Für viele, vor allem alte Menschen nahezu ein Synonym für Trauer, Einsamkeit, Schwermut, Depression, Beraubung von Sonne und Licht, Wetterunbill, die den Aufenthalt und die Bewegung im Freien behindert: eine unüberwindbar scheinende Zollschranke für ein sonst „grenzenloses“ Älterwerden.

Meisterhaft, aber auch grauenerregend hat dies Erich Kästner in seinem Büchlein „Der 13. Monat“ eingefangen:

Ach, dieser Monat trägt den Trauerflor…
Der Sturm ritt johlend durch das Land der Farben.
Die Wälder weinten. Und die Farben starben.
Nun sind die Tage grau wie nie zuvor.
Und der November trägt den Trauerflor.

Der Friedhof öffnete sein dunkles Tor.
Die letzten Kränze werden feilgeboten.
Die Lebenden besuchen ihre Toten.
In der Kapelle klagt ein Männerchor.
Und der November trägt den Trauerflor.

Was man besaß, weiß man, wenn man’s verlor.
Der Winter sitzt schon auf den kahlen Zweigen.
Es regnet, Freunde. Und der Rest ist Schweigen.
Wer noch nicht starb, dem steht es noch bevor.
Und der November trägt den Trauerflor.

Dazu kommt noch der für alte Menschen besonders gefährliche Anstieg für Atemwegserkrankungen, Grippe, Bronchitis, ja sogar neuerlich eine Vermehrung von CoVid-Fällen. Und eine Erkenntnis, die der französische Schriftsteller Patrick Deville (geb. 1957) in folgende Worte gefasst hat: „Man weiß genau, dass man niemals einen Impfstoff gegen den Tod seiner Freunde finden wird.“

Gegen diesen vermeintlich undurchdringlichen Nebel gibt es aber meines Erachtens doch auch eine vorbeugende Impfung – und die wäre: HUMOR, der einen wieder zum Lächeln und in besonderen Fällen vielleicht auch einmal zum Wiehern aus vollem Hals bringt (wie einst in der herrlichen Unreife der Pubertät), möglicherweise sogar stimuliert, diesen Humor in Gesellschaft zu teilen, auf seiner Grundlage das Leben mit jenen Freunden zu feiern, die Gottsdeidank noch am Leben, geistig frisch und auch sonst guter Dinge sind.

In diesem Sinne verschreibe ich (ganz ohne Rezeptgebühr) beispielsweise eine Portion LORIOT, vor allem jenen Alters-Genossen und -Genossinnen, die – ganz „Old School“ wie in frühewren Zeiten noch für die feine Klinge eines (durchaus dennoch oft gesellschaftskritischen) Witzes, der nie mit dem Holzhammer oder zotig daherkam.

Warum gerade jetzt der Hinweis auf einen der größten deutschen Humoristen vergangener Jahrzehnte. Nun, Viktor von Bülow wäre morgen, am 12. November, 100 Jahre alt geworden. Sein Pseudonym war eben LORIOT, wie auf Französisch der Vogel „Pirol“ heißt, der auf dem Wappen der Bülows aufscheint.

Loriot war ein unglaublicher Allrounder: der sich von den 1950er Jahren an bis zu seinem Tod in Literatur, Fernsehen, Theater und Film etablierte. Er war zunächst Karikaturist, später arbeitete er auch als Schauspieler, Moderator, Regisseur sowie Bühnen- und Kostümbildner. 2003 wurde er zum Honorarprofessor für Theaterkunst an der Berliner Universität der Künste ernannt.

Während er vor allem in Deutschland in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts oft bei einem mammonhörigen, spießbürgerlichen Wirtschaftswunder-Publikum aneckte, da es sich im Spiegel, den er ihnen vorgehalten hatte, wiedererkannte, begriff der Diogenes-Verlag seine Qualitäten – und profitiert dafür bis zum heutigen Tag, da es nach wie vor auf Drängen der Leserschaft immer wieder zu Neuauflagen kommen muss. Auch in YouTube gibt es eine Menge Sketches von ihm zu sehen – sei es in persönlichen Auftritten gemeinsam mit der unvergesslichen Evelyn Hamann, oder in Zeichentrickfilmen mit seinen unsterblichen knollennasigen ProtagonistInnen. (Viel Spaß hatte ich mit der umfangreichen Auswahl unter: https://www.youtube.com/watch?v=78PqbCP_zrs&list=PLrk3LajylzfO_gzbTW5OtspAFAQVUSi_M)

So ist für mich Bülow einer, der den novembrigen Schlagbaum aufhebt und somit ein „grenzenloses Altern“ mit viel Spaß auch in diesen Kriegs- und Umweltkatastrophen-Zeiten möglich macht. Viel Freude.

Loriot im Jahr 2003 mit seiner Knollennasenfigur (picture-alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

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