Seit der Familiengründung des Klagenfurter Lindwurms, mit welcher der erste Teil seiner Biografie abschloss, sind inzwischen einige Jahre vergangen. Das Nachwuchsmädchen Echsi hat ein Alter erreicht, wo sie bereits auf eine kleinere Reise mitgenommen werden konnte. Und so geschah es, dass Lindi plötzlich Sehnsucht bekommen hatte, nach so langer Zeit doch wieder einmal Klagenfurt zu besuchen, wo er inzwischen zum Wahrzeichen geworden war, in der Stadtmitte auf dem Neuen Platz als monumentales Denkmal in Chloritschiefer gehauen.

Und eines schönen Tages brachen sie tatsächlich auf. Der Flug dauerte gar nicht lange. Lindi hätte ihn in noch kürzerer Zeit bewältigt, aber es galt doch, die kleine Tochter nicht zu sehr anzustrengen, sodass sie eben doch mehr Pausen machen mussten. In Klagenfurt gelandet, merkten sie, dass in der Innenstadt, die Lindi noch als sehr beschaulich geschildert bekommen hatte, ein ziemlich großes Treiben herrschte. Und ganz besonders merkwürdig war es, dass – wohin sie auch gingen – die Menschen lachten und ihnen applaudierten.


Einer rief ihnen zu: „Ihr habt einfach tolle Kostüme. Kommt doch auch zur Fete Blanche, aber da müsst ihr eure Schuppen weiß anmalen!“Die „Familie Lindwurm“ kannte sich nicht aus, bis Lindi ein Plakat entdeckte mit dem Hinweis, dass in diesen Tagen der „Klagenfurter Altstadtzauber“ stattfindet. Es fiel ihm wie seine eigenen Schuppen von den Augen. Natürlich waren sie aus diesem Grund umgeben von Zauberern, Stelzengängern und Gauklern. Livebands spielten auf allen Plätzen und auf „Standln“ wurden kulinarische Gustostückerln angeboten von einheimischen Gastronomen und solchen aus den angrenzenden Alpen-Adria-Ländern. Natürlich dachten die Leute, sie hätten sich extra für dieses Fest als Lindwurm-Ehepaar mit Lindwurmkind kostümiert. Nun, Lindi beschloss, dass sie durchaus auch weiter so bleiben könnten, denn die Fete dauerte zwei Tage. Dann aber würde sich etwas ändern müssen. Und da erinnerte er sich an die Fortschritte, welche die „Künstliche Intelligenz“ gemacht hatte, seit er noch mit der Tante Serpentina unterwegs gewesen war. Große Fortschritte waren dabei auch hinsichtlich der Forschungen im Quantenbereich gemacht worden, insbesondere durch den österreichischen Nobelpreisträger Anton Zeilinger und seinem österreichisch-ungarischen Kollegen Ferenc Kraus, der auch eben erst mit dieser höchsten Auszeichnung bedacht worden war. Mit Hilfe der neuen Technologien war es sogar möglich, Flugdrachen vorübergehend ein menschliches Aussehen zu verleihen. Natürlich sahen sie eher ungeschlacht aus, nicht gerade wie Frankenstein, aber durchaus ein bisschen so wie „Shrek“.

Das würde aber nicht so sehr auffallen, hatte Kärnten doch einstmals einen physisch recht megalomanischen Landessportsekretär und – noch viel ärger – einen Influenzer aus der BRD, der eine Winterolympiade im österreichisch-italienisch-slowenischen Dreiländereck promoten sollte. Sein Leibesumfang ähnelte einer tausendjährigen Linde.

Für die restliche Zeit ihres Aufenthalts in Klagenfurt fiel daher die Flugdrachenfamilie in einigermaßen menschlicher Gestalt nicht allzu sehr auf. Lindi hatte seiner Gattin und Tochter viel zu erzählen aus der Zeit, als er noch auf dem Zollfeld Angst und Schrecken verbreitete, bis er sich dann schließlich mit Tante Serpentina im Namen der Muse Euterpe zusammentat, die zwar in der griechischen Antike neben der Lyrik vor allem für das Flötenspiel, oder genauer für das Musizieren auf der Doppelflöte, dem Aulos, zuständig war, sich jetzt aber durch die unzähligen Neuerungen als Patronin für alle Blasinstrumente fühlte, also auch für den Serpent.


