks Vorbereitungsarbeiten für die bevorstehenden Aktionen zurückgezogen hatte, und Gottvater, immerhin auch ein wenig erschöpft gerade seine Glieder ein wenig streckte, traten bescheiden zwei Gestalten ein, die zu den liebenswertesten im Paradies gehören: der hl. Franziskus und der selige Fra Angelico.
So sah Fra Angelico den stigmatisierten heiligen Franz von Asissi:3
3Es handelt sich um einen Ausschnitt aus dem Bild „Die Krönung Mariä mit Heiligen“ (zwischen 1437 und 1445) von Fra Angelico (eigentlich Fra Giovanni da Fiesole; 1387-1455). Das Fresko befindet sich in Florenz, S.Marco, Obergeschoß, Dormitorium, Zelle Nr.9 (Ostgang). Quelle (bearbeitet): https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Fra_Angelico_-_Coronation_of_the_Virgin_%28Cell_9%29_-_WGA00543.jpg

Der Gottsöberste winkte sie heran, bot ihnen Platz an und öffnete eine Flasche Chianti von der guten alten Art, wie er vor einem halben Jahrhundert auch uns hienieden jederzeit zur Verfügung stand – eine Himmelsgabe, die wir bei all unserer ohnedies vorhandenen Begeisterung dennoch vielleicht zu wenig geschätzt haben, weil wir meinten, der wahre Gallo Nero würde ewig krähen.
So sollte es aber leider nicht kommen, denn die von unserer Unvernunft hervorgerufene Klimaerwärmung lässt den altgewohnten Ausbau der edlen Tropfen nicht mehr zu. Manche alten Traubensorten mussten neuen, angeblich hitzebeständigeren weichen. Das Lied „Ja, ja der Chiantiwein, der lädt uns alle ein“ ist verklungen. Dennoch bleibt auch ein anderer Restverdacht bestehen: folgen die Änderungen womöglich auch einer behaupteten breiten Geschmacksänderung, die in Wahrheit freilich nur den Vorlieben einer Schickeria geschuldet ist? Oder haben finanzgewaltige Schweizer Weinfirmen die Hand im Spiel, wofür es auch Gerüchte gäbe?
Eines ist jedenfalls klar: im Himmel lagern noch viele Hektoliter von dem guten alten Toskaner, da es hier ja keine Klimaerwärmung gibt, ebenso wenig wie vergängliche Geschmacksmoden. Und die Schweizer sind dort oben nur eine bedeutungslose Minderheit wegen ihrer treuen Gefolgschaft zu Zwingli und Calvin.
Die beiden Italiener hatten übrigens auch eine gute Jause mitgebracht, wie man sie zu ihren Lebzeiten in ihrer ehemaligen Heimat in Begleitung eines edlen Tropfens schätzte: Prosciutto crudo, Salami, Mortadella, Grana, Gorgonzola, Bel Paese, Oliven, Artischocken, getrocknete Tomatenstücke und Zwiebelchen.
Die so entstandene gemütliche Atmosphäre verhieß ein gutes Gespräch, das S. Francesco einleitete: „O Herr, du weißt, dass du mich für mein irdisches Leben mit einer unendlichen Liebe zu meinen Mitmenschen ausgestattet hast, ebenso wie mit einer alles erduldenden Leidensfähigkeit, weshalb ich auch die Wundmale deines Sohnes als Stigmata tragen durfte. Es ist somit wohl klar, dass daher nah wie vor eine Menge Milde in mir wohnt. Aber ich war gewiss nie ein Weichei, sondern immer auch Realist. Daher kann ich deinen großen Zorn auf die Menschenwelt verstehen, die im Begriff ist, alles kaputt zu machen, was du ihnen einst großherzig geschenkt hast.
