LOCKDOWN AUF DEM OLYMP (2021 verfasst)

Sie dauerte nun schon zu lange – bald zwölf Monde -, jene aus Pandoras Büchse grundböse Geflohene, die Dämonin Pandemia, die längst nicht nur die Gefilde rund um den Olymp terrorisierte, sondern die gesamte Welt, welche diesen Succubus (oder ist es ein Incubus?) lateinisch1 benannte, nämlich als Corona Virus 19, dann 20, und seit einigen Wochen wohl auch 21, denn die ersten relevanteren Mutationen waren gerade zum Jahreswechsel aufgetaucht.


1 Die Römer hatten den Griechen schon immer alles Höherwertige weggeschnappt. Die vornehmen Herrschaften im alten Rom sprachen alle Griechisch, zumindest in der Öffentlichkeit, wahrscheinlich aber nicht im Hurenhaus oder in der Garküche. So auch Caesar, dem das berühmte Zitat, dass „der Würfel gefallen sei“, gewiss nie als „alea iacta est“ über die Lippen gekommen wäre (und natürlich schon gar nicht als „alea iacta sunt“ – wie man das von Politikern, Journalisten und ähnlich Mindergebildeten immer wieder hören kann), denn Caesar war nicht nur ein mächtiger, sondern auch ein gebildeter Mann und sogar kriegsberichterstattender Schriftsteller gewesen, und er hat am Rubikon nicht einmal, wie es im Lateinischen am korrektesten gewesen wäre, „alea iacta esto“ gesagt, sondern er entschied sich vermutlich, es auf Griechisch „anerriphtho kypos“ („hochgeworfen sei der Würfel“) zum weltberühmten Zitat zu machen, wobei wir uns auf Plutarch berufen dürfen.


Und so wollen wir nach Jahresfrist auch wieder einmal einen Blick hineinwagen in die nachgebaute venezianische Osteria im griechischen Olymp, in diese schwüle Taverna, in diese alkoholumwehte „Hellen und Spelunken“2, nostalgischer Ausschank Athenas und ihrer beiden Brüder, Refugium des Zeus vor göttlich-schnippischen Xanthippischen.


2 Vgl. Thomas Mann, Doktor Faustus, Wien o.J. (Lizenzausgabe „Donauland“), S. 139.


Der dort gewonnene Gesamteindruck ist etwa so deprimierend, wie zur gleichen Zeit unten in der Welt der Sterblichen während eines Lockdowns. Die erwähnte Götterfraktion hatte sich nämlich freiwillig auch unter Quarantäne gestellt. Nicht aus Furcht vor einer Ansteckung, denn sie waren eo ipso auch in diesem Fall von diviner Immunität. Nein, sie hatten vielmehr Angst vor Anpöbelungen, Beschimpfungen, Tätlichkeiten, denn unten in den Niederungen der Menschen herrschte aufgrund der von den meisten nicht akzeptierten Einschränkungen im Alltagsleben und den noch mehr gehassten Verboten in Zusammenhang mit allen Festlichkeiten eine vehemente Abneigung gegen alles Metaphysische, Göttliche, ja selbst gegen das blinde Schicksal, gegen Nornen und Parzen, gegen Moira, Erda, Dschinnen und Zwerge, Elfen und Schabböcke, Lind- und Tatzelwürmer, lncuben und Succuben, Kasermandln und anderes „höllisches Tuiflszeug“.

Hätte man also die Göttlichkeit Athenas, Apollons und Hermes‘ in den virösen Niederungen erkannt – und das wäre eines Tages wohl nicht ausgeblieben, bedenkt man allein Athenas Trinkfestigkeit, die jene einer Menschenfrau um ein zigfaches übertrifft, dann hätte man vielleicht sogar versucht, das Trio zu lynchen und auf den nächsten Laternenpfählen aufzuknüpfen. Es hätte freilich seitens der Olympier nur eines Fingerschnippens bedurft, um die Angreifer ihrerseits in den Hades zu schicken, aber die Menschen waren ihnen seit Ewigkeiten sympathisch geworden und ans Herz gewachsen, insbesondere seit sie einst in Venedig ihren Wohnsitz genommen hatten. Und sie hatten ja auch Verständnis. War diese Welt ohnedies meist ein stinkender Misthaufen, so war jetzt durch die Pandemie tatsächlich vieles noch ins Unermessliche gesteigert worden. Kein Zusammentreffen vorübergehend getrennter Liebender zu gewissen Zeiten, kein Kuss, keine Berührung, auch nicht unter lebenslangen besten Freunden. Lebten erwachsene Kinder in unterschiedlichen Ländern, so konnte es passieren, dass sich solche größere Familien nicht einmal „zu allen heiligen Zeiten“ im Jahreslauf treffen konnten; oder im Lebenslauf – keine Begegnung bei Geburtstagsjubiläen, „goldenen (oder anderen „metallenen“) Hochzeiten“, nach abgelegten Reifeprüfungen, bei Promotionen, Pensionierungsfeiern etc. Großeltern vermissen den wöchentlichen Enkel-Verwöhntag, Seitenspringer die geilen Hotelzimmer, die samt und sonders statt von innen nunmehr von außen abgesperrt sind. Und alle Künste, die nicht wie die Malerei und die Dichtung am einsamen Schreibtisch ausgeübt werden können, waren momentan so gut wie erledigt, flackerten nur manchmal auf „like a candle in the wind“, stets nur unter der Anwesenheit von Bruchteilen an Publikum. Und die Prostitution konnte gar nicht mehr so geheim sein, dass sie hätte florieren können – vielleicht würde da das seit neuestem propagierte „Frei(er)testen“ ein wenig Erleichterung schaffen, wenn nicht eine prüde Opposition dagegen sein wird. Und im übrigen, wer das Wort „cluster” mit „gangbang“ (in der Steiermark sagt man dazu „Rudelbumsen“) verwechselte, der war eo ipso auf der falschen Lustwiese (Abstandsregel und Mund-Nasen-Schutz). Dabei, so sagte sich die griechische Göttertrias, hatten sie mit alldem überhaupt nichts zu schaffen, sie waren in der Gegenwart in keiner Weise mehr für eine Seuche verantwortlich, wie sie es in ihrer antiken Glanzzeit sehr wohl etwa für die Pest, Cholera und Lepra gewesen waren. Sollten sich diese verwöhnten Menschlein in den irdischen Gefilden doch bei ihrem Christengott, bei dessen Nothelfern, bei Jehova und dessen Golem, bei Allah und dessen Mohammed, bei Buddha und dessen Dalai Lama, bei Wischnu, Krishna, Schiwa und ins besondere bei der Totengöttin Kali beschweren, und die Atheisten bei Voltaire und Marx, die doofen Anhänger von Sekten bei deren geistesgestörten oder einfach nur geschäftstüchtigen Gründern, die ihnen so oft Unsterblichkeit versprochen hatten.

So hockten sie alle miteinander in ihrer Privatschenke und konnten nur mit einer erklecklichen Menge an Alkohol verhindern, dass ihnen die Höhlendecke auf den Kopf fiel. Allmähich bekamen sie so etwas wie einen Lagerkoller. Zeus sah bereits negligiert aus wie ein „alter Krauterer“, zerzaust der aureolische Haarkranz, der ihn sonst oft dem Olympier Johann Wolfgang von Goethe so ähnlich gemacht hatte, verfilzt und monatelang ungeschnitten der Bart. Hätte es in absehbarer Zeit einen Maskenball oder ein Gschnasfest gegeben, was natürlich coronabedingt nicht zur Debatte stand, dann hätte der Kronide ohne weiteres als Karl der Große oder Friedrich Barbarossa durchgehen können, deren Bärte bekanntlich in zahlreichen Windungen um die Steintische in ihren unterirdischen Behausungen im Untersberg oder Kyffhäuser herumwucherten. Er dämmerte vor sich hin und lucida momenta hatte er nur, wenn sein Kalyx wieder geleert war, und er Nachschub heischte. Dabei sang er stets „Keinen Tropfen im Becher mehr“, jedoch nur die erste Zeile – entweder weil ihm in diesem coronalen Dämmerzustand der restliche Text bereits entfallen war, oder weil er dringend vermeiden wollte, das Wort „Lindenwirtin“ aussprechen zu müssen, denn als er das einmal vor Hera getan hatte, quälte sie ihn (was nicht ganz unverständlich erscheint, wenn man seinen Lebenslauf eingehender betrachtet) zwei Wochen lang mit ihrer Eifersucht, warf ihm vor, er hätte sicher eine Affäre mit dieser „jungen und schlanken“ Schankmaid, dieser „lieblichen Augenweide“ mit ihrem „roten Mund“, die wohl eher eine Art lockerer ruffiana war, die ihr Gastgewerbe vermutlich mit geringem Lautwechsel in ein Gunstgewerbe umwandelte. Zeus, der in diesem Fall aber tatsächlich völlig unschuldig war, sah sich zu einem nächsten realen Ehebruch veranlasst, damit Hera wirklich einen Grund hatte, zu toben. Ich glaube, es war damals mit Leda, die der Göttervater in Gestalt eines Schwanes beglückte. Ja, ich erinnere mich jetzt wieder genauer. Zeus hatte sich nämlich mit Vergnügen an jene Zeit erinnert, als er an der Universität Oxford einen Lehrauftrag hatte, und zwar für Altphilologie (mit Schwerpunkt natürlich auf Altgriechisch). Als Privatissimum (insbesondere für Diplomanden und Doktoranden) bot er eine Veranstaltung zur griechischen Mythologie an. Er war übrigens damals ein Kollege von J. J. R. Tolkien, der von der Mitte der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts ebenfalls in Oxford eine Lehrtätigkeit in Sprach- und Literaturwissenschaft entfaltete (später für Anglistik), neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit — insbesondere im Fantasy-Genre, und hier vor allem am „Herrn der Ringe“.

1936 hielt Tolkien eine Vorlesung unter dem Titel „The Monsters and the Critics“ (deutsch veröffentlicht als „Die Ungeheuer und ihre Kritiker“), die sich mit der Literaturkritik an dem altenglischen Heldenepos „Beowulf“ befasste, dem ältesten nicht-kirchlichen Werk der englischen Sprache. Die spätere diesbezügliche Publikation Tolkiens ist heute noch wegweisend, ein üblicher Quelltext für Studenten und Forscher. Natürlich freundete sich Zeus mit dem später weltberühmten Fachkollegen an und nahm selbstverständlich auch an den Sitzungen einer von Tolkien ins Leben gerufenen Vereinigung namens „Kolbitar“, was sich auf die Köhler bezog, teil. Dieser Name erinnerte an das Erzählen von edlen nordischen Abenteuern und Sagen am knisternden Kaminfeuer. (Coal- biters sind diejenigen, die im Winter so nah am Feuer sitzen, dass sie fast in die Kohle beißen.) Das Bild unterstreicht auch die Vertrautheit, die die Mitglieder der Gruppe – unter denen sich auch C. S. Lewis, der Autor der „Chroniken von Narnia“ befand – miteinander teilten, als sie sich gegen die Kälte des damaligen Weltwandels und der Säkularisierung wappneten und sich gegenseitig mit dem Nacherzählen großer Geschichten aus der Historie und dem Mythos erfreuten. Die Kameradschaft der Kolbitar war ein Vorgeschmack auf die noch befriedigenderen Freuden, die Lewis, Tolkien und Zeus mit ihren Mit-lnklings erleben würden.

J.R.R. Tolkien; Bild: DPA; Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/portraet-j-r-r-tolkien-durch-ein-teppichloch-zum-vater-der-fantasy-literatur-138378/john-ronald-reuel-tolkien-145024.html
ZEUS (alte Fotografie)
C. S. Lewis; Bild: The Wade Center; Quelle: https://www.cslewis.com/us/about-cs-lewis/

Die lnklings war eine der Literatur gewidmete Ansammlung von begabten Männern, die sich zwischen 1930 und 1949 wöchentlich nicht nur in Lewis‘ Räumen im Magdalen College in Oxford, sondern auch jeden Dienstagmorgen in einem Oxforder Pub traf, und zwar gewöhnlich im „Eagle and Child“, von ihnen liebevoll „Bird and Baby“ genannt, ein Wirtshausname, der Zeus schon deshalb amüsierte, da er ihn an die Entführung seines Mundschenks Ganymed gemahnte.

Rembrandt: Ganymed in den Fängen des Adlers

ln den Oxforder Pubs lernte Zeus, dem ja oft schon der heimische Retsina beim Hals herausgehängt war, auch den Bierkonsum schätzen, überhaupt wenn er sehr durstig war. Besonders anregend war es, sich mit Tolkien über das bereits erwähnte Beowulf-Epos auszutauschen. Beowulf (bedeutet: „Bienenwolf“ und ist eine Kenning3 für den Bären) ist der Held, der schließlich das Monster Grendel, welches des Nachts in der Königshalle schlafende Helden ermordet, tötet, ebenso wie dessen Mutter, die das Blutbad an seinen Mannen fortgesetzt hatte.


3 Als eine Kenning wird in der altgermanischen, besonders der altisländischen Stabreimdichtung (Edda, Skalden) das Stilmittel einer poetischen Umschreibung (Paraphrase) einfacher Begriffe bezeichnet. lm Gegensatz zur eingliedrigen Heiti, etwa der Metapher vergleichbar, ist die Kenning eine mehrgliedrige bildhafte Beschreibung, die sich aus einfachen Wörtern zusammensetzt.


Erst Jahrzehnte später stirbt er im heldenhaften Kampf mit einem feuerspeienden Drachen. Grendel und seine Mutter sind dämonische Wasserwesen, die in einem Sumpf leben. Beowulf muss dem Ungeheuer den Arm ausreißen, um ihn zu töten, da diesem die Schärfe eines Schwertes nichts anhaben kann.

Im angeregten wissenschaftlichen Zwiegespräch (offen gestanden: ein wenig Bierdunst war schon auch dabei) erinnerte Zeus seinen englischen Kollegen an die Mythenwelt rund um das vielköpfige Ungeheuer Hydra, welches insofern eine Assoziation zu Grendel zulässt, als auch sie ein Wasserwesen war, wie schon ihr Name sagt, der aus dem Altgriechischen stammt und von ὕδωρ [hýdōr] (wörtlich „Wasser“‘) hergeleitet ist. Ihr wuchsen ihre tödliches Gift versprühenden Köpfe, wenn sie abgeschlagen wurden, zweifach nach, anders wie bei Grendel, dessen abgerissener Arm sich nicht wieder regenerierte.

Beowulf: Cotton MS Vitellius A XV manuscript
Hydra: attische Vase um 540/530 v. Chr.; Louvre

Beide Monster verband, dass sie eine grauenhafte Mutter hatten. Hesiod schildert in seiner Theogonie jene der Hydra als „ein unsagbares Scheusal, halb schönäugiges Mädchen, halb grausige Schlange, riesig, buntgefleckt und gefräßig“. Echidna, so hieß sie, war aber Grendels Erzeugerin an Fruchtbarkeit weit überlegen, denn sie gebar noch weitere Ungeheuer: den zweiköpfigen Hund Orthos, seinen dreiköpfigen Bruder, den Höllenhund Zerberus, die Sphinx, den unverwundbaren Nemeischen Löwen, die Chimaira, ein feuerspeiendes Mischwesen, das vorne wie ein Löwe, in der Mitte wie eine Ziege und hinten wie eine Schlange oder ein Drache gebildet war und zudem die drei Köpfe der genannten Tiere trug (als Schimäre hat sie sich in unserem Sprachschatz als Symbol für Unwirkliches, Absurdes erhalten). Damit noch nicht genug, Echidna hatte auch die terrorisierende Wildsau Phaia in die Welt gesetzt, sowie den riesigen Adler Aithon, was Zeus aber dem Kollegen Tolkien verschwieg, da dieser Vogel ihm heilig war, was zu gestehen ihm peinlich gewesen wäre (richtig, es war jener Raubvogel, der dem Prometheus täglich die Leber herauspickte, und der jetzt ja auch – mit diesem friedlich vereint – in der olympischen Osteria hauste.

Nachdem man sich genaue Notizen auf den Bieruntersätzen (englisch: beer mat; österreichisch: Biertatzel) gemacht hatte, ging es an die Vergleichende Mythenforschung: welche Nation schnitt besser ab? Nun, für die Briten sprach, dass Beowulf den Grendel ganz im Alleingang erlegt hatte, während Herkules die Hilfe von seinem Neffen lolaos benötigte, um das vielhäuptige Wasserschlangen-Biest endgültig erledigen zu können. Zeus konnte jedoch die ungeheure und fantastische Vielfalt der altgriechischen Scheusale ins Treffen führen.

Schließlich einigten sich die beiden gelehrten Konkurrenten auf ein „Unentschieden“, versicherten sich gegenseitig ihrer Genialität, und um diese zu feiern, tranken sie in der Folge zu jedem weiteren Pint Bier einen Shot4 Gin, also ein „Oxfordianisches Menü“.


4 Zu deutsch: ein „Kurzer“. Darunter versteht man ein alkoholhaltiges Getränk, das in 4-cl-Gläsern serviert und zumeist in einem Zug getrunken wird. Als Kurzer kann eine Vielzahl an Getränken in Frage kommen, wie zum Beispiel Korn, Gin, Tequila, Ouzo oder Likör.


Sie scherzten und gaben Stilblüten aus ihren Lehrveranstaltungen zum besten. So erzählte Zeus, dass er seine Seminaristen gerne mit der Frage, was denn Herostratos und Lysistrata gemeinsam hätten, traktierte. Ratlosigkeit machte sich unter diesen breit. Die erwartete Antwort lautete: beide hinterließen Brandstätten. Ersterer steckte den Tempel der Artemis in Ephesos, eines der sieben Weltwunder der Antike, absichtlich in Brand und zerstörte ihn, um dadurch seinen Namen unsterblich zu machen, letztere entfachte mit ihren Geschlechtsgenossinnen aus Athen und Sparta zuerst einen sexuellen Brand bei ihren männlichen Partnern. Dann legten sie deren Libido durch Verweigerung in Schutt und Asche, zumindest bis diese vom Peloponnesischen Krieg abließen.5 Beide waren daher Brandstifter!


5 Die Lysistrata-Idee verarbeitete Aristophanes in seiner gleichnamigen antiken Komödie. Herostratos wäre freilich beinahe um seinen Ruhm „umgefallen“, denn die Stadt Ephesos verbot die Nennung seiner Brandstiftung und selbst seines Namens, nachdem er unter der Folter seine Tat gestanden und sein Motiv genannt hatte. Trotz der verfügten damnatio memoriae überlieferte der zeitgenössische Historiker Theopompos von Chios Tat und Namen des Herostratos in seinem Werk, sodass dieser sein Ziel erreichte und mit seiner Tat bis zum heutigen Tag unvergessen blieb.


Holzschnitt von Sebastian de Covarrubias (1610); Quelle: https://www.researchgate.net/publication/346213720_Der_Memplex_Terrorismus
Quelle: https://wagner.edu/newsroom/node-198/

lm Rückblick konnte sich Zeus zunächst nicht mehr erinnern, welche Anekdote aus seinen Lehrveranstaltungen damals Tolkien erzählt hatte. Später dämmerte es ihm aber doch, dass der große Erzähler seine Dissertanten gefragt habe, welche Gestalt aus seinen Werken einer Bühnenfigur Richard Wagners ähnelte? Natürlich war die heranwachsende Geisteselite auf dem Holzweg, weil sie mutmaßte, dass es sich um jemanden aus Wagners „Ring des Nibelungen“ handeln würde, „Ring“ zu „Ring“ sozusagen. Doch die Fährte war natürlich falsch, denn es handelte sich um „Gundalf“ aus dem Herrn der Ringe und „Gurnemanz“ aus Wagners Parzival, und das verbindende Element war der lange weiße Bart und das wallende Haupthaar.

Ian McKellen als „Gundalf“; Quelle: https://www.quora.com/Why-does-Gandalf-have-a-beard-in-the-first-movie-but-not-in-the-book
Emil Scaria als Gurnemanz der „Parsifal“-Uraufführung 1882

Wie bin ich denn jetzt überhaupt zu diesem Abstecher in die Welt der Wissenschaft gekommen? Ach ja, stimmt: es ging wohl darum, warum sich Zeus ausgerechnet Leda ausgesucht hatte, um sich für Heras unbegründete Eifersucht an einer fiktiven „Lindenwirtin“ zu rächen. Da musste ich natürlich die herausragenden liguistischen Fähigkeiten des Göttervaters zunächst herausstreichen.

Zeus, das kann nicht verschwiegen werden, stellte sich unter der „Lindenwirtin“ eine besonders geschmeidige, gefügige und sanfte Maid vor, denn der besagte Baum hat sowohl ein weiches Holz als auch einen biegsamen Bast, der früher als Bindematerial verwendet wurde. Und da erinnerte er sich, dass das Wort „lind“ im Altenglischen durch n-Schwund vor einer Affrikata zu liðe wurde, und durch die Zweite Lautverschiebung / ð / im Deutschen zu / d /. Mit ziemlich viel Trickseln und Brechen einiger Lautgesetze konnte Zeus somit doch in die Nähe des Namens Leda, und damit zur Gemahlin des spartanischen Königs Tyndareos, gelangen. lm speziellen Fall machte es ihm auch einen Heidenspaß, als Verführer die Gestalt eines Schwanes anzunehmen, dessen Biegsamkeit ja auch besonders augenfällig ist, wodurch für ihn wieder eine Brücke zum geschmeidigen Lindenbaum und damit zur „Lindenwirtin“ geschlagen war, was ihn mit besonderer Bosheit für die xanthippenhaften Hera erfüllte.

Jetzt reicht es aber wirklich. Wir kehren zurück an die Stelle, an der ich berichtet habe, dass der durstige Zeus nur mehr „Keinen Tropfen im Becher mehr“ sang6 (Athena hatte ja nun beileibe Zeit genug, ihm während unserer Abschweifung seinen Kelch wieder zu füllen). Und somit zur Schilderung der depressiven, aber auch gelegentlich ins Aggressive umschlagenden Stimmung im viralen Lockdown auf dem Olymp.


6 Ins Reich der Fama gehören freilich alle Behauptungen, Zeus habe sich bei einer deutschen Burschenschaft einschreiben lassen, um das Studentenlied fürderhin – ohne Störungen durch Hera – wieder aus voller Kehle und mit vollem Text, also inklusive der „Lindenwirtin“, singen zu dürfen.


Prometheus hatte nachts manchmal das Gefühl, es würde wieder etwas an seiner Haut pecken, etwa dort wo sich darunter seine Leber befand. Munter geworden wusste er dann im ersten Moment nicht, ob sich sein gefiederter Freund aus alter, vielleicht gar nostalgischer Gewohnheit wieder an ihn herangemacht hatte, oder ob er das nur geträumt hatte. Freilich sind Verdächtigungen, Misstrauen und Zweifel die erste Kundschaft, die sich in den Gehirnen als Dauermieter festsetzt, und diesbezüglich (wie in vielen anderen Dingen auch) unterscheiden sich göttliche Denkapparate gar nicht so sehr von menschlichen. Prometheus ertappte sich daher immer wieder, dass er auf seiner Bauchdecke und am Schnabel des Adlers nach Spuren suchte, die auf ein gefährliches Aufflammen überwunden geglaubter, Schmerzen bereitender Unarten schließen lassen würden. Was er fand, waren lediglich ein paar Wimmerln auf seinem Bauch und eine leichte Rotfärbung am Adlerschnabel, die sich aber als letzter Rest von der abendlichen Tomatensauce entpuppte, weil sich der Vogel wieder einmal vor dem Zubettgehen den Schnabel nicht mit der speziell geformten elektrischen Schnabelbürste von Oral B geputzt hatte.

Dennoch begann Prometheus unter Schlaflosigkeit zu leiden und wurde immer nervöser. Er ertappte sich immer wieder, dass er völlig gedankenlos minutenlang mit seinem altmodischen, nun aber wieder zum Kultgegenstand gewordenen Zippo-Feuerzeug (früher auch Sturmfeuerzeug genannt) herumspielte, mit dem er einst der Menschheit das Feuer gebracht hatte. Manchmal musste er es nach ein, zwei Stunden schon wieder füllen – mit Benzin natürlich – , so oft hatte er es auf- und zugeklappt, also jedes Mal die Flamme entzündet und wieder ausgelöscht.

Als psychisch ein bisschen mehr von der Rolle entpuppte sich Apollo. lhm setzte sehr zu, dass er wegen des blöden selbstauferlegten Hausarrests seine Musen nicht besuchen und mit ihnen angeregte kulturelle Gespräche führen konnte. Denn immer nur lesen war auch fad, obwohl Athena dafür gesorgt hatte, dass die in einer Nebenhöhle untergebrachte Bibliothek gut bestückt war. Und so beobachtete Hermes in der Abenddämmerung seinen Bruder, den Immertreffenden, wie er seinen gefürchteten Bogen aus dem Waffenschrank holte, einen Pestpfeil7 nach dem anderen auflegte und etwa in Richtung Mongolei schoss, wo es alsbald tatsächlich zu einem kleineren Ausbruch8 dieser Seuche, die keinesfalls längst ausgestorben ist, kam.


7Homer, Il. 1,8-52, wo geschildert wird, wie der schwer beleidigte Apollo mit seinen Pfeilen die Pest ins Lager der Griechen vor Troja schickt.

8 Vgl. „Der Spiegel“ vom 14. 7. 2020: „In einer abgelegenen Region der Mongolei ist ein 15- jähriger Junge an der Beulenpest gestorben. Das berichtet die Nachrichtenagentur AFP übereinstimmend mit anderen Medien…In der Mongolei gibt es im Schnitt einen Pesttoten pro Jahr“.


Merkwürdig war auch, dass immer wieder Dinge aus der Osteria verschwanden, die gerade noch da gewesen waren. Einmal fehlte Athena zu Mittag sogar eine sehr wertvolle Halskette aus dem Schatz des Priamos, von der sie beim Augenlicht des Argos hätte schwören können, dass sie sie am Morgen angelegt hatte. Zeus vermisste einen Donnerkeil, wobei man allerdings nicht sicher war, ob er ihn nicht selbst in trunkenem Zustand verlegt hatte. Der Adler suchte vergebens die Geldbörse, aus der er immer die an die Apotheke im Tal ergangenen Weinlieferungen bezahlt hatte. Fast noch merkwürdiger war, dass die abhanden gekommenen Sachen immer wieder ebenso mysteriös auftauchten, wie sie abhanden gekommen waren. Und jedes Mal überreichte Hermes die verlorenen Dinge mit breitem Grinsen an ihre Besitzer und behauptete, sie irgendwo gefunden zu haben – auf dem Boden, hinter der Bar, im Papierkorb etc. In Wirklichkeit trainierte er, weil ihm auch schon so schrecklich fad war, alte Taschenspieler-Tricks, deren virtuose Beherrschung ihm einst jenen unehrenhaften Teil seiner Klientel beschert hatte, deren Gott er auch war – all die Diebe, Langfinger, Schlitzohren, Räuber und Wegelagerer.

Halbwegs normal betrug sich nur noch Athena. Stinkig wurde sie nur, wenn sie gelegentlich die Schreckensvision anwandelte, es könnte einmal der Alkoholvorrat zu Ende gehen, wovon aber in der Realität keine Rede sein konnte. Sie war es in einem ihrer hellsichtigen Momenten somit auch, die befürchtete, dass ihre Mitbewohner bei fortdauernder Pandemie allmählich professionelle psychiatrische Hilfe benötigen würden, wie dies dem Vernehmen nach auch bei den Irdischen in zunehmendem Maße der Fall war. Da sie im Augenblick ausnahmsweise nicht sonderlich „im Tran“ war, verfolgte sie den Gedanken weiter. Die erste Hürde war wohl: wie trieb man einen passenden „Seelenklempner“ auf? Nun ja, es musste ja kein irdischer Zeitgenosse sein, den man niemals in ihre jetzige Wohnstätte hätte einschleusen können. Ein mythischer Heiler müsste her, und da fiel ihr spontan der Kentaur Chiron ein, ein „uomo universale“ (avant la lettre), weise, pädagogisch einfühlsam und geduldig (hatte er doch einst den arroganten und aufbrausenden Achilles unterrichtet), gelehrt und vor allem in sämtlichen Heilkünsten bestens bewandert. Dieses schwierige Problem schien also gelöst. Umso schwerer fiel ihr auf die Seele, dass alle ihre Mitbewohner Psychiatrie ausnahmslos mit Dr. Freud assoziierten, und ohne Zweifel, wenn sie überhaupt willens waren, sich behandeln zu lassen, gewiss darauf bestanden, bei der Therapie auf einer Couch zu liegen, die jener gleichen müsste, die einst in der Wiener Berggasse stand, und sich nunmehr im Londoner Freud-Museum befindet.

Quelle: https://www.freud.org.uk/

Ein Nachbau samt bunter Decke wäre wohl kein Problem, aber – es überkam sie siedend heiß – mit den Originalmaßen würde das Möbelstück, dieser seelische Sezier- und Operationstisch, dieser Opferaltar für die unsterbliche Amor-Geliebte Psyche, nie und nimmer in ihren kleinen Osterien-Nachbau passen, es sei denn, man würde den Tresen empfindlich verkleinern. Beim bloßen Gedanken daran sträubten sich Athena freilich die Haare. Und sie gab den ganzen Plan auf. Hauptsache, sie hatte genug alkoholischen Treibstoff. Was ging sie schließlich die allfällige Klaustrophobie der anderen an, oder welche sonstigen Phobien, Neurosen oder Psychosen sie auch immer hätten. „Fiat ebrietas, pereant men-tes“9, wie einer ihrer Wahlsprüche lautete!


9 Frei übersetzt: „Es lebe die Trunkenheit, möge der Geist auch zum Teufel gehen“.


Damit wollte sie gerade zu ihren „Nerventropfen“ greifen, die jedes Leid, jeden Schmerz und jeden Kummer besiegten, außer man nahm sie nur in homöopathischen Dosen ein, während sie – um einen abgedroschenen Scherz ein weiteres Mal breitzuwalzen10 – mäßig genossen selbst in größten Mengen nicht schadeten.


10 Wie recht hatte doch Goethe („Westöstlicher Divan“), wenn er meinte: „Getretner Quark wird breit, nicht stark“.


Gerade als sie über diesen hochphilosophischen Meditationen zur resoluten Tat schreiten und eine Flasche Moët-Champagner köpfen wollte, wurde der Perlvorhang am Eingang ihrer geheimen Trinkerverweilanstalt mit solcher Vehemenz auseinandergerissen, dass einige der Schnüre abrissen und weit in den Raum hinein flogen, bis sie klackend zu Boden fielen, sodass Zeus, der gerade reichlich benebelt von der Toilette kam, auf ihnen ausrutschte und auf seinen gottväterlichen Hintern krachte. Das wäre ansonsten ein Schauspiel von welthistorischer Bedeutung gewesen, doch wurde es bei weitem übertroffen durch den Auftritt einer hereinstürzenden Furie, die sich auch nicht mehr auf den Beinen halten konnte und nach Vollzug einer verzweifelten Pirouette, die einer Racineschen Tragödin würdig gewesen wäre, zu Boden krachte.

Zum Glück hatte es sich Athena in den langen Äonen ihres Daseins zum Prinzip gemacht, dass nichts auf dieser Welt so wichtig, erschreckend, gräulich, belustigend oder herzerfreuend sein durfte, um ein alkoholisches Getränk in einer zerbrechlichen Umhüllung fallen zu lassen. Und so schaffte sie es auch diesmal im letzten Moment, die Champagnerflasche, die bereits der Schwerkraft gehorchen wollte, wieder in den Griff zu bekommen. Schnell nahm sie einen gewaltigen Schluck von dem edlen Sprudelwasser, um dann diesen wilden weiblichen Vulkanausbruch, wie sie hoffte, besser beurteilen zu können. Zu diesem Behufe wollte sie nun das sich in konvulsivischen Zuckungen auf dem Boden wälzende und ein exorbitantes Schmerzensgeheul von sich gebende Bündel Weiberfleisch näher in Augenschein nehmen, freilich ohne Erfolg, da wirre und verfilzte Strähnen bronzefarbenen Haares das Antlitz verhüllten. Athena wusste: um eine solche rasende Hysterie zu brechen, halfen nur zwei Möglichkeiten: das Ausleeren eines Kübels eiskalten Wassers über die Tobende, oder ein paar kräftige Ohrfeigen rechts und links. Da es zu lange gedauert hätte, einen Kübel zu holen, wählte die eulenäugige Göttin die zweite Methode.

Kurz setzte das Geheul der völlig Überraschten für ein paar Sekunden aus, um dann in ein noch ohrenbetäubenderes Gebrüll überzugehen. Nun holte Athena doch einen Kübel, füllte ihn mit kaltem Wasser und schüttete ihn mit Schwung auf den kreischenden Fleischknäuel. Der Wasserschwall teilte nun günstigerweise den haarigen Vorhang vor dem Gesicht der Tobenden. Und diese war – Pallas Athena blieb der Atem weg – niemand Geringerer als Venus, die schaumgeborene Göttin der Liebe, Anmut und Schönheit. Die sonst so beredsame Göttin der Weisheit, brachte gerade einmal stammelnd heraus: „Was, zum Teufel, ist denn mit dir los, und wie kommst du überhaupt hier her zu unserem Geheim-quartier?“ Die derangierte Venus brachte noch immer keinen Ton über die Lippen, sondern schluchzte nur immer wieder auf. Athena schenkte nun zwei Misure Palladiane mit Prosecco ein, reichte eine der verwüsteten Schaumgeborenen und ließ den Inhalt der anderen als sprudelnden Wasserfall durch ihre eigenen Kehle tosen. Dieses bewährte Beruhigungsmittel aus Valdobbiadene wirkte nun endlich, und Venus begann mit ihrer Geschichte: „Mars war es, Mars hat das alles angerichtet. Er ist so wild, unberechenbar und rabiat, seit die täglichen pandemischen Sterbezahlen durch das Corona-Virus bereits seit langem jene übertreffen, die im selben Zeitraum durch weltweite kriegerische Auseinandersetzungen verursacht wurden. Das versetzt ihn als Gott des Krieges in solche Raserei und Wut, dass er blind um sich schlägt, prügelt und man noch von Glück sagen kann, wenn er vor Zorn so ungeschickt ist, dass er sein Schwert nicht aus der Scheide bringt.

Bei seinem letzten Anfall hat er sich so aufgeführt wie einst Ajax der Große, der hasserfüllt Odysseus und dessen griechische Mannen aus gekränkter Ehre töten wollte, halluzinierend aber dessen gesamte Schafherde niedermetzelte, und den Bock, den er für den König von lthaka persönlich hielt, zu Tode peitschte. Aber während sich Ajax, als er wieder zu sich kam, vor Scham in sein Schwert stürzte, wütet Mars immer weiter und weiter. Mit knapper Not konnte ich fliehen und mich mit letzter Kraft zu euch her schleppen. Schaut mich nur an, wie er mich zugerichtet hat.“

Tatsächlich war ihre Bekleidung in Fetzen gerissen, wobei die Teile ihrer Rundungen, die man durch die Gewandlöcher erblicken konnte, zwar mit lauter blauen Flecken bedeckt, aber noch immer recht lecker anzuschauen waren. Ein Schlachtfeld war hingegen das Gesicht. Das linke Auge war fast zur Gänze zugeschwollen und das rechte blutunterlaufen, und an den Rändern würden bald alle Regenbogenfarben auftauchen. In den verfilzten Haaren klebten schmutzigweiße Klumpen, ebenso auf der Stirne, der Oberlippe und am Kinn. Ihr rechter Mundwinkel war leicht eingerissen und blutverkrustet. Wer weiß, was der Brutalo noch alles angerichtet hatte. Venus bekam nun eine Art Schüttelfrost, den sie anscheinend nicht in den Griff bekommen konnte. Athena begab sich daher schnell in die Teeküche und braute ihr einen steifen Grog zusammen, allerdings mit der gegenüber dem Rezept verdoppelten Menge Rum.

Nach drei Tassen dieses heißen Zaubertranks schien sich Venus schon etwas besser zu fühlen, sodass Athena glaubte, ihre Befragung fortsetzen zu können, was sie mit den Worten tat: „Wie hast du überhaupt hierher gefunden, dieses Eck auf dem Olymp kennt doch kein Mensch?“ Venus antwortete: „Von den irdischen kennt es natürlich niemand, wohl aber kennen es die rosenfingrige Göttin der Morgenröte und Helios, der Sonnengott auf seinem Wagen, bleibt ihnen doch so hoch oben im Äther nichts verborgen, was sich auf Erden so zuträgt. Helios freilich hat euch noch nicht entdeckt, denn er ist arrogant, hält sich für etwas besseres und schaut nur etwas genauer hin, wenn er etwa im Zenit über dem Weißen Haus in Washington steht, oder über dem Eiffelturm, auch über der Pekinger Parteizentrale oder dem Kreml. Er leugnet es zwar, doch weiß man, dass er gerne auch das Treiben an mediterranen FKK-Stränden näher heran zoomt. Ansonsten ist ihm die stundenlange tägliche Tour zuwider, kennt er sie doch in- und auswendig. Meistens vertieft er sich daher in Schundheftln, in ein bisschen Porno und populäre kosmische Science-Fiction-Lektüre, weil ihn z.B. die immer wieder sich ändernden Theorien über die „Schwarzen Löcher“ besonders interessieren, sind sie doch in seinen Augen so etwas wie eine Gegenwelt zu seiner eigenen Existenz. Helios wird eure Spelunke daher wohl kaum jemals entdecken. Bei der früherwachenden Eos im safran-gelben Kleid ist dies hingegen anders. Sie hat nur wenig Zeit für ihren Umlauf, bevor sich die Zartgliedrige weitgehend gegen die Hitze wappnen muss, indem sie sich in den Schatten eines Lorbeer- oder Olivenbaums legt, um dann als Abendröte noch einmal, ehe die Nacht hereinbricht, ihre Runden zu drehen. Als weibliche Gottheit ist sie – trotz ihres Zeitmangels – neugieriger, detailverliebter und auch von kleinen Dingen entzückter, als es jeder männliche Unsterbliche in ihrer Position wäre. Und so hat sie schon längst mehr als einen Blick auf euer Treiben hier unten geworfen.“

Was Athena allerdings höchst seltsam fand, da in ihrer aller in Rede stehenden Vinothek, Birreria und Branntweinerei eigentlich bei der ersten Morgendämmerung noch niemand auf den Beinen war, hatten sie doch am Vortag meistens ordentlich gezecht, sodass Ausschlafen in der Frühe nötig war. Aber natürlich andersrum machte es Sinn, denn mit Abstand am öftesten waren die Höhlenbewohner natürlich, meist unter Absingen obszöner Lieder, Grölen, Trommeln auf Hafendeckeln, bacchantischen Tänzen etc. zu Bett gewankt, wenn es bereits tagte. Und natürlich hatten die Gelage auch oft schon am späten Nachmittag begonnen und waren bei Anbruch der Abendröte bereits in vollem Gange gewesen.

Venus fuhr fort: „Eos hatte natürlich längst das schon chronische Wüten des Mars mitbekommen, das oft schon frühmorgens einsetzte. Und sie hatte auch bemerkt, dass mich mein einstiger Liebhaber in solchen Momenten nicht einmal erkannte, geschweige denn sich noch an unser intimes Verhältnis erinnerte. So verriet sie mir eure geheime Kammern, falls einmal meine Sicherheit aufs äußerste gefährdet sein sollte. Seid bitte nicht böse, dass ich heute in äußerster Not auf diese Rettung zurückgegriffen habe. Ich gelobe im Namen der höchsten, unplatonischen und körperlichen Liebe, dass ich niemals ein Sterbenswörtchen über diesen Zufluchtsort ausplaudern werde.“

In diesem Augenblick tat die Liebesgöttin Athena wahrhaftig leid, und sie bedauerte, dass Mars diese nicht bis hierher verfolgt hatte. Was hätte er für Prügel von ihr bezogen! Denn die Leute vergaßen allzu oft, dass sie nicht nur die Göttin der Weisheit, der Kunst, des Handwerks und der Handarbeit war, sondern auch der Strategie und des Kampfes. Mit Wonne erinnerte sie sich, wie sie Mars vor Troja verdroschen hatte.11


11 Homer, Ilias, Verse 845 ff.


Der Kriegsgott hatte unter den von Athena favorisierten Griechen grauenhaft gewütet. Die Göttin verbarg sich nun hinter dem achäischen Helden Diomedes. Als Mars ihn erblickte, ließ er seinen soeben massakrierten Gegner im Staub liegen und eilte auf jenen zu und warf voll Mordlust seine Lanze nach ihm. Athene lenkte jedoch das Wurfgeschoss ab und trieb mit eigener Hand des Diomedes Lanze dem streitbaren Götterkollegen mit solcher Wucht in die Weichteile des Bauches, dass beim Zurückziehen der Waffe die Haut in Fetzen zerriss. Da brüllte der Unsterbliche, wie der Dichter uns schildert: „Wie wenn zugleich neuntausend daherschrien, ja zehntausend rüstige Männer im Streit, zu schrecklichem Kampf sich begegnend. Rings nun erbebte das Volk der Troer und auch die Achaier waren voll von Angst: so brüllte der rastlos wütende Mars.“ Diomedes sah, wie dieser in Wolken gehüllt und mit einem Getöse, wie es nur ein Donnersturm nach drückender Schwüle hervorbringt, zum Himmel auffuhr. Dort ging er dann, wie die Sterblichen sagen würden, zu Zeus „schiarg’n“, zeigte ihm seine blutende Wunde, jammerte und wagte es, dem Göttervater vorzuwerfen, dass er Athena nie zur Rechenschaft zog, wohl weil er sie zeugte. Er verstieg sich sogar dazu, dass er meinte, er hätte durch den Lanzenstoß zum Krüppel gemacht werden können. Da kam er aber an den Falschen. „Finster schaut‘, und begann der Herrscher im Donnergewölk, Zeus: ,Hüte dich, … mir hier zur Seite zu winseln! Ganz verhasst mir bist du vor allen olympischen Göttern! Stets doch hast du den Zank nur geliebt, und die Kämpf und die Schlachten!“ Und hier konnte sich der oberste Gott einen Seitenhieb auf seine widerborstige Gattin Hera und Mutter des Mars nicht verkneifen und meinte, dieser hätte von ihr den Trotz und unerträglichen Starrsinn geerbt. Doch dann gewann doch die divine Solidarität die Oberhand, er sandte nach Paieon, den Heilgott der griechischen Mythologie, der Mars einen lindernden Balsam auf die Wunde, die sich alsbald schloss, strich. Hebe schließlich badete heilsam den wüsten obersten Krieger und schloss damit die regenerierende Behandlung ab. Wie gerne hätte Athena diese genussvolle Szene vor Troja heute wiederholt und ihr Mütchen an Mars gekühlt. Was wäre das für eine herrliche Abwechslung in dieser coronabedingten Lockdownzeit gewesen.

Venus versuchte nun, die Situation ein wenig zu entspannen: „Ihr braucht euch übrigens keine weiteren Sorgen zu machen, denn in kürzester Zeit werdet ihr mich wieder los sein. Ich gedenke nämlich, mich so lange auf meine Heimatinsel Zypern zurückzuziehen, bis die Pandemie wirklich besiegt ist, und die Zahlen der Gefallenen in den Kriegen in Afghanistan, im Vorderen Orient, in Afrika, und bis dahin hoffentlich an neu- oder wiederentflammten anderen Brandherden dieser Welt einmal mehr zur Zufriedenheit des Kriegsgottes hinaufschnellen werden. Unweit derjenigen zypriotischen Bucht, wo ich meinem Geburtsschaum entstieg, steht seit langem eine nette kleine Pension mit Familienanschluss. Baucis, die uralte aber immer noch sehr alerte Herrin des Hauses, steht selbst am Herd und kocht urgriechische Rezepte, die – glaube ich – noch aus der Zeit der Tıtanen überliefert sind, natürlich verfeinert durch eine unüberschaubare Reihe von Vorfahren der Wirtin. Auf der Speisekarte stehen etwa der ,Oktopus nach Neptuns Art‘, ,Fasan á la Ikarus‘, ,Circes Schweinsbraten‘, ,Sizilianischer Grillspieß Odysseus an scharfer Polyphem-Sauce‘, ,Kandierte Birne Helene“, ,Agamemnos Blutwurst (λουκάνικο αίματος)‘ oder ,Musen-Stifado, pikant, mit neun Gewürzen‘. In einem jahrhundertealten Rezeptbuch sind auch noch ,Schafsaugen im Teiresias-Schmalz‘ verzeichnet, doch sind die Angaben durchgestrichen, und in einer handgeschriebenen Randnotiz ist vermerkt, dass diese Speise insbesondere seit den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Osmanen von der Karte gestrichen wurde, da sie in einigen islamischen Ländern überaus beliebt war und als Delikatesse galt, mit der man auch gerne Gäste ehrte. Bei guten Christenmenschen soll dieser degoutante Fraß aber schon lange vorher verpönt gewesen sein.

Von besonderem Reiz ist es“, fuhr die Liebesgöttin fort, „wenn Philemon, der Gemahl der Baucis, mit seinem Kahn von seinen nächtlichen Fischzügen zurückkommt und auf einem primitiven, aber effektiven Rost einen Teil seines noch tropfnassen Fangs grillt und uns alle zu einem Fastenbrechen auffordert, bei dem mit Zypernwein schon frühmorgens das Leben gefeiert wird. Und wer weiß: als ich vor Jahren das letzte Mal an dieser wunderbaren Stätte auf Urlaub war, da hatte mein ewig kindlicher Eros dort einen Spielgefährten in seinem Alter. Mittlerweile müsste sich der Bengel schon zu einem schwarzgelockten Adonis ausgewachsen haben und recht appetitlich geworden sein. So ein wenig Abwechslung mit einem knackigen Toyboy könnte doch wohl nicht schaden. Außerdem haben sie den Bengel ,Anchises’ genannt. Ihr wisst schon: das war der unglaublich schöne Jüngling, den ich als Hirtenmädchen verführt habe. Ich hatte keine Ahnung, dass man mit einem Sterblichen solch tollen Sex haben könnte. Von ihm habe ich den Aeneas empfangen, ja, denjenigen mit der Dido und dem ganzen darauffolgenden blutigen Schmarren mit dem Römerreich. Aber die markerschütternden Orgasmen, die all dem vorausgingen, waren es wert, auf jeden Fall. Auf meinen Ruf als Göttin bedacht, die sich vielleicht doch nicht mit einem Sterblichen einlassen hätte sollen, gebot ich dem Anchises, kein Sterbenswörtchen über unsere Affäre zu verlieren. Einmal konnte er jedoch im Weinrausch seinen Mund nicht halten und prahlte vor seinen Saufkumpanen, dass er wohl der potenteste Hengst von allen wäre, dem es sogar gelungen sei, die Liebesgöttin selbst ins Bett zu bekommen. Das reichte. Da Verträge zwischen Göttern und Menschen niemals gebrochen werden dürfen (und wenn, dann natürlich höchstens von den Göttern), schlug ihn Zeus nach dieser Indiskretion zum Krüppel12.


12 Deshalb musste auch Aeneas seinen Vater Anchises aus dem brennenden Troja tragen, wie dies Gian Lorenz Bernini so eindrucksvoll in seiner Figurengruppe in der Galleria Borghese dargestellt hat.


Und ich kann es dem alten Zausel gar nicht verdenken.“ Dabei deutete sie auf den Göttervater, der sein Haupt auf seinen Marmortisch gelegt hatte und gerade sein gefürchtetes Donnern durch ein ebenso schreckenerregendes Schnarchen er- setzte. Venus war von der Aussicht auf ein sexuelles Abenteuer in Zypern schon wieder recht lebhaft geworden und erkundigte sich bei Athena, ob sie das Bad und einiges von deren Makeup benutzen dürfe. Als diese zusagte, tänzelte die Pandemos bereits, kokett ihren Hintern schwingend, in Richtung Badezimmer. Die männlichen Wesen im Raum (inklusive Adler, jedoch exklusive des in Tiefschlaf befindlichen Zeus) zogen scharf die Luft ein, denn minutenlang schienen sie den Atem angehalten zu haben, voll darauf konzentriert, durch das eine oder andere durch Mars gerissene Loch in der Gewandung der olympischen Sexbombe einen Blick auf deren schwellende Formen zu erhaschen.

Ein wenig eifersüchtig dachte Athena: „Du alte, geile, nymphomanische Schlampe bleibst wohl auch für immer unersättlich.“ Und sie konnte nicht verhindern, dass in ihr ein alter Groll wieder erwachte, während ihr vor kurzem die von Mars so arg geschundene Venus noch leid getan hatte.

Ich habe keine Ahnung, ob es im Alt- oder Neugriechischen ein Sprichwort gibt, das dem deutschen nahekommt, nämlich: „Wenn der Teufel Junge hat, dann hat er viele!“ Denn gerade, als Venus ihre kosmetische Regeneration vollendet hatte und aus der Toilette kam, gab es neuerlich ein merkwürdiges, völlig ungewohntes Poltern. Dann wurde der Perlvorhang ein zweites Mal in Rage auseinandergefetzt.

Alle Anwesenden erstarrten: Es war Hera! Venus erfing sich als erste und zwitscherte ganz honigsüß: „Also tschüüüs! Ich werde Zypern schön von euch grüßen!“

Es stellte sich später heraus, dass Hera auch schon, die Prunkdecke im olympischen Palast coronabedingt auf den Kopf gefallen war. Daher hatte sie sich seit geraumer Zeit entschlossen, kleine Wanderungen an den Hängen des griechischen Götterberges zu unternehmen. Bisher war sie immer auf der anderen Seite unterwegs gewesen, da die Flanken, in die sich unsere Osteria hineinkuschelte, viel steiler und felsiger waren, hatte man doch ein solches Gelände gerade deshalb gewählt, um vor unliebsamen Besuchen sicher zu sein. Heute war aber offensichtlich das Schnarchen ihres Göttergatten, genau als sich Hera an der Grenze zum unwegsamen Gelände befand, so stark gewesen und ihr so bekannt vorgekommen, dass sie die Strapazen auf sich nahm, bis zum gastronomischen Höhleneingang vorzudringen. Und da stand sie nun ebenso angewurzelt wie die Insassen der Locanda. Dann wurde sie puterrot im Gesicht – eine Sterbliche wäre in dieser Situation einem Schlaganfall erlegen. Für sie war es aber nicht viel mehr als ein Andante vor dem Prestissimo agitato, mit dem sich ihre titanenhafte Wut in Richtung ihres Gemahls entlud, der noch immer halb betrunken und schnarchend an seinem Steintisch lehnte. Die weißarmige Göttin fauchte: „Da bist du also, der du wochenlang deinen Gipfelpalast nicht betreten, geschweige denn das Ehebett mit mir geteilt hast. Hier also suhlst du dich, siehst so unappetitlich aus wie der volltrunkene Silen in des Bacchus schweinischem Gefolge. Hier also besudelst du griechische Götterehre!“ Und mit ähnlichen Schmähungen ging es minutenlang weiter. Schließlich verbreiterten sich ihre Anschuldigungen und gingen in Grundsätzliches über, etwa dass sich ihr Gatte immer wieder von ihr entferne, um heimliche Ratschlüsse weit weg von ihr in die Tat umzusetzen. Selbst in seine Gedankenwelt weihe er sie nicht ein.

Das Furioso des Gekeifes seiner Gattin schreckte Zeus nun doch auf aus seinem seligen Schlummer, er blickte ein wenig erstaunt umher, als fragte er sich, wo er sich gerade befände und welche Megäre es wagte, seine olympische Ruhe zu stören. Dann legte sich für einige Minuten ein Ausdruck unendlicher Gelassenheit auf sein Antlitz. Doch das täuschte. Es war nur so ähnlich, wie wenn das letzte milde Abendlicht noch auf die Blätter eines hellen Buchenwaldes schiene, dann ein paar laue Regentropfen fielen, bald jedoch gefolgt von einem Regenguss, gekoppelt mit einem Temperatursturz von etwa 15° C, worauf der Niederschlag in Graupeln übergehen würde, und schließlich in tennisballgroße Hagelschloßen. An diesem Punkt unseres Vergleichs mit einer Naturkatastrophe klang der nun zur vollen Größe aufgereckte Zeus wie ein Orkan, als er sich Hera zuwandte13: „lmmer versuchst du, mich auszuspähen, was dir freilich niemals einen Nutzen bringen wird. Dein Tun und Trachten entfernt dich nur ständig von meinem Herzen.“


13 Homers „Ilias“ (Verse 560 ff.) frei folgend


Und dann fuhr er volles Geschütz auf: „Setz dich augenblicklich nieder, schweig und gehorche meinem Gebot. Und denke daran, dass dich die Unsterblichen im Olymp wohl kaum mehr schätzen würden, erhöbe ich abwehrend meine Hände gegen dich, dir jede Annäherung verbietend.“ Da folgte Hera erschrocken, setzte sich schweigend auf einen Hocker und versuchte, die unerwartet heftig in ihrem Herzen tobenden Stürme zu bezwingen.

Zum dritten Mal schreckte das aufgeregte Scheppern des Perlvorhangs die gerade sprachlos gewordene illustre Gesellschaft in der Taverne auf. Herein hinkte zu aller Überraschung der kunstfertige Schmied Hephaistos. Dabei wurde rasch klar, was die eigentliche Ursache seines Auftretens war. Er hatte gerade noch den Rest der tätlichen Auseinandersetzung zwischen seiner Gattin und seinem Nebenbuhler Mars mitbekommen und rasch begriffen, dass es sich diesmal keinesfalls, wie sonst zuvor so oft üblich, um ein ungezähmtes Liebesabenteuer der beiden handelte, und dass die Schreie, die an sein Ohr drangen, keinesfalls welche von weiblichen Orgasmen waren, sondern solche unerträglicher Schmerzen. Da wurde ihm bewusst, dass es sich um einen Streit auf Leben und Tod drehen musste, wobei sich der Kriegsgott offenbar in einem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit befand. Gerade hatte sich Venus von dessen Umklammerung befreit und raste einen steilen Abhang hinunter. Der Gott der Schmiedekunst sah, dass er gegen ein solches Toben des Mars nichts ausrichten konnte, weshalb er überlegte, ob es nicht besser wäre, Venus nachzueilen, um zu sehen, ob sie erste Hilfe benötigen würde. Er entschloss sich zu dieser Vorgangsweise, wobei natürlich das von mir gerade verwendete Verbum „eilen“ in Zusammenhang mit Hephaistos völlig unangebracht ist, galt er doch seit seiner Geburt als so gut wie lahm. Das erklärt, dass er erst bei der Taverne, wohin ihm das ständige laute Schreien verschiedener Stimmen und die aufgekratzten Streitreden den Weg gewiesen hatten, eintraf, als Venus längst nach Zypern aufgebrochen war. Auf diese Weise wurde er aber unfreiwilliger Zeuge des scharfen Zanks zwischen Zeus und Hera. Gleich versuchte er, seine Mutter zu beruhigen, und sprach zu ihr und den Umstehenden:14 „Jetzt ermahn‘ ich die Mutter, wiewohl sie selber Verstand haben sollte, unserem Vater zu nah’n mit Gefälligkeit, dass er fortan nicht schelte, der Vater Zeus. Denn sobald er es wollte, der Donnergott des Olympos, schmettert‘ er uns von den Thronen: denn er ist mächtig vor allen. Besser, o Mutter, wäre es, du wollest mit freundlichen Worten ihm schmeicheln. Bald wird dann der Olympier wieder huldvoll mit uns versöhnt sein.“


14 Ebd., 575 ff. 21


Athena hatte in weiser Voraussicht bereits zwei große Becher mit herrlichem Wein gefüllt, die sie bei den letzten Worten des Hephaistos Hera in die Hand drückte. Die Lilienarmige gab einen gleich an Zeus weiter, lächelte ihn umwerfend an und prostete ihm mit den Worten zu: „Bitte sei nicht mehr böse auf mich. Ich will mich ja gewiss bessern und nicht mehr eine solche Keifzange sein!“ Zeus setzte nun sein majestätisches Gesicht auf (siehe obiges Foto), aber nicht als schwarzumwölkter Herrscher, sondern als Allvergeber.

Athena klatschte – Aufmerksamkeit heischend – in die Hände und verkündete: „Wenn ihr euch ein halbes Stündchen gedulden wolltet, dann werde ich versuchen, ein frugales Göttermahl für euch zu bereiten, mit den bescheidenen Mitteln, die mir hier oben eben zur Verfügung stehen. Hera wird mir gewiss gerne zur Hand gehen.“ „Nichts lieber als das“, antwortete die weißarmige Zeusgemahlin freundlich. „Ihr könntet in der Zwischenzeit ein Gläschen Qualitätsprosecco trinken“, meinte Athena, die ldeenbegabte. Hephaistos erklärte sich gleich bereit, den Mundschenk zu spielen. Hermes, der Stänkerer, murmelte (zum Glück leise genug) vor sich hin: „Na, mit Hebe, der formenreichen und strahlend schönen Göttin der Jugend, die uns früher im Olymppalast die Pokale füllte, ist der hässliche alte Hahnrei wohl nicht zu vergleichen“, doch dann siegte seine Gutherzigkeit, und er löste den krummen Schmiedegott bereits nach der ersten Runde als Kellner ab, denn Hephaistos konnte sich kaum auf den lahmen Beinen halten, so erschöpft war er von der vorangegangenen Suche nach Venus. Unter uns: ganz so selbstlos war Hermes natürlich nicht. Er hatte nämlich gleich bemerkt, dass sein Vorgänger vor Anstrengung so zitterte, dass er beim Einschenken stets die Hälfte verschüttete – und dafür war das herrliche vergorene Wahrzeichen von Valdobbiadene nun wirklich zu schade.

Hera und Athena (die merkwürdigerweise ein Kunstbuch mitnahm) begaben sich, wie an- gekündigt, in die Küche und begannen eine Vielfalt von panhellenischen Mezédes zu kreieren. Und zum Glück schmorte seit Stunden auf dem Rost ein Katsiki, ein Zicklein, von dem ursprünglich zweimal gegessen werden sollte; jetzt würde es wenigstens mit Sicherheit für alle reichen.

Als sie mit der Bereitung der Vorspeisen fertig waren, zog Athena Hera in eine Ecke, wo man sie auf keinen Fall belauschen konnte. „Liebe Hera“, hob Athena an, „ich hoffe, du bist nicht beleidigt, wenn ich dich auf etwas aufmerksam mache.“ „Nein, selbstverständlich nicht! Um was geht es denn?“ Athena: „Natürlich erinnerst du dich noch an das ,Urteil des Paris’“ Hera (zynisch lachend): „Du meinst wohl, das ,Fehlurteil des Paris’“. Athena: „Natürlich wissen wir beide, dass Venus, diese Bitch, nur gewonnen hat, weil sie dem Paris Helena, das schönste irdische Weib, versprochen hat. Mir als Intellektuelle, manche sagen ja ,Blaustrumpf‘, hat das wenig ausgemacht, sah ich dem Paris doch an, dass er sich kaum verkleiden musste, um als Hirtentölpel durchzugehen.“ „Bei mir war das anders“, widersprach Hera, „ich hätte mit dem Kerl glatt etwas angefangen, hätte er mich erwählt. Einen tollen Sixpack, stählerne Bizepse und stramme Wadeln hatte er ja, und seine geistigen Qualitäten wären mir völlig egal gewesen, bei dem, was wir ganz animalisch getrieben hätten. Ich war damals gerade in bester Laune, mich einmal kräftig für die zahllosen Seitensprünge meines Herrn Gemahls zu rächen.“ Athena konterte: „Nun, ich denke, das hast du ja wohl dann vor fünf Jahren in London mit dem bairischen Biergott Gambrinus nachgeholt, als Apollo, Hermes und ich in einem Pub in Whitechapel beinahe über dich gestolpert wären.“ „Ja, damals war ich auch ziemlich verzweifelt und musste unbedingt eine sexuelle Entspannung haben“, gestand Hera, „da nahm ich sogar diesen schuhplattelnden bairischen Stripper in Kauf. Aber in Wahrheit war da nichts, denn wirklich groß gewesen war nämlich nur sein Durst vorher. lm Hotel musste er gleich einmal seine vielen Pinten auskotzen, und dann ist er sofort eingeschlafen. Ich habe mich, total ernüchtert, früh morgens, noch bevor er erwacht ist, aus dem Staub gemacht und mein Frühstück nicht im Hotel ein- genommen, sondern spazierte nach Shoreditch, um im ‚Franzé & Evans Cafe’, wo man in London den besten italienischen Kaffee bekommt, mehrere Espressi zu mir zu nehmen, um meinen Kater vom Vorabend zu bekämpfen.“ Athena winkte ab: „Na schön. Ich will dir gerne glauben. Aber diese Angelegenheit ist ohnedies egal, denn meine Brüder und ich hätten dich eh nie verraten, weil wir sicher keine Vernaderer sind. Aber jetzt muss ich leider zu einem weit ernsteren Kapitel kommen. Ich befasse mich ja laufend auch mit Kunstgeschichte, schon um mit Apollos diesbezüglicher Klugscheißerei mithalten zu können. Und da habe ich mich kürzlich mit den Darstellungen zum ,Urteil des Paris‘ in der bildenden Kunst befasst. Anlass dazu war, dass unlängst Zeus irgendwo ein Pornoheftl aufgetrieben hat, und leicht beschwipst angesichts der völlig nackten Tatsachen meinte: ,Na, wenn es heute noch einmal zum Parisurteil käme, da wären die drei Göttinnen, inklusive meiner Alten wohl pudelnackert. Damals aber waren sie natürlich wohl noch achtbar angezogen, wie es sich für Überirdische geziemt.‘ Das ist mir natürlich ein bisschen merkwürdig vorgekommen, und ich beschloss, ihm einmal ein wenig auf den Zahn zu fühlen, und zwar genau in dem Stadium, wenn er gerade noch so nüchtern ist, dass er keinen unzusammenhängenden Quatsch daherplappert, aber doch auch schon so besoffen, dass er sich am nächsten Tag an kaum mehr etwas erinnern können würde. Geschickt brachte ich das Gespräch zunächst weitläufig auf den Trojanischen Krieg und in der Folge auf dessen eigentliche Ursache, das ‚Parisurteil‘. Dabei merkte ich, dass er nichts anderes kannte, als die antiken Darstellungen, auf denen wir noch voll bekleidet zu sehen sind, zu groß war damals der Respekt vor dem Numinosen, da man ja an uns glaubte.

Parisurteil; Bild: British Museum Trustee (CC BY-NC-SA 4.0); Quelle: https://www.sullacoins.com/post/the-judgement-of-paris
Parisurteil; Pelike; Maler der Hochzeitsprozession (um 360 v. Chr.) – Foto: Marshall Astor (CC BY-SA 2.0); Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Judgement_Paris_Getty_Villa_83.AE.10.jpg#/media/File:Judgement_Paris_Getty_Villa_83.AE.10_full.jpg

Parisurteil: attisch-schwarzfigurigen Hydria des Antimenes-Malers, um 510 v. Chr., Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Urteil_des_Paris#/media/Datei:Judgement_of_Paris_Staatliche_Antikensammlungen_1722.jpg

Parisurteil: Louvre: Mosaik aus Antiochia (2. Jh. n. Chr.); Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Urteil_des_Paris_(Mosaik)#/media/Datei:Judgement_Paris_Antioch_Louvre_Ma3443.jpg

Du weißt ja selbst, dass dein Gatte es nicht so sehr hat mit den schönen Künsten, er hält sie für Musenschmarrn, was für ihn gleichbedeutend ist mit Weiberkram. Apollo nennt er manchmal ein auf der Lyra klimperndes Weichei, wobei er allerdings den stahlharten todbringenden Bogenschützen vergisst. Die einzige Periode, die deinen Gatten außer der Antike noch halbwegs interessiert, ist die Renaissance, weil da ja viel aus dem Altertum, also aus seiner und unserer Jugendzeit wieder auflebte. Als er am nächsten Morgen wieder nüchtern war, beschloss ich, die Probe aufs Exempel zu wagen, und ließ eine ordentliche Reproduktion jenes Gemäldes, auf dem uns auch Botticelli bei des Paris Entscheidung, wem er den Pomo d‘ Oro zuerkennen sollte, abbildet. Warum uns der große Florentiner hier geradezu ,overdressed’ darstellt, weiß ich selbst als Göttin der Weisheit nicht. So viel ist freilich sicher: dieses Bild brauchte der Maler jedenfalls nicht in das bilderstürmerische Feuer Savonarolas zu werfen.15


15 Anfang Februar 1497 ließ Savonarola große Scharen von Jugendlichen und Kindern („Fanciulli“) durch Florenz ziehen, die „im Namen Christi“ alles beschlagnahmten, was als Symbol für die Verkommenheit der Menschen gedeutet werden konnte. Dazu zählten nicht nur heidnische Schriften (oder solche, die von Savonarola dazu gezählt wurden) oder pornographische Bilder, sondern auch Gemälde, Schmuck, Kosmetika, Spiegel, weltliche Musikinstrumente und -noten, Spielkarten, aufwendig gefertigte Möbel oder teure Kleidungsstücke. Teilweise lieferten die Besitzer diese Dinge auch selbst ab, sei es aus tatsächlicher Reue oder aus Angst vor Repressalien. Am 7. Februar 1497 und am 17. Februar 1498 wurden all diese Gegenstände auf einem riesigen Scheiterhaufen auf der Piazza della Signoria verbrannt. Der Maler Sandro Botticelli warf einige seiner eigenen Bilder selbst in die Flammen.


Sandro Botticelli: Das Urteil des Paris, 1485–1488, Tempera auf Leinwand, Venedig, Fondazione Cini

Trotz leichten Katers erblickte Zeus die Reproduktion relativ rasch, und ich hörte ihn murmeln: „Na, so etwas wie einen einteiligen Badeanzug mit Beinansatz hätten sie schon tragen können. Da hätte ja vielleicht sogar der Paris gemerkt, dass meine Gattin schöner ist, als das venerische Liebesflittchenl“

Auf jeden Fall ist bei Zeus nunmehr die Erinnerung an das Ereignis auf dem Berg Ida frisch erwacht. Du, liebe Hera wirst Dir zwar denken: ,Na und, was soll’s‘. Das ist richtig, wenn der Teufel auch wirklich schlafen und bei seinem Erwachen nicht panischen Schrecken verbreiten würde. Ein solcher fuhr mir nämlich in die Glieder, als just ein paar Tage später eine Nummer der Kunst- und Museumszeitschrift „HellenArt“ eintrudelte (bzw. von unserem Adler bei der nächsten postverwaltenden Apotheke im Tal abgeholt wurde, aber über dieses unser Liefersystem, das dir ja nicht bekannt ist, kannst du später nachlesen). Die ganze Ausgabe ist nämlich ausgerechnet dem Parisurteil und seiner künstlerischen Präsentation durch die Jahrhunderte hindurch gewidmet. Ich habe die Nummer sofort versteckt, nicht einmal Apollo hat sie zu Gesicht bekommen. Denn damit hätte ans Tageslicht und deinem Zeus zu Gesicht kommen können, dass wir uns völlig nackt geradezu prostituiert haben, um an den blöden goldenen Apfel des noch blöderen Paris mit seinem unüberbietbar blöden Urteil zu gelangen. Schon seit dem 15. und 16. Jahrhundert stellt man uns splitternackt dar, so etwa bereits im Manuskript „Judgement of Paris. Bucolics, Georgios, and the Aeneid, c. 1450 – 1460, oder etwas später in der Buchmalerei des „Le Recueil des histoires de Troyes“ von 1495. Dann stellen uns u.a. so unzüchtig dar: Albrecht Altdorfer (1511), im selben Jahr Heinrich Steiner, Marcantonio Raimondi (1515/16), Jörg Breu d. J., Hans Sebald Beham, Lucas Cranach d. Ä. (sogar mehrfach), auch kein Geringerer als Raffael, Niklas Manuel (genannt Deutsch), Jan van der Straet, ein Peter Paul Rubens (dieser sogar dreifach), Joachim Wtewael, Carracci, und später dann überhaupt ohne Genierer: Boucher, Luigi Garzi, Jacopo Guarana, Cezanne, Renoir (besonders deftig), Franz von Stuck, Max Klinger und so manche andere, ja, wenn man die Plastik dazunimmt, bis herauf zu Markus Lüpertz (2000-2002). Doch zurück zu den älteren, dafür aber umso naturalistischeren Bilder, auf denen man jede Arsch- und sonstige Falte von uns deutlich betrachten kann. (Athena hatte heute offensichtlich ihren besonders vornehmen Tag, was allerdings kein Wunder war bei all den turbulenten Ereignissen, die ja auch nicht gerade die allerfeinsten waren.) Ganz besonders inkriminierend ist ja dieses Bild von Frans Floris, das – wie du siehst – ausgerechnet den Umschlag dieses von mir bisher geheim gehaltenen Bildbandes ziert. Der manieristische Maler, der von 1517 bis 1570 lebte, hatte sich mehrere Jahre in Italien aufgehalten und hier antike und italienische Vorbilder studiert, u.a. Raffael, Michelangelo und Veronese. Nach Antwerpen zurückgekehrt, gründete er einen erfolgreichen Werkstattbetrieb und war einer der Initiatoren, die den Romanismus in die niederländische Kunst einführten.

Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Frans_Floris_-_The_Judgment_of_Paris_-_WGA07945.jpg

Doch gehe ich etwas wetten, dass deinen göttlichen Gemahl all dieses kunsthistorische Wissen nicht im geringsten interessieren wird, wenn er sieht, wie du deinen absolut elysischen Hintern aller Welt präsentiert hast, denn diesbezüglich stimmt die Fantasie des Künstlers ganz präzise mit der damaligen Realität überein. Ich hatte ja wenigstens noch meinen Helm auf (Scherz! Vergleiche den Songtext von Joe Cocker: „You can leave your hat on“) und hätte meine ohnedies nur halb entblößte Scham rasch mit dem gelben Tuch, das mich von meinem rechten Knie bis zur Beuge bedeckte, vollends verhüllen können. Außerdem wäre mein Schild schnell greifbar gewesen, um weitere Nuditäten neugierigen Blicken zu entziehen. Du aber, Hera, stehst da in deiner paradiesischen Rückenansicht, ohne die geringste Stofffaser in deiner Nähe. Und dein herabgezogener Mundwinkel zeugt auch von großer Enttäuschung, dass du diesen Strip-Wettbewerb nicht gewonnen hast. Ich bin ja nicht einmal ansatzweise lesbisch, bisexuell, oder gar queer, aber ich kann dir versichern: hätte Paris deine perfekte Kehrseite gesehen, statt der bis zur unästhetischen Hässlichkeit aufgegeilten, steinharten Brustnippel der Venusnutte, er hätte dir den Ehrenpreis zusprechen müssen – du warst (und Floris hat das perfekt herausgearbeitet) auf jeden Fall die Schönste von uns Dreien. Dabei hat der Depp von Paris nicht einmal wenigstens diese unübersehbaren Titten der von ihm Erwählten ordentlich fixiert. Sein Tunnelblick geht viel mehr ins Leere, da er sich im Geiste schon mit Helena im ehebrecherischen Pfuhl wälzen sieht. Korrupter Primitivling!

Aber ich schweife ab. Denn du musst dir, liebe Freundin, jetzt einmal vor Augen halten, was dein schwarzwolkiger Ehegespons dazu sagen würde, wenn er eben nicht nur dieses Gemälde, sondern eine weit über die Jahrhunderte reichende Kunstgeschichte, wie ich sie hier heimlich mitgebracht habe, in die Hände bekäme, und dich in fast jeder der in Rede stehenden Szene splitterfasernackt erblicken würde. Er würde dich mit Schimpf und Schande vom Olymp jagen, und Venus und mich gleich dazu. Heimatlos wären wir – und das noch dazu in Corona-Zeiten, wo ihr beide euch mit euren weiblichen Reizen bei der verordneten Körperdistanz von fast fünf Ellen und dem Maskengebot nicht erhalten könntet, genau so wenig wie ich mit meinen intellektuellen Fähigkeiten, in Anbetracht der periodisch erfolgenden Sperren von Schulen, Universitäten, Bibliotheken und anderen Bildungs- und Kultureinrichtungen. Athena merkte, wie Hera, die Weißarmige, bei ihren Ausführungen vor Sorgen immer bleicher wurde, bis ihr Antlitz farbloser war als ihre Glieder. Und ihre ohnedies wagenradgroßen Augen waren vor Entsetzen noch mehr geweitet als sonst, wobei sie, wie ihr Beiname „die Kuhäugige“ (boopis) schon sagt, die „Hera Eponyma“16 sein könnte – für alle jene Models und sonstigen Damen, die mit kosmetischen Mitteln versuchen, zu verführerisch großen Augen zu gelangen, um begehrliche Männerblicke einzusammeln.


16 Ich habe hier ein Wortspiel erfunden, denn im Griechischen bezeichnet man als „Heros eponymos“ eine mythische oder geschichtliche Gestalt, von deren Namen die Bezeichnung einer sozialen Gruppe, eines Stammes, eines Volkes, einer Stadt, einer Insel oder eines Gebirges hergeleitet wurde. Eponyme von Städten oder Stämmen waren oft Helden (Heroen) oder Stammväter bzw. Stammmütter, denen als mythische Gründer oder Gründerinnen meist ein eigener religiöser Kult gewidmet war. So gesehen würde ich vorschlagen, dass man Modells, die großen Wert auf ein gesteigertes Augen-Makeup legen, „Boopsiden“ nennen könnte, was – so gar nicht im Sinne des Erfinders – vor allem in einer männlich besetzten Jury oder einem Macho-Publikum natürlich sofort umgedeutet werden könnte, und zwar im angelsächsischen Sprachraum gewiss mit „Boops“ (Busen) assoziiert, im deutschen Milieu aber vielleicht mit „Popsch“ (Hinterteil) in Verbindung gebracht würde. Damit wäre von der ursprünglich auf die Augen abzielenden Bedeutung natürlich nichts mehr übrig geblieben. Aber egal, Männer lügen ohnedies immer, wenn sie auf die Frage, wohin sie als erstes bei Frauen blicken würden, antworten: „Selbstverständlich in die Augen“.


Beschwichtigend nahm die blauäugige Tochter des Zeus dessen Gattin am Arm und sagte: „Ich habe aber einen Plan, wie wir alle Gefahr abwenden können.“ Hera sah sie ängstlich, aber erwartungsvoll an, als diese erläuterte: „Wir werden jetzt einmal ein prächtiges Gastmahl abhalten, Hermes und Hephaistos werden abwechselnd die Mundschenken spielen, Apollo wird auf der Lyra eine dezente Bar-Musik spielen, Fackeln werden ein romantisches Licht spenden. Alkohol vom Feinsten wird in Strömen fließen. Es wird spät werden, sodass du eine gute Ausrede haben wirst, in der Nacht nicht mehr in den Götterpalast auf dem Gipfel zurückkehren zu können. So wirst du in des Donnerers breitem Bett schlafen, kannst ihn mit Zärtlichkeiten den heutigen Eklat vergessen lassen, wobei du nicht viel Mühe haben wirst, denn er wird alsbald trunken entschlummert sein. Morgen früh wirst du ihm dann sagen, wie toll die Nacht für dich war. Er wird sich – wie alle Männer in einer solchen Situation – geschmeichelt fühlen, auch wenn er sich praktisch an nichts mehr erinnern können wird. Dann machst du ihm den Vorschlag, dass du gerne immer wieder einmal und in der Folge vielleicht immer öfter herunterkommen würdest, um mit uns allen zu feiern und ihn dann abschließend zu lieben, auf welche Arten auch immer er dies vorzöge. Zeus würde somit herunten in unserer Osteria wohnen bleiben, und ich könnte unschwer dafür sorgen, dass ihm niemals irgendetwas in die Hände fallen würde, was einen kompromittierenden Bezug auf unseren einstigen Nudistinnen-Wettbewerb hätte.“

Hera wollte nur eine kleine Nachdenkpause, denn das alles hatte sie völlig unvorbereitet getroffen. Sie wollte ihre Entscheidung Athena dann im Laufe des Festmahls wissen lassen. Das war dann aber schon der Fall noch bevor die letzten Vorspeisen gegessen waren. „Du bist eine so gute Freundin, Athena“, sprach sie, „dein Vorschlag wird die, wenn wir getrennt sind, oft wirklich auf der Kippe stehende Beziehung zwischen Zeus und mir gewiss schon einmal verbessern, er wird, wenn wir gemeinsam kultiviert feiern und genießen, vielleicht mit der Zeit auch weniger trinken, und sein unstetes Liebesleben, das natürlich durch die CoVid-Pandemie momentan völlig zum Erliegen gekommen ist, könnte ich möglicherweise mit genügend sexueller Raffinesse und Einfallsreichtum auch nach der Seuche besser in den Griff bekommen.“ Athena erwiderte: „Ich freue mich sehr über deine positive Entscheidung und bin überzeugt, dass alles so kommen wird, wie wir es voraussehen. Sei jederzeit willkommen in unserem bescheidenen Kabäuschen. Es wird eine win-win-Situation für uns alle sein. Und wenn sich alles tatsächlich so gut entwickelt, könnten wir sogar überlegen, ob wir nicht für Zeus und dich eines Tages einen kleinen Zubau errichten, oder zumindest einen gemütlichen Wintergarten.“ Die beiden Göttinnen umarmten sich herzlich.

Athena aber dachte bei sich: „Ach, wie bin ich schlau, dass ich abwenden konnte, dass Hera ihren bereits begonnenen hysterischen Tobsuchtsanfall der Beschwichtigung durch Hephaistos zum Trotz weiter fortsetzt und womöglich nicht nur erreicht, dass Zeus wieder in den langweiligen Palast zurückkehren muss, sondern dass sie sogar noch hinterhältiger dafür gesorgt hätte, dass einige Schmiedegesellen des Hephaistos ohne dessen Wissen unsere schmucke Locanda niedergebrannt hätten, indem sie uns nächtens einige glühende Kohlestücke aus der vulkanischen Esse durchs Fenster in die gastliche Stube geworfen hätten, wie es die italienische Befana macht, wenn sie schlimme Kinder besucht (freilich ohne pyromanen Nebeneffekt). Ich bin also wirklich nicht nur die Göttin der Weisheit, sondern habe auch eine Menge unüberbietbarer menschlicher Tricksereien und Tücken mitbekommen in den langen Jahren, die ich auf Odysseus, den unübertroffen Listenreichen, während seiner Irrfahrten aufpassen musste.“ Es wurde übrigens noch ein rauschendes Fest, gegen dessen Ende jeder „Shot“17 in der Größe einer „Misura Palladiana“18 serviert wurde.


17 Ein Shot ist, wie bereits weiter oben berichtet, ein alkoholisches Getränk, das in einem 2 oder 4 cl Glas serviert und in einem Zug getrunken wird.

18 Wie jene, die meinem geneigten Leserkreis schon länger angehören, wissen, ist die „Misura Palladiana“ zu Ehren von Pallas Athene so benannt. Das Chianti-Maß („Misura Chiantigiana“) betrug 1,75 Liter, umfasste also mehr als eine Magnum-Flasche. Die Gefäße, aus denen die Parthenos zu trinken pflegte, sollten keinesfalls weniger als ein Drittel dieses Maßes beinhalten, was also etwa dem englischen „Pint“ entspricht, das genau 0,5683 Liter entspricht.


Jamasl! Spät nachts sanken daher alle in einen bleiernen Schlaf, bis auf Athena, die ja am meisten vertrug. Sie ließ noch einmal den tollen, verrückten Tag vor ihrem geistigen Auge ablaufen. Dann schlich sie ganz leise noch einmal um die Betten der anderen herum und blickte in die zufriedenen Gesichter der selig Schlummernden Dabei fiel ihr das Wort Hölderlins19 von den Himmlischen ein, die „schicksallos wie der schlafende Säugling“ atmen. Das mochte tatsächlich jetzt im Augenblick so aussehen. Doch in einem irrte der Einsiedler im Tübinger Turm. Waren sie erst einmal erwacht und wandelten und handelten im gnadenlosen Sonnenlicht, so waren auch die Götter so schicksallos nicht.


19 Friedrich Hölderlin, Hyperions Schicksalslied.

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