Eines nachts, als Lindi nicht gleich einschlafen konnte und er sich besonders an einige Stellen in seiner von mir verfassten Biografie erinnerte, wurde ihm bewusst, dass seither mindestens eine Handvoll weiterer Jahre seines Lebens nicht mehr dokumentiert war. Ich hatte mich ja als Skribent zurückgezogen, als seine Tochter geboren worden war, denn man lässt eine junge, verliebte Familie gefälligst in Ruhe, auch als Chronist. Lindi wurde daher, bevor er einschlief, plötzlich ganz drastisch bewusst, dass diese letzte Periode, wenn nichts schriftlich darüber festgehalten würde, allmählich unweigerlich und unwiederbringlich in das große Loch des Vergessens fallen würden. Somit ginge auch allzu vieles aus Echsis früher Kindheit und künftiger Adoleszenz verloren. Mich neuerlich zur Mitarbeit zu animieren, traute er sich eigentlich nicht, denn er wusste oder ahnte zumindest, an wie vielen schriftstellerischen Projekten ich andauernd gleichzeitig arbeitete. Bevor ihn dann aber Morpheus endgültig in seine Arme schloss, überlegte er, ob er von mir stilistisch so viel gelernt hätte, dass er nun auch selbständig das vorläufig letzte Kapitel seiner Lebenserinnerungen verfassen und dann weiterhin ständig aktualisieren könnte. Nun ja, lassen wir ihn vorläufig bei diesem Glauben.
Am Morgen aufgewacht, dämmerte es ihm freilich, dass es bei seinem Vorhaben nicht nur literarische Probleme geben könnte, sondern vor allem auch technische. Er wusste natürlich, dass er nur mit einer Füllfeder zur Hochform auflaufen könnte, wie jeder hoffnungsvolle Schriftsteller (Hemingway freilich ausgenommen, der seine Texte immer gleich in die Schreibmaschine hämmerte, und Peter Handke, der einen Bleistift für seine Formulierungen vorzog). Da er seine humanoide Gestalt nur wenige Tage aufrecht erhalten konnte, danach aber wieder die Flugdrachen-Form würde annehmen müssen, wurde ihm blitzartig klar, dass ein Füllhalter für ihn mindestens einen Meter lang sein müsste, wenn nicht mehr. Da schien guter Rat teuer. Nun galt es, möglichst rasch Fachliteratur und Prospekte über die edelsten aller Schreibwerkzeuge zu Rate zu ziehen. Er studierte die Firmen Lamy, Pelikan, Parker, Waterman, Faber-Castell, Montegrappa und Caran d’Ache. Recht bald wurde ihm aber klar, dass es nur eine Marke von konkurrenzloser Güte gab, und das war die Firma MONTBLANC.
Es war nämlich unübersehbar, dass diese feinste europäische Handwerkskunst mit altbewährten Designs verbindet. Und er glaubte aufs Wort, dass auf diese Weise so raffinierte Stücke produziert würden, die für höchste Qualität stehen. Auf der Webseite konnte er ferner lesen: „In jeder Kreation von Montblanc steckt das Herzblut und die Erfahrung unserer Handwerksmeister, die schließlich zu einem Teil Ihrer eigenen, einzigartigen Geschichte wird und ein unsichtbares Band zwischen den Menschen knüpft. Exquisite Objekte verleihen einem außergewöhnlichen Leben Ausdruck. So wie Ihre persönliche Geschichte voller Leben und Bewegung ist, sollten die Gegenstände, die Sie auf Ihrem Weg begleiten, aus-strahlungsstark und lebendig sein.“ Lindi musste schmunzeln und dachte bei sich: „Wenn die wüssten wie recht sie in Bezug auf seine Drachennatur haben.“ Und ihm gefiel in Zusammenhang mit der unglaublichen Langlebigkeit seiner Spezies auch folgender Satz: „Die heutige Zeit ist ausgesprochen schnelllebig. Umso wichtiger ist es, sich auf Produkte verlassen zu können, die so anspruchsvoll gefertigt sind, dass sie die Zeiten überdauern. So werden die Kreationen von Montblanc nicht nur Zeugen Ihrer Geschichte, sondern auch der Ihrer Nachkommen sein. So unsterblich wie die Seele, so unsterblich sind auch unsere Stücke, die vielen Generationen von der Eleganz und Raffinesse ihrer Herkunft erzählen werden.“ Wenn das stimmte dann würden ja noch seine Tochter Echsi und ihre Nachkommen, wenn sie, so Gott will, solche haben sollte, mit diesem Gerät schreiben.
Obwohl er schon so gut wie überzeugt war, vertiefte er sich auch noch in interessante Firmendetails. Etwa über die Geschichte: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschuf der deutsche Ingenieur August Eberstein gemeinsam mit den Hamburger Unternehmern Alfred Nehemias und Claus Johannes Voss eine auslaufsichere Schreibgeräte-Linie. Diese bahnbrechende Vision sollte den Lauf der Geschichte des Schreibens grundlegend ändern. Das erste, 1909 eingeführte Schreibgerät beseitigte das Risiko von Tintenflecken. Deshalb erhielt es den Beinamen „Rouge et Noir“, eine Referenz an die sicherste Art des Roulettespiels – wenn gleichzeitig auf Rot und Schwarz gesetzt wird. Ein Jahr später wurde Montblanc, inspiriert vom höchsten Gipfel der europäischen Alpen, als Unternehmensname auserkoren – ein Symbol für die Vision der Gründer, stets nach Exzellenz und Innovation zu streben. Der weiße Stern, der für die sechs schneebedeckten Gipfel des majestätischen Bergs steht, wurde zum Emblem des Unternehmens und ist seither auf jedem Montblanc-Schreibgerät zu finden.
Die Herstellung einer Feder umfasst 35 komplexe Arbeitsschritte, weitere 70 Schritte sind für den Zusammenbau und die Prüfung eines Montblanc Füllfederhalters nötig, bevor er an den Besitzer ausgehändigt werden kann. Jede Feder von Montblanc wird aus 14 oder 18 Karat Gold gefertigt. Unter dem Druck von bis zu 18 Tonnen wird die Form der Feder ausgestanzt und dann behutsam in Form gepresst. Dann schleifen die Kunsthandwerker von Montblanc die extrem harte Iridiumspitze per Hand auf ihre perfekte Breite und Größe. Nach dem abschließenden Zusammenbau muss jede Feder einen gründlichen Schreibtest durchlaufen, um zu gewährleisten, dass sie ein ultimatives Schreiberlebnis bietet. Neben dem Schreibgefühl spielt bei dieser strengen Qualitätsprüfung auch ein gutes Ohr eine entscheidende Rolle: Die intern geschulten Federschleifer/innen hören genau auf den Klang jeder einzelnen Feder, wenn sie über das Papier gleitet. Nur Federn, die nicht kratzen oder ruckeln und einen gleichmäßigen Klang erzeugen, bestehen diese besondere Prüfung.
Die Wahl der richtigen Feder passend zum persönlichen Schreibstil ermöglicht ein müheloses Schreiben. Das aktuelle Sortiment ermöglicht verschiedene Schreibtypen und künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten durch das Angebot acht verschiedener Federbreiten und der innovativen Flex Feder, die Teil des Kalligrafie-Programms 2019 ist. Zusätzlich erstellen die Kunsthandwerker auch maßgefertigte Federn für das individuelle und exklusive Schreiberlebnis.“
Lindi erfuhr bei seiner Recherche auch, dass es in Hamburg sogar ein MONTBLANC-HAUS gibt. Ein solches existierte bereits in der Vergangenheit im Sternschanzenviertel. Von den 1930er Jahren bis in die späten 1980er Jahre befand sich hier der Hauptsitz und die Manufaktur von Montblanc. Am 10. Mai 2022 wurde jedoch in der Elb-Metropole ein neues Montblanc-Haus eröffnet.

Die preisgekrönte Architektur erinnert an historische Verpackungen von Montblancs Füllhaltern und wurde tatsächlich vom Büro „Nieto Sobejano“ im Sinne einer diesbezüglichen Hommage entworfen.

Doch auch im Inneren hat das Montblanc-Haus eine Menge zu bieten, sodass Lindi – falls er sich für eine Montblanc-Feder entscheiden würde, was noch nicht feststand – sich vornahm, in einigen Jahren, wenn Echsi noch verständiger sein würde, mit der Familie nach Hamburg zwecks einer Besichtigung dieses Firmenmuseums zu fliegen. Denn da gab es in der permanenten Ausstellung z.B. Original-Handschriften von Ikonen wie Ernest Hemingway, Frida Kahlo oder Jackie Chan. Keine davon ist freilich so alt wie ein aus dem 18. Jahrhundert stammendes Autograph des Philosophen Voltaire:

Zu sehen sind ferner über 410 Montblanc Schreibgeräte, von historischen Füllfederhaltern bis hin zu den neuesten Exemplaren. Ein Blick kann geworfen werden hinter die Kulissen des Teams, das die exklusivsten Schreibgeräte fertigt, sowie überhaupt auf den Entstehungsprozess der Federn. Lindi fand freilich auch die Zukunftspläne von „Montblanc“ spannend. Sie betreffen z.B. die CO2-Neutralität durch Reduzierung der Emissionen über die gesamte Lieferkette hinweg. Es werden die Heizungssysteme, Fenster und Lichtanlagen in den Hauptgebäuden ausgetauscht werden, und bis 2025 wird der gesamte weltweit bezogene Strom zu 100 % erneuerbar sein. Nachhaltigkeit wird bei „Montblanc“ groß geschrieben. So wird auch Verantwortung für die Emissionen, die durch Gebäude, Produktion und Transport verursacht werden, übernommen, und vorläufig werden auch der direkte, durch Geschäftsreisen und Logistik verursachte Treibhausgasausstoß zu 100 % kompensiert.“
Lindi war natürlich überdies als musischer und kulturell versierter Drache besonders interessiert, ob sich „Montblanc“ auch auf diesen Gebieten engagieren würde. Da fiel ihm ein, dass vor ein paar Jahren bei den „Jedermann“-Aufführungen der Salzburger Festspiele am rechten Domturm zwei dezente Werbungen des Sponsors „Montblanc“ angebracht waren.

Und irgendwo – es war nicht auf der Firmen-Webseite – las Lindi sogar folgenden Text: „Hätte es unsere Montblanc-Firma schon gegeben, hätte Beethoven sein Heiligenstätter Testament zweifellos mit einem Füller geschrieben, den wir selbstverständlich exklusiv für ihn kreiert hätten, wie die Chopin-Feder in unserer gegenwärtigen Kollektion, in der sich auch zwei durch Napoleon inspirierte Schreibgeräte finden. Die hätten wir aber natürlich Beethoven zum Zeitpunkt unmittelbar nach der Komposition seiner Eroica keinesfalls in die Hand gedrückt, denn er hätte sie wahrscheinlich in der Mitte entzwei gebrochen, so wie er ja auch in seiner genannten dritten Sinfonie die Widmung mit äußerster Wut unkenntlich gemacht hat, als er erfuhr, dass sich der Korse selbst zum Kaiser gekrönt hatte.“


Man hatte sich aber auch auf andere Kunstgattungen eingelassen, etwa auf den Schriftsteller Robert Louis Stevenson mit seinem Roman „Die Schatzinsel“.

Auch vor Vincent van Gogh machte man mehrere Kotaus. Hier einer davon:

Sehr originell fand Lindi auch den Füller, der dem Azteken-Herrscher Moctezuma I. (wie man Montezuma jetzt häufig schreibt) dediziert wurde. Er hatte sein Reich ab 1440 in ein Goldenes Zeitalter geführt – ein Reich voller Kultur und Mythologie. Unter seiner Herrschaft erlebte die Hauptstadt Tenochtitlán (das heutige Mexico City) Blütezeit. Das Gesamtdesign der Feder ist von einem Atlatl inspiriert, der Speerschleuder der Azteken. Die Form des mit einem gehämmerten Finish versehenen Konus orientiert sich an einem rituellen Messer der Azteken, das über eine Klinge aus Obsidian verfügte. Die Farben des Lacks – Türkis und Karminrot – sind von den Farben des königlichen Umhangs inspiriert. Lackintarsien, die von traditionellen Zeichen und Ornamenten inspiriert sind, zieren die Kappe. Die handgefertigte Feder aus massivem 750er Gold wird von einer feinen Gravur geziert, die vom Schriftzeichen der Azteken für die Stadt Tenochtitlán inspiriert ist: ein dreiarmiger Kaktus mit einem königlichen Diadem und zwei Schriftrollen. Ein gutes Beispiel, fand Lindi, für die sehr durchdachten Konzepte der Firma.

Dass sich dieses Stück in der Kollektion befindet, freute Lindi als Österreicher, als der er sich noch immer fühlt, umso mehr, als ja das Wiener Weltmuseum im Besitz einer Federkrone ist, von der man lange Zeit annahm, dass sie Moctezuma II., dem Urenkel des vorhin genannten ersten Herrschers dieses Namens, gehörte, wahrscheinlich aber aus dem Besitz eines hohen Priesters stammte.

Tatsache ist jedenfalls, dass der enorm wertvolle Kopfschmuck 1596 in einem Inventar der Rüst-, Kunst- und Wunderkammern in Schloss Ambras verzeichnet ist, das nach dem Tod des Tiroler Landesfürsten Erzherzog Ferdinand II. angelegt worden war. Darin ist das Objekt erstmals als „[…] ain mörischer Huet […]“ erwähnt. Später, am Beginn des 19. Jahrhunderts, gelangte er zusammen mit anderen Gegenständen der Ambraser Sammlung nach Wien. Im Rahmen einer Kooperation zwischen Mexiko und Österreich wurde der Federkopfschmuck in den vergangenen Jahren mit hohem Aufwand gereinigt und konserviert. Und Mexiko ist es auch, das in den letzten Jahren sehr viel Druck gemacht hat, dass die Krone wieder zurückgebracht werden sollte. Man könnte sie dann aber gleich in Wien zerstören, da sie nach Expertenmeinung einen Transport nicht überstehen würde.

Weitere Blicke in die überreiche Kollektion ergaben noch andere kulturelle Connections, so etwa mit den Brüdern Grimm, aber auch mit Edith Piaf oder Jimmy Hendrix, ja sogar mit dem legendären Orient-Express.
Lindis Beschäftigung mit „Montblanc“ war so intensiv gewesen, dass er in der nächsten Nacht auch noch von Füllfedern träumte! Überdies von Redewendungen, in denen das Wort „Feder“ vorkommt, wie etwa in „Federn lassen müssen“ für eine Situation, an der man viel an Vermögen oder Prestige verliert. Lindi träumte in diesem Zusammenhang von einem Millionär, der sich total verspekuliert hatte und mit allen seinen Firmen vor dem Konkurs stand. Er war zeitlebens ein Füllfederfreak gewesen und hatte eine riesige Sammlung von wertvollsten Schreibgeräten, teils selbst erworben, teils geschenkt bekommenen. Bevor alles den Bach hinunterging, wollte er diese noch heimlich ins Dorotheum tragen, um sich einen Notgroschen fürs Alter zu sichern.
Nachdem er dort angekommen war und sein Anliegen einem Angestellten vorgetragen hatte, wurde dieser ganz nervös und meinte, er müsste den Experten für Schreibgeräte herbeiholen. Auch dieser verlor fast die Fassung, befand sich doch in der Kollektion der teuerste Füllhalter der Welt. Natürlich ein „Montblanc“ – und zwar ein Unikat namens „Monte Celio“. Dass ein so unscheinbarer, gerade einmal 50 m hoher Hügel als Namenspatron herhalten durfte, mag erstaunen. Man vergleiche damit den für die Firmenbezeichnung verantwortlichen, mit 4805,59 m höchsten Berg Europas, den Mont Blanc.
Immerhin ist aber der Monte Celio nicht irgendein Gupf, sondern einer der sieben Hügel, auf denen das alte Rom erbaut wurde. Der Name darf damit wohl als sehr geschichtsträchtig gelten. Rom, die Ewige Stadt, hat eben Symbolwert und soll wohl die Gedanken in Richtung jener höheren Werte lenken, die für die Ewigkeit gemacht sind. Alle Wege führen nach Rom!

Der Korpus des Füllfederhalters aus 750er Weißgold wirkt in seiner klassisch schlichten Stromlinienform ausgesprochen modern. Spielerisch aufgelockert von einem sanft geschwungenen Clip mit dezenter Flechtwerkzier. Den Kontrapunkt zum Understatement des zeitgenössischen Designs setzt das prunkvolle Dekor. Der «Monte Celio» ist über und über mit insgesamt 1.500 glitzernden Diamanten und pinkrosé funkelnden Saphiren besetzt.
Eine Legion von rund 800 versierten Kunsthandwerkern (Edelsteinschleifer und Goldschmiede) arbeitete daran acht Jahre. So lange dauerte die Beschaffung und Auswahl der schillernden Edelsteine, das Schleifen der 53 Facetten eines fast 12-karätigen Diamanten von höchster Reinheit, der die Kappenspitze des Luxusfüller ziert, und die Diamanten und Saphire von insgesamt über 20 Karat auf dem Stift zu placieren. Der Clip endet in einem stilisierten Blütenblatt aus einem Saphir in markantem Pink. Die gravierte, herzförmige Montblanc-Feder besteht aus massivem, 750er Champagnergold. Wen wundert da noch der Kostenpunkt von 2,4 Millionen €. Der Beinahe-Pleitier war gerührt, denn mit diesem Luxusobjekt hatte vor langer Zeit ein väterlicher Unternehmerfreund einen Milliardenvertrag unterzeichnet, der sie beide reich machte. Und bei der anschließenden Zecherei hatte er ihm dann diese Sünde von einer Füllfeder geschenkt und nur gemeint: „Verlier‘ siehalt nicht!“ Längst hatte er das alles vergessen gehabt, und die Monte Celio lag weiter nicht beachtet neben ihren auch allmählich verstaubenden Schwestern, denn ein Bussiness-Man hat im Laufe des Lebens vor lauter wachsender Gier meist nur mehr wenig Zeit für seine früher als so unverzichtbar angesehenen Hobbies.
Versteigert wurde die Pracht schließlich um 3 Millionen Pfund bei Sotherby’s, da es sich ein Scheich aus Saudi-Arabien nicht nehmen ließ, seine Ölverträge mit diesem Materie gewordenen Traum aus „1.000 und einer Nacht“ zu unterzeichnen.
Der Spekulant musste also keine Federn, sondern nur mehr eine (freilich sehr kostbare) Feder lassen. Er lebte bis an sein Ende nicht nur in Sicherheit und Frieden, sondern auch in Saus und Braus.
Gleich drang aber ein weiterer kurioser Traum in Lindis Schönheitsschlaf ein. Diesmal zerrte sein Unbewusstes offensichtlich die Redensart „Sich mit fremden Federn schmücken“ in seine illusorische Schlafwelt. Die Wendung geht auf eine Fabel des antiken Dichters Äsop zurück, in der sich eine Krähe mit ausgefallenen Federn von Pfauen und anderen prächtigen Vögeln schmückt. Der Anlass war, dass Jupiter den Vögeln einen König geben wollte und einen Tag festsetzte, an welchem sie alle zusammenkommen sollten. Die Krähe sammelte im Bewusstsein ihrer Hässlichkeit die Federn, die den andern Vögeln ausgefallen waren und schmückte sich damit. Als nun der festgelegte Tag kam, ging sie in ihrem bunten Schmuck in die Versammlung. Doch als Jupiter sie wegen ihrer Schönheit zum König erwählen wollte, rissen ihr die erzürnten Vögel die Federn aus, indem ein jeder diejenigen herauszupfte, welche ihm gehörten. So war die Krähe bald wieder nichts anderes, als das, was sie ursprünglich gewesen war, nämlich eine hässliche Krähe.
Merkwürdigerweise nahm Lindis Traum aber eine ganz andere Wendung. Die fiktive Örtlichkeit ist eine prominente Trauungskirche. Nach der Zeremonie muss der Trauzeuge unterschreiben, hat aber kein Schreibgerät bei sich. So fragt er eben den neben ihm stehenden Bräutigam, ob er ihm aushelfen könnte, was dieser bejaht und ihm eine der ganz tollen Zimelien von „Montblanc“ überreicht.
Es handelt sich um ein sehr seltenes Stück, um eine in begrenzter Anzahl produzierte „ Daytona SP3“. Mit ihr hat „Montblanc“ im Rahmen seiner Icona-Serie ein Kraftpaket entwickelt, das Ferraris Rennsporttradition heraufbeschwört und Siegermentalität vermittelt. Die Inspiration dazu lieferte 1967 der einmaliger Coup des Ferrari-Teams beim 24-Stunden-Rennen von Daytona, als die Scuderia alle drei Podiumsplätze belegte.

Da kam die Braut gerade dazu und sah das sexy Objekt in den Händen des Trauzeugen, der tatsächlich schon ihr Schwarm seit College-Tagen gewesen war. Er war ihr damals aber ein zu armer Schlucker gewesen. Bald darauf hatte sie allerdings ihre materielle Einstellung tief bereut, aber da wollte der Verschmähte seinerseits nichts mehr von ihr wissen. Nun fiel sie ihm in der Sakristei reumütig zu Füssen und umklammerte seine Knie. Auch in ihm kochten in diesem Augenblick erotische Erinnerungen hoch, aber er konnte sich die Frage doch nicht verkneifen, ob der nahezu unerschwingliche Prunkfüller in seiner Hand sie zu dem Meinungsumschwung bewogen habe. Sie betonte aber, dass sie es durch eine Erbschaft selbst zu großem Reichtum gebracht habe. Sie wandte sich umgehend an den Priester und beantragte die Annullierung der gerade stattgehabten Trauung aus jenem Grund, den sogar das Kirchenrecht anerkennt: „Ratum, sed non consumatum“, was sinngemäß so viel bedeutet wie: der Beischlaf wurde noch nicht vollzogen.
Der nun – weil er sich zumindest mit einer „fremden Feder geschmückt“ hatte – glücklich vom Trauzeugen zum Bräutigam Avancierte gab den Ferrari-Füller dem Loser zurück, um so lieber übrigens, als die wohlhabende Braut ihm versprach, ihm nach den Flitterwochen gleich ein noch edleres Stück zu schenken – natürlich aus der „Montblanc“-Kollektion, was sonst?
Ein wenig desorientiert, aber grinsend erwachte Lindi und küsste sofort leidenschaftlich und verliebt seine neben ihm schlafende Gattin Linda wach.
Gleich nach dem Frühstück machte Lindi schließlich jene Entdeckung, die endgültig zur Entscheidung für „Montblanc“ führte. Es waren die Drachen-Modelle:


Nun hatte er nur noch einen Zweifel. Würde es in einem „Nest“ wie Klagenfurt überhaupt eine Firmenvertretung geben? Da hatte er aber die „Kärntner Metropole“ gewaltig unterschätzt. Ein Blick ins Branchenverzeichnis des Telefonbuchs belehrte ihn, dass es sehr wohl ganz zentral ein edles Uhrengeschäft gab, an das er sich wenden würde können.
Recht nervös betrat er in Begleitung seiner Mutmacherfamilie den Luxus-Shop nach Überwindung der beiden Sicherheitstüren. Freilich war ihm in der Zwischenzeit die rettende Idee gekommen, wie er die große Maßanfertigung erklären könne, doch würde man ihm auch Glauben schenken?
Er flunkerte drauflos, indem er behauptete, er beabsichtige demnächst in Sirmione am Gardasee eine „Montblanc“-Vertretung zu gründen. Er meinte, dass mittlerweile so viele reiche Touristen, nicht nur sparsame Campinggäste, sich durch die romantischen Gassen wälzen würden, hinüber in die Skaligerburg, und schließlich seien ihnen selbst die Ruinen der Grotten des Catull für eine Heimsuchung nicht zu minder. Er sei überzeugt, dass er dort „Montblanc“ zu recht üppigen Sondergewinnen verhelfen könnte.
Allerdings brauche er eine mindestens 1,50 m hohe überzeugende Nachbildung eines Montblanc-Füllers, denn diese Reklame müsse auffallen im Wust der typisch italienischen, kitschig-grellen Werbematerialien. Die sehr verständnisvolle Dame meinte, dass dies kein Problem wäre, müsste man ja nur eine äußerlich ähnliche Form aus Holz oder Plastik herstellen und möglichst originalgetreu bemalen.
Es gäbe im übrigen hervorragende Präzedenzfälle. So habe die Frankfurter Montblanc-Niederlassung einmal zwei über 2 m große Federn hergestellt, und zwar für eine Bayreuther Produktion des „Rheingolds“. Es ist der erste Abend, das Vorspiel, wie man es nennt, zu Richard Wagners „Ring des Nibelungen“.

Hier geht es ja darum, dass die beiden Riesen Fasolt und Fafner, die im Auftrag Wotans dessen Burg Walhall aus riesigen Felskuben errichtet hatten und nun kamen, um ihren Lohn einzufordern – niemand geringeren als Freia, die Göttin der Jugend.
So singt Fasolt, an Wotan gewandt:
„Sanft schloss Schlaf dein Aug‘;
wir beide bauten Schlummers bar die Burg.
Mächt’ger Müh‘ müde nie,
stauten starke Stein‘ wir auf;
steiler Turm, Tür und Tor,
deckt und schließt im schlanken Schloss den Saal.
(auf die Burg deutend)
Dort steht’s, was wir stemmten,
schimmernd hell, bescheint’s der Tag:
zieh nun ein, uns zahl‘ den Lohn!“
Einer dieser exzentrischen Regietheater-Inszenierer hatte damals die Idee, die gewaltigen Füllfedern als Symbol für den Vertrag einzusetzen, ja mit ihnen die Riesen sogar eine Schriftprobe auf einer bettlakengroßen auf dem Boden ausgebreiteten weißen Unterlage als Beweismittel abzugeben. Diese Unterschriften wurden natürlich per Lichtprojektion vorgetäuscht, weil man mit diesen Giganten-Füllern natürlich nicht schreiben konnte.
Doch noch immer weigert sich Wotan und fordert die Riesen auf, sich einen anderen Lohn auszudenken. Der listige Loge weiß Rat. Er hat sich bemüht, einen Ersatz für Freia zu finden und berichtet von dem Ring und dem Hort, der Alberich gehöre und Macht über die ganze Welt verleihe. Die Riesen beraten sich und sind bereit, statt Freia Gold und Ring zu nehmen, doch auch damit ist Wotan nicht einverstanden. Voll Zorn zerbrechen sie ihre Schreibgeräte, die natürlich in der Mitte eine Sollbruchstelle aufwiesen. Das sollte ein Symbol dafür sein, dass nunmehr der Vertrag null und nichtig sei. Wütend ergreifen die Hünen Freia und tragen sie mit sich fort.
Die Götter bleiben ratlos zurück, denn nur Freias Anwesenheit verbürgt ihnen ihre Jugend. Wotan entschließt sich, Hort und Ring zu gewinnen und steigt mit Loge nach Nibelheim hinunter. Dort entreißen sie Alberich mit List den Schatz, den dieser aber mit einem Fluch belegt. Die Kolosse sind nun bereit, Freia gegen das Gold und den Ring zu tauschen. Der Fluch zeigt allerdings erstmals Wirkung. Fasolt wird von seinem Bruder Fafner im Streit erschlagen.
Lindi wollte etwas einwenden, kam jedoch nicht zu Wort, denn beim Heller hatte man noch andere Beispiele aus aus der Sphäre der „Bretter, die die Welt bedeuten“ parat. Es ging zunächst um eine Operninszenierung von Tschaikowskis „Eugen Onegin, diesmal in der Berliner Oper „Unter den Linden“.

Hier kommt ja jene berühmte Briefszene der Tatjana vor, in der sie dem von ihr so sehr verehrten Onegin ihre Liebe gesteht. Und einen Brief schrieb man damals natürlich noch mit einer Feder und nicht etwa über e-Mail, WhatsApp u. dgl. Was lag also für die avantgardistische Regie näher, als einen „Montblanc“-Füllhalter vor die Kulisse zu hängen, der in der bewussten Szene auf Tatjanas Herz zeigen sollte wie eine Lanze, Unheil verkündend. Schließlich singt ja die Liebende, als sie sich zu dem Schreiben entschließt: „Und wär’s mein Untergang…“
Und so wird es auch kommen. Sie erfährt eine tiefe Kränkung, als ihr Onegin am nächsten Morgen erklärt, dass er ihre Liebe nicht erwidern könne. Er glaubt sich nicht geschaffen zum Gatten einer liebenden Frau, höchstens zum brüderlichen Freund. »Liebe ist nur Spiel und Täuschung der Phantasie«.
An Tatjanas Namenstag findet ein Ball statt. Onegin hat verständlicherweise keine Lust, diesen zu besuchen, wird aber von seinem guten Freund Lenski schließlich dazu überredet. Um sich dafür kindisch zu rächen, tanzt Onegin nur mit Olga, Lenskis Geliebter. Lenskis Eifersucht ist nicht mehr zu unterdrücken. Es kommt zu einem heftigen Streit zwischen den beiden Freunden: der gekränkte Lenski fordert Onegin zum Duell, bei dem der Herausforderer allerdings tödlich verletzt wird. Schmerzerfüllt kniet Onegin an der Leiche.
Jahre sind inzwischen vergangen. In St. Petersburg findet im Palast des Fürsten Gremin ein großer Ball statt. Auch Onegin, der nach dem Duell ins Ausland gegangen ist, zählt zu den Gästen und trifft zu seiner Überraschung Tatjana als Gattin des reichen Fürsten wieder. Dieser schwärmt in einer großen Arie von seiner jungen und schönen Gattin. Reumütig muss nun Onegin erkennen, wie schmählich er einst an Tatjana gehandelt hat. Er lässt sie um eine Unterredung bitten und wirft sich ihr reuevoll zu Füssen. Tatjana gibt ihm, obwohl sie ihn noch immer liebt, zu verstehen, dass sie dem Fürsten die Treue halten werde. Verzweifelt stürzt Onegin davon.
Das prophetische Dräuen der „Montblanc“-Requisite hat sich also erfüllt. Sie sollte uns aber auch lehren: „Ich, ein Meisterstück der berühmtesten Schreibgeräte-Firma kann euch nur etwas garantieren: Ihr werdet mit mir schreiben wie auf Wolken gebettet! Was ich aber nicht gewährleisten kann, was ihr mit euren durch mich verfassten Schriftstücken inhaltlich in die Welt setzt – sei es Liebe, sei es Hass, sei es Frieden oder Krieg, Beleidigungen oder Schmeicheleien, Willkommen oder Abschied – , darauf habe ich keinen Einfluss!“
Wieder wollte Lindi abwinken, doch es ging gleich mit der nächsten Opernszene weiter, und zwar mit den „Meistersingern von Nürnberg“ von Richard Wagner, produziert in der New Yorker Metropolitan Opera. Es geht um jenes Bild, wo Hans Sachs sich vom Junker Stolzing, der seine geliebte Eva an diesem Johannistag durch ein Meisterlied gewinnen muss, vorsingen lässt, was er letzte Nacht von der Liebe geträumt hat. Dieses Lied notiert Sachs und bringt es behutsam in die strenge Form des Meistergesangs. Die Komposition soll sowohl die Preisrichter als auch das Volk als letzter, man könnte sagen – demokratischer –, Instanz überzeugen.
Als Sachs seine Schusterstube kurz verlässt, betritt diese Sixtus Beckmesser, der Eva gerne selbst gewinnen möchte, als verbiesterter, aber auch gefährlichster Konkurrent von Stolzing, denn er ist „Merker“ der Meistersingergilde und kennt daher die strengen Regeln am besten von allen, ist aber viel zu sehr rückwärtsgewandt und allen Neuerungen abhold, ganz zum Unterschied zu Hans Sachs, der die Zeichen einer neuen Zeit und Kunstform erkennt. Nicht umsonst singt er: „Dem Vogel, der heute sang [er meint Stolzing], dem war der Schnabel hold gewachsen; macht‘ er den Meistern bang, gar wohl gefiel er doch Hans Sachsen!“
Beckmesser sieht – während Sachs, wie bereits erwähnt, gerade nicht im Zimmer ist – das Notenblatt und glaubt natürlich, dass es von diesem stammen würde, der ja tatsächlich alles in Grund und Boden singen könnte, aber sich im klaren ist, dass er für Eva zu alt ist und sie auf Dauer nicht glücklich machen könnte.“ („… von Tristan und Isolde kenn‘ ich ein traurig Stück: Hans Sachs war klug und wollte nichts von Herrn Markes Glück…“)
Und nun zum springenden Punkt: als Beckmesser das Lied erblickt, singt er: „Und die Tinte noch nass!“ Da kam nun für den weltberühmten Regisseur – wir kennen ihn bereits von der Bayreuther „Rheingold“-Inszenierung – natürlich „Montblanc“ (er ist nämlich auch ein sehr großer Fan dieser Firma) ins Spiel, und zwar nicht nur die Füllfeder, sondern auch ein unverwechselbares Montblanc-Tintenfass, in dem gerade das Schreibgerät steckt. Am Schluss geht aber alles gut für Stolzing aus, denn Beckmesser scheitert natürlich beim Vortrag des ungewohnt neuartigen Liedes vor der Festversammlung kläglich.

Freilich wurde gemunkelt, dass just zu diesem Zeitpunkt „Montblanc“ in Amerika stärker Fuß fassen wollte und angeblich die Metropolitan Opera mit einem sehr namhaften Betrag sponserte.
Lindi hatte mit großem Interesse zugehört, da er ja, wie wir uns erinnern werden, Serpentbläser, also aktiver Musiker ist und natürlich alle in Rede stehenden Opernszenen kannte.
Trotzdem wollte er neuerlich abwinken, was jedoch misslang, da bereits die nächste Inszenierungs-Schilderung unabwendbar war. Es ging um eine Produktion der Wiener Staatsoper von Hans Pfitzners „Palestrina“.
Es handelt sich in diesem Werk letztlich um die Rettung der Kirchenmusik im 16. Jahrhundert, freilich aber letztlich um den zeitlosen Gegensatz zwischen Künstler und Welt. Ausgangspunkt ist die vom Konzil von Trient geforderte Abschaffung oder zumindest strikte Beschränkung der Musik in der katholischen Liturgie. Abwenden könnte ein solches beklagenswertes Schicksal für die Kunst nur eine neue Messkomposition von Pier Luigi da Palestrina, dem Musik-Großmeister der damaligen Zeit, der deshalb von Kardinal Borromeo zum Schaffen einer solchen gedrängt wird. Palestrina lehnt aber ab, da er sich nach dem Tod seiner Frau ausgelaugt und am Ende seiner Schaffenskraft sieht. Er ist verzweifelt und bleibt allein und von Trauer überwältigt in seiner Stube zurück. Da erscheinen ihm seine Vorgänger und seine verstorbene Gattin, die ihn mahnt, Borromeos Aufgabe zu lösen. Engelsstimmen werden laut. Palestrina schreibt in fliegender Eile die neue Messe (es ist die berühmte „Missa Papae Marcelli“), bis er erschöpft einschläft.
Um es kurz zu machen: nach Turbulenzen (Palestrina wird sogar kurzfristig eingekerkert) endet alles in größtem Jubel über den Meister, dem sogar der Papst persönlich seinen Segen erteilt.

Wie kommt es, dass auch diesmal ein Regisseur eine „Montblanc“-Füllfeder ins Spiel bringt, indem er eine solche über einem alten Notenblatt der in Rede stehenden Messe in einer Art und Weise in den Hintergrund projizieren lässt, als ob diese mit mit dem modernen hervorragenden und so bequem zu handhabenden Schreibgerät notiert worden wäre.
In dem obigen Szenenbild sehen wir, warum Palestrina zusätzlich zum Ableben seiner Frau auch deshalb so deprimiert war, weil er schon ein Leben lang alle paar Minuten seinen Federkiel mit einem Messer (beide sehen wir auf dem Foto) zuspitzen musste. Mit diesem Bühnenbild sollte darauf hingewiesen werden, wieviel banale Energie die alten Meister verschwenden mussten, um Unsterbliches zu kreieren, und was ihnen erspart geblieben wäre, hätten sie beispielsweise schon über eine fortschrittliche „Montblanc“ verfügt. Regisseur und Bühnenbildner sind übrigens auch davon überzeugt, dass die frustrierenden Scherereien mit den Federkielen der eigentliche, von der Musikgeschichte bisher nicht erkannte Grund dafür waren, dass auch Johann Sebastian Bach seine Kantate (BWV 82) „Ich habe genug“ schrieb.
Nun endlich kam Lindi zu Wort, denn auch jenseits der eleganten Hellerschen Verkaufstheke musste man doch auch einmal Luft holen. Er hatte schon befürchtet, er würde aus seinem humanoiden Kostüm in seine eigentliche Drachengestalt wechseln müssen, um endlich Stellung nehmen zu können.
Er bedankte sich herzlich für die hervorragende Überzeugungsarbeit, doch so einfach ginge das wohl kaum. Er brauche wesentlich mehr als lediglich eine Attrappe. Und er erklärte der verständnislos blickenden Verkäuferin: „Ich habe leider bereits herausgefunden, dass seitens der „Montblanc“-Filiale in Verona bereits heftig gegen mein Projekt intrigiert wird. Man befürchtet dort, und vermutlich sogar zurecht, dass die Gardasee-Gäste, die bisher alle in Zusammenhang mit der Edelfeder zu ihnen in die Stadt kommen mussten, nunmehr mein Geschäft aufsuchen würden, wenn es mir nur gelänge, etwas ordentliches auf die Beine zu stellen. Sie würden daher gewiss bei Nacht und Nebel nachspionieren und mich bei der Zentrale vernadern, wenn ich nur eine billige Nachahmung und nicht ein voll funktionsfähiges Modell über meine Geschäftstüre hängen würde.“
Das leuchtete seiner Betreuerin ein und sie schlug vor: „Da muss ich aber gleich meinen Kollegen mit heranziehen, denn er ist der Computer-Kundige und Techniker“. Gemeinsam gingen sie dann jedes Detail durch, die Kolbenmechanik, die Federzusammensetzung bis hin zu deren flexibler feiner Spitze und natürlich auch die Aufziehmechanik für die Tinte. Der Spezialist machte Skizzen, spielte mit Formeln herum, strich seufzend wieder manches durch und setzte mit Elan wieder von Neuem wieder an.
Schließlich verkündete er: „Das muss ich nun als erstes aufs Reißbrett übertragen. Dann müssen Überlegungen zur Eignung verschiedener Materialien Platz greifen, ebenso, welche Schmiermittel für die Mechanik verträglich sein würden, denn diese würde eine ziemliche Kraft erfordern, wie eigentlich alles andere auch, wenn man wirklich mit diesem Monstrum schreiben wollte. Das alles wird wohl etwa drei Wochen in Anspruch nehmen.“
Lindi überlegte blitzartig. Natürlich würde seine und seiner Familie Quantentransformation nur mehr wenige Tage vorhalten. Er informierte daher den Experten, dass er natürlich längst nicht so lange in Klagenfurt bleiben könne, sondern in der Zwischenzeit in sein Geschäft in der Lombardei zurückreisen müsse. Er sei aber gerne bereit, eine entsprechende Anzahlung für die Planungsarbeiten zu leisten, was auch durchgeführt wurde. Dann überreichte Lindi seine Visitenkarte mit Telefonnummer und e-Mail-Adresse, und sie vereinbarten, dass er angerufen würde, wenn alle Vorbereitungen abgeschlossen seien. Er könnte dann wieder kurzfristig in Klagenfurt vorbeischauen und nach Überprüfung aller ausgearbeiteten Details grünes Licht für die Fertigung geben.
Ein wenig enttäuscht war Lindi schon über die in seinen Augen lange Wartezeit, denn es juckte ihn bereits in den Pranken, mit dem Schreiben zu beginnen. Daher war er auch hocherfreut, als er bereits nach 14 Tagen den Anruf bekam, dass man kürzer gebraucht hätte, als vorgesehen. Freudig sagte er zu, bereits übermorgen bei Heller zu erscheinen, um alles zu fixieren.
Diesmal flog er alleine, weil er sich ja nur kurz aufhalten wollte. Er war in der Folge begeistert, wie präzise die Firma Heller alle Entscheidungsgrundlagen ausgearbeitet hatte. So wurde man im Nu handelseinig. Unser Käufer bezahlte im voraus einen Teil mit „Rheingold“, ja, das gibt es wirklich und unser Klagenfurter Wahrzeichen besaß einen erklecklichen Anteil davon. Fragt mich nicht, wie er dazu gekommen war, ich will es gar nicht wissen. Übrigens: auch der Rest von dem Hort ist in den privaten Händen von erklärten Gegnern von Kryptowährungen wie Bitcoins. Kein Wunder also, dass jene Fantasten und Verschwörungstheoretiker, die noch immer den legendären Nibelungenschatz finden wollen, für ewige Zeiten in die Irre gehen werden. Da das Projekt mittlerweile für die gesamte „Montblanc“ Belegschaft zu einer ehrgeizigen Herzensangelegenheit geworden war, schufteten alle im Akkord und machten sogar unbezahlte Überstunden, sodass die einzigartige Lindwurm-Füllfeder (übrigens inspiriert von dem einzigartigen Ferrari-Modell) bereits nach weiteren zwei Wochen fertig war. Zu der feierlichen Übergabe flog nun natürlich die gesamte Lindwurm-Familie. Es gab ergreifende Momente in dem Luxus-Geschäft in der Klagenfurter Paradeisergasse 6 – 8.
Da es gerade unbeschreiblich schöne Spätsommertage mit Rekordwerten seit der Temperatur-Messgeschichte gab, beschloss man, noch einige herrliche Tage am Wörthersee zu verbringen. Ein Angebot, in einem über 80 Jahre alten Holzhaus am Strandweg bei Krumpendorf zu logieren, musste man freilich bedauernd ausschlagen, denn die Großechsen würden ja in kurzer Zeit wieder von der einigermaßen menschlichen Gestalt wieder zurück in ihre angestammte Form mit allen Wesensmerkmalen wechseln müssen, und da war es viel zu gefährlich, dass sie unabsichtlich das Objekt abfackeln würden, wenn ihnen bei aller Zurückhaltung doch einmal ein Feuerstoß auskommen würde. Außerdem war das Häuschen von der Straße und von der Eisenbahn viel zu einsehbar, da die Vermieter unverständlicherweise nichts, aber auch schon gar nichts für einen Sichtschutz taten. Eine Anfrage, ob man vis-a-vis, am Südufer des Sees in der „Villa Siegel“, in der Gustav Mahler, dessen Kompositionen Lindi außerordentlich verehrte, so denkwürdige Sommer verbracht hatte, wohnen dürfe, wurde natürlich unter Hinweis auf den Denkmalschutz negativ beschieden. Schließlich fand man aber doch noch eine Villa in herrlicher Lage – wo sei nicht verraten, damit nicht ausländische Flugdrachen auf die Idee kommen könnten, hier ebenfalls ihre Sommerfrische zu verbringen. Etwa gar jene vom Schweizer Berg Pilatus, die vielleicht einmal eine Abwechslung von ihrem Wohnort am Vierwaldstätter See anstreben wollten.


Es war so eine herrliche Zeit, dass Linda und die kleine Echsi nur schwer Abschied nehmen konnten, sich aber Lindi fügten, der es nicht erwarten konnte, endlich in Sirmione an seinem Mahagoni-Schreibtisch, den er sich in der Zwischenzeit maßfertigen hatte lassen, zu sitzen, um das Schreiben mit seiner Unikat-Feder beginnen zu können. Wenige Tage später schwelgte er in dieser Seligkeit, wie sie nur Intellektuelle und Künstler voll verstehen können.
Für die von mir bearbeitete Schnapschuß-Aufnahme von Lindi beim Akt des Schreibens seiner Biografie aus der letzten Zeit bin ich in der Schuld von Winfried Weithofer – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63349816.
Abgeklärt muss noch folgendes werden: wir sehen den Neo-Schriftsteller nicht an seinem noblen Mahagoni-Schreibtisch, dessen Lieferung sich wegen der Spezialanfertigung nun doch noch verzögert hatte. Die Firma Ferro hat ihm aber kostenlos, als Draufgabe sozusagen, jenes Stück1 geliefert, das ursprünglich für den „Selbstsüchtigen Riesen“ (den Oscar Wilde so wunderbar in seinem Kunstmärchen „The Selfish Giant“ beschrieben hat) bestimmt gewesen war.
1https://www.ferro-berlin.de/Schreibtsch-Contor-455-gross-von-L-C-Stendal.htm?SessionId=&a=article&ProdNr=lc1073&p=3901
Der Kunde war allerdings bedauerlicherweise kurz vor der Anlieferung verstorben. Diese Firma mit dem Sitz in Berlin war auch wirklich die einzige, die für die Sonderbestellung in Frage kam, denn das dortige kleine Team hat sich seit über zwanzig Jahren mit Haut und Haar dem Thema Designermöbel verschrieben. Man findet daher bei ihnen außergewöhnliche Anfertigungen, die sich den jeweiligen individuellen Bedürfnissen ideal anpassen. Also für Lindi die Anlaufstelle par excellence.

Die Zeit verging und Lindi verbrachte vor allem in der auch am Gardasee trüben und feuchten Jahreszeit viele Stunden am Schreibtisch, während Linda an dem friulanischen Fogolar (den auch sie sich in Udine hatte nach Maß anfertigen lassen – so viel Gleichberechtigung muss ja wohl sein) wahre gastronomische Kunstwerke schuf. Es war die einzige wirklich wirksame Methode, Lindi aus seinem Arbeitszimmer herauszulocken, überhaupt wenn sie ihn auch noch dazu mit einem Glas vom besten lokalen Valpolicella Ripasso lockte. Die Zeit verging so aufs angenehmste, und so war es wirklich kein Wunder, dass Lindi binnen einem Jahr seine bis zu diesem Termin reichende, restliche Biografie fertiggestellt hatte.
Ich befand mich gerade auf der Frankfurter Buchmesse und war sehr verwundert, als mich überraschend ein Anruf erreichte, dessen Nummer ich nach einer kurzen Nachdenkpause (war sie doch schon sehr lange nicht mehr auf meinem Handy-Display aufgeschienen) als jene von Lindi erkannte. Er lud mich ein, kostenlos nach Sirmione zu kommen und dort bei ihnen zu wohnen. Wie geschätzt und geehrt fühlte ich mich erst recht, als er meinte, er wäre sehr glücklich – wenn dieser Wunsch nicht zu unverschämt wäre – wenn ich als großer Experte seine bescheidenen literarisch-biografischen Ergüsse durchsehen und kritisch bewerten würde, da er sich doch als blutigen, aber sehr lernwilligen Anfänger sähe.
Sehr gerne sagte ich zu, erstens weil ich mich natürlich für die Weiterentwicklung der lieben Drachenfamilie interessierte – die Kleine müsste ja eigentlich schon plaudern können – , zweitens war ich natürlich neugierig, wie Lindi sein neues Schreibgerät, über das er mir so begeistert am Telefon berichtet hatte, zu handhaben gelernt hätte, und zwar physisch wie psychisch, drittens: wer fährt nicht gerne in der warmen sommerlichen Restsüße gratis an den Gardasee, und last but not least freute ich mich schon wahnsinnig auf Belindas Küche und Keller.
Alle meine kühnsten Erwartungen wurden voll erfüllt, ja – ich kann ruhigen Gewissens sagen – übertroffen. Ich versuchte dennoch bei allem Wohlleben zunächst auch hart zu arbeiten und die umfangreichen Seiten meines Freundes (er hat mit der „Montblanc“ eine sehr schöne, gut leserliche Handschrift) sine ira et studio zu beurteilen.
Wie groß war mein Erstaunen, als ich feststellen musste, dass Lindis Schreibstil meinem in keiner Weise nachstand, auch nicht seine Fantasie und die eingestreuten humorvollen Bemerkungen. Auch seine Fotocollagen verrieten Geschick und Geschmack. Das gab einen ordentlichen Anlass zum Feiern. Es ging nicht weniger turbulent zu, als bei unserem Fest anlässlich der Geburt von Echsi. Dieses Gelage habe ich aber damals schon beschrieben, daher kann ich jetzt wohl darauf verzichten. Vielleicht war alles sogar noch opulenter.


Vor meiner Abreise vereinbarten wir noch, dass ich die befreundete Familie etwa alle zwölf Monate besuchen würde, um den nächsten „Montblanc“-Jahresring2 der Schreibkünste Lindis begutachten zu können.Gerade erfahre ich, dass Lindi sich auch noch zwei weitere Spezialfedern durch „Montblanc“ hat anfertigen lassen.Man könnte Lindi nun wohl bereits als „HERRN DER RINGE“ bezeichnen!
2Dies soll eine Anspielung auf die drei ikonischen goldenen Ringe auf der Kappe jedes Meisterstück-Füllhalters mit dem „Montblanc“-Schriftzug auf dem mittleren. Nachtragen möchte ich noch, dass alle Füllfeder-Fotos (bearbeitet oder unbearbeitet) der Internetseite https://www.montblanc.com/de-at/collection/writing-instruments/alle-schreibsysteme/fullfederhalter entstammen.

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