Aber vergiss bitte nicht, dass es drunten im Erdenstaub noch immer auch Selbstlose, Opferbereite und Gerechte gibt. Angeblich sogar auch noch Beter, die sich an dich mit ihren eigenen Worten wenden, dich insgeheim ob deiner herrlichen Naturwundern preisen und ebenfalls wie du denen fluchen, die sie aus Gier zerstören. Und es sind nicht wenige, die ihre Mitmenschen ohne Ansehen der Person, und ohne einen Vorteil daraus zu ziehen, so ins Herz geschlossen haben, dass sie Kranke und Alte bis zum Umfallen pflegen, unbekannten Sterbenden die Hand halten, an Gräbern, wo es sonst niemand tut, eine Trostrede zu halten, und mitten in der Nacht aus dem warmen Bett springen, um Feuer zu löschen, Hochwasser einzudämmen, Straßen blockierende Bäume zu ntfernen und unterbrochene Stromleitungen wieder instand zu setzen.“
Der HERR nickte ernst, und man prostete einander zu.
Der Beato Fra Angelico setzte seines geistlichen Bruders Rede fort: „Und bitte gedenke, o Herr, auch derer, die mit dem überragenden Geist, den du ihnen geschenkt hast, oft nächtelang problemlösend zum Wohl der Menschheit tätig sind (zum Unterschied etwa zu denen, die die Basis für die verderbenbringenden Atomwaffen gelegt haben, oder denen, welche die unschlagbare menschliche Kreativität aus Profitstreben einer künstlichen Intelligenz opfern wollen, die wie ein glühender Moloch den bewährten Humanismus verschlingen wird. Und verschone, o Gott, der unablässig von den Thronen und Heerscharen, von Cherubim und Seraphim hymnisch besungen wirst, meine Klientel, die Künstler, und nicht nur die Maler, deren besonderer Patron ich bin, sondern auch all jene, die in jeglichen Kunstgattungen nach dem Besten ringen, Schöpfer wie du – freilich nur als winzige Miniaturausgaben. Die Scharlatane und geschäftstüchtigen Blender unter diesen lege ich dir sicher nicht ans Herz, sondern jene, die nächtelang mit dem Engel ringen, der ihnen die ‚gestalterische Hüfte‘ ausrenkt,, die von halbherzigen, billigen Lösungen versucht werden wie einst der Einsiedler Antonius in der Wüste, aber Widerstand leisten zugunsten einer höheren künstlerischen Wahrheit, die oft genug dem Massengeschmack widerspricht und sich daher auch nicht verkaufen lässt, sodass die Armen wegen ihrer Überzeugung nicht selten darben müssen. Gedenke jener, die – wie etwa einst van Gogh – ihre Depressionen, Burnouts, Neurosen und Psychosen auf sich nehmen, um Unsterbliches für die Nachwelt zu schaffen (entschuldige bitte, selbstverständlich nur so lange, bis du das Ende der Zeiten herbeiführst).“
Und beide, Franziskus und Angelico flehten nun unisono: „Bewahre und stärke, o Allmächtiger, ihre idealistische Schaffenskraft, denn das ist alles, woran sie sich in diesen katastrophalen Zeiten anhalten können. Sie vertrauen auf dich – selbst wenn sie nach außen hin Atheisten oder Kommunisten sein sollten –, dass du nie des Bettlers einziges Lamm töten, oder als guter Herrscher deinen treuen Untertanen die letzte Leuchte rauben würdest. Das täten nur Tyrannen, von denen es ja auf der Erde genug gibt.4“
4Frei nach einer Textstelle in Arnold Schönbergs „Gurreliedern“.
Lange verharrten die Drei in nachdenklichem Schweigen, bis sich der Allvater gerührt räusperte: „Ich hoffe, dass ihr mich heute nicht verkannt habt. ‚Ich bin, der ich bin‘ – wie es mein Jehova-Namen ja ohnedies aussagt – und ich bin natürlich geblieben, der ich bin, nämlich der Inbegriff der grenzenlosen Liebe und Barmherzigkeit. Auch für mich gilt, was mein Apostelfürst Paulus einmal in die treffenden Worte fasste:
‚Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.‘
Das was ich heute anordnen musste, sollte also tatsächlich nur meine Geschöpfe aufrütteln, denn sonst werden sie sich selbst und meine ganze sonstige Schöpfung vernichten – ohne dass ich oder mein ewiger Gegenspieler Luzifer auch nur einen Finger rühren müssten.
