RAUHNÄCHTE: wann waren sie wirklich?

Irgendwann muss ich einiges verschlafen haben! Ich habe nämlich nicht mitbekommen, dass bzw. warum jetzt immer öfter die Rauhnächte schon Mitte November mit monströsen Perchtenumzügen beginnen. Nun ja: Der Lateiner sagt: „Tempora mutantur et nos mutamur in illis“ -„Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen“. Nicht selten aber ändern sich Dinge auch nur deshalb, weil man kein Wissen mehr über das vergangene „Original“ hat. Natürlich ist vieles kein Beinbruch, aber man sollte dann vielleicht doch auch andere Bezeichnungen wählen. Das gilt auch für den Namen „Rauhnächte“. Kann sein, dass sich aber doch Interessenten dafür finden, was in der Tradition (und gottseidank) zumindest im alpinen Raum noch mehrheitlich unter diesem Namen verstanden wird. Denen möchte ich gerne entgegenkommen, da ich u.a. das Fach „Volkskunde“ (jetzt heißt es „protziger“ „Ethnografie“, „Europäische Ethnologie“ „Kulturanthropologie“ oder „Vergleichende Kulturwissenschaften“) an der Universität Wien studiert habe.

Zunächst zum eigentlichen Anlass dieses Beitrags, dem herkömmlichen Zeitraum der Rauhnächte. Hier weiß sogar WIKIPEDIA Bescheid, denn hier heißt es, sie sind einige Nächte um den Jahreswechsel, denen im europäischen Brauchtum eine besondere Bedeutung zugemessen wird. Meist handelt es sich um die zwölf Weihnachtstage vom Weihnachtstag (25. Dezember) bis zum Fest der Erscheinung des Herrn (6. Januar), daher spricht man auch von den „Zwölften“. Gelegentlich geht es um andere Zeiträume, beispielsweise jenen zwischen dem Thomastag und Neujahr. In manchen Gebieten wird die Thomasnacht nicht hinzugezählt.“ Auf keinen Fall waren Termine im November oder vor dem 21. Dezember dabei.

Ein kompletter Unsinn wurde aber leider auch in der Wikipedia „verzapft“ bzw. übernommen, wenn es da heißt: „Seinen Ursprung hat der Brauch vermutlich in der Zeitrechnung nach einem Mondjahr. Ein Jahr aus zwölf Mondmonaten umfasst nur 354 Tage. Wie in allen einfachen, „nicht-interkalierenden Lunisolarkalendern“ (also allen Mondkalendern, die keine ganzen Mondmonate in mehrjährigem Rhythmus als Schaltmonate einschieben, um mit dem Sonnenjahr in Übereinstimmung zu bleiben), werden die auf die 365 Tage des Sonnenjahres fehlenden elf Tage – beziehungsweise zwölf Nächte – als „tote Tage“ (das sind Tage „außerhalb der Zeit“, im Besonderen außerhalb der Mondmonatsrechnung) eingeschoben.“

Diese Ansicht greift. m.E. viel zu kurz in die Vergangenheit hinunter. Wir dürfen Menschen, die vor Jahrtausenden gelebt haben, von ihrer Gehirnleistung her nicht für blöder zu halten, bloß weil wir ihnen technologisch überlegen sind. Diese Leute verstanden es, z.B. den richtigen Aussaat- und Erntetermin zu bestimmen (Sonnenscheibe von Nebra; Stonehenge). In Stonehenge war es im übrigen möglich, Sonnen- und Mondwenden mittels Sichtlinien zu bestimmen. Oder man nehme Newgrange. An etwa 13 Tagen jedes Jahres dringt um die Wintersonnenwende bei Sonnenaufgang für ungefähr 15 Minuten ein Lichtstrahl durch eine Öffnung über dem Eingang direkt in den Gang und die Kammer. Jährlich erneuerte Hoffnung, vom unheilvollen Dunkel und der Eiseskälte des Winter und seines Geistergefolges befreit zu werden!

Solche Ahnen sollten nicht gewusst oder gemerkt haben, wann die finsterste Zeit im Jahr ist? Und es ist bis heute gemeinmenschlich, sich vor dem Dunkel zu fürchten (was es bei all dem Lichtsmog freilich bald nicht mehr geben wird), vor verbrecherischen Menschen, wilden Tieren, aber auch vor mystischen Mächten, über die wir genauso wenig wissen wie vor 4000 Jahren, ob es sie gibt, oder ob sie nur innere, in unserer Amygdala verankerte Urängste sind.

Wenden wir uns nun dem Namen „Rauhnächte“ zu. Die einen leiten ihn von „Rauch“ ab. Früher ging der Bauer (als „Chef“) höchstpersönlich in bestimmten dieser Nächte durch alle Gebäude des Hofes und auch in den Stall zum Vieh. In der Pfanne, die er mit sich führte, lagen glühende Kohlenstücke aus dem Herd. Darüber gestreut waren Harze, Weihrauch, Wacholder und andere Gewürze, und sonst noch alles, was dichten Rauch erzeugen konnte. Dieser wurde in jede Ecke und Nische geleitet.

Mit diesem „echten“ Räuchern habe ich als kleiner Bub noch meine Erfahrungen gemacht. Das zweistöckige Klagenfurter Stadthaus, in dem ich mit meiner Mutter bei meinen Großeltern wohnte, hatte einen biederen Tiroler Hausmeister. Er war klein und drahtig, und als Tiroler sehr fromm (aber nicht frömmelnd). Sein Glaube war echt und konnte vielleicht wirklich „Berge versetzen“. Im 1. Weltkrieg kam er im Ortler-Hochgebirge mit 40 Kameraden unter eine Lawine. Er überlebte als einziger unverletzt – und schrieb dies dem Rosenkranz zu, den er immer bei sich trug. Er kam nun unbeirrbar am Silvesterabend in jede der sechs Wohnungen im Haus, egal welcher Weltanschauung die Parteien angehörten. Er war überzeugt, dass er dies tun müsse, um Unheil im kommenden Jahr fernzuhalten. Nach seinem Tod hat meine Großmutter, die aus bäuerlich/bergmännischer Herkunft stammte, das Räuchern zu Hause fortgesetzt. Aus dieser Tradition habe ich dann auch vor einigen Jahren das Räuchern wieder aufgenommen, musste es aber leider bald wieder aufgeben, da bei uns jetzt die gesetzliche Vorschrift gilt, in jedem Zimmer (außer der Küche) einen Rauchmelder an die Decke zu hängen. Na, was glaubt ihr, wie schnell sich der über den duftend aufsteigenden Weihrauch gefreut hat!!! (Modern Times)

Ein von jedem tieferen Glauben „befreites“ Räuchern ist in den letzten Jahren wieder modern geworden. Es ist vom Numinosen zu den Stand’ln auf den Weihnachtsmärkten und zu den Wellness-Shops gewandert, zu jenen, die überzeugt sind, dass alles gesund sein müsste, wo ein Kräutlein, ein paar Gewürzkörnlein, ein Harztropfen im Spiel ist – egal ob in der Suppe, im Salat (wo sie hingehören) oder in der Räucherpfanne. Wirklich böse Geister werden sich von solchem Fake wenig beeindruckt zeigen. LOL.

Freilich ist die Überzeugung, dass Rauch reinigt, eine sehr alte. Ob es wirklich nützt (man kann ja allenthalben lesen, Bakterien würden – zumindest interimistisch – von Rauch gekillt) kann ich nicht beurteilen, denn davon verstehe ich wirklich zu wenig. Bei der Pest jedenfalls hat es nichts geholfen, da der Ansatz total falsch war (d.h. eben dem damaligen „Wissen“ angepasst). Es war nämlich die Vorstellung sehr verbreitet, dass die Pest durch eine aus dem Osten kommende verdorbene Luft ausgelöst werde, den „Pesthauch” oder das „Miasma”. Diesem Pesthauch galt es etwas entgegenzusetzen, und deshalb barg die schnabelartige Nase der Maske einen mit duftenden Essenzen getränkten Schwamm, der die Atemluft mit dem aromatischen Geruch von Zimt, Nelken u.ä. veredelte. Auch Feuer und Räucherungen galten als probates Mittel zur Reinigung der Luft und zum Verdrängen des Pesthauches. Die Wahl des Räucherwerks richtete sich dabei nach dem Geldbeutel: wer es sich leisten konnte, ließ mit Weihrauch und Myrrhe räuchern, Arme griffen zu Wacholder oder gar zu Hornspänen. Wenn es beim Räuchern dann stank wie die Pest, hatte man sein Ziel erreicht…

Kolorierter Kupferstich eines Pestdoktors von Paul Fürst, Der Doctor Schnabel von Rom, ca. 1656

Zwei alte Belege seien noch erwähnt: Johannes Boemus (1520) und Sebastian Franck (1534) berichten über das Beräuchern: „Die zwolff naecht zwischen Weihenacht und Heyligen drey Künig tag ist kein hauß das nit all tag weiroch rauch in yr herberg mache / für alle teüfel gespenst vnd zauberey.“

Der zweite etymologische Ansatz versucht, das Wort „Raunacht“ von „rau“ abzuleiten, also mit den dämonischen, in dichte Felle gehüllten „Perchten“ in Beziehung zu setzen. In der Kürschnerei ist der Ausdruck „Rauware“ oder „Rauchware“ für Pelzwaren noch in Verwendung.

Percht: Foto: Klafubra, CC BY-SA 3.0; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Perchta?uselang=de

Auch diese „Unheimlichkeit“, wenn früher die Unholden durch die verlassenen, verschneiten Dorfstraßen rannten, unmenschliche Geräusche produzierten, mit Ketten rasselten, ist mittlerweile (oft schon im November) organisierten, von hunderten Schaulustiger angefeuerten Masken- und Fellträgern, die aus dem ganzen Land herangekarrt werden, „ersetzt“ worden, wie ich schon erwähnt habe. Das „Grauen“ besteht bei solchen Veranstaltungen nur mehr darin, dass es zu Raufereien zwischen Brauchtümlern (die sich durch die Maske anonymisiert fühlen) und aggressiven Zuschauern kommt. Der Schlussakt findet dann in der Regel im Unfallkrankenhaus statt. Aber: der Kommerz lässt schön grüßen!

Ich muss die geehrte Leserin, den geschätzten Leser jetzt auch noch mit dem Wort „Percht“ ein wenig plagen. Sie ist vom Namen her zunächst keineswegs die Grauenerregende, denn „beraht“ bedeutet im Alt- und Mittelhochdeutschen „hell glänzend“ (enthalten z.B. in Namen wie „Berchtold: aus althochdeutsch „beraht“ und „waltan“ = herrschen, also der „glänzend Herrschende“; Kurzform „Bert“).

Aber in solchen Zwischenzeiten, wie es die Raunächte sind, gerät alles durcheinander. Man konnte sich nicht mehr anders helfen, als dass man „Schönperchten“ von „Schiachperchten“ zu unterscheiden begann. Die Schiachperchten gehörten auf jeden Fall in unsere Raunächte.

Wann begegnet man diesen Gestalten? Erstmalig eigentlich schon am Vorabend (5.12., der aber natürlich keine „Raunacht“ ist) zum Nikolausfest, wenn man bereit ist, diesen wundertätigen Bischof aus Myra als Lichtgestalt anzusehen. Denn dann wird er konterkariert durch einen Dämon, der hauptsächlich „Krampus“ benannt wird (im Norden auch Knecht Ruprecht oder Belznickel).

Nikolaus und Krampus auf Besuch im NÖ Pflege- und Betreuungszentrum Ybbs/Donau (Quelle: https://www.pbz-ybbs.at/aktuelles/fotogeschichten/detail/nikolaus-und-krampus-zu-besuch)

Und eine Lichtgestalt gibt es auch noch am 13. Dezember (wieder keine „klassische“ Raunacht), die syrakusanische Märtyrerin Lucia. Das Datum geht zum einen auf den Gedenktag der Heiligen Lucia und der Herkunft ihres Namens aus Lateinisch „lux“ = Licht, zurück, und zum anderen markierte es vor der Einführung des gregorianischen Kalenders im 16. Jahrhundert lange Zeit den Tag der Wintersonnenwende! Der Tag dient auch diversem Orakelbrauchtum. In Schweden ist der Luciatag seit mehr als 200 Jahren ein besonderer Feiertag: Die älteste Tochter im Hause stellt die Heilige dar, trägt am Morgen des 13. ein langes weißes Kleid und hat den Kopf mit einem grünen Kranz – oft aus Preiselbeeren – geschmückt, in den eine Reihe brennender Kerzen gesteckt sind. So geht sie morgens von Zimmer zu Zimmer und weckt die Eltern und Geschwister.

Alle warten schon darauf, denn sie bringt das Frühstück ans Bett und die ersten Kostproben der Weihnachtsplätzchen, ihr Licht ist Vorbote des Weihnachtslichtes. In den Dörfern und Stadtteilen, in jeder Schule, jedem Kindergarten, jeder Universität wird am Vorabend eine Lucienbraut gewählt, die dann singend von Haus zu Haus zieht. Der heutige Brauch entstand erst lange nach der Reformation; der Luciatag wurde so erstmals 1893 durch das Freilichtmuseum Skansen in Stockholm begangen, für 1927 ist in Schweden der erste Luciaumzug nachgewiesen.

Aber natürlich: auch hier ist es wieder so: jeder lichten Gestalt folgt eine finstere. In Norwegen kam alter heidnischer Legende zufolge in der besonders dunklen und gefährlichen kürzesten Nacht Lussi, eine mystische Trollfrau, zusammen mit ihrem Gefolge, Nisser und Tusser, und trieb ihr Unwesen: Sie bestrafte alle, die mit ihren Weihnachtsvorbereitungen noch nicht begonnen hatten. Lussi trat man in dieser dunkelsten Nacht des Jahres mit Helligkeit entgegen, deshalb begann man mit dem Gießen von Kerzen. Der heidnischen Lussi wurde dann eben Lucia entgegengesetzt, die mit Lichtern im Haar erschien, um die Unterirdischen – also Trolle, Tusser, Nisser und auch Luzifer persönlich – zu vertreiben.

Der isländische Grýla ist ein Riese, der Kinder entführt.
Illustration Ronald Jakobsen. Quelle: https://www.boktips.no/barneboker/faktaboker/sveinung-lutro-skrekkelig-jul/

Und im südbayerischen Gebiet, in Ostösterreich und Ungarn erscheint die ambivalente Lutzelfrau oder Puddelmutter, auch sie furchterregenden Aussehens, und die schlimmen Kinder strafend, die braven aber immerhin mit Süßigkeiten belohnend.

In manchen steirischen Bezirken geht die „Pudelmutter“ in der Nacht vom 5. auf 6. Jänner von Haus zu Haus und bringt Süßes, Äpfel und Nüsse.
Foto: Iris Bloder; Quelle: https://www.meinbezirk.at/weiz/c-lokales/die-pudelmutter-ein-fast-vergessener-brauch_a2367800

Und auch sonst traten „Unirdische“ bereits im Advent auf, insbesondere an Donnerstagen – bis auf den 3. Donnerstag, denn da mischt sich der „Überzählige“ = der Teufel unter die Gruppen, auch unter die hellen, wie die Glöckler. Es soll auch unter diesen zu Mord und Totschlag gekommen sein, wenn sich zwei feindlich gesinnte Gruppen begegneten. Oder als man merkte, dass plötzlich einer zu viel (also der Teufel) unter ihnen war. Man erschlug ihn, um dann mit Entsetzen zu bemerken, dass man einen von ihnen getötet hatte. Der Teufel hatte sie geäfft (wie es so seine Art ist) und sich längst wieder aus dem Staub gemacht.

Anderseits kann man den „Schönen“ wie den „Schiachen/Hässlichen“ sogar noch bis zum 4. Sonntag („Lätare“) in der vorösterlichen Fastenzeit begegnen, nicht selten sogar in einer Person. An diesem Tag findet nämlich meist das „Winteraustreiben“, „Winterverbrennen“, „Todaustragen“ statt.

Effeltricher Fasalecken in den 1930er Jahren (Foto: (Foto: SCHMIDT 1942; Quelle: https://landschaften-in-deutschland.de/themen/81_b_106-brauchtum-in-alten-und-juengeren-fotos/)

Noch einmal dazu, dass es unter den Perchten offensichtlich eben auch so etwas wie eine Unterscheidung „good cop“/“bad cop“ gibt. Irgendwie scheint es ja immer darum zu gehen, dass die Mächte der Finsternis an der Herrschaft bleiben wollen. Die Engel des Lichts aber möchten unbedingt dagegenhalten und die winterlichen Gespenstergestalten vertreiben und vernichten.

Zur Gänze wird der Winter – wie schon erwähnt – erst am 3. Sonntag vor Ostern vertrieben werden können, wenn eine Strohpuppe, die ihn repräsentiert, verbrannt wird. Aber, wer sind in den Raunächten die Guten, und wer die Bösen? Das scheint doch ganz einfach zu sein, ist es aber, genau betrachtet, nicht. Es wird uns als sicher erscheinen, dass die hörnertragenden, maskierten Fellträger, die Dunkelmänner sind, die Dämonen. Sind sie ja offensichtlich weitgehend auch, aber eine Frage bleibt offen. Sie haben Kuhglocken umgehängt oder Schellen am Gürtel und machen sehr viel Lärm damit. Und mit Lärm vertreibt man normalerweise die bösen Geister. Ein sehr modernes Beispiel: Ganz frisch Verheiratete sind durch dunkle Mächte, die ihnen ihr junges Glück neiden, ganz besonders gefährdet (deshalb trägt die Braut einen Schleier, auf dass sie durch die Geisterwelt nicht erkannt werden möge). Auch wenn der tiefere Sinn heute oft nicht mehr erkannt wird, sondern nur mehr Jux und Klamauk darin gesehen werden, aber der Lärm, der entsteht, wenn ein halbes Dutzend leerer Cola-Dosen hinten an das Auto angebunden werden, mit dem in die Flitterwochen gefahren wird, sollte im ursprünglichen Volksglauben tatsächlich die Unholde abwehren.

Also, was jetzt? Schauen die Fellträger so grausig aus und machen so einen Lärm, um selbst dem Winter einen furchtbaren Schrecken einzujagen und ihn somit zu verjagen, oder sind sie doch selbst die Teufel und Dämonen, die diesen Lärm (man sagt ja auch „Höllenlärm“) erzeugen, um noch mehr Angst und Furcht bei den Guten zu erzeugen. (Letzteres ist doch wahrscheinlicher, aber das Schellengeläute passt eben nicht so ganz dazu.)

Und anderseits haben wir vernommen, dass auch (zumindest der Sage nach) die Lichtesten der Lichten, die Glöckler, vom Teufel heimgesucht, genarrt und zum Totschlag getrieben werden können.

Glöcklerlaufen in Traunkirchen; Quelle: Landhotels.at/en/landgefluester/detailansicht/article/2017/12/13/gloecklerlauf-einzigartiges-brauchtum-am-traunsee/

Sehr empfehlen möchte ich YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=XR03tGHTciY

über das Mittwinterbrauchtum in Saalfelden 2019. Es findet vorbildlich in der Stub’n statt, auch wenn die früher einen rohen Holzboden und keine Fliesen aufwies. Zuerst kommen alle die finsteren Gestalten (auch Habergeiß und Schnabelpercht; siehe unten). Dann werden sie von einer weiß gekleideten Gestalt hinausgetrieben. Auch eine traditionelle Kehrgestalt reinigt die Stätte von allem Bösen, Unreinen und Unheilvollen. Diese Erscheinung ist europäisch verbreitet. Die englischen „Mummers Plays“ zu Weihnachten haben genauso ihren „sweeper“ wie die baskischen Maskeraden oder die bulgarischen „Kukeri“. Der Weißgekleidete (er nennt sich „Hanswurst“, doch ist dies irreführend, er war zunächst kein bloßer Spaßmacher, aber das würde nun wirklich zu weit führen) schlägt nun auch noch mit einer Art Wurst in Kreuzesform auf den Stubenboden, der somit erst jetzt für den Auftritt der „hellen“ Tresterer geeignet ist.

Tresterertanz in Stuhlfelden (Pinzgau); Foto: Christa Nothdurfter; Quelle: https://www.meinbezirk.at/pinzgau/c-lokales/fotos-vom-trestererlauf-2016-in-stuhlfelden_a1597416#gallery=default&pid=425243

Die bringen prinzipiell Glück und Segen. Ihr Tanzrhythmus ist aber meinem Gefühl nach sehr archaisch, ich möchte fast sagen: heidnisch. Ich assoziiere Strawinskis „Sacre du Printemps“ damit, er ähnelt an einer Stelle aber auch Anton Bruckners „Scherzo“ in seiner 7. Sinfonie. Auch die anderen Tresterer-Videos in YouTube lassen einen ähnlichern Aufbau erkennen.

Schauen wir zur Sicherheit nach, ob es in den Raunächten nicht auch noch weitere Wesen gibt, denen man als vernünftiger Mensch nicht begegnen möchte. Und tatsächlich, da wären die Schnabelperchten zu nennen.

Schnabelperchten, Rauriserland. Foto: TVB Rauris; Quelle: https://www.salzburgerland.com/de/magazin/einzigartig-in-oesterreich-die-rauriser-schnabelperchten/

Mit leisem “Ga Ga Ga” ziehen sie von Haus zu Haus und prüfen, ob die Haushalte ordentlich geführt werden. Ob die Böden sauber gewischt sind und auch kein Staub mehr zu finden ist. Wehe dem, der sein Haus nicht geputzt hat – es heißt, dem schneiden die Schnabelperchten mit der langen Schere den Bauch auf und leeren den Kehricht hinein! Bei den ordentlichen Leuten sind die Schnabelperchten aber gerne gesehene Gäste – bringen sie diesen doch auch Glück und Segen für das kommende Jahr. Nicht nur der lange und breite Schnabel (kunstvoll und aufwendig gebunden aus langen Holzstäben und Bauernleinen) zählt zur Ausstattung dieser Perchten, sondern man kann sie natürlich auch an den geflickten „Weiberkitteln“, den ausgeleierten Strickjacken, einem Buckelkorb und natürlich an ihrem „Werkzeug“, der großen Schere, Nadel und Zwirn und einem Besen erkennen.

Der mittlerweile auf das Salzburger Rauriserland beschränkte Umzug der Schnabelperchten findet jeweils am 5. Januar, am Vorabend des Heiligen Drei Könige-Tages, statt.

Grausige Wesen, denen man als vernünftiger Mensch nicht begegnen möchte, haben auch grundverdächtige Haustiere. Ein solches ist die „Habergeiß“. Sie war auf jeden Fall ein zweigeschlechtliches Wesen (wäre das heut „queer“ ?). Die „Geiß“ ist unzweifelhaft weiblich, aber der erste Wortbestandteil – „Haber“ – hat nicht das Geringste etwa mit dem „Hafer“ zu tun. Denn die Wortwurzel findet sich wieder im lateinischen „caper“ – und das ist der „Bock“.

Wie tritt nun dieses suspekte bisexuelle Schmusetier aus der Welt der Jenseitigen in Erscheinung? Genau so grausig, wie man sich das vorstellt:  nämlich in Form einer Ziege mit Pferdehufen oder eines Vogels, der entweder die Stimme einer Ziege hat oder in einer anderen Weise verunstaltet ist. In der Volkssage wird die Habergeiß meist auch als dreibeiniger Geißbock mit glühenden Augen und langem Bart beschrieben. In einigen Sagen besitzt dieser Geißbock kein Fell, sondern ein Gefieder. Fell oder Gefieder können gelb oder rot wie Blut sein, wird ihr doch auch nachgesagt, dass sie Bauern und Vieh das Blut aus den Adern saugt. Das Meckern klingt immer erschreckend und furchteinflößend. Sie lacht aber auch wie ein Kobold, ruft wie eine Unke und schreit wie ein Kauz.

„Habergoaß“, Großarltal (Salzburg); Quelle: Christine Pirnbacher; https://www.grossarltal.info/blog/2022/07/24/habergoass-perchtenverein/

Wen wundert es, dass es als böses Omen gilt, die Habergeiß zu erblicken.

Da sie auch einen Tragekorb umgeschnallt hat, heißt es, sie raube manchmal auch Kinder und stopfe sie in dieses Behältnis.

Mythologisch findet sie in Skandinavien ihre Entsprechung im Julbock, in Rumänien in der Capra (noch deutlich zu der alten Etymologie passend).

Wir haben bisher schon festgesetellt, dass so manche sinistre Mittwintergestalt, auch irgendeine „helle“ Eigenschaft besitzt. Und so verfolgt und bestraft die Habergeiß, die sonst nur auf Böses sinnt, interessanterweise die Holzfrevler.

Nun, endlich zum Schluss, zur vielleicht furchterregendsten Erscheinung in den „Zwölften“, der „Wilden Jagd“. Diese Thema geht weit über das hinaus, was ich imstande bin, für eine solche Übersicht zu den Raunächten zu schreiben. Es wären so viele Forschungsansätze zu berücksichtigen, regionale Besonderheiten, unterschiedliche Benennungen etc. Zwei meiner Professoren an der Universität Wien haben übrigens zu dieser Thematik geforscht und wesentliche Beiträge dazu geliefert.

Auf jeden Fall geht es um eine Art Totenheer, das Unheil verheißend unter der Führung des höchsten germanischen Gottes Odin/Wotan auf Geisterrössern durch die Winternacht jagt. Allein ein Blick in die WIKIPEDIA zeigt (obwohl nicht vollständig) die Komplexität der Materie, die übrigens weit verbreite ist (u.a. auch in Kanada vorkommt). Es ist ein weiteres Beispiel, dass in der Mittwinterzeit im Volksglauben die Pforte zum Reich der Toten weit offen steht.

Wotans wilde Jagd (Gemälde von Friedrich Wilhelm Heine, 1882)

Nur zwei Anhaltspunkte, was es bedeuten kann, wenn man unverhofft nach Weihnachten der „Wilden Jagd“ begegnet, Überrascht sie einen in einem Hohlweg, wo eine Flucht nach rechts oder links nicht möglich ist, muss man sich sofort der Länge nach in eine Wagenleiste werfen. Dann übersehen einen – vielleicht – die Unholden und brausen über einen hinweg. Der Frevler aber, der sich absichtlich in die Raunacht begibt, um den Geisterzug mit eigenen Augen beobachten zu können, dem wirft der Heidengott sein Beil in den Rücken zwischen die Schulterblätter. Nein, der Delinquent stirbt keinesfalls, sondern er ist dadurch gestraft, dass er ein ganzes Jahr lang mit der Hacke im Kreuz herumlaufen muss. Dann muss er nach Jahresfrist zur selben Stunde und am selben Ort erscheinen, wo er die Jenseitigen herausgefordert hat, und wenn der Glück hat, zieht ihm der Anführer der höllischen Schar das Marterwerkzeug wieder aus dem Leib.

„Die Wilde Jagd“ zwischen den Jahren (Quelle: oogle.com/imgres?imgurl=http://www.symbology.de/uploads/5/7/3/4/57344523/8020220_orig.png&tbnid=nOrHkvXTK7WFHM&vet=1&imgrefurl=https://www.symbology.de/epistulae/die-wilde-jagd-zwischen-den-jahren&docid=zUHZ-Dp9sGCepM&w=585&h=292&source=sh/x/im/m5/0&shem=uvafe2

Zusammenfassend sei deutlich gewarnt, die Raunächte mit den Kelten in Verbindung zu bringen. Kein einziger der vier großen keltischen Festtagstermine fällt in die „Zwölften“. Winteranfang ist am 1. November, bzw. am Vorabend, ein Termin, der sich in „Halloween“ erhalten hat (das allerdings in unseren Breiten bis vor wenigen Jahren nichts zu suchen hatte). Der (mir übrigens persönlich bekannte) emeritierte Ordinarius für Altgermanistik u n d Keltologie Univ.-Prof. Dr. Helmut Birkhan schreibt in seinem 1270-seitigen Standardwerk: Kelten, Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur, Wien 1997, S. 790: „Wie man sieht, spielen hier [gemeint ist: an den vier wichtigen Festen] die Sonnwendtage und die Tag- und Nachtgleichen keine Rolle!“

Zurückzuführen sind sehr viele Irrtümer auf eine Mode der jüngeren Vergangenheit, die ich „Keltomanie“ nennen möchte, die wissenschaftlich keine Ahnung hat, sich aber überall vordrängt, wo sich Pseudo-Esoterik breitgemacht hat.

Zum Schluss noch ein „modischer“ (Profit bringender) Bruch mit alten Traditionen. Zumindest im alpinen Bereich galt früher folgende Regel: „Kathrein stellt den Tanz ein“. Das heißt: am letzten Samstag vor dem 25. November , dem Festtag der hl. Katharina von Alexandria, endete die im Volkstum verankerte traditionelle Tanzsaison mit dem „Kathreintanz“. Von da an blieben bis zum 6./7. Jänner (und hier schließen wir eben noch einmal auch an unser Thema „Raunacht“ an) „Bass und Geigen eingesperrt. Heute halten sich nur mehr Volkstanz- und Volksmusikgruppen, Heimat- und Trachtenvereine an dieses Herkommen.

Für die „Hautevolee“ hingegen beginnt der Karneval/Fasching am 11. 11. um 11 Uhr 11. Und dies ist wiederum eine Sinnentleerung. Ursprünglich geht dieser 11.11. zurück auf eine preußische Vorschrift von 1823, dass der Karneval besser geordnet werden müsse (eine „Rheinprovinz“ gehörte nämlich zu Preußen). Man entschied sich für den 11. 11. (wohl auch weil es eine so schöne „Schnapszahl“ war), sodass man in der kommenden adventlichen Fastenzeit genügend Muße hätte, sich für den eigentlichen Beginn der Bälle am 6./7. Jänner organisatorisch vorzubereiten. Tanzereien gab es hingegen in dieser Rüstzeit keine!

Ein Blick in den Veranstaltungskalender meiner Heimat zeigt den sinnentleerten Wandel (ich beschränke mich auf die jeweils erste Veranstaltung):

Perchtentreiben in Ebental (bei Klagenfurt): 17. 11. 2023;

Ball des Bundesgymnasiums/Bundesrealgaymnasiums: 18. 11. 2023.

Lateinisch habe ich begonnen, lateinisch werde ich – in Beurteilung so vieler Wirrnisse – auch wieder enden, und zwar mit dem Dichter Iuvenal, der schrieb

„Difficile est satiram non scribere“ („Schwer ist es, keine Satire zu schreiben.“)

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