Keine Angst, es folgt jetzt weder eine Bio- noch eine Filmografie (jederzeit etwa in WIKIPEDIA nachlesbar) über den nahezu überlebensgroßen Schauspieler mit seiner gigantischen Wandlungsfähigkeit, die von Mark Antons Grabrede auf „Julius Caesar“ (Shakespeare) [https://www.youtube.com/watch?v=101sKhH-lMQ] über den Pariser Totentanz-Tango [https://www.youtube.com/watch?v=sfhWphJmGww] bis zur eigengesetzlichen Noblesse eines Mafia-Paten reichte [https://www.youtube.com/watch?v=YlLdGlaO4gk].
Ich möchte vielmehr an etwas erinnern, das vielleicht nach einem halben Jahrhundert in Vergessenheit geriet, aber den mitfühlenden Menschen in der Hülle des großen Mimen zeigte. Brando bekam 1973 den „Oscar“ als Hauptdarsteller im bereits erwähnten Film „Der Pate“. Er nahm jedoch diese Auszeichnung nicht an, aus Protest gegen den Umgang mit den Indianern durch die amerikanische Filmindustrie. Selbst abwesend ermächtigte er vielmehr die amerikanische Schauspielerin und Aktivistin des „American Indian Movement“ Sacheen Littlefeather an seiner statt bei der internationalen Live-Übertragung in traditioneller Kleidung der Apachen (sie selbst war gar keine Indianerin) ans Pult zu treten und in einer kurzen Rede [festgehalten im Link: https://www.youtube.com/watch?v=2QUacU0I4yU%5D ein demonstratives Zeichen für die Bürgerrechte der Indianer in den USA zu setzen und – vom Publikum und den Medien nicht erwartet – vor allem auch im Sinne Brandos die Aufmerksamkeit einer weltweiten Öffentlichkeit auf die am Tag der Verleihung seit einem Monat andauernde Besetzung des Dorfes Wounded Knee in South Dakota (traurigerweise endete diese teils blutig, teils in ungerechten Gerichtsverfahren, denen wiederum Brando beiwohnte, um den unschuldigen Opfern Mut zuzusprechen – alles in allem ein weiterer Schmutzfleck im Umgang Amerikas mit den Indigenen). Da in den Hirnen des Publikums überwiegend die glorreich verlogene Western-Romantik („nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“) herumgeisterte, brach die Hölle los, und die 26-jährige Rednerin schaffte es kaum, aus dem Saal zu entkommen, der vor drohender Gewalt brodelte: es geht die Fama, dass allen voran der anwesende John Wayne nur mit Mühe davon abgehalten werden konnte, gegen die Frau tätlich zu werden (was waren Westernhelden doch ritterlich!). Clint Eastwood trat nach Littlefeather ans Rednerpult und verspottete sie mit dem ironischen Hinweis auf die vielen erschossenen Cowboys in der Western-Filmgeschichte der letzten Jahrzehnte.
Hollywood kochte! Brando wurde medial verdammt. Und Littlefeather erlitt karrieremäßig ein Leben lang schwere Einbußen; sie war auf die schwarze Liste der Unterhaltungsindustrie gesetzt worden. Erst im Juni 2022, etwa einen Monat vor dem Tod der 75-jährigen kam es zu einer längst überfälligen Entschuldigung durch die Academy of Motion Picture Arts and Sciences für die negativen Auswirkungen, die sie nach ihrem Auftritt erleiden musste.
ANMERKUNG:
Die Anspielung auf Marlon Brandos Film „Der Wilde“ ist gleichzeitig auch eine Hommage an den großen österreichischen Volksschauspieler Helmut Qualtinger (+ 1986; besonders bekannt geworden durch das Ein-Personen-Stück „Der Herr Karl“). Er verfasste ein Lied, in dem er – ein „Halbstarker“ – sich ein Motorrad kauft, nachdem er sich Brandos Film „Der Wilde“ angesehen hat. Die letzte Strophe lautet: „Mei Vota sogt allweil, dem geht der Vastond oh!
Ich hab für wahre Ideale kan Sinn
Na is des net a Ideal, der Marlon Brando
mit seina Maschin“
Der gesamte Text kann eingesehen werden unter: https://www.lyrix.at/t/helmut-qualtinger-der-halbwilde-ac2

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