Wie auf ein Stichwort, oder – besser gesagt – mit dem Gespür einer guten Hausfrau erschien die hl Martha von Bethanien in der Türe.

Sie brachte zur Stärkung eine Challa. So nennt man das in der aschkenasischen jüdischen Tradition geflochtene Brote aus Weißmehl, Hefe, Eiern und etwas Fett, sowie einen Krug Limoncello, jenen Zitronenlikör, von dem sie wusste, dass ihn die beiden italienischen Gäste besonders gerne tranken.
Alle bedankten sich artig bei ihrer heiligen Wirtin, die sich nach einer anmutigen Verbeugung wieder zurückzog.
Als sie nach einer angemessenen Weile wiederkam, servierte sie einen cafè corretto in Form eines Espresso doppio mit einem Schuss Grappa. Dazu zwecks Nierenspülung das hervorragende San Pellegrino-Mineralwasser. Auch den Humidor mit den Luxus-Zigarren Che Guevaras trug sie bei sich und fragte den Hausherren, ob Bedarf bestünde. Dieser nickte begeistert, und alsbald war der Raum erfüllt von einem Duft, der mindestens gleich gut roch, wie die allerbesten Harze aus den Ländern der Königin von Saba.
In dieser allmählich immer entspannteren Atmosphäre eines genießenden Schweigens, summte Gottvater ein Zeitlang leise eine Melodie vor sich hin, die Barockmusik-Liebhaber als das Bass-Rezitativ „Behold, I tell you a mystery“ aus Georg Friedrich Händels Oratorium „Messiah“ erkannt hätten. Spontan brach er ab und räusperte sich: „Ich verrate euch jetzt im Vertrauen auf eure eiserne Verschwiegenheit ein großes Geheimnis, das noch niemand erfahren hat.“
Die beiden Zuhörer hoben ihre Schwurhand und machten die Geste für versiegelte Lippen.
„Jene, die sich halbwegs normal in ihrem Leben verhalten haben (also keine Mörder, Räuber, Betrüger, Vergewaltiger, Kinderschänder, sonstige Schwerverbrecher oder bewusste und massive Schädlinge für meine Schöpfung waren) und aufgrund meiner Strafaktionen durch Naturgewalten getötet wurden, bekommen – wenn sie nicht ohnedies schon für den Himmel auserkoren waren – schon einmal einen maximalen Rabatt für das Fegefeuer. In Anbetracht des wohl ungeheuren Schreckens, den sie bevor sie dahingerafften wurden, durch die Gewalten der vier Elemente, sei es Erde, Wasser, Feuer oder Luft (also Erdbeben, Überschwemmungen, Brände oder Stürme) erleiden mussten, haben sie in Sekunden mehr Sünden und Laster abgebüßt, als jene unter den Verschonten, die sich Jahre hindurch mit ein paar Vaterunser und Ave Maria, die ihnen ihr entweder schwerhöriger oder sträflich uninteressierter Beichtvater aufgebrummt und damit freigesprochen hatte, auf dass sie dann gleich wieder den haargleichen Lastern und Schamlosigkeiten zu frönen, wozu sie noch Martin Luther (in meinen Augen ketzerisch) ermunterte, wenn er Melanchthon in einem Brief aufforderte: ‚Sündige tapfer!‘
Ich denke, eine solche Maßnahme, die beinahe einer Begnadigung gleichkommen wird, sollte euch beruhigen, sodass wir uns jetzt in Frieden zum Schlafen begeben können.“
Dankbar nickten Francesco und Angelico, und alle wünschten sich eine gute Nacht.
Da es Gottvater selbst die allergrößten seelischen Schmerzen bereitete, dass er mit der Welt und ihrer Bevölkerung so hart umgehen musste, waren seine Erwartungen an seine Schöpfung doch so groß gewesen, schlief er sehr schlecht, schreckte immer wieder auf, und wurde von Albträumen gepeinigt (unter anderem etwa, dass Friedrich Nietzsche über ihn zu Gericht saß und ihn zum Tode verurteilte).

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