(Hurrah, endlich wieder einmal eine Portion Blödsinn!!!)
Es war einmal ein Lindwurm. Seine Verwandtschaft war gar nicht klein. Aber dazu später! Jetzt geht es eher um Eingrenzung: er war nämlich der Lindwurm von Klagenfurt und brachte es damit doch zu einer gewissen Berühmtheit.
Aber „back to the roots“. Ich lasse Seine Draconitas am besten zunächst selbst zu Wort kommen.
„Da siedelte ich mich also vor einigen tausend Jahren, also bald nach der letzten Eiszeit, auf dem Kärntner Zollfeld an. Ja, wundert euch nicht. Wir Mega-Echsen werden ungemein alt, denn wir haben eine sehr dicke Haut und können uns daher aus mancher Malaise retten. Nun seid ihr wohl erst recht erstaunt, dass ich so eine französische Vokabel kenne. Nun ja, das kommt daher, dass wir schon beinahe von Beginn unserer Existenz so etwas wie eine europäische Drachengemeinschaft (EDG) hatten, für die ich übrigens auch als eine Art Honorarkonsul nach Kärnten kam. Mehrsprachigkeit war also für uns Drachen recht wichtig, allerdings weniger bis gar nicht im Sinne der modernen Diplomatie, sondern vielmehr dem Umstand geschuldet, dass wir von der Prähistorie an bis weit herauf ins Mittelalter dem Kannibalismus huldigten. Dabei machten wir die Erfahrung, dass die von einem Menschen gesprochenen Sprache auch großen Einfluss auf den Geschmack (nicht im Sinne etwa von „Kunstgeschmack“, sondern in der Bedeutung von „Aroma, Würze, flavour“) seines Fleisches hat. Wenn man also ein etwas gehobeneres Festessen bereiten wollte, war es gut, schon vorher zu wissen, ob man beispielsweise mit Dijon-Senf würzen sollte, mit Worcester Sauce oder etwa mit Apfelkren.
Doch zurück zum Zollfeld, wo heute noch, nicht weit entfernt vom Herzogstuhl, die Lindwurmgrube an mich erinnert. Das war natürlich zu meiner Zeit kein Erdloch, wie man heute vermuten könnte, sondern eine bequeme Drachen-Garçonniere – mit Küche, Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmer. Mittlerweile alles längst zu Humus geworden. Geheizt habe ich mit meinem heißen Schwefelatem über eine sondergefertigte Therme, welche diese Hitze zu speichern imstande war. Auch das Kochen funktionierte – ähnlich wie bei euren Gasherden, nur dass es eben keine Energieabhängigkeit von irgendwelchen russischen Drachenzaren gab.
Alles übrige, Möbel, Bettwäsche, Badetücher etc. enthielt einen Zusatz aus dem von euch zurecht so verteufelten Asbest, der uns Drachen freilich in keiner Weise etwas anhaben kann.
Eines allerdings muss ich wohl oder übel bestätigen: ich hatte ein Panoramafenster, von dem aus ich vorbeifahrende Händler – denn die trieben sich bereits seit keltischen und römischen Zeiten, vielleicht aber auch sogar schon früher hier herum: so genau habe ich nie darauf geachtet, aber ich weiß, die Erbsünde der Menschheit bestand seit eh und je keinesfalls in Mord und Totschlag, nein sie bestand im gegenseitigen Bescheißen zwischen Handeltreibenden und Kaufinteressierten. So war im übrigen auch schon die biblische Story von „Kain und Abel“ völlig falsch überliefert und interpretiert worden. Kain hatte Abel keinesfalls erschlagen, sondern „übers Ohr gehauen“, was keinesfalls letal ist, sondern mit „Erschlagen“ falsch übersetzt wurde. Im Gegenteil, Gottvater brandmarkte Kain auch keinesfalls mit dem nach diesem benannten Mal, sondern er zeichnete ihn damit aus als hervorragenden Händler für Getreideprodukte, indem er ihm das Triple-AAA, wie es später so oft hinter Firmennamen oder auf Autonummern als höchstes Qualitätssymbol zu finden sein sollte, in der Causa Kain aber noch bedeutete: A ( = Adam’s Son), A (Abel’s Traitor), A (arsholes’ peer). Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass möglicherweise Gottvater selbst ein liberaler Protokapitalist ist, denn sonst hätte er die Menschheit spätestens in den letzten Jahren mit einer Mega-Katastrophe vernichtet, gegen welche die Sintflut ein flatus alaudae1 gewesen wäre – vielleicht sind ja aber jetzt die Pandemie, die Klimaerwärmung, der Ukraine-Krieg und die Auseinandersetzungen im Nahen Osten die Generalproben für eine längst fällige diesbezügliche ALLERHÖCHSTE liquidierende Entscheidung.
1Im Wienerischen: „Lercherlschaaß“
Aber zurück zur Wirtschaft. Auch bei mir funktionierten die Geschäfte mit den vorbeiziehenden Händlern verdammt gut. Ich musste nur einmal mit meinen zugegebenerweise hässlichen Flügeln schlagen und – natürlich völlig unbeabsichtigt – einen Feuerstrahl aus meinem Rachen schießen lassen, natürlich nie in Richtung der Kaufleute, denn in diesen ehrlichen alten Zeiten wäre Erpressung ein größeres Delikt gewesen als in den heutigen Einflusssphären von Politik, Handel, Journaille und ähnlichen Gauner-Seilschaften. Aber – ich gebe es zu – den Preis für die angebotenen Waren hat mein auffälliges Verhalten schon manchmal ein wenig gedrückt. Verstockte Negotianten, die weiter nicht zu beeindrucken waren, ließ ich weiterziehen. Sie fielen leider ein paar Kilometer weiter an der Glan meiner Base, der „Klåg“, oder wie sie dann im Slowenischen hieß, der „Cvilja“, zum Opfer, die ich telepathisch, also mit einer Art „Urhandy“, das viel besser funktionierte, als der heutige Elektronik-Schmarrn, weil man sich weder verwählen, noch eine falsche Funktion aufrufen konnte, verständigt hatte. Mein Gott, es war einfach der plötzlich einfallende Nebel, der heute noch – genau wie damals – viele Todesopfer forderte. Den Erlös aus den hinterbliebenen Waren teilten wir uns dann in gutem verwandtschaftlichem Einvernehmen.
Das alles ging jahrhundertelang gut, bis dann auf einmal ein Herzog im 13. Jahrhundert ins Licht der Geschichte trat. Und der wollte alles modernisieren, und u.a. eine bessere Verbindung nach Süden auf sicheren Straßen schaffen. Da wäre ich ihm wohl im Weg gewesen. Ich beschloss, ein paar Tricks anzuwenden, um dann in Ruhe mein Appartement auf dem Zollfeld aufzulösen, um eventuell überhaupt auswandern zu können.
In einem solchen Notfall kreiert man am besten eine glaubwürdige Sage, setzt ein Gerücht in Umlauf, verbreitet eben das, was die breite Masse gerne hört (das soll sich dem Vernehmen nach bis heute nicht geändert haben, nur kommen jetzt, noch viel perfekter, die Fernseh- und Rundfunknews und die Druckmedien zum Einsatz).
Ich ergreife nun als Erzähler das Wort, da der mündliche Bericht unseres Protagonisten vermutlich streckenweise zu ausufernd ausfallen würde. Wir werden ihn später wieder im O-Ton hören.
Der Lindwurm lauerte daher ein paar Gauklern und Ringern auf, die – wie sie sich ausdrückten – vor wenigen Tagen „ze Wiene“ bei einer herzoglichen Hochzeit als „Joculatores“ aufgetreten waren. „Lindi“, wie ihn die, welche ihn wirklich mochten, nannten, bewirtete sie aufs Zuvorkommendste, wusste er doch, dass „Fahrend Volk“ allemal sehr hungrig und durstig war. Beim Verhandeln war man sich sehr schnell einig: der Lindwurm stellte sich eine exquisite Aufführung vor: Die Schausteller sollten ins Zentrum dieser peinlich kleinen Siedlung ziehen – da gab es gerade einmal einen Wohnturm mit ein paar Kammern rund herum. Gänse mokierten sich über diese – weiß Gott – armselige Situation und schnatterten ihren Spott so lautstark hinaus, dass man ihn angeblich bis zu dem westlich dieser Turmanlage gelegenen Sees hören konnte.2
2Daran erinnert übrigens heute noch eine goldglänzende Gänseplastik über einem Haustor am Klagenfurter Alten Platz.
Viel später fielen Humanisten über die mittlerweile entsprechend gewachsenen Siedlung um den Turm her, die mittlerweile den Namen „Chlagenfurtt“ angenommen hatte. Diesen Ort wollten die allwissenden Renaissance-Gelehrten adeln, indem sie Stein und Bein schworen, der Name „Klagenfurt“ wäre abgeleitet vom lateinischen „Claudium Forum“. So kam der römische Kaiser Claudius in die carinthische Toponomastik wie der sprichwörtliche Pilatus ins Credo.
Lindi instruierte die Gauklergruppe dahingehend, dass sie sich auf dem Weg zur Herzogsburg, die eigentlich eben nur aus dem Wehrturm bestand, ein paar ordentlich feste Knüppel von ein paar Eichen abreißen und diese in jenen Eimer voll Ochsenblut tauchen sollten, der noch von seinem letzten Festmahl übrig war, und den er ihnen Mitgab. So sollte der Eindruck entstehen, sie hätten den gefürchteten Drachen mit diesen Keulen erschlagen. Als noch besseren Beweis schenkte er ihnen jenen damals noch ganz mit ledriger Haut überzogenen Schädel eines Wollhaarnashorns, dessen Augenhöhlen ihm als Fackelbehälter gedient hatten, wodurch also eine Leselampe von erlesener designerischer Qualität entstanden war.3 Dieses zweckentfremdete Haupt konnten sie den naturkundlich ungebildeten herzoglichen Beamten als abgeschlagenen Lindwurmschädel vorweisen. Reiche Belohnung würde ihnen sicher sein. Für alle Fälle gab ihnen der freundliche Lindwurm noch einen Passierschein mit für die an der sumpfigen Furt durch den Glanfluss lauernde, bereits erwähnte männermordende Dämonin.
3Heute ist dieser Schädel – freilich längst bis auf die Knochen „abgemagert“ – im Kärntner Landesmuseum zu bewundern.
Aus Dankbarkeit führte die Truppe für ihren großzügigen Gastgeber rasch noch das „Tiroler Drachenspiel“ auf, dessen Fragment Jahrhunderte später ein österreichischer Dichter namens Herzmanovski-Orlando im Einbanddeckel der Reimchronik Ottokars aus der Gaal gefunden und danach als sein geistiges Eigentum ausgegeben hatte. Lindi war begeistert und schlug seine riesigen Flügel zum Applaus klatschend mit solcher Wucht zusammen, dass ein unbeschreiblich kräftiger Windstoß entstand, der alle Akteure nach einer Luftfahrt von etwa fünf Metern auf ihren Hinterteilen landen ließ. Dennoch schied man bestens gelaunt von einander.
Der Lindwurm fackelte schnell mit ein paar gezielten feurigen Pustern aus seinen Nüstern seine ehemalige Heimstätte ab. Dann erhob er sich in die Lüfte, strich über den Hügel, den man später Maria-Saaler-Berg nennen würde, im Wald eine Schneise verkohlter Bäume hinterlassend, und flog zielstrebig nach Süden in die Gegend der späteren Stadt Laibach zu seiner agilen Tante namens „Serpentina“, die dort hauste.
Sie war eine begnadete Musikerin, nach der man ihr Blasinstrument „Serpent“ benannte.
4Von lat. „serpens“ = „Schlange“.

Sie verdankte ihr Virtuosentum dem Umstand, dass sie eine spezielle Atemtechnik entwickelt hatte, bei welcher die Flammen, die bei Drachen beim Ausatmen unweigerlich aus den Nüstern und aus dem Maul herausschlagen, in ihren Lungen zurückblieben. Nur wenn eine Satzbezeichnung den Zusatz „con fuoco“ enthielt, erlaubte sie ganz kleinen Flämmchen den Weg ins Freie. Ob dieser ihrer einzigartigen Fähigkeiten wurde Serpentina sehr gerne zur Gestaltung von gehobenen Unterhaltungsprogrammen etwa bei Drachen-Kongressen und -Fachmessen eingeladen. Was sie freilich schon länger ärgerte, war, dass sie die stattliche Zahl wunderschöner Duette für zwei Serpente nicht aufführen konnte, weil ihr bisher kein ausreichend begabter Partner untergekommen war. Wie schrieb schon Tolkien: „Gute Drachen sind rar“1 – und das galt in vermehrtem Maße für die wenigen musischen unter ihnen.
4J. F. Tolkien, Gute Drachen sind rar. Und ja: es ist der weltberühmte Professor der Universität Oxford, der auch „Der Herr der Ringe“ geschrieben hat.
Wie freute sich Serpentina daher, als der „Klagenfurter Bubi“, welcher der ausgewachsene Lackel vom Zollfeld für sie noch immer war und wohl für immer bleiben würde, vor der Türe stand. Zunächst wurde einmal mehrere Wochen lang gefeiert. Die Bauern auf dem Laibacher Feld wunderten sich über die ungewöhnlich starke Dezimierung ihrer Bestände an Kühen, Schafen und Ziegen. Einmal wurden die beiden Flugdrachen von einem tapferen Bäuerchen das sich klug versteckt hielt, beobachtet. Dieser berichtete – noch immer am ganzen Leibe schlotternd – der zuständigen Obrigkeit von dem schrecklich einschüchternden Erlebnis. Die lokale Intelligenzia, die Lehrerschaft, der Tierarzt, der Wirt und auch die hohe Geistlichkeit wurden zu Konsultationen einberufen. Der (alchemistischen) Weisheit letzter Schluss war, Gleiches mit Gleichem zu bekämpfen: similia similibus solvuntur. Und so beschloss man, das Bild eines Drachen in das Laibacher Stadtwappen sozusagen als Apotropäon aufzunehmen. Die originalen Viecher würden sich wohl schrecken, wenn sie an allen Ecken ihr Konterfei erblickten:


Städte-Wappen von Österreich—
Ungarn/Schroll – Wien, 1904).
Tante Serpentina und Bubi Lindi haben selten so schallend gelacht, wie damals, als sie von diesem abergläubischem Unsinn erfuhren.
Langsam reifte in Serpentina allerdings der Plan, den „Lindi-Bubi“ zum Serpent-Spieler heranzubilden.Sie nahm ihn zunächst einmal zu einigen Konzerten mit und merkte, dass er nicht unmusikalisch war. Nach und nach brachte sie ihm auch die Brandschutz-Atmung bei. Und schließlich wagte sie einfach, ihm zum „Monddrachen- Fest“6 einen wertvollen Serpent zu schenken.
6Das sind die allerhöchsten Feiertage in der Drachenwelt, wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten zusammengenommen.
Da hatte sie freilich die Rechnung ein wenig ohne den Wirt gemacht, denn „Lindi-Bubi“ konnte mit seinen noch nicht einmal vollen 10 000 Jahren auf dem Buckel manchmal auch noch ein ganz schön flegelhafter Halbstarker sein. Und so stellte er gleich eine Bedingung für sein Einverständnis. Er hatte nämlich auch so seine sportlichen Gelüste wie jeder andere Jugendliche. Auch er hatte bisher keine Möglichkeit gehabt, Partnersport zu treiben und war auf Tatzelwurmgymnastik (Abbildung 1), Krallenspitzen-Tanz (Abbildung 2), Typhon-Balancieren (Abbildung 3), Pilatus-Ertüchtigung7 (Abbildung 4), oder Drachenfliegen-Loopings (Abbildung 5) angewiesen.
7Zum Unterschied zum Pilates-Training ist dies ein sportliches Fitnessprogramm, das von den Drachen, die auf dem Schweizer Pilatus-Berg wohnen, entwickelt wurde. Beide Arten werden auf Matten ausgeführt – erstere auf Schaumstoff-Sportmatten, letztere auf Schweizer alpinen Wiesen.





Und er wäre so verdammt heiß darauf gewesen, das gerade so sehr in Mode stehende partnerschaftliche „Schwanz – Loch – Spiel“ erlernen zu können. Es ähnelte angeblich stark mesoamerikanischen Spielen der präkolumbianischen Zeit. Bisher konnten in den mesoamerikanischen Ruinenstädten mehr als 1500 Ballspielplätze entdeckt werden. Das Ziel des Spieles bestand – nach der Auffassung einiger Forscher – darin, einen Ball durch einen im Mittelteil des zentralen Spielfeldbereichs in einiger Höhe (2,50 bis 3,50 m) angebrachten Ring hindurch zu befördern, oder aber bestimmte – nicht ringförmige, sondern meist vollrunde – Markiersteine, die wahrscheinlich die Sonne symbolisierten, zu treffen. Nicht nur die Regeln änderten sich während der drei Jahrtausende, in denen das Spiel durchgeführt wurde, sondern auch dessen gesellschaftliche Bedeutung. Einzelne Bildreliefs lassen darauf schließen, dass es mit Menschenopfern endete, aber an den allermeisten Ballspielplätzen fehlen derartige Darstellungen. Eher kann man darauf schließen, dass durch das Spiel eine Verbindung der diesseitigen mit der jenseitigen Welt hergestellt werden sollte. Darüber hinaus gibt es Berichte aus spanischer Zeit, wonach durch ein Spiel der Ausgang von Kriegen entschieden wurde, Kriegsgefangene um ihr Überleben spielten, um große Werte gewettet wurde oder dass es – wahrscheinlich erst in der Spätzeit – der Mittelpunkt von Volksfesten war. Zuvor blieb es aber wohl als eine elitäre kultisch-zeremonielle Veranstaltung einer kleinen Schicht von Adligen vorbehalten.

Monumentale Ballspielanlage von Chichén Itza; (Foto: Jan Zatko; GNU Free Documentation License)


Leiten wir aber über zum „Schwanz – Loch – Spiel“ der Drachen. Man konnte es tatsächlich nur zu zweit spielen. Der eine Lindwurm musste seinen Schwanz so einringeln, dass ein „Tor“ von maximal einem Meter Durchmesser entstand.
Der andere musste einen robusten Ball, etwa vom Durchmesser und der Konsistenz eines „Medizinballs“, mit seinem Saurierschwanz durch das erwähnte „Goal“, das der Mitspieler mit seinem Schweif bildete, schießen. Nach der Halbzeit wurde gewechselt.

Was blieb Tante Serpentine schon übrig, als zuzustimmen, wenn sie sich endlich ihren Traum vom unvorstellbar erotischen Zusammenklang zweier Serpentine erfüllen wollte. Nun ja, es wurde eine win-win-Situation: die Tante bekam nach jedem Sporttraining mehr Luft und konnte somit auch ihre Blastechnik noch steigern; und der ungeschlachte „Bubi“ profitierte genau durch diese Atemtechnik, die ihm die Muhme nun verriet, auch noch mehr Ausdauer für seine sonstigen solipsistischen Sportarten. Nach einigen Monaten war eine gewisse Meisterschaft auf beiden Seiten erreicht, denn Drachen lernen viel schneller, als wir auf unsere Talente so stolzen Menschen es wahr haben wollen.
Nun ja, es war wohl nun die Zeit für Bewusstseins- und Erfahrungserweiterung gekommen: HINAUS IN DIE FERNE!
Die Tante rührte die Werbetrommel. Und dies in Zusammenhang mit berühmten Blasmusik-Festivitäten. In der Fachwelt kam es verdammt gut an, dass man nun endlich den dämonisch-betörenden Klang zweier Serpente vernehmen konnte.
Ein bisschen werde ich nun sicher die chronologische Abfolge durcheinander bringen, denn Drachen haben, wie wir bereits wissen, ein sehr langes, über viele geschichtliche Perioden gehendes Leben.
Gerade fiel mir ein, dass das Duo tatsächlich einmal – es muss sehr nahe an unserer Gegenwart gewesen sein – zum großen Military Tattoo nach Edinburgh eingeladen worden war. In jenem Jahr war das für die Veranstaltung verantwortliche Brüderpaar von grandios verkommener Verrücktheit besessen gewesen. Stets bekifft, im LSD-Rausch oder auf Ecstasy. Andauernd laberten sie die ordinärsten Rapper-Texte, waren die Kings von Kokain-Parties und hatten wohl mehr schottische Weiblichkeit flachgelegt als Robby Burns und Sir Walter Scott zusammengenommen literarische Seiten verfasst hatten. Aber für das Tattoo hatten sie den genialen Einfall schlechthin gehabt. Das ehrwürdige traditionelle schottische Event fand in diesem Jahr so statt, dass – nach son e lumiere-Art – eine riesige Projektionsfläche bei der Esplanade aufgebaut worden war, die im Halbkreis an die mächtigen Wehrmauern der Burg der schottischen Hauptstadt anschloss. Hinter dieser paradierten Serpentina und Lindi in einer solchen Attitüde, dass man niemals mit Sicherheit entscheiden konnte, ob es sich um mysteriöse, aber reale Schattengestalten handeln würde, oder als Phantasmagorien einer Art Laterna Magica Projektion entstammten. Entschuldigung, aber da hat mir jetzt wohl mein hohes Alter einen Streich gespielt. Natürlich waren die entsprechenden geisterhaften Effekte computergesteuert. Egal, was das Publikum mitbekam oder auch nicht, die eigentliche Sensation bestand darin, dass die beiden Drachen mittlerweile auch die Kunst des Dudelsackblasens erlernt hatten, fragt mich nicht, wie? Für die Zuseher waren sie aber auch so etwas wie UrUr-Schotten, hatten sie doch ihre Echsenkörper über und über mit den Schottenkaros zweier verschiedener Clans bemalt, auf ihren Drachenköpfen trugen sie Bonnets, um jeweils eine Flügelspitze war ein Sporran gewickelt, jene kleine Felltasche, die zur Tracht gehört, an der anderen war der Dirk, das schottische Messer befestigt. Da die beiden keine Strümpfe trugen, verzichteten sie schweren Herzens auf den Sgian dubh genannten „Strumpfdolch“.8
8Er wurde verdeckt getragen, da es den Schotten durch den Disarming Act verboten war, Waffen zu tragen. Höflichkeit und Etikette erforderten es früher, dass die männlichen Gäste und Besucher beim Eintritt in ein privates oder öffentliches Haus ihre Waffen abgaben. Der erwähnte, ebenfalls landestypische Dirk, der deutlich größer als der Sgian dubh ist und meist offen am Gürtel getragen wurde, wurde in solchen Fällen bereitwillig abgegeben. Den Sgian dubh behielt man aber am Mann, da man nie vor Angriffen sicher sein konnte. Unter Freunden holte man ihn als Vertrauensbeweis aus seinem Versteck und trug ihn sichtbar links oder rechts im Strumpf.
Kein Zapfenstreich war jemals auf dem geheiligten Grund schottischer Könige so frenetisch begeistert zu Ende geklatscht worden, wie an diesem Abend – höchstens wenn, wie es öfter geschah, der Parade-Schotte Sean Connery anwesend war, was übrigens vielleicht auch an diesem Abend der Fall gewesen sein konnte, wenn man eine Tagebuch-Eintragung des bedeutendsten „James Bond“-Darstellers richtig deutet. Die beiden Lindwürmer hätten aber keine Zeit verschwenden dürfen, nach ihrem sehr geschätzten Filmstar Ausschau zu halten, weil sonst – wenn man sie deutlich gesehen hätte – sicher eine Panik ausgebrochen wäre. Mit Schaudern erinnerten sie sich noch, als sie bei ihrem letzten Kärnten-Aufenthalt ein notorischer Verschwörungstheoretiker einen Augenblick zu lange erblickt hatte. Er verbreitete unablässig, dass es wissenschaftlich erwiesen sei, dass die Amerikaner nie auf dem Mond gelandet seien, dass der ehemalige Landeshauptmann von Kärnten natürlich nicht volltrunken mit seinem „VW Phaiton“ verunglückt, sondern ermordet worden sei, von UFOs sprach er, als könnte man sie demnächst an jeder zweiten Ecke als Taxi ordern, Christus hätte nach seinem Kreuzestod in Indien weitergewirkt. Die nächsten drei Tage verbrachte er in sämtlichen seiner Stammwirtshäuser, um allen, die es hören wollten, aber auch denen, die es nicht hören wollten, zu erklären, dass die Saurier nie und nimmer nicht ausgestorben wären. Das sei so sicher, wie die Schwiegermutter nie und nimmer nicht ein Erbrecht besaß. Er hätte dies schon immer gewusst, denn ein indirekter Beweis dafür seien ja auch die in zahllosen Volkssagen vorkommenden „Tatzelwürmer“. Beinahe hätte er in unserem Spezialfall ja auch recht behalten, aber ein „Lindwurm“ ist eben doch kein ordinärer Saurier mit viel bescheidenerer Intelligenz. Deshalb sind die Lindwürmer eben nicht ausgestorben, die Saurier aber schon, was man sofort versteht, wenn man das nachfolgende Bild betrachtet:

Ein durchschnittlicher Eventbesucher hätte den Unterschied zwischen einem Saurier und einem Lindwurm ohnedies nie „geschnallt“.
Mittlerweile kamen aber unsere beiden Lindwürmer mit dem Problem ihrer auffälligen optischen Präsenz ganz gut zurecht. Sie hatten nämlich einen Schüler des Zauberkünstlers David Copperfield engagiert, der – talentiert wie er war – viele Tricks seines Meisters, Personen oder Objekte scheinbar verschwinden zu lassen, perfektioniert. Schon die geniale Inszenierung beim Military Tattoo in Edinburgh war weitgehend sein Werk gewesen.
Apropos, „Bubi“ meinte, man könne doch, wenn man jetzt schon in Schottland wäre, sich auch vom Rest Großbritanniens ein bisschen was ansehen. Serpentina, die eigentlich immer schon neugierig auf fremde Länder gewesen war, aber keinen Bock gehabt hatte, alleine zu reisen, war von der Idee ganz begeistert.
Zunächst war ihnen klar, dass sie Loch Ness einen Besuch abstatten mussten. Das Wetter war wie maßgeschneidert. Es stürmte mit Böen in nahezu Orkanstärke. Meterhohe Wellen ließen ihre Schaumkronen an den felsigen Ufern zerschellen. Menschen und Haustiere verschanzten sich hinter den dicken Natursteinmauern ihrer Behausungen. Die Touristen, die sich kürzlich noch im musealen Informationszentrum gedrängt hatten, verkrochen sich in die Tuchendschluchten ihrer Hotelbetten.
Ein Wimmern hallte von den Hängen des Loch wider. Und aus der Tiefe tauchte etwas auf, das aussah wie ein Serpent (so dünkte es zumindest der Tante), aber schätzungsweise wohl zehnmal so lang und dreimal so breit war. Und das gerade, als die beiden Kärntner Drachen von Inverness herkommend auf das tobende Gewässer stießen, an dessen Oberfläche gerade Nessie schwimmend auftauchte. Verwandte Rassen erkennen sich sofort (auch bei schottischem Nebel – man stelle sich vor), und Nessie lud die beiden umgehend in ihre gemütlich eingerichtete Unterwasserhöhle ein. Sie bereitete gleich wunderbaren Haggis. Guinness floss reichlich, und einige Scotch sorgten für die Bekömmlichkeit des Genossenen. Der Unterhaltungspegel stieg proportional. Tante Serpentina fragte: „Nessie, gibt es dich?“ Und die Seeschlange antwortete: „Natürlich nicht!“ Unzählige Schottenwitze folgten: „Was macht ein Schotte mit einer Adventskerze vor einem Spiegel? ‒ Er feiert den Zweiten Adventsonntag!“. „Was hat der Schotte unter seinem Rock? ‒ Wenn es richtig gut läuft: Lippenstift!“. „Wieso lernen die Schotten Blindenschrift? ‒ Weil man dann auch ohne Licht lesen kann!“
So ging es die halbe Nacht weiter, bis man sich – einigermaßen beduselt – zur Ruhe streckte. Ein ausgiebiges Frühstück, Spiegeleier, Würstchen, Kippers, krosser Bacon, Marmelade und Toast sowie reichlich mit Whisky verbesserter Tee brachte wieder Leben in die Bude.
Um 11 Uhr vormittags, der Nebel war wieder dichter geworden, sagte Nessie entschuldigend: „Liebe Freunde, es war mir ein sehr großes Vergnügen, aber ich muss nun leider auftauchen, denn es haben sich gestern schon ein Reporter der deutschen Bild-Zeitung und ein Kamerateam von Servus-TV beim Fremdenverkehrsbüro gemeldet und gefragt, wo der beste Aussichts- und Fotopunkt wäre, falls das Ungeheuer von Loch Ness, also ich, auftauchen sollte. Die Männer sollen in der Nacht fast erfroren sein, weil sie sich vor lauter Geiz keine Hotelzimmer genommen hatten – nicht bedenkend, dass kein Blitzlicht der Welt ausgereicht hätte, um mich in stockfinsterer Nacht auf den Film oder die Festplatte zu bannen.Diese Dilettanten waren zwar allesamt Schotten, ihre Vorfahren dürften aber aus Schwaben zugereist sein, denn von den Scotsmen sagte man auch, sie seien wegen Verschwendung vertriebene Schwaben.“
Als die drei Vorsintflutler aufgetaucht waren, erblickten sie tatsächlich am Ufer Männer mit diversen TV- und Foto-Ausrüstungen. Diese waren plötzlich ganz nervös geworden, rannten herum wie die Hühner und kramten in ihren diversen Taschen.


Nessie erriet den Grund: „Sie haben bestenfalls mit dem Auftauchen eines Ungeheuers gerechnet und jetzt haben sie drei davon im Sucher. Das macht sie verrückt, und jetzt suchen sie nach ihren Weitwinkel-Objektiven. Seien wir nett zu ihnen und sagen wir ein paarmal Cheshire Cheese, aufdass sie unsere gute Laune im Bild festhalten können. Wir verabschiedeten uns ganz herzlich von Nessie, verbunden mit einer Gegeneinladung.
Zwei Tage später stand das Servus-Team vor dem allmächtigen Mister „Red-Bull“, Dietrich Mateschitz, der nicht mit Lob sparte, aber nicht vielleicht, weil er auch nur einen Augenblick daran geglaubt hätte, sie hätten drei Nessies vor der Linse gehabt, nein, vielmehr sprach er seine Anerkennung aus, dass sie eine so „echte“ und natürlich wirkende Verdreifachung eines Fotomotivs auf künstlich-künstlerischem Wege zustandegebracht hätten. Wie ihnen das technisch gelungen wäre, interessiere ihn überhaupt nicht. Aber sie müssten die Metthode sofort patentieren lassen. Und die Konkurrenz dürfe kein Sterbenswörtchen davon mitkriegen. Dafür würde er ihre Gehälter verdoppeln. Sollten sie sich allerdings als indiskret und korrupt erweisen, würden sie des Betrugs angeklagt, der Verbreitung optischer Fälschungen unter Verwendung von Fake-Texten. Der Boss erklärte an einem einzigen Beispiel die Wichtigkeit der Entdeckung: „Stellen sie sich bloß alle Sendungen mit Publikum vor, das wir ebenso verdreifachen wie auf ein Drittel reduzieren könnten – ich denke an Wahlveranstaltungen, Festzüge, Tribünenpublikum – , kurz: ein Jahrhundert-Durchbruch, den Leuten endlich „alternative Wahrheiten“ nicht nur verbal zu verkündigen, sondern auch optisch vorzugaukeln. Meine Herren, ich hoffe, wir verstehen uns.“ Damit rauschte „Seine Kracherl-Majestät“ ab in den Salzburger „Hangar 7“, um dort einen wichtigen Scheich aus Dubai zu treffen.
Die TV-Reporter waren blass geworden. Der erste sagte: „Heute schreibe ich noch Tante Grace nach Sydney. Vielleicht können die in der dortigen Oper noch einen Kulissenschieber brauchen, oder gar einen Unterbeleuchter, dann würde ich ja fast in meiner Branche bleiben!“
Der zweite sprach: „Gute Idee! Es fällt mir mein Neffe Johannes Simba in Südafrika ein. Der ist im landesweiten Tourismus tätig. Vielleicht kann er mir da einen Job als Großwildfilmer verschaffen – oder wenigstens als Stativ-Träger.“
Der dritte haderte: „Und wås håb‘ ī ? A so a bissige Ex in Hallein, dass ī nit wās, vuar wem ī mi mehra fiarcht’n sullt, vorm Måteschitz oda vuar dera! Åba ī denkat ma, wånn ī af Kålt’nhaus’n gangat åls Glaslwåscha in dera Brauerai, då wār ī recht sichå vuar ān wia den Måteschitz, wāl āna wia der Großkopfate, der geht in kā so a anfåchs Wiartshaus net!“
Etwa zur selben Zeit stand ein armer unschuldiger Fotograf vor der Redaktion der BILD-Zeitung in Berlin auf der Straße, ohne Job, soeben gefeuert von seiner blonden Chefredakteurin. Ein Bild von einer Nessie hätte sich ja eingereiht in das bekannte Mysterium um das schottische Ungeheuer, mit dem alle Jahre wieder da und dort das Sommerloch eines Printmediums gestopft wurde. Aber einer breiten Leserschaft – auch wenn deren Intelligenzquotient gegen Null ging – gleich drei Seeschlangen unterzujubeln, wäre eine wahrlich zu dreiste Zumutung gewesen, der unverschämte Betrug, der dahinter stehen musste, zu sehr mit Händen zu greifen.
Der Pressefotograf zog vor Gericht. Da auch ein Gutachter das Bild als „unverschämten Fake“ einstufte, verurteilte der Richter den Angeklagten auf schweren Betrug.
Serpentina und „Bubi“ flogen nun weiter nach London, wo es beim Tower im August ein wunderbares nächtliches Event gab: das Superbloom. Die weitläufigen angestrahlten Matten im Inneren der normannischen Festung erglühten in violetter Farbe. Über 20 Millionen Blumensamen waren im Frühjahr 2022 in die Erde um den Tower gesenkt worden.

Die beiden Lindwürmer genossen den gewaltigen Eindruck, den dieser Zusammenklang jahrhundertealter, von Menschenhand gefertigter Mauern mit der frischen, aber auch vergänglichen Pflanzenwelt bietet.
Sie umrundeten mehrfach den White Tower, schwirrten im Tiefflug herunter zum Hinrichtungsplatz, leisteten sich ein elegantes Slalom-Rennen um die zahlreichen kleineren Türme herum, rasteten dann kurz an den südlichen Zinnen des weißen Turmes, damit sie vom Publikum besonders gut gesehen werden konnten. Während ihrer Flugshow erlebten sie, was ein alerter Supermanager zu leisten imstande sein konnte. Mitten in die Aaaahs und Oooos der Zuschauer, in die er ein paar Sekunden lang völlig überrascht auch eingestimmt hatte, drehte er sein Mikrophon auf die höchste Lautstärke und kündigte an: „Meine geschätzten Damen und Herren! Sie erhalten soeben gerade einen gruseligen Vorgeschmack auf unsere gespenstischen Halloween-Parties vom 21. bis zum 22. Oktober 2022 hier im vom Spuk heimgesuchten Tower. Sie werden erschrecken, wenn sie ein Rabenflügel streifen wird, oder sich gar einer dieser schwarzen Gesellen auf ihre linke Schulter setzen und ihnen ins Ohr krächzen wird: „Nevermore“. Falls unsere Raben bis dahin überhaupt noch kreisen werden. Wenn sie es nämlich nicht mehr tun, dann ist dies das Ende Großbritanniens – verursacht dann wohl eben durch den Brexit. Aber auch dann wird unser Tower-Halloween stattfinden, denn dann werden statt unserer Raben eben die charmanten Flugdrachen um Wilhelm des Eroberers Festung kreisen, denen jetzt schon mein herzlicher Gruß gilt, obwohl wir uns noch nicht näher kennen. Ich darf die beiden aber herzlichst bitten, nachher in mein Büro zu kommen, damit wir einen für beide Seiten lukrativen Vertrag aufsetzen können. Ja, meine Herrschaften! Während unserer Halloween-Nächte werden Sie auch der verlorenen Seele der unglückseligen Anne Boleyn begegnen können, die hier auf dem Gelände ihrer Hinrichtung keine Ruhe findet, ebenso wenig wie die Geister all der vielen anderen, die in diesen Mauern ihren letzten Atemzug taten. Sie werden in jenen Nächten deren Wispern und Stöhnen vernehmen und noch so manch andere unerklärliche Geräusche vom Traitor’s Gate, von der Scaffold Site und vom Bloody Tower her. Sie können ihre Tickets jetzt schon im voraus buchen, was wir Ihnen dringend empfehlen würden. Sie werden sehen, wie schnell die Zeit vergehen wird. Zu Halloween werden wir Ihnen dann auf unserem eigenen verwunschenen und leidgetränkten Grund und Boden Bloody Marysanbieten werden können, ebenso wie das berühmte schottische Nationalgericht Haggis, das aus dem Magen eines Schafes, der mit Herz, Leber, Lunge, Nierenfett vom Schaf, Zwiebeln und Hafermehl gefüllt wird. Haggis ist mit Pfeffer scharf gewürzt, und das Hafermehl verleiht ihm eine etwas schwere Konsistenz. Und so wie nur die stärksten Nerven unser schauriges Unterhaltungsprogramm aushalten werden, so werden nur die robustesten Mägen und Lebern unsere Bewirtung verkraften. Nein, Scherz beiseite! Im Gegenteil, Sie werden über die außerordentliche Qualität unserer Gastronomie begeistert sein, denn es wird natürlich für die weniger Spukbegeisterten unter Ihnen eine breite Palette an normalen Speisen und Getränken geben, denn wir haben uns für diesen Event den Chefkoch und den obersten Sommelier des Hotel Ritz ausgeborgt. Jetzt wünschen wir Ihnen noch einen romantischen Rest unseres heutigen Zusammentreffens.“
Bei den letzten Worten dieses gottbegnadeten Impresarios hatten sich unsere Drachen würdevoll langsam in die Lüfte erhoben, um mit ihren riesigen Flügeln zu applaudieren, aber auch mit einladenden Zeichen zu signalisieren, dass auch sie erwarteten, dass möglichst viele Londoner bereit sein würden, an Halloween sich im Tower Angst und Schrecken einjagen zu lassen.
Sie konnten es sich dann nicht verkneifen, einige Loopings bei der nicht minder romantischen Tower Bridge zu drehen: oben um die Türme herum, dann in der Mitte, ein paar Meter über der Fahrbahn, was dazu führte, dass mindestens ein halbes Dutzend Autos nur mit Mühe Auffahrunfälle vermeiden konnte. Schließlich flogen sie noch mehrmals auf Höhe der Themse unter der berühmten Klappbrücke hin und her, was die Kapitäne und Mannschaften einiger kleinerer Schiffe, die noch unterwegs waren, dazu bewog, neuerlich bedingungslos an den Klabautermann und den Fliegenden Holländer zu glauben, sowie eine Reihe von Stoßgebeten an den hl. Erasmus zu richten – die Südländer unter ihnen beteten simultan zu St. Elmo, weil sie vermeinten, sein Feuer als böses Omen an ihren Mastspitzen leuchten zu sehen – in Wahrheit waren es kleinere Feuerstöße aus den Nüstern der Lindwürmer. Genau diese flogen flugs zum Tower zurück, wo sich nach Veranstaltungsschluss die Menge bereits verlaufen hatte. Nur der mutige Manager stand noch – von einem Scheinwerfer beleuchtet, um von den zurückkehrenden Drachen gesehen zu werden – in der Mitte des Tower-Hofes. Die beiden näherten sich so sanft wie möglich. Dennoch war der Wind, den sie auch bei reduziertestem Flügelschlag verbreiteten, mindestens zehn Mal so stark, als die Luftbewegung, welche die Rotoren eines soeben gelandeten Helikopters verursachten. Daher war der Manager drei mal auf seinem Hinterteil gelandet, bevor sie endlich mit zivilisierten Verhandlungen beginnen konnten, die schließlich zur allgemeinen Zufriedenheit endeten. Bei ihrem Abflug ließ der Impresario noch eine Aufnahme von „Rule Britannia“ ertönen, geschmettert 2008 beim letzten Proms-Konzert in der „Albert- und Victoria-Hall“ vom überragenden walisischen Bassbariton Bryn Terfel. Beinahe wäre „Lindi“ abgestürzt, denn er versuchte mit seinem rechten Flügel zu salutieren. Einerseits weil sein Herz für die einstmalige Seemacht schlug, und anderseits weil Terfel einer seiner Lieblingssänger war (war er doch selbst ein ganz tiefer, dunkler Bass).

Serpentina merkte, dass ihr Neffe feuchte Augen hatte, und fragte: „Bubi, ist dir nix extra? Kann ich Dir vielleicht helfen?“ Da plätscherten dicke Tränen aus ihm heraus, dass man hätte meinen können, die Themse, über der sie gerade flogen, würde bedrohlich ansteigen. „Ich würde diesen urigen Sänger so gerne nur ein Mal in meinem Leben live hören! Aber es wird mir wohl nicht gegeben sein. Und jetzt wären wir so nahe dran an seiner walisischen Heimat, die noch dazu uns Drachen im Wappen und auf der Fahne hat.“

Serpentina konnte ihn nur einigermaßen beruhigen, indem sie sagte: „Naja, dann fliegen wir ganz einfach hin. Dann werden wir schon weiter sehen.“
Am nächsten Vormittag schon sonnten sie sich in den Klippen über dem Meer.

Auf dem Meer dümpelte ein Fischerboot mit zwei alten Seeleuten, die zu ihnen hinaufstarrten. Serpentina, die auch auf eine größere Distanz Lippenlesen konnte, amüsierte sich sehr über ihre Unterhaltung: „Du, Dylan, wir waren doch, soweit ich mich erinnern kann, gestern im Pub ‚Llinđir Inn‘, das mit der geilen flachshaarigen und vollbusigen Kellnerin Gwendolyn.“ Sein Partner antwortete: „Ja, Erin, ich glaube mich auch zu erinnern. Aber ich habe eher den Hintern der Schankmaid vor Augen.“ Darauf folgte ein längeres Schweigen, bis Erin gemächlich wieder anhob: „Du, Dylan, glaubst Du, dass die acht Pinten Wrexham Lager, die wir getrunken haben, zu viel waren?“ Sein Freund antwortete: „Das glaube ich wirklich nicht, denn wir haben ja zwecks besserer Verdauung ebenso viele doppelte Gin (4 cl) getrunken, also in der Größe für geeichte erwachsene Seemänner.“ „Da hast du vermutlich ganz recht“, erwiderte der andere, „aber dann nehme ich an, dass die beiden Drachen da droben auf den Felsen echt sind!“ Erin: „Das dürfen wir aber unseren Alten nicht erzählen, wenn wir jetzt nach Hause kommen, denn dann denken sie, wir wären noch immer besoffen und lassen uns am Abend sicher nicht noch einmal in den Pub.“ „Ja, das wäre ganz schlecht, denn ich bin jetzt schon wieder durstig und wollte – auf deine Anregung hin – den Hintern von der Gwendolyn heute Abend näher in Augenschein nehmen“, erwiderte Dylan. Und Erin meinte: „Jetzt bin ich neugierig, ob unsere alten Götter und Helden auch wieder auferstehen werden, unsere Muttergöttinnen, oder wird uns der schöne, blondgelockte Meeresgott Manannán, Hauptdarsteller in den geilen Träumen unserer Frauen, bald wieder in seinem Wagen oder reitend auf den Wogen entgegenkommen; werden uns Elfen wieder auf unserem nächtlichen Heimwegbegegnen, auch wenn wir nicht besoffen sind? Werden wir wieder klüger werden, wenn wir mehr Lachs essen?9 Werden wir unseren Enkeln wieder die Sagen von den übermenschlichen Heldentaten des Cú Chulainn vorlesen, oder die Prosaerzählungen und Gedichte um Fionn mac Cumhaillund seine Gefährten.“
9 Der irischen und der walisischen Tradition gilt der Lachs, der wichtigste Speisefisch der Britischen Inseln, als das älteste aller Wesen, das daher im Besitz besonderen Wissens und höchster Weisheit ist.
Mittlerweile war das Boot zu weit weg, als dass Serpentina mit dem Lippenlesen hätte fortfahren können. Sie schaltete daher ihr Handy ein, um zu sehen, was in Wales aktuell so los war. Plötzlich fiel ihr Blick im Veranstaltungsteil auf eine Ankündigung, die für das klassische einheimische Festival Venue Cymru warb. Und da gab es tatsächlich in zwei Tagen einen Soloabend von Bryn Terfel, mit einem Luxusprogramm, das von Mozart bis Wagner, und von Schubert bis Schumann reichte und mit originalen walisischen Volksliedern schließen sollte.
Als sie dies ihrem Neffen mitteilte, wäre dieser vor Freude beinahe die steilen, ins Meer ragenden Felsen hinuntergekugelt. Sie beschlossen, sofort die Örtlichkeit im Norden von Cymru (wie dieser Bestandteil Großbritanniens auf walisisch heißt) in Augenschein zu nehmen, um zu erkunden, wie sie den Abend ohne gesehen zu werden genießen könnten, denn sie wollten natürlich keine Panik hervorrufen. Aber einer jener ihnen (wie bereits erwähnt) von David Copperfield verratenen Tricks, wie sie unsichtbar bleiben konnten, passte genau.
Worte reichen nicht aus, um Lindis Begeisterung über den Lieder- und Arienabend zu beschreiben. Er war wie in Trance und noch tagelang summte er Schumanns Vertonung von Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“ vor sich hin:
„Es war, als hätt‘ der Himmel,
Die Erde still geküsst,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nur träumen müßt‘.
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.“
Man soll es nicht für möglich halten, wie zart die Seele einer Kreatur sein kann, die äußerlich so gepanzert ist, voll harter Knorpel und Hornhaut.
Allmählich sollte man nun aber doch an eine Rückkehr auf den „Kontinent“ denken, fand die Tante, da fiel aber Lindi ein, dass man aber zumindest noch eine Stelle in England besuchen müsste, die sich an Anciennität und Ehrwürdigkeit mit Flugsauriern messen konnte: der Steinkreis von Stonhenge.

Gesagt, getan! Sie näherten sich der nunmehr völlig von Touristen und Esoterikern überlaufenen Anlage (das war selbst in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch nicht so gewesen) erst als die Nacht hereingebrochen war. Dann legten sie sich rücklings auf die noch sonnenwarmen Decksteine und fabulierten über die alten Kulte, die schon da waren, als sie noch jung waren. Lindi berichtete, dass einer seiner „Ahnln“ erzählt hatte, dass die Anlage um ein mehrfaches größer gewesen war und unendlich weit nach Nordosten gereicht hatte. Und er erzählte der höchst interessiert lauschenden Serpentina, dass seit ein paar Jahren weiträumige Untersuchungen liefen, welche die Aussagen des Vorfahren über die gewaltige Ausdehnung der Anlage bestätigen würden.

Serpentina meinte, dass es erstaunlich sei, wie viel unsere Ahnen noch von der fernsten Vergangenheit wussten. „Als ich noch ein kleines Drachenmädchen war, erzählte ein alter Hausfreund meiner Familie beim Sonntagskaffee immer wieder Sagen von einer fernen nebeligen Insel, die freilich lange nicht so weit in die Vergangenheit reichten, wie die Steinkreise, Menhiralleen oder Hünengräber. Ich habe mir nicht viel gemerkt davon bis auf einige Namen wie Uther Pendragon, König Artus, Königin Ginevra, eine gewisse Tafelrunde (bei der ich mich immer fragte, was diese mit unserer Schultafel gemein haben sollte?) mit lauter heldenhaften Rittern: Lancelot, Iwein, Gawein, Eric, der etwas vorlaute und zwielichtige Kaie und Meleagant, der frevlerische Entführer der Königin, und der verräterische Mordred. Und somit erinnere ich mich“, fuhr Serpentina fort, „dass es in diesen Sagen beides gab: glänzende ritterliche Heldentaten, aber auch stinkenden Verrat. Die Welt war wohl nie perfekt gewesen.“ „Da wirst du wohl ganz sicher recht haben!“, stimmte Lindi zu, „aber die von dir aufgezählten Namen haben mir eine andere alte Geschichte ins Gedächtnis gerufen, von der ich nicht weiß, ob du sie kennst. Wenn man der Erzählung trauen darf, dann sind wir mit diesen mythischen Gestalten grauer britannischer Vorzeit verwandt.
Uther Pendragon soll nämlich ursprünglich ein Flugdrache gewesen sein, wie sein Wappen und Name nahe legen:

Quelle: http://mistshadows.blogspot.com/2020/05/uther-pendragon-and-gerontius-terrible.html

Auch der Name Pendragon kommt aus dem Walisischen und bedeutet soviel wie „Anführer der Drachen“, „Leitdrache“ oder „Drachenkopf“. Nicht zuletzt bezeichnet ihn auch Geoffrey of Monmouth, dem wir eine der ältesten Quellen für die Artussagen verdanken, als „Haupt der Drachen“. Wenn man all diesen Zeugnissen und Überlieferungen trauen kann, dann sind wir tatsächlich mit diesen mythischen Gestalten aus grauer britannischer Vorzeit verwandt. Es muss dann aber mit diesem Flugdrachen Pendragon etwas passiert sein, wofür die schriftlichen Zeugnisse verloren gegangen sind. Er muss vom Drachen zum Menschen verwandelt worden sein, was wohl nur einem ganz mächtigen Zauberer gelingen konnte. So erklärt es sich, dass Pendragon Zeit seines Lebens die Magier bis aufs Blut hasste und verfolgte. Erst Merlin ist weitgehend ein Meister der „weißen“ Magie und daher als Berater für König Artus sehr wertvoll. Die dunkle Seite übernehmen eher seine weiblichen Gegenspielerinnen.
Im übrigen“, fuhr Lindi fort, „können wir diese spannende Thematik unschwer mit unserer Heimreise verbinden. Liebe Tante, lass’ Dich überraschen!“
Sie versäumten daher nicht, nach der Kanalüberquerung in der Bretagne bei Carnac im Tiefflug über die rätselhaften, so gleichmäßig angeordneten Steinreihen zu fliegen.


Nicht weit weg befand sich Merlins großer mythischer Wald „Brocéliande“, wo Lindi und seine Tante ganz zauberhaft kindisch verstecken spielten. Am besten gefiel ihnen dabei die Sinnlosigkeit einer solchen Aktion, denn, obgleich die uralten Druidenbäume viele Meter im Umfang maßen, so war bei der Körperfülle der Großechsen ein „Hide-and-seek“-Spiel doch vergleichbar mit einem naiven Kindchen, das sich die Augen zuhält und den umstehenden Erwachsenen zuruft: „Ihr könnt mich nicht sehen!“


Vorfahren von ihnen noch teilhatten an einer Sagenwelt von europäischer Reichweite (ja, ich stehe dazu, hier wirklich nicht nur die britischen Inseln und Westeuropa ins Auge zu fassen; hätten sich die in Rede stehenden Erzählungen, Sagen und Mythen nicht doch weiter nach Osten verbreitet, wie käme es, dass auch ein König Artus am Kenotaph Kaiser Maximilians I. In der Innsbrucker Hofkapelle Wache hält?).

Was trägt er übrigens erstaunlicherweise auf seinem Brustharnisch: FLUGDRACHEN! Ohne Zweifel eine Anspielung auf seinen Vater Uther Pendragon und seine Drachenidentität.
Stark geprägt ist der verwunschene Wald durch die Gestalt der Viviane, einst Geliebte des Erzmagiers Merlin, die diesen aber in eine Weißdornhecke bannt, nachdem sie genug über seine Zauberkraft erfahren hatte.

Lancelot, jenen berühmten Ritter der Tafelrunde, habe diese Hexe in ihrem Schloss auf dem Grund eines Sees großgezogen. Eine zweite Zauberin, Morgan Le Fay, hält wiederum ihre untreuen Liebhaber im „Tal ohne Wiederkehr“ fest.
Wieder in ihrem schnuckeligen Privatquartier im Alpen-Adria-Bereich angekommen, galt es zunächst einmal, sich nach den nicht geringen Strapazen ein wenig zu erholen.
In ihrer Korrespondenz fanden sie ein Einladung vor, sich zu Vertragsverhandlungen für die Staggione 2023 nach Verona zu begeben. Sie waren offensichtlich ganz rasch zu Stars geworden, nachdem ein Talent Scout offensichtlich sein Geschäft verstanden hatte und auch mutig genug dazu war. Verhandlungsgegenstand sollte ein Engagement der beiden in der Arena von Verona sein, und zwar für Auftritte als chinesische Drachen in Puccinis „Turandot“. Sie würden über die Kaiserstadt durch ein Kerkergitter einige deftige Feuerstöße aus ihren Nüstern niedergehen lassen dürfen, als Terreur, Folter und Spitzelwesen die Stadt beherrschten, und die standhafte Liu ihr Leben hingab, um jenes des von ihr geliebten Prinzen Kalaf zu retten. Beim triumphalen Schlussakt der Oper war vorgesehen, dass sie dann auf dem obersten Mauerkranz der Arena als Glücksdrachen(made in China)paradieren dürften, diesmal mächtige Banner schwingend und Mini-Feuerwerke aus ihren Mäulern gegen den Veroneser Nachthimmel schleudernd. Das wäre die größte Sensation für die Opernfestspiele in Verona gewesen, da sie auf jeden Fall die bisher voluminösesten Lebewesen wären, die jemals auf einer Opernbühne aufgetreten waren, denn es ist nur ein Gerücht, dass in Verona 1913 bei der Gründungsproduktion von Verdis „Aida“ Elefanten beim Triumphmarsch mitgeführt wurden. Pferde und Dromedare waren daher die bisher größten tierische Protagonisten. Freilich hat kürzlich das Staatstheater Schwerin sich eingebildet, tatsächlich einen Elefanten in die Szene einbauen zu müssen, wobei anzuzweifeln ist, ob auch für die Dickhäuter „die (Theater)bretter die Welt bedeuten“.
Schon wurden auch andere Engagements für das kommende Jahr ventiliert, um ihre künftige Karriere weiter voranzutreiben, als sich Serpentina über eine ungewöhnliche Müdigkeit zu beklagen begann. Dazu kam ein starker Schnupfen, der sich in einer rasselnden Bronchitis fortsetzte. Bei Drachen ist das Niesen und Husten stets mit Feuerstößen durch die Gurgel und die Nüstern verbunden. Das ist ganz normal und tut natürlich nicht weh, solange diese Atemwege nicht schwer entzündet sind. Ganz anders bei starken Reizungen. Dann treten höllische Schmerzen auf, denn nur außen sind Lindwürmer aufgrund ihrer robusten Hornhaut unempfindlich.
Schließlich wurde der Lärm in Serpentinas Lungen so laut, dass man in den umliegenden Dörfern wieder an die „Wilde Jagd“ glaubte. Nach zwei Tagen furchtbarer Agonie verröchelte schließlich meine geliebte Tante doch verhältnismäßig friedlich. Da unsere Drachen-Spezies dermaßen selten geworden ist, hatte man in den von der WHO auf allen Kontinenten eingerichteten Labors natürlich nicht entdeckt, dass sich ein besonders gemeiner Covid-Virenstamm auf uns konzentriert hatte. Und der war unfehlbar letal. Vielleicht hing das mit jenem Vieh in China zusammen, dem Schuppentier (Pangolin), von dem man sagte, dass von ihm die Seuche ihren Ausgang genommen hätte, und das ja ein bisschen so aussieht, wie eine ganz winzige Miniaturausgabe von uns Großechsen.

Das würde erklären, warum der Tante trotz ihrer hervorragenden Kondition kein Leben mehr durch weitere Äonen gegönnt war.
Lindi war völlig deprimiert. Er hatte schließlich bisher keine Todesfälle in der eigenen Sippe erlebt und war daher sehr erschüttert. Nicht nur Menschen haben die irrationale Angewohnheit, sich vorzustellen, dass es mit ihren Lieben ständig so weitergehen würde, in Gesundheit und ewigem Leben – nun, vielleicht nicht „ewig“, aber doch viele Jahrzehnte, was bei Drachen bedeutete: Jahrtausende. Als er sich etwas beruhigt hatte, stieg doch auch so etwas wie Dankbarkeit in ihm auf, dass wenigstens er sich nicht auch noch angesteckt hatte. Hatten seine in der Zwischenzeit an die höchste Gottheit der normannisch-uigurischen Dinos, Ahtodin, Stoßgebete doch gewirkt, obwohl er nicht allzu fromm war.
Eine Sache war es wenigstens, die ihn jetzt von solchen krisenhaften Fragen zur „conditio draconea“ ablenkte, nämlich der Umstand, dass er zu den nächsten Bayreuther Festspielen ohnedies allein eingeladen worden war, um in erschreckend realistischer Theatralik in Wagners „Siegfried“ den Drachen Fafner darzustellen. Singen würde im Hintergrund der auch heuer schon fafnererprobte Wilhelm Schwinghammer, und sie würden gemeinsam eine sensationelle Besetzung darstellen. Er war der festen Überzeugung, dass mit dieser unübertreffbaren, ja nahezu skandalösen Realistik dem absurden, niemandem verständlichen Regietheater eine erste tödliche Verletzung zugefügt werden könnte – und er, Lindi, würde als daran wesentlich beteiligter Meuchler in die Theatergeschichte positiv eingehen.
Ein Trost über Serpentinas Verlust war in diesem Zusammenhang, dass sie ohnedies nicht hätten im Doppelpack auftreten können.
Serpentina hatte ihrem „Bubi“ natürlich ihren unvergleichlichen Serpent vermacht. Wäre er nicht ein Blasmusikinstrument gewesen, sondern eine Geige, hätte man wohl von einer Stradivari gesprochen. Es wurde der hingeschiedenen Virtuosin in den dichten Eichenwäldern der Bukowina eine „Ehrenverbrennung“ zuteil, zu der Lindwurm-Delegationen aus allen Drachenreichen angereist kamen. Selbst die berühmte Daenerys10 war mit ihren drei Drachen Drogon, Rhaegal und Viserion gekommen, die selbst in nicht allzu ferner Zeit dem Tode anheim gegeben sein würden.
10 Vgl. die Filmserie „Game of Thrones“.
Sie alle schlossen einen Kreis um einen gewaltigen Holzstoß, der vom feurigen Atem aller Umstehenden entzündet wurde, während „Bubi“ sein eigenes Arrangement vom Trauermarsch aus Beethovens „Eroica-Sinfonie“ für großes Blasorchester mit Soloserpent von diesem aus leitete. Dem folgte aus Richard Wagners „Götterdämmerung“ eine Instrumentalfassung von Brünhildes letzter Arie („Starke Scheite schichtet mir dort am Rande des Rhein’s zu Hauf: hoch lod’re die Gluth“), bevor sie mit ihrem Ross Grane in den brennenden Scheiterhaufen, der ihrem Gatten Siegfried errichtet worden war, hineinritt. Schließlich blies Serpentinas Neffe noch den „Großen Drachenzapfenstreich“, und zwar so ergreifend, dass reihum die Drachentränen11 nur so kullerten.
11 Sie sehen so aus wie Krokodilstränen, sind aber viel größer und kommen aus einem ehrlichen Herzen.
Dem Klagenfurter Lindwurm (wir wollen ihn nach dem Hinscheiden seiner Tante eigentlich nicht mehr „Bubi“ nennen, sondern nur mehr seinen Spitznamen „Lindi“ verwenden, den er schon in Schulzeiten trug) ging natürlich die charmante Gesellschaft von Serpentina sehr ab, am meisten aber natürlich, dass es nun auch mit dem weltweit einzigartigen Konzertieren als Serpent-Duo vorbei war, da auch er von heute auf morgen keine Partnerin von auch nur einigermaßen der Qualität seiner unvergessenen Tante finden hätte können. Leider geriet auch das so sexy schnarrende Instrument wieder immer stärker in Vergessenheit, bis man es parallel zur Monteverdi-Renaissance und dem Faible für Originalinstrumentierung wiederentdeckte.
Es schien daher so, dass Lindi nun endlich auch Zeit für andere Interessen finden würde. Einem harten Brotberuf musste er nicht nachgehen, da seine Tante ihm ein beträchtliches Vermögen hinterlassen hatte. Um sich nicht zu rasch festzulegen, beschloss er zunächst einmal, ausgiebig auf Reisen zu gehen und daneben nach Lust und Laune interessante Universitätsstudien zu betreiben. Da es gerade Herbst war, wollte er zunächst mit Letzterem beginnen. Und welches Fach interessiert einen Lindwurm nahezu am meisten: natürlich Speläologie, Höhlenkunde, denn die Welt ist voll mit Drachenhöhlen. Lindi studierte sehr flott und stand bereits vor der Dissertation. Das Thema lautete: „Hauste auf dem Drachenfelsen bei Königswinter ein Nachkomme Fafners, und konnte dieser Alberich das Rheingold wieder abjagen? Wenn ja, wo ist es bis heute versteckt?“
Lindi hatte für seine wissenschaftlichen Arbeiten einen Stützpunkt im heimatlichen Karst erkoren und sich eine Nebenhöhle sehr komfortabel eingerichtet, mit viel modernem technischen Schnickschnack, aber auch mit für ihn in Megagröße angefertigten Designermöbeln. Am exquisitesten war aber wohl die künstlerische Ausgestaltung. Einerseits ließ er sich hervorragende Kopien steinzeitlicher Höhlenmalerei aus tiefer Vergangenheit anfertigen, anderseits ersteigerte er telefonisch bei Sotheby’s ein paar erstrangige moderne Bilder. Insgeheim aber hoffte er, dass der schlaue Fuchs Banksy wenigstens das engere Gebiet seiner Karstbleibe aufspüren würde und ein witziges Bild von ihm auf einem Felsen über dem Isonzo applizieren würde. Lindi gelangte zu folgender These: Ja, es war Fafners Sohn Draco, der – eingedenk des übergroßen sexuellen Appetits des Nibelungen Alberichs – diesen von sexy Escort-Damen und geilen Straßenprostituierten einkreisen und bis zur Ohnmacht schwächen ließ, um ihm den Schatz entreißen zu können. Draco hauste tatsächlich bei Königswinter und begrub daher die Kleinodien aus dem Rhein ganz in der Nähe, um auf allfällige Bedrohungen umgehend reagieren zu können. Nun muss man wissen, dass das Siebengebirge vulkanischen Ursprungs ist. Daher gibt es nicht selten auch Erdbeben in diesem Gebiet. Ein solches, das nicht einmal so schwer war, verschüttete aber den Eingang der Drachenhöhle so gründlich, dass dieser nimmermehr gefunden werden konnte. Draco dürfte jämmerlich umgekommen sein, es sei denn, dass ihn ein gnädiger Felsbrocken sofort erschlagen hätte. Natürlich hatte sich der Drache gehütet, irgendwelche schriftliche Aufzeichnungen über das Versteck des Rheingolds zu führen, sodass weiterhin die grundfalsche Annahme bis zum heutigen Tag existiert, dieser Ruhe in der Tiefe des Rheins.
Dort aber, wo er wirklich vergraben ist, begann es zu spuken. Irrlichter waberten um das sumpfige Gelände. Gespenstisches Wolfsgeheul ertönte aus dem angrenzenden dichten Wald. Die Bauern bekreuzigten sich, selbst wenn sie im helllichten Sonnenschein vorbeigingen. Nach Einbruch der Dunkelheit wagte sich überhaupt niemand mehr in die Nähe. Ein leichtsinniger Bursche ließ sich eines Tages auf die blöde Wette ein, er würde ohne weiteres um Mitternacht mitten über das verhexte Feld gehen. Am nächsten Morgen fand man ihn ohnmächtig in einem nahen Hohlweg. Sein Haar war über Nacht schlohweiß geworden. Er konnte nicht mehr sprechen, stieß nur grauenhafte Laute aus. Nach 14 Tagen starb er unter schmerzvollen Krämpfen.
Die Kirche begriff, dass hier nur der Teufel im Spiel sein konnte. Ihn zu besiegen, konnte viel Renommee eintragen. Also sollte dort am besten ein Kloster gegründet werden. Mönche aus der Eifel sollten es richten. In das Kloster trat auch ein gewisser Cesarius ein. Ihm verdanken wir die Kenntnis, dass es noch immer nicht geheuer war in Heisterbach, auch wenn wir wegen der gebotenen Klosterdisziplin beileibe nicht alles über das teuflische Treiben an dieser Stätte wissen. 1803 wurde die Abtei aufgehoben und diente u.a. als Steinbruch für verschiedene profane Projekte. Die Ruine galt seither als überaus romantisch, und heute gibt es sogar Konzerte in dem Bereich. Niemand wäre mehr auf die Idee gekommen, welch unermesslicher Reichtum klaftertief darunter in der Erde liegt. Diese überhebliche Borniertheit führte auch dazu, dass man Lindis Doktorarbeit einfach nur als faszinierendes Produkt einer blühenden Phantasie ansah. Er konnte zwar sein Studium abschließen, der Doktorgrad wurde ihm jedoch verwehrt. Mit einem süffisanten Grinsen riet ihm sein Betreuer, er möge doch sein Werk in eine etwas einfachere und volkstümlichere Sprache übertragen und sich dann an einen Romanverlag wenden. Manchmal erwächst sogar aus einer Blödelei etwas Gutes, denn Lindi hatte tatsächlich soviel Selbstvertrauen, dass er diesem Rat folgte. Suhrkamp war so wagemutig, die Schrift in sein Programm aufzunehmen. Es wurde ein Bestseller. Und das Rheingold ruht noch immer dort, wo es keiner jemals suchen würde. Nur Lindi wurde noch einmal durch die Tantiemen etwas reicher. Nun freilich wollte er auch in der Praxis erproben, was er in der speläologischen Theorie gelernt hatte. Ihn reizte eine Erkundung der nahegelegenen slowenischen Tropfsteinhöhle Postojna. Ein erster Augenschein aus sicherem Versteck belehrte ihn freilich, dass dieses Naturwunder ein Publikumsmagnet ersten Ranges ist. Hier werden die Besucher sogar mittels einer zweigleisigen Grottenbahn ins Erdinnere gekarrt. Also kam nur ein nächtlicher Besuch in Frage. Dabei kam ihm aber sogar das Scheunentor zugute, durch das Wagons zwecks Wartung ins Freie gebracht werden können. Als Stirnlampe verwendete er einen großen Vintage-Bühnenscheinwerfer mit einem Durchmesser von einem halben Meter. Alsbald aber widerfuhr ihm die bislang größte Enttäuschung seines Lebens. Er hatte während seines Studiums immer die großen domartigen Hallen der Höhlen vor Augen gehabt, nie aber daran gedacht, dass man auch immer wieder engere Passagen passieren muss. Und schon war es geschehen. Er rasierte mit seinen Flügeln, obwohl er versuchte, sie so nahe an seine Flanken anzulegen, wie nur möglich, Dutzende von Stalaktiten und Stalagmiten ab. Er wusste aber von seinen Studien her, dass es 100 Jahre dauerte, bis Tropfsteine um 8 bis 15 Millimeter wachsen würden. Er konnte es daher ganz sicher nicht verantworten, dass er wie eine Granate einschlug in solch ein Wunderwerk der Natur. Somit war also nicht nur die wissenschaftliche, sondern auch die praktische Komponente seiner Vorliebe für Hohlräume tief in der Erde Schoß ein für alle Mal erledigt.
Somit war er auch endgültig frei für sein nächstes Hobby, das Reisen – und zwar so wie er es verstand, nämlich mit allen Facetten: der wochenlangen Vorbereitung, dem realen Erlebnis und dem langen Nachspüren, den Ergänzungen, den literarischen und filmischen Verarbeitungen.
Doch wohin sollte die erste Reise dieser Art gehen? Obwohl Lindi sich nach wie vor dem während vieler Monate so unterkühlten, nebeligen und nassen deutsch-österreichischen Kulturkreis zugehörig fühlte, spürte er in sich jenen Drang nach dem mediterranen Süden, dem seit der Völkerwanderungszeit auch die meisten germanischen Stämme gefolgt waren.
Doch, wohin zuerst? Mit Kultur beginnen oder mit Natur. Vielleicht sollte er zunächst einen schönen Dolomiten-Rundflug in Erwägung ziehen, genügend Pilatus-Erfahrungen hatte er durchaus von früher her. Oder war es nicht doch vielleicht eine kulturelle Pflicht, Venedig (so lange es noch stand!) zu besuchen und wie weiland der englische romantische Dichter Percy B. Shelley den Canale Grande zu durchschwimmen, auf dass am nächsten Tag der „Corriere della Sera“ titeln möge: „Nessis Sohn im Zentrum von Venedig gesichtet“.
Oder sollte er sich am Strand des Tyrrhenischen Meeres einquartieren, von wo man als Flugdrache unschwer Ausflüge nach Elba, Korsika oder Sardinien unternehmen konnte.
Die schwierige Entscheidung wurde ihm rechtzeitig aus der Hand genommen – in Form eines Briefes von einem ihm zunächst unbekannten Absender. Er öffnete das Schreiben und las: „Lieber Meister Lindi! Wenn Sie diese Zeilen lesen, weile ich nach einem langen und abwechslungsreichen Leben nicht mehr auf dieser Erde. Ich war ein glühender Verehrer Ihrer und Ihrer Tante musikalischer Kunst, und würde mich daher auf die nachfolgend geschilderte Weise für die vielen wunderschönen Stunden, die Sie beide mir bereitet haben, bedanken.
Aber bitte entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit, ich habe mich ja noch nicht einmal vorgestellt. Ich stammte aus dem uralten Geschlecht der Dracotulli, mit Vornamen Valerius. Und ich lebte am Gardasee, den meine Ahnen noch Lacus Benacus nannten. Anfangs lebten sie noch am flachen Südufer in großen Pfahlbauten. Zur Römerzeit erbauten sich hier die Reichen und Schönen prächtige Villen, um das milde Klima zu genießen. Auch ein Dichter genoss hier sein Leben, ich werde später auf ihn zurückkommen.
Die Drachen zogen sich, abgehärtet wie sie damals alle noch waren, an das Nordende des Sees mit seinen steilen Ufern zurück und wohnten dort in Höhlen – ein paar davon, die Grotte di Mezzema, kann man jetzt noch besichtigen, weil sie im 1. Weltkrieg zu Stellungen ausgebaut worden waren.
Wohl am besten ging es uns in diesen Gefilden in der Völkerwanderungszeit. Unser Förderer, Theoderich der Große, ließ im 5. Jahrhundert eine Burg auf einem Felsplateau hoch über dem Ort Garda errichten, die als uneinnehmbar galt, nicht einmal Kaiser Barbarossa konnte sie erfolgreich belagern. Das war aber kein Wunder, denn schon Dietrich von Bern hatte angeordnet, dass jeder mannbar gewordene Jungdrache hier auf der Burg „Ze Garten“ (das Wort entsprach unserem heutigen „Garten“, bedeutete aber einen „befestigten, umzäunten Platz“) zum Krieger ausgebildet werden sollte. Dadurch war hier auch ohne Unterlass eine starke Wachmannschaft vorhanden.
Mit dem Beginn des 11. Jahrhunderts wurde uns durch die Kreuzfahrer die ganz besondere Ehre zuteil, in die Heraldik, die Wappenkunde, aufgenommen zu werden. In jedem besseren Ritterroman kamen wir vor, wie heutzutage die Schurken in den Abenteuerfilmen, damit die Helden in schimmernder Rüstung vor dem düsteren, teufelsschwarzen Hintergrund glänzen konnten, den wir für sie bilden durften. Dadurch wurden aber viele von uns so bekannt wie heute auch jene Schauspieler, die Bösewichte spielen. Eine spezielle Rolle spielten wir Drachen vom Gardasee dann noch bei den Auseinandersetzungen zwischen Mailand und Venedig, die sogar mittels Kriegsschiffen auf dem See ausgetragen wurden. Wir hatten Venedig noch nie gemocht, denn wir fühlten uns eigentlich immer verspottet. War es denn wirklich notwendig, auf eine der monolithischen Säulen auf der Piazetta den hl. Theodor (der vor dem Evangelisten Markus der Stadtpatron von Venedig war) zu stellen – mit einem, von ihm besiegten, geschuppten Flugdrachen, der im Volksmund nur das „Krokodil“ heißt und aus verschiedenen römischen und mittelalterlichen Versatzstücken zusammengesetzt ist.
So waren wir Drachen sehr schadenfroh, als die gesamte venezianische Flotte durch die Mailänder vernichtet worden war. Leider wendete sich dann das Glück wieder und die Venezianer sandten die Mailänder Gardasee-Flotte auf den Grund. Und das war leider ein nachhaltiger Sieg der „Serenissima“, deren Vormachtstellung an allen Ufern gefestigt war. Die meisten von uns Drachen zogen sich damals in die Val Camonica zurück, eine Gegend, die damals von den abergläubischen Menschen weitgehend gemieden wurde, da man die heidnischen, unerklärbaren Felszeichnungen für ganz schädliches Teufelswerk hielt. In den darauffolgenden Zeiten fanden wir Drachen immer weniger Beachtung. Wenn einer von uns gesehen wurde, meinte der aufgeklärte menschliche Beobachter, er sei einer Luftspiegelung aufgesessen, oder einer Halluzination erlegen, bzw. es seien der Schnäpse am Vorabend doch ein paar zu viel gewesen.
In dieser Zeit haben sich meine Vorfahren in Sirmione, dem Skaliger-Ort am Südufer des Sees, angesiedelt und sogar dafür gesorgt, dass das lokale Wappen einen Flugdrachen (mit leichtem Anklang zu einem Vogel Greif) zeigt.

Und damit komme ich zum „springenden Punkt“! Verehrter Meister Lindi! Ich habe keine Kinder und auch sonst keine Verwandten mehr. Mit mir stirbt das Geschlecht der Dracotulli aus. Ich besaß jedoch den größten Anteil am rückwärtigen Ende der Halbinsel Sirmione. Er kann wegen natürlicher Barrieren nicht von der Landseite her betreten werden, von den Ruinen der Villa des Catull und den gleichnamigen Grotten, also von dort, wo sich alle neugierigen Touristen herumtreiben. Ich bewohnte (denn ich darf noch einmal daran erinnern, dass zum Zeitpunkt, wenn sie diese Zeilen lesen, kein Schwefeldampf mehr meinen Nüstern entsteigt und kein Feuerstoß mehr meinem Schlund entweicht) den von Archäologen nie entdeckten größten Teil der Villa des römischen Dichters, den ich daher fast unversehrt übernehmen konnte, selbst die Grotesken-Wandmalerei brauchte nur aufgefrischt werden. Ich habe trotzdem alles renovieren und modernen Komfort einleiten lassen opulente Küchen, die keine TV-Kochsendung zu scheuen brauchen, und Badezimmer, welche den bekannten antiken römischen Luxus bei weitem übertreffen. Und man betritt das Gelände unschwer von der Seeseite her. Ich möchte sie nun abschließend bitten, mir posthum meinen größten Wunsch zu erfüllen. Empfangen sie bitte meine Liegenschaft als Dank für die vielen unvergesslichen künstlerischen Sternstunden, die Sie und Ihre Tante mir bereitet haben. Unter der Steinplatte c 4 (gemäß der Schachfelder) findet sich eine Truhe aus Blei, in der ein Goldschatz ruht, der natürlich nicht an jenen Fafners heranreichen würde, doch für Ihre Lebenszeit (möge sie Äonen dauern) alle anfallenden Kosten abdecken wird. Ich darf sie noch darauf hinweisen, dass in dem Mahagoni-Bücherschrank eine ganz seltene Prunkausgabe der Gedichte des ersten Erbauers der Villa liegt. Dieser Catullus hat in erster Linie Liebesgedichte voll Leidenschaft geschrieben. Vergessen sie daher nicht auf die Vorzüge unserer lieblichen und wohlgeformten Drachinnen, und denken sie weiters daran dass es kaum etwas reizenderes gibt als die goldgeschuppten Lindwürmchen, die unsere Spezies hervorzubringen imstande ist. Denken Sie bitte dabei daran, dass ich diesbezüglich alle Gelegenheiten versäumt habe, und daher, als es zu Ende ging, mutterseelenallein, und ohne Trost sterbend in das Abendrot über dem Lacus Benacus hinausschwimmen musste, um mich selbst zu entsorgen. Um abschließend lateinisch, also mit der Sprache unseres Dichters Catull zu sprechen: „Carpe Diem“, „Respice Finem“ et „Vale“!
Lindi war völlig perplex, mit allem hätte er gerechnet, nur mit so etwas nicht! Er wischte sich eine Träne der Rührung aus den Augen. Guter, lieber Valerianus! Und da wäre er beinahe nach Venedig gefahren, wo ihn bei der Ankunft die Drachenmissgeburt eines Krokodils empfangen hätte! Nein, da gab es nichts mehr zu überlegen. Koffer gepackt und nach Sirmione geflogen. Das dauert allerdings bei Großechsen doch etwas länger als bei Menschen. Als Beispiel: wenn wir uns für einen Wochenendtrip eine eigene Zahnpasta mitnehmen, dann enthält diese, wenn sie voll ist, 70 ml. Damit bekommt ein gründlich putzender Lindwurm, der keine Fehde mit der Zahnfee riskieren möchte, höchstens zwei Eckzähne sauber. Auch für einen kurzen Trip empfiehlt sich daher für einen Drachen, etwa mindestens ein großes 5-Liter-Gefäß mitzunehmen. Daher nahm Lindi wirklich nur das Lebensnotwendigste mit, zu groß war seine Neugierde auf das neue Domizil an einem der schönsten oberitalienischen Seen.
Alle seine Erwartungen wurden auf den ersten Blick erfüllt, oder sogar noch übertroffen. Unschwer fand er die „Hintertüre“ zu dem nun ihm gehörenden Appartement, das tatsächlich so luxuriös ausgestattet war, wie der Erblasser versichert hatte. Es dämmerte bereits, sodass er sich bald ins Wasser wagen könnte, ohne gesichtet zu werden. Das tat er auch nach einer halben Stunde. Das Wasser war herrlich und machte ihn wieder ganz munter, denn der Flug war doch eine ganz beachtliche physische Herausforderung gewesen. Es behagte ihm sehr, einige hundert Meter hinauszukraulen.

Wieder zurückgekehrt, fühlte er sich sehr entspannt, trocknete sich ab und legte sich kurz (wie er meinte) aufs Ohr. Erst zwei Stunden später wurde er munter – das Übliche, wenn man vorhat, sich nur ein kleines Power-Näppchen zu gönnen. Verschlafen rieb er sich die Augen und machte Licht. Als er sich umsah, bemerkte er nun einen großen Kühlschrank. Ohne große Hoffnung öffnete er ihn. Dann aber segnete er in Gedanken den guten Dracotulli, denn es war alles an Alkohol vorhanden, was sich eine durstige Seele nur wünschen konnte, vom Softdrink bis zum härtesten serbischen Sliwowitz, wegen dessen männermordenden Schärfe schon die mittelalterlichen in den Balkan eingedrungenen Osmanen Mohammed über alles gepriesen hatten, dass er ihnen den Alkohol verboten hatte. Daneben gewahrte er Vorratskästen, die offenbarten, dass auch Knabberzeug in Hülle und Fülle vorhanden war. Dahinter kam sogar eine komfortable Kitchenette zum Vorschein – doch die war jetzt nicht gefragt, denn Lindi setzte sich mit einer Flasche „Barolo“ und einem Sackerl Käsecrackers auf einen terrassenartigen Felsvorsprung und genoss die von beiden Seeufern freundlich herblinkenden Lichterketten. Lindi wähnte sich im Drachenparadies – und vergaß dabei nicht, zu hoffen, dass auch drüben in der Anderswelt ein solches tatsächlich existierte und sich seine bisher größten Wohltäter, Tante Serpentina und Valerian Dracottuli, darin gnädig aufgenommen worden wären. Die Nacht war so mild gewesen, dass Lindi im Freien eingeschlafen war. Um endgültig munter zu werden brauchte er sich nur seitlich abzurollen, und schon landete er im Wasser. Mit einem opulenten Frühstück aus den reichlich vorhandenen Vorräten stärkte er sich für den kommenden Tag, denn es galt nun für ihn, sich in nächster Zeit mit dem neuen Lebensraum möglichst rasch durch Erkundungsausflüge vertraut zu machen. Zuerst wohl einmal zum Mittelteil des Sees. Grundsätzlich nahm er sich vor, bei Tageslicht die erforderlichen Strecken schwimmend und tauchend zurückzulegen, um nicht allzu sehr aufzufallen. Die Leute würden eher denken, es handle sich um ein neu entwickeltes kleines U-Boot der italienischen Marine, das man zunächst noch keinen unvorhersehbaren Unbilden des Meeres aussetzen wollte. Den Rückweg nach Einbruch der Dunkelheit konnte er dann ohne weiteres fliegend zurücklegen. Er hatte ja schon seit langem Positionslichter für seine Flügel.
Er studierte zunächst einmal die gute Landkarte aus Dracotullis Bibliothek. Wobei gleich hinzugefügt werden muss, dass der verstorbene Mäzen für jeden Bildungsaffinen ein Paradies hinterlassen hatte. Denn es fanden sich in den Bücherregalen nicht nur Werke in Zusammenhang mit dem Gardasee und Norditalien, sondern auch Bildbände über die wichtigsten Künstler und Museen, und auch fast alle Werke der Weltliteratur (man konnte hier Euripides, Ovid, Dante, Shakespeare und Cervantes, Goldoni, Goethe und Schiller, Hölderlin, aber auch Dostojewski, Tolstoi, Pasternak, Bronski, Martin Walser, Michael Köhlmeier, Xavier Marias finden – und das waren nur Autoren, die ihm bei einem Streifblick auf die Pupille gefallen waren. Es waren aber gewiss auch alle Werke da, die man in dieser Aufzählung vermissen würde. Ähnliche Regale waren mit unverzichtbaren geisteswissenschaftlichen Bestsellern gefüllt, und hier möchte ich mit keinen Titeln zur Illustration aufwarten – oder spaßeshalber doch mit einem: George Frazer, „The Golden Bough. A Study in Magic and Religion“ – aber nicht vielleicht den einbändigen Nachdruck, sondern die volle dritte Auflage in 12 Bänden.
Weiters hatte Lindi auch reiche Ablagen und Stellagen mit CDs, DVDs und älteren Langspielplatten erspäht. Valerians Interpreten-Geschmack glich dem des Lindwurms wie ein Drachenei dem anderen.
„Was wäre“, dachte er, inspiriert durch die gigantische Bibliothek, „wenn ich mich für meinen ersten Ausflug gleich einmal an Goethes ‚Italienische Reise‘ halten würde, der kam doch über den Gardasee ins ‚Land, wo die Zitronen blüh’n‘.“ Natürlich, er hatte sich nicht geirrt. Er fand zuerst einen allgemeinen Kommentar: „Die Reise Goethes nach Italien (September 1786 – Juni 1788) war eine Art Flucht. Die langjährige Arbeit als Minister in Weimar hatte seine literarische Kreativität blockiert und er fühlte die Notwendigkeit eines radikalen Tapetenwechsels.
Italien war schon seit der Kindheit sein Traum gewesen, und er hoffte, dass eine solche stimulierende Umgebung zu seiner künstlerischen Wiedergeburt führen würde. Was Goethe in Italien suchte, war nicht so sehr das Italien von Michelangelo und Leonardo, der Malerei und der Architektur der Renaissance und des Barock. Goethe suchte das klassische Italien der griechisch-römischen Kultur und als er in Verona zum ersten Mal ein Monument der römischen Antike sah, die Arena, war er glücklich. Und in Rom fühlte er sich sofort wie zu Hause, als ob er nie woanders gelebt hätte.
Als er auf der Hinreise in Malcesine (an der Ostküste des Gardasees), das damals an der Grenze zwischen der Republik Venedig und Österreich lag, übernachtete und am nächsten Morgen die Burgruine der Stadt zeichnete, hielten ihn die Einwohner von Malcesine anfangs für einen österreichischen Spion, der mit seinen Zeichnungen im Auftrag des österreichischen Kaisers Josef II. einen eventuellen Angriff vorbereiten sollte, und so musste er sich vor der Bevölkerung und vor den örtlichen Autoritäten verteidigen. Zum Glück klärte sich das Missverständnis rasch auf.“
Lindi holte allerdings auch den Goethe’schen Originaltext aus dem Regal, um auch den zu lesen:
13. September 1786
„Heute früh um drei Uhr fuhr ich von Torbole weg mit zwei Ruderern. Anfangs war der Wind günstig, dass sie die Segel brauchen konnten. Der Morgen war herrlich, zwar wolkig, doch bei der Dämmerung still. Wir fuhren bei Limone vorbei, dessen Berggärten, terrassenweise angelegt und mit Zitronenbäumen bepflanzt, ein reiches und reinliches Ansehn geben. Der ganze Garten besteht aus Reihen von weißen viereckigen Pfeilern, die in einer gewissen Entfernung voneinander stehen und stufenweise den Berg hinaufrücken. Über diese Pfeiler sind starke Stangen gelegt, um im Winter die dazwischen gepflanzten Bäume zu decken. Das Betrachten und Beschauen dieser angenehmen Gegenstände ward durch eine langsame Fahrt begünstigt, und so waren wir schon an Malcesine vorbei, als der Wind sich völlig umkehrte, seinen gewöhnlichen Tagweg nahm und nach Norden zog. Das Rudern half wenig gegen die übermächtige Gewalt, und so mussten wir im Hafen von Malcesine landen. Es ist der erste venezianische Ort an der Morgenseite des Sees. Wenn man mit dem Wasser zu tun hat, kann man nicht sagen, ich werde heute da oder dort sein. Diesen Aufenthalt will ich so gut als möglich nutzen, besonders das Schloss zu zeichnen, das am Wasser liegt und ein schöner Gegenstand ist. Heute im Vorbeifahren nahm ich eine Skizze davon.
14. September 1786
Der Gegenwind, der mich gestern in den Hafen von Malcesine trieb, bereitete mir ein gefährliches Abenteuer, welches ich mit gutem Humor überstand und in der Erinnerung lustig finde. Wie ich mir vorgenommen hatte, ging ich morgens beizeiten in das alte Schloss, welches ohne Tor, ohne Verwahrung und Bewachung jedermann zugänglich ist. Im Schlosshofe setzte ich mich dem alten auf und in den Felsen gebauten Turm gegenüber; hier hatte ich zum Zeichnen ein sehr bequemes Plätzchen gefunden; neben einer drei, vier Stufen erhöhten verschlossenen Tür, im Türgewände ein verziertes steinernes Sitzchen, wie wir sie wohl bei uns in alten Gebäuden auch noch antreffen.
Ich saß nicht lange, so kamen verschiedene Menschen in den Hof herein, betrachteten mich und gingen hin und wider. Die Menge vermehrte sich, blieb endlich stehen, so dass sie mich zuletzt umgab. Ich bemerkte wohl, dass mein Zeichnen Aufsehen erregt hatte, ich ließ mich aber nicht stören und fuhr ganz gelassen fort. Endlich drängte sich ein Mann zu mir, nicht von dem besten Ansehen, und fragte, was ich da mache. Ich erwiderte ihm, dass ich den alten Turm abzeichne, um mir ein Andenken von Malcesine zu erhalten. Er sagte darauf, es sei dies nicht erlaubt, und ich sollte es unterlassen. Da er dieses in gemeiner venezianischer Sprache sagte, so dass ich ihn wirklich kaum verstand, so erwiderte ich ihm, dass ich ihn nicht verstehe. Er ergriff darauf mit wahrer italienischer Gelassenheit mein Blatt, zerriss es, ließ es aber auf der Pappe liegen. Hierauf konnt‘ ich einen Ton der Unzufriedenheit unter den Umstehenden bemerken, besonders sagte eine ältliche Frau, es sei nicht recht, man solle den Podestà rufen, welcher dergleichen Dinge zu beurteilen wisse. Ich stand auf meinen Stufen, den Rücken gegen die Türe gelehnt, und überschaute das immer sich vermehrende Publikum. Die neugierigen starren Blicke, der gutmütige Ausdruck in den meisten Gesichtern und was sonst noch alles eine fremde Volksmasse charakterisieren mag, gab mir den lustigsten Eindruck. Ich glaubte, das Chor der Vögel vor mir zu sehen, das ich als Treufreund auf dem Ettersburger Theater oft zum besten gehabt. Dies versetzte mich in die heiterste Stimmung, so dass, als der Podestà mit seinem Aktuarius herankam, ich ihn freimütig begrüßte und auf seine Frage, warum ich ihre Festung abzeichnete, ihm bescheiden erwiderte, dass ich dieses Gemäuer nicht für eine Festung anerkenne. Ich machte ihn und das Volk aufmerksam auf den Verfall dieser Türme und dieser Mauern, auf den Mangel von Toren, kurz auf die Wehrlosigkeit des ganzen Zustandes und versicherte, ich habe hier nichts als eine Ruine zu sehen und zu zeichnen gedacht.
Man entgegnete mir: wenn es eine Ruine sei, was denn dran wohl besonders scheinen könne? Ich erwiderte darauf, weil ich Zeit und Gunst zu gewinnen suchte, sehr umständlich, dass sie wüssten, wie viele Reisende nur um der Ruinen willen nach Italien zögen, dass Rom, die Hauptstadt der Welt, von den Barbaren verwüstet, voller Ruinen stehe, welche hundert- und aber hundertmal gezeichnet worden, dass nicht alles aus dem Altertum so erhalten sei, wie das Amphitheater zu Verona, welches ich denn auch bald zu sehen hoffte.
Der Podestà, welcher vor mir, aber tiefer stand, war ein langer, nicht gerade hagerer Mann von etwa dreißig Jahren. Die stumpfen Züge seines geistlosen Gesichts stimmten ganz zu der langsamen und trüben Weise, womit er seine Fragen hervorbrachte. Der Aktuarius, kleiner und gewandter, schien sich in einen so neuen und seltnen Fall auch nicht gleich finden zu können. Ich sprach noch manches dergleichen; man schien mich gern zu hören, und indem ich mich an einige wohlwollende Frauengesichter wendete, glaubte ich, Beistimmung und Billigung wahrzunehmen.“
Als ich jedoch des Amphitheaters zu Verona erwähnte, das man im Lande unter dem Namen Arena kennt, sagte der Aktuarius, der sich unterdessen besonnen hatte, das möge wohl gelten, denn jenes sei ein weltberühmtes römisches Gebäude, an diesen Türmen aber sei nichts Merkwürdiges, als daß es die Grenze zwischen dem Gebiete Venedigs und dem östreichischen Kaiserstaate bezeichne und deshalb nicht ausspioniert werden solle. Ich erklärte mich dagegen weitläufig, daß nicht allein griechische und römische Altertümer, sondern auch die der mittlern Zeit Aufmerksamkeit verdienten. Ihnen sei freilich nicht zu verargen, daß sie an diesem von Jugend auf gekannten Gebäude nicht so viele malerische Schönheiten als ich entdecken könnten. Glücklicherweise setzte die Morgensonne Turm, Felsen und Mauern in das schönste Licht, und ich fing an, ihnen dieses Bild mit Enthusiasmus zu beschreiben. Weil aber mein Publikum jene belobten Gegenstände im Rücken hatte und sich nicht ganz von mir abwenden wollte, so drehten sie auf einmal, jenen Vögeln gleich, die man Wendehälse nennt, die Köpfe herum, dasjenige mit Augen zu schauen, was ich ihren Ohren anpries, ja der Podestà selbst kehrte sich, obgleich mit etwas mehr Anstand, nach dem beschriebenen Bilde hin. Diese Szene kam mir so lächerlich vor, daß mein guter Mut sich vermehrte und ich ihnen nichts, am wenigsten den Efeu schenkte, der Fels und Gemäuer auf das reichste zu verzieren schon Jahrhunderte Zeit gehabt hatte.
Der Aktuarius versetzte drauf, das lasse sich alles hören, aber Kaiser Joseph sei ein unruhiger Herr, der gewiß gegen die Republik Venedig noch manches Böse im Schilde führe, und ich möchte wohl sein Untertan, ein Abgeordneter sein, um die Grenzen auszuspähen.
»Weit entfernt«, rief ich aus, »dem Kaiser anzugehören, darf ich mich wohl rühmen, so gut als ihr, Bürger einer Republik zu sein, welche zwar an Macht und Größe dem erlauchten Staat von Venedig nicht verglichen werden kann, aber doch auch sich selbst regiert und an Handelstätigkeit, Reichtum und Weisheit ihrer Vorgesetzten keiner Stadt in Deutschland nachsieht. Ich bin nämlich von Frankfurt am Main gebürtig, einer Stadt, deren Name und Ruf gewiss bis zu euch gekommen ist.«
»Von Frankfurt am Main!« rief eine hübsche junge Frau, »da könnt Ihr gleich sehen, Herr Podestà, was an dem Fremden ist, den ich für einen guten Mann halte; laßt den Gregorio rufen, der lange daselbst konditioniert hat, der wird am besten in der Sache entscheiden können.«
Schon hatten sich die wohlwollenden Gesichter um mich her vermehrt, der erste Widerwärtige war verschwunden, und als nun Gregorio herbeikam, wendete sich die Sache ganz zu meinem Vorteil. Dieser war ein Mann etwa in den Fünfzigern, ein braunes italienisches Gesicht, wie man sie kennt. Er sprach und betrug sich als einer, dem etwas Fremdes nicht fremd ist, erzählte mir sogleich, daß er [in Frankfurt] bei Bolongaro in Diensten gestanden und sich freue, durch mich etwas von dieser Familie und von der Stadt zu hören, an die er sich mit Vergnügen erinnere. Glücklicherweise war sein Aufenthalt in meine jüngeren Jahre gefallen, und ich hatte den doppelten Vorteil, ihm genau sagen zu können, wie es zu seiner Zeit gewesen und was sich nachher verändert habe. Ich erzählte ihm von den sämtlichen italienischen Familien, deren mir keine fremd geblieben; er war sehr vergnügt, manches Einzelne zu hören, z. B. daß der Herr Allesina im Jahre 1774 seine goldene Hochzeit gefeiert, daß darauf eine Medaille geschlagen worden, die ich selbst besitze; er erinnerte sich recht wohl, daß die Gattin dieses reichen Handelsherrn eine geborne Brentano sei. Auch von den Kindern und Enkeln dieser Häuser wußte ich ihm zu erzählen, wie sie herangewachsen, versorgt, verheiratet worden und sich in Enkeln vermehrt hätten.
Als ich ihm nun die genaueste Auskunft fast über alles gegeben, um was er mich befragt, wechselten Heiterkeit und Ernst in den Zügen des Mannes. Er war froh und gerührt, das Volk erheiterte sich immer mehr und konnte unserm Zwiegespräch zuzuhören nicht satt werden, wovon er freilich einen Teil erst in ihren Dialekt übersetzen musste.
Zuletzt sagte er: »Herr Podestà, ich bin überzeugt, dass dieses ein braver, kunstreicher Mann ist, wohl erzogen, welcher herumreist, sich zu unterrichten. Wir wollen ihn freundlich entlassen, damit er bei seinen Landsleuten Gutes von uns rede und sie aufmuntere, Malcesine zu besuchen, dessen schöne Lage wohl wert ist, von Fremden bewundert zu sein.« Ich verstärkte diese freundlichen Worte durch das Lob der Gegend, der Lage und der Einwohner, die Gerichtspersonen als weise und vorsichtige Männer nicht vergessend.
Dieses alles ward für gut erkannt, und ich erhielt die Erlaubnis, mit Meister Gregorio nach Belieben den Ort und die Gegend zu besehen. Der Wirt, bei dem ich eingekehrt war, gesellte sich nun zu uns und freute sich schon auf die Fremden, welche auch ihm zuströmen würden, wenn die Vorzüge Malcesines erst recht ans Licht kämen …


(Quelle: https://www.reise-nach-italien.de/goethe-gardasee.html)

Nach dieser eingehenden Lektüre stürzte sich Lindi gleich in den See, erreichte bald Malcesine, schwamm aber noch ein Stückchen weiter, um die Goetheschen Zeichnungen mit dem heutigen Zustand des Ortes vergleichen zu können. Er fand, dass sich nicht viel verändert hatte. Dann hielt er unter den Burgfelsen Siesta. Das ungewohnte Schwimmen hatte ihn ein bisschen müde gemacht und er war schließlich eingeschlummert. Als er erwachte stand die Sonne schon tief. Jetzt in der Dämmerung konnte er den Heimweg fliegend antreten. Er drehte noch eine Ehrenrunde über der Burg und war dann bald zu Hause in Sirmione.
Er beschloss, übermorgen die gesamte Länge des Sees hinauf bis Arco zu durchmessen. Dabei erinnerte er sich an ein Bild der dortigen Burg von keinem geringeren als Dürer. Der berühmte Nürnberger Maler soll im Jahr 1495 einen Spaziergang durch die Olivenhaine von Arco und zu anderen Plätzen unternommen haben, bei dem er den Ort Arco aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel eingefangen und die olivengesäumte Burganlage für die Ewigkeit festgehalten hat. Dürer befand sich damals auf dem Rückweg von seiner ersten Italienreise (1494), die er angestrebt hatte, um sich mit den seit der Renaissance aufgekommenen künstlerischen Tendenzen vertraut zu machen. Sein eigentliches Ziel war Venedig. Von dort aus hat er wahrscheinlich andere Orte in Norditalien bereist, wo er sich mit den Werken der Meister seiner Zeit, wie Mantegna, Carpaccio und der Brüder Giovanni und Gentile Bellini auseinandersetzen konnte.

An der Örtlichkeit selbst angekommen, konnte Lindi bei einem einsamen Spaziergang auf der nach Dürer benannten Promenade feststellen, dass sich einem nach so langer Zeit auch in natura noch immer ein sehr ähnliches Bild von der Burg bot, wenn man sich den Hintergrund – wie der Meister – leer vorstellte.

Wieder in sein neues Heim zurückgekehrt, entdeckte Lindi am nächsten klaren Morgen in etwa sieben Kilometer Entfernung nordnordwestlicher Richtung ein in den See ragendes Felsplateau, das vermutlich einen herrlichen Ausblick bieten würde. Er beschloss gleich, diese Annahme zu verifizieren und flog hinüber. Nach der Landkarte musste die Örtlichkeit Rocca di Manerbaheißen. Beim Anflug bemerkte er, dass sich schon drei Pkws und zwei Busse näherten, er entdeckte aber auch, dass es auf der linken Seite tief unter der Aussichtsplattform ein Waldstück gab, das unmittelbar an den Abgrund heranreichte, vor dem man den meravigliosen Ausblick hatte. Die Bäume waren so dicht, dass er unsichtbar blieb. Er musste nur in den frühen Morgenstunden, wenn noch kein Tourist unterwegs war, seinen Platz einnehmen.

Das Besondere an diesem Versteck war, dass er den ganzen lieben Tag lang sich in Hörweite der Kommentare von den Aussichtswütigen befand (In der Mehrzahl saublöd, nur einige beherzigenswert). Da war etwa zu hören: „Mensch is det langweilig! A schnurgrads Wassa. Da is bei uns in da BRD etwa da ‚Vierseenblick‘ am Rhein mit seine Schleifn wol was vül Interessantas“. Oder kärntnerisch: „Is jå gånz schean då! Åba, wås glabst? Kriag’n ma heint in insara Pension wieda Fisch? I kånn dås stinkate Zeig, dås wås i dahaam nia friiß, anfåch net vaputz’n! Gråd de paniert’n Furöll’n, di geahnt noch, wånnst vül Bier dazua sauf’n tuast.“ Oder gemeinpiefkesisch: „Mensch, was da mal an Energie verlor’n geht, wenn man mal da keene Kraftwerka an die Ablüsse, da, wo die Lacke hinausrinnt, bauen tut. Was haste grade jemeint, Isolde? Dat wörd de Landschaft verschand’ln? Mensch, wer braucht denn da ne Landschaft? De kann ik mir doch ooch wo anders koofn!“
Dann gab es aber auch Rührendes zu hören für unseren Lindwurm, von dem alle wissen, die ihn ein wenig besser kennen, dass er auch sehr zart besaitet sein kann – trotz der undurchdringlichen Schuppen, die seinen Leib bedecken. So hörte Lindi gerade als die vorlauten Banausen vom obersten Punkt abgezogen waren, eine reizende helle Mädchenstimme von dem leichten, breiten und nicht steilen Weg her: „Liebe Oma, du machst das ganz toll, wie du hier heraufgehst. Ich bin ganz stolz auf dich! Aber wir können gleich auch hier ein wenig rasten, denn ich habe ein Stockerl für dich mitgebracht.“
Als der Knäuel von Ignoranten offensichtlich gerade in Auflösung begriffen war, trafen anscheinend die Großmutter mit ihrer sie treu umsorgenden Enkelin auf dem höchsten Punkt ein, denn deren glockenhelle Stimme verkündete: „So, Oma, gratuliere, du hast es geschafft. Schau, die ganze Pracht liegt jetzt vor uns! Das hat sich ausgezahlt, gelt! Komm, setzen wir uns auf dieses Bankerl, es ist gerade frei geworden.“ Es folgten einige Augenblicke der Stille. Aber dann hörte Lindi die soignierte Stimme einer gepflegten und gebildeten alten Dame. „Meine liebe Ingrid. Du bist so ein gutes Kind und hast Deiner Großmutter jetzt so eine unvergessliche Freude gemacht. Weißt Du, als ich ungefähr so alt war wie du jetzt, war ich mit meinen Eltern von Wien aus drei Jahre hindurch hier am Gardasee auf Urlaub. Drüben in Bardolino – du siehst hinüber – haben wir in einer rustikalen Pension gewohnt. Die Essenstische standen unter einer ausladenden Pergola voll wilder Trauben, und die Stubenmädchen wuschen vom Steg aus die Hotelwäsche noch mittels Waschbrettern im See. Wir fuhren einige Male auch nach Verona zu den Opernfestspielen in der Arena. Das waren Erlebnisse – einerseits an große Opernvergangenheit erinnernd, etwa mit einem „Aida“-Dirigat von Tullio Serafin (dem Entdecker der Callas), anderseits bereits auf große Newcomer verweisend, wie z.B. Franco Corelli (als Don Jose in der „Carmen“), oder auf Sänger auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, wie Cesare Siepi (als Mephistopheles in Gounods „Marguerite“). Beide waren später fast nur mehr an der Metropolitan Opera in New York zu hören. Und natürlich habe ich mich im ersten Jahr unsterblich in den schwarzgelockten, für einen Italiener relativ großgewachsenen Jüngling vom Nachbarhaus verliebt. Außer gelegentlichen feurigen Blicken wurde freilich nichts gewechselt, nicht einmal Grußworte. Und im nächsten Jahr, als ich dem Urlaub schon entgegengefiebert und beschlossen hatte, etwas couragierter zu sein, war der Vogel ausgeflogen. Ein wenig später entnahm ich einigen aufgeschnappten Wortfetzen, dass mein Schwarm sich zu einem Studienaufenthalt nach England abgesetzt hatte. Im dritten Ferienjahr hatte ich selbst das Interesse an der erotischen Nachbarschaft verloren, denn ich hatte übers Jahr einen umwerfenden jungen Mann kennengelernt, der ein paar Jahre später zu Deinem Großvater wurde, liebe Ingrid! Vor zwei Jahren ist er mir in eine hoffentlich bessere Welt vorausgegangen. Aber jetzt lass uns gemeinsam dieses wundervolle Panorama genießen.“
Von da an hätte Lindi in seinem Versteck ohnedies kein Wort mehr verstanden, denn es war eine Tiroler Jodlergruppe eingetroffen, die unbedingt erproben wollte, wie weit über den See der Schall ihres Tuns reichen würde, das im Alternieren von Bruststimme und Falsett in der Regel über Silben ohne Wortbedeutung besteht. Als diese „homines ululantes“ (© Julius Kugy, der große Bergsteiger und Erschließer der Julischen Alpen) endlich abgezogen waren und wieder Ruhe eingekehrt war, kam Lindi ins Sinnieren. Er war noch immer gerührt über so viel generationenübergreifende Liebenswürdigkeit zwischen Enkelin und Großmutter. Zum ersten Mal seit dem Tod seiner Tante fühlte er so etwas wie Sehnsucht nach Freundschaft, Partnerschaft, Verwandtschaft – kurz nach intimer Nähe zu Seinesgleichen. Trotz des schönen Tages schwamm er bedrückt nach Hause. Auch nach der Einnahme eines ausgiebigen Schlaftrunks erlebte er eine zerklüftete Nacht mit undeutbaren Träumen und unerklärlichen Beklemmungen.
In der Frühe wachte er völlig gerädert auf. Eigentlich hatte er nach so viel Natur in den letzten Tagen sich einmal wieder ein wenig Kunst und Kultur einverleiben und zu diesem Zweck nach Verona fliegen wollen, doch war ihm jetzt gar nicht danach. Seine Depressionen hätten sich außerdem nur noch verstärkt, wenn er durch die Arena wieder zu stark an Serpentina erinnert worden wäre. Vielleicht sollte er diesem Gefühlszustand doch wieder mit viel sportlicher Bewegung entgegentreten. So beschloss er zunächst einmal den See bis Malcesine hinaufzuschwimmen. Von dort konnte er, wenn es ihm besser ging, auf den Monte Baldo, den „Hausberg“ des Gardasees mit einer Höhe von 2.218 m, hinauffliegen.
Als er auf der Höhe des alten Ortes angekommen war, hatte er tatsächlich wieder so viel Lebensfreude in sich, dass er Lust auf den ins Auge gefassten Flug hatte. Einmal kreuzte die Seilbahn seine Flugroute – und sogar noch durch die ungeputzten Fensterscheiben der Gondel vermeinte er das wachsende Entsetzen in den Gesichtern der Passagiere erkennen zu können.
Oben angekommen, blieb ihm nahezu die Luft weg vor der Schönheit der Landschaft, westlich der Lago di Garda in all seiner Mächtigkeit und auf der anderen Seite das Etschtal, und immer in der bläulichen Ferne weitere Bergketten.

Quelle: Communità di Garda (https://www.facebook.com/EnteTerritorialeInterregionaleComunitadelGarda/)
Lindi konnte sich kaum sattsehen. Für eine längere Rast war es jedoch etwas windig. Er hatte aber schon beim Anflug bemerkt, dass es geschützte Kuhlen an den Abhängen hinunter nach Malcesine gibt. Eine solche wollte er nun aufsuchen, um sich richtig von der Sonne durchbraten zu lassen. Er drehte einige Runden in größerer Höhe und entdeckte eine geeignete Stelle. Als er gelandet war, merkte er erst, dass sozusagen eine Stufe tiefer sich nun etwas bewegte, das er für einen anders gefärbten Flecken des Almbodens gehalten hatte. Jetzt sah er aber, dass es sich um die zarten, rotgolden glänzenden Schuppen eines zierlichen Drachenfräuleins handeln musste, das da pittoresk eingeringelt schlummerte.
Erst als dieser so anmutige landschaftliche Flecken – sich räkelnd – allmählich zum Leben erwachte, merkte unser Schwerenöter in spe, dass er die ganze Zeit auf eben diese Stelle gestarrt hatte, daher wendete er sich nun eiligst um und schaute in die entgegengesetzte Richtung, um nicht womöglich als Spanner ertappt zu werden. Aus den Augenwinkeln konnte er freilich sehen, dass das Drachenmädchen Anstalten machte, seine Siesta zu beenden und aufzubrechen.
Halb aufgerichtet konnte der Lindwurm nur erkennen, dass sie einen sturen Flugkurs nach Westen einhielt, während er insgeheim gehofft hatte, dass sie nach Süden abgebogen wäre, was bedeutet hätte, dass sie vielleicht in der Nähe seines Ansitzes gewohnt hätte. Bald war sie seinem Blick entschwunden. Er nützte noch die letzten wärmenden Sonnenstrahlen und schwebte dann im Gleitflug zum See hinunter, um dann wie ein Wasserflugzeug zu landen und nach Hause zu schwimmen.
In der nächsten Zeit trieben den Lindwurm neuartige Geschäfte und Betriebsamkeiten um. Da sich rund um das immer populärere Drachenthema auch völlig unwissenschaftliche Scharlatane und Verschwörungstheoretiker zu Wort meldeten und leider auch Druckerschwärze von dubiosen, aber geschäftstüchtigen Verlagen zur Verfügung gestellt bekamen, war ein seriöses Medienunternehmen an ihn herangetreten, um ihn als beratenden Experten und Lektor zu gewinnen, wobei er sein Arbeitsausmaß selbst bestimmen konnte, während das Grund-Salär aber auf jeden Fall fürstlich blieb. Ähnliche Verträge hatten Flugschauen mit ihm für Jurorentätigkeit ausgehandelt, so jene in Mailand, Turin, Zeltweg und Aviano (traditionell das „Sahnehäubchen“ solcher Veranstaltungen).
In all dieser Zeit kam Lindi nur tageweise nach Sirmione zurück, aber nun zu Sommerende hatte er wieder alle Zeit der Welt (und daneben natürlich ein ordentlich aufgefettetes Bankkonto). Luft und Seewasser waren noch ordentlich aufgeheizt, und so zog es ihn als erstes wieder auf den Monte Baldo und in jene kuschelige Kuhle, die er vor einigen Wochen entdeckt hatte. Knapp bevor er sie erreichte, traf ihn eine unvorhersehbare Windböe völlig unerwartet. Er kam ins Trudeln und prallte höchst unsanft auf felsigem Boden auf. Ein stechender Schmerz durchfuhr seine linke Flügelspitze. Das merkte er aber erst, nachdem ein spitzer Schrei unmittelbar neben ihm erklungen war. Mühevoll wