1) Allgemeine Einführung
Wir leben auch in unserer modernen Welt in Jahreszeiten und den damit verbundenen Naturgegebenheiten, aus denen seit Jahrhunderten Gewohnheiten entstanden sind, die sich zu Brauchtum entwickelt haben, zu standardisierten Arbeitsvorgängen, zu typischen Festen, zu Schlemmen oder Fasten.
Und jetzt befinden wir uns ja mitten in einer Periode, die man in Deutschland ja gerne auch die 5. Jahreszeit nennt, im Karneval, der in Österreich Fasching heißt.
Auch wenn wir vielleicht nicht mehr so wie in ganz jungen Jahren unaufhaltsam das Tanzbein schwingen, sind wir aber doch zumindest im Fernsehen, falls wir zuschauen, von zahllosen Karnevalssitzungen umgeben, von realen Umzügen (vielleicht sogar in unserer näheren Umgebung), von verrückten Narrenzeitungen.
Und so zahlt es sich ebentuell aus, doch ein bisschen mehr über all das Treiben zu wissen als der „gewöhnliche“ Karnevalsjeck oder Faschingsnarr – ich habe bewusst „gewöhnlich“ geschrieben und nicht „normal“, denn das sind sie ja alle gerade nicht! Da stifte ich mir selbst gleich ein närrisches Durcheinander, schweife von der Hauptlinie ab und greife vor, indem ich etwas wohl Unerwartetes über das Wort „Narr“ erzähle. Im Althochdeutschen heißt es „narro“, das aus zwei Quellen herkommen kann: entweder aus einem spätlateinischen *nario, und das wäre der „Spötter, der Nasenrümpfer“. Oder es hängt zusammen mit einer alten Wurzel, die „nörgeln, murren, knurren“ bedeutet. Man sieht also: das hat ursprünglich nichts zu tun mit der heutigen Bedeutung „einfältiger Mensch, Tor, Depp, ja sogar Geisteskranker“. Im Gegenteil, es scheint sich zunächst um einen intelligenten, kritischen Menschen zu handeln, der aber auch den Mut haben musste, wider den Stachel zu löcken. Denken wir bitte in diesem Zusammenhang an den „Hofnarren“, der die verbriefte „Narrenfreiheit“ hatte, dem Fürsten unangenehme Wahrheiten ins Gesicht sagen zu dürfen, freilich vorsichtshalber doch nicht selten in Scherzhaftes verkleidet, doch stets kenntlich für den Machthaber.

Dieses Bild, das Jean Fouquet zugeschrieben wird und im Wiener Kunsthistorischen Museum hängt, zeigt Gonella, den zu seiner Zeit berühmten „Hofnarren“ im Dienste von Niccolò d’Este. Das ist das Gesicht eines Wissenden, dem kein menschlicher Makel fremd ist.
Was Wunder, sein Fürst war ein ungeheurer Womanizer, im Volk kursierte daher der Spruch: „auf beiden Seiten des Po – lauter Kinder von Niccolò“ (mit Po ist natürlich der längste Fluss Italiens gemeint).
Denken wir aber auch an Till Eulenspiegel. Gemäß einer um 1510 volksläufigen Schwanksammlung hätte es sich bei ihm um einen umherstreifenden Schalk des 14. Jahrhunderts gehandelt, der sich dumm stellte, tatsächlich aber gerissen war und seinen Mitmenschen, denen er an Geisteskraft, Durchblick und Witz überlegen war, immer neue Streiche spielte.
Hier eine Darstellung von 1568:

Schon hier sind seine Attribute eine mit Schellen besetzte Narrenkappe und ein Spiegel. So ausgestattet tritt er auch jetzt wieder als Büttenredner und Festwagenfigur „Till“ beim Mainzer Karneval auf und hält der heutigen Gesellschaft und insbesondere den Politikern den Spiegel vor – im wahrsten Sinne des Wortes.

Sehr köstlich finde ich aber, dass in alpinen Gegenden, z.B. in Südtirol, die unverheirateten Männer, die Junggesellen, „Narren“ heißen. Man konnte sie leicht von den Ehemännern unterscheiden, denn man trägt dort zumindest noch an Festtagen die Tracht mit Hut. Und das Hutband der Verheirateten war grün. Ironisch könnte man sagen, dass mancher Ehemann, bei dem zuhause der Ofen der Leidenschaft schon erkaltet war, vielleicht beim Betrachten seines Hutbandes frei nach Schillers „Glocke“ dachte: „O! Dass sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe“. Genau in der Liebesfarbe „rot“ leuchtete hingegen das Hutband der Junggesellen, wie ein auffälliges Signal an die Dorfschönen: „Ah! da geht noch was!“ Und dementsprechend präpotent und unberechenbar benahmen sich die Freien, Ungebundenen, oft eben wie die „Narren“ und wurden von den Mundartsprechern genau so bezeichnet. Es gab daher auch den Spruch: „Rot ist ledig, grün ist erledigt.“ Wenn ein junger Lediger allerdings zum alten unverheirateten Hagestolz dahinwelkte, mag sich die für ihn noch immer geltende Bezeichnung „Narr“ auch durchaus wieder eher der Charakterisierung von „Verblödung“ angenähert haben.

Nun aber von diesem Nebengeleise zurück auf die Hauptroute. Ich schlage zunächst vor, dass wir versuchen herauszubekommen, seit wann die Menschen so verrückt waren, einmal ganz anders sein zu wollen, als sonst im Trott des Alltags.
Und da kommen wir zeitlich tief hinunter bis ins Altertum, denn bereits vor 5000 Jahren wurde in Mesopotamien so etwas wie eine Vorform des Karnevals gefeiert. Eine altbabylonische Inschrift aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. gibt Kunde davon, dass unter einem Priesterkönig ein siebentägiges Fest gefeiert wurde und zwar nach dem damaligen Neujahr als symbolische Hochzeit eines Gottes . Die Inschrift besagt: „Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Der Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet.“ Hier wird zum ersten Mal das Gleichheitsprinzip bei ausgelassenen Festen praktiziert und dies ist bis heute ein charakteristisches Merkmal des Karnevals.
In allen Kulturen des Mittelmeerraumes lassen sich ähnliche Feste nachweisen. Sie stehen meist mit dem Erwachen der Natur im Frühling in Zusammenhang: In Ägypten feierte man das ausgelassene Fest zu Ehren der Göttin Isis und die Griechen veranstalteten es für ihren Gott Dionysos und nannten es Apokries.
Im Römischen Reich gab es zunächst einen Festtag zu Ehren von Saturn, der als Patron der Landwirtschaft und als Herrscher des Goldenen Zeitalters galt. In letzterem, so glaubte man, müssten paradiesische Zustände ohne alle Einschränkungen geherrscht haben. Ursprünglich handelte es sich um ein Saturnalien genanntes Bauernfest, das mit dem Abschluss der Winteraussaat in Verbindung stand. Erst nach 45 v. Chr. wurde das Fest auf mehrere Tage ausgedehnt und fand schließlich zwischen dem 17. und 30. Dezember statt. Öffentliche Einrichtungen, Verwaltungen, Schulen und Geschäfte waren während der Saturnalien geschlossen. Gerichtsverhandlungen wurden ausgesetzt und sogar Hinrichtungen mussten wegen der Saturnalien verschoben werden. Es durfte auch kein Krieg begonnen werden.
Die Alltagswelt stand Kopf. Es war so gut wie alles erlaubt – eben wie im erwähnten „Goldenen Zeitalter“. Der Epigramme-Dichter Martial forderte in Bezug auf die Saturnalien: „Versteckte Prüderie und sittliche Richtschnur: weg mit euch!“
Ausgelassenheit und Über-die-Stränge-schlagen waren Pflicht, sodass der bissige Poet Lukian schreiben konnte: „Es ist mir innerhalb der Saturnalien nicht gestattet, etwas Ernsthaftes oder Wichtiges zu tun, sondern bloß zu trinken, zu lärmen, zu scherzen und Würfel zu spielen, Festkönige zu wählen, die Sklaven zu bewirten, nackt zu singen und mit Ruß bestrichen in einen kalten Brunnen getaucht zu werden“.
Wiederum war die „Aufhebung“ der Standesunterschiede ein wichtiger Aspekt der Saturnalien. Die wie Sklaven bekleideten Herren bedienten diese, ließen sich von ihnen herumkommandieren, feierten, tranken und aßen gemeinsam mit ihnen myrtenbekränzt bei Tische. Die Untergebenen konnten jedes freie Wort und jeden Spott wagen. Die Tragweite einer solchen Freizügigkeit kann man wohl nur dann ermessen, wenn man sich vor Augen hält, dass Sklaven rechtlich nicht als Person, sondern als Sache behandelt wurden. Tötete oder verletzte sie ihr Besitzer, so galt dies lediglich als Sachbeschädigung. Das Volk trieb Schabernack sogar mit Senatoren, und alle zusammen pfiffen auf die guten Sitten und ergingen sich in Suff, Sex und Spiel. Auf Letzteres war man deshalb scharf, da in der ganzen Zeit der römischen Republik das Würfelspiel um Geld in der Öffentlichkeit verboten war, während der Saturnalien aber offiziell erlaubt.
Man lief in Gruppen durch die Straßen und rief einander als Festtagsgruß zu „Io Saturnalia!“, so wie man heute im Rheinland Helau oder Alaaf ruft.
Die Saturnalien wurden übrigens nicht nur in der damaligen Welthauptstadt Rom gefeiert, sondern auch in den römischen Provinzen.
Es gibt eine köstliche moderne Nachempfindung einer Saturnaliengruppe.

Sie stammt von dem 1855 geborenen italienischen Bildhauer Ernesto Biondi, der bevorzugt mit Bronze arbeitete und sich oft mit Themen aus dem antiken Rom oder dem Nahen Osten beschäftigte. Nach beachtlichen ersten Erfolgen in Rom und Chicago stellte Biondi seine „Saturnalien“ auf der Pariser Weltausstellung 1900 aus, womit er den Großen Preis gewann. Die Gruppe zeigt zehn lebensgroße recht dekadente Figuren, wobei jede eine andere soziale Klasse im antiken Rom repräsentiert, von den Gladiatoren und Sklaven bis hin zu den Patriziern.
Man war eine Zeitlang der Meinung, es müsse eine direkte Linie von den antiken Saturnalien heraufführen zum Karneval, wie wir ihn letztlich kennen. Davon ist man aber in der Wissenschaft wieder abgekommen, denn wir haben jahrhundertelang, ja fast ein Jahrtausend keine Belege für irgendeinen Fortbestand exzessiven närrischen Treibens. Berichte über ein solches sind erst wieder aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit überliefert.
1341 beschloss nämlich der Kölner Stadtrat, kein Geld mehr aus der Stadtkasse für die Fastnacht zuzuschießen. Und 1487 wurde durch den Rat sogar der Mummenschanz, wie es heißt, verboten, also das Verkleiden.
Und ein drastisches Stimmungsbild besitzen wir aus dem Köln des 16. Jahrhunderts. Hier heißt es: „Nun begann das tolle Treiben auf allen Gassen, in allen Häusern, drei Tage hindurch. Jede Art Privatgeschäfte war eingestellt, nur der tollen Lust war die Zeit gewidmet. Einzelne Masken und kleinere Züge derselben erschienen bei Bekannten, um mit ihnen zu scherzen, oder durchzogen die Straßen und stellten an diesem oder jenem Hause, auch wohl in den Schenk- und Gasthäusern, welche Tag und Nacht offen waren, und ebenso auf den Straßen, die mit Fröhlichen und Jubelnden gefüllt waren, scherzhafte Szenen dar, bald zum Spott, bald zur lustigen, gemütlichen Unterhaltung und Neckerei. Alle Nächte fanden Bälle statt, auf denen die Masken die freundschaftlichen, scherzhaften, oft auch bitteren Neckereien fortsetzten und den Tanz mit allgemeinen Schauspielen wechseln ließen.“
Wenn wir also keine Kontinuitäten etwa aus dem Altertum feststellen können, was mag dann wohl der Grund sein, dass so etwas wie Karneval immer wieder auflebte, an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten? Ich denke, die Erklärung liegt darin, dass es seit unvordenklichen Zeiten ein Bedürfnis des Menschen ist, aus seiner gewohnten Haut zu fahren, und nicht nur vor Ärger, wie es die Redensart nahelegen würde, sondern aus Spaß, um dem eintönigen Alltag ein Schnippchen zu schlagen, um einmal als die vom Schicksal Benachteiligten die Rollen zu tauschen mit den Mächtigen. Um einmal als biederer Bürger ungestraft die Sau herauslassen, und beim Essen, Trinken, Tanzen und Lieben über die Stränge schlagen zu dürfen. Vielleicht sogar unerkannt im Schutz einer Maske. Verkehrte Welt zu spielen, ist offensichtlich sehr reizvoll. Noch dazu, wenn man mit Sicherheit weiß, dass auf die Exzesse wieder saure Wochen folgen werden, mit strengem Fasten – wie im Christentum ja auch tatsächlich ab Aschermittwoch in der vorösterlichen Zeit.
Und interessanterweise scheint ein gewisser Horror vor diesen bevorstehenden Kasteiungen verantwortlich gewesen zu sein für die Benennung der vorangehenden lasziven Periode. Das erklärt sich daraus, dass mit den Wörtern Karneval oder Fasching, die heute für ein wochenlanges Treiben stehen, ursprünglich nur der Faschingsonntag und Faschingdienstag gemeint waren, die ja unmittelbar dem Aschermittwoch und der schrecklichen Fastenzeit vorangehen.
Wenden wir uns zunächst dem Wort „Karneval“ zu. Die jetzt gültigste sprachwissenschaftliche Deutung geht aus von einem mittellateinischen „carnelevare“. Darin steckt „caro, carnis“, das Fleisch bedeutet – es findet sich auch etwa in „Inkarnation“, also der „Menschwerdung“ oder in „Inkarnat“, womit man in der Malerei die vom Künstler gewählten Farbtöne versteht, die für die Darstellung nackter, fleischfarbener menschlicher Körperpartien, also heller Haut, verwendet werden. Und als zweiter Bestandteil: „levare“ = „wegnehemen, aufheben“. Wer nach italienischen Rezepten kocht, kennt dort den Begriff „liévito“ für die Germ, also Hefe, Backpulver, Stoffe, die bekanntlich den Teig heben, aufgehen lassen sollen. Und wer sich einmal mit parapsychologischen Phänomenen auseinandergesetzt hat, der kennt den Ausdruck „Levitation“ für die angebliche, aber wissenschaftlich nie nachgewiesene Fähigkeit besonderer Menschen, ohne Hilfsmittel zu schweben. Diesbezügliche Behauptungen gibt es aus dem Buddhismus, dem Christentum und dem Spiritalismus.
Also nochmals: „carnelevare“ heißt also nichts anderes, als in der Fastenzeit kein Fleisch mehr zu essen und sich im übertragenen Sinn auch sexueller Enthaltsamkeit zu befleißigen. Ihr werdet vielleicht irgendwo lesen, „Karneval“ käme von „carne vale“, was bedeuten würde: „Fleisch ade“. Das ist aber eine sogenannte vereinfachende Volksetymologie, herkommend eben von „carnelevare“.
Aber auch wer österreichisch-süddeutsch „Fasching“ feiert, denkt mit Schrecken an nichts anderes als an dessen ursprünglich unmittelbar bevorstehendes spartanisches Ende. „Fasching“ leitet sich nämlich ab von mittelhochdeutsch „vaschanc“ mit „k“ am Schluss, oder „vaschang“ mit „g“. Erstes würde auf den Ausschank der letzten alkoholischen Getränke vor dem Beginn der Fastenzeit hinweisen, die Form mit auslautendem „-g“ hingegen auf „vastganc“, das wäre das „herumschwärmende Gehen, das närrische Treiben vor dem Fasten“. Beides – das Trinken und das Herumtreiben durch die Gassen – bezieht sich natürlich wieder auf die „Fastnacht“, den „Fastenabend“, „Fastelovend“ wie wiederum die Kölner sagen, also auf den Sonntag und Dienstag vor dem „Aschenkreuz“.
Was wäre, wenn diese Wortherkünfte sogar in einem Bild widergespiegelt würden, diese bange Nähe jener Fasten-Kasteiungen, welche eben gerade die nahezu verzweifelte Hemmungslosigkeit der drei vorhergehenden närrischen Tage triggert. Und stellt euch vor: es gibt ein solches Bild tatsächlich. Es stammt von Pieter Bruegel dem Älteren, einem der größten flämischen Maler, der dem einfachen Flamen, insbesondere den Bauern, sozusagen mit seinem Pinsel aufs Maul schaute.
Das Gemälde, um das es sich dreht, trägt den Titel: „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“ und wurde 1559 geschaffen.

Es ist ein sogenanntes „Wimmelbild“. So nennt man Bilder, auf denen eine Unzahl von Figuren zu sehen ist. Sich mit Details zu befassen, würde den vorliegenden Rahmen sprengen. Jedenfalls befinden sich die närrischen Szenen hauptsächlich rund um das Wirtshaus links im Bild, während rechts die fromme Fastenzeit hereinbricht, symbolisiert durch die offen stehende Kirche. Vorenthalten kann ich aber selbst in diesem Rahmen keinesfalls das Zentrum, denn hier findet das Duell statt.

Ein Turnier zwischen der feisten Mannsperson links, einem ordinären Prinzen Karneval, in dem manche auch schon eine Karikatur Martin Luthers erblicken wollten. Ihm gegenüber eine verhärmte Frauenperson, eine bis auf die Knochen abgemagerte Verkörperung der Fastenzeit – fast wäre man versucht zu sagen: das Gespenst des frommen Hungerns.
Was für ein Ideenreichtum, mit dem dieser Zweikampf vom Künstler inszeniert wurde. Bleiben wir zunächst beim Karneval: er reitet natürlich auf einem Fass, auf dessen Vorderseite mit einem Messer ein gargantuesker Schinken angepinnt wurde. Seine Waffe ist ein Bratspieß, auf dem ein Schweinskopf, ein Huhn und noch zwei mächtige Fleischstücke aufgereiht sind. Gegürtet ist er mit einem großen Tranchiermesser in einer schwarzen Scheide. Auf dem Kopf balanciert er eine schwankende überdimensionale Fleischpastete, die er nicht aus den Augen lässt, um ihr Herabstürzen zu verhindern.
Und jetzt zur Gegenseite: die ausgezehrte Frau trägt bereits das Aschenkreuz auf der Stirne, das sich auch heute noch tiefgläubige Katholiken am Aschermittwoch in den Kirchen aufmalen lassen, als Memento nach der ausgelassenen, lebensfrohen Zeit: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst“, oder auch wie die Begräbnisformel: „Asche zu Asche“.


Bewehrt ist sie mit einer Ofenschaufel, auf der, bezeichnend genug, zwei Heringe als Fastenspeise liegen. Ich erinnere an den Heringschmaus am Aschermittwoch, der mittlerweile freilich zu einer Fortsetzung der Völlerei entartet ist. Die Fastenfrau sitzt auf einem Kirchenstuhl, neben ihr Gebetbuch und Rosenkranz. Ihre linke Hand hält ein Bündel Dornenzweige, um sich zur Buße selbst geißeln zu können. Ihr Helm ist ein umgedrehter Bienenkorb, Symbol für den Fleiß und die bescheidene Genügsamkeit ihrer ehemaligen Bewohnerinnen.
Schnell noch zwei Nachträge: Klar ist, dass die üppigen Vorräte vor dem Hungern verbraucht werden mussten, ebenso auch alles Fett. Das erklärt die weitverbreitete Sitte, im Karneval/Fasching triefendes Schmalzgebäck herzustellen, auch Siedegebäck genannt, da Hefeteige, Brandmasse, Mürbteig in vielen Variationen in heißem Fett schwimmen. Es gibt diese feinen Backwaren pur oder gefüllt mit Marmeladen, Schlagsahne oder Cremen. Wenn sie fertig sind, werden sie gezuckert, glasiert oder mit schokoladenhaltigen Massen überzogen.
Am berühmtesten sind wohl die verschiedenen Sorten von Krapfen, gebackene Mäuse, Strauben oder Strubele, Berliner Pfannkuchen ebenso wie Faschingsbrezeln. Krapfen sind übrigens seit dem 13. Jahrhundert erwähnt; damals waren sie allerdings nicht ball- sondern hakenförmig.
Apropos Ball: wir nennen ja nicht nur einen Spielball so, sondern auch eine elegante Tanzveranstaltung, deren Wortherkunft mit dem ersteren nichts zu tun hat. Es handelt sich vielmehr um eine Entlehnung des 17. Jahrhunderts aus dem Französischen, das sich wieder des spätlateinischen ballāre „tanzen“ bedient, das seinerseits wieder in Verbindung steht mit griechisch ballízein, was so viel wie „hüpfen, tanzen, wörtlich: „die Schenkel werfen“ bedeutet. Köstlich ist es m.E. in Zusammenhang mit dieser Etymologie schon (wenngleich es natürlich keinen ursächlichen Zusammenhang gibt), dass ein süddeutsch-alpenländischer Volkstanz „Haxenschmeißer“ heißt, und dieser zu den Vorläufern des Walzers gehört. Außerdem trägt eine Münchner Volkstanzgruppe diesen Namen.
Lasst uns humorvoll schließen: Österreich ist ja die Geburtsstätte des Wiener Walzers. Er half schon mit, 1814/15 beim Wiener Kongress die Geschicke Europas nach dem Ende Napoleons zu ordnen. Nicht umsonst hieß es ja: „Der Kongress tanzt“! Und so erstaunt es wohl nicht, dass es heute noch in unserer Bundeshauptstadt Wien unzählige Bälle gibt, solche von internationaler Reputation, wie den Wiener Opernball, wo die Loge 24.500 € kostet, der blanke Eintritt € 385,–, auf die man aber noch € 220,– drauflegen muss, will man sich an einen Tisch setzen. Leider hat diese Veranstaltung viel an wahrer Eleganz verloren und wurde zum Schickeria-Magneten, seit der neureiche Baumeister Lugner jedes Jahr einen persönlichen Gast aus der Welt der Schönen, Reichen oder Skandalträchtigen einlädt, wie heuer etwa Priscilla Presley, die nach 6 Jahren geschiedene Ex-Gattin des legendären Elvis. Wirklich lustig sind aber traditionelle Wiener Ball-Titel, wie der Kaffeesiederball, der Zuckerbäckerball, der Jägerball, der Ball der Gewichtheber, der chinesische Neujahrsball und heuer erstmalig der Ball der Veganer! In diesem Sinne ein echt wienerisches: Prost – Mahlzeit! Alles Walzer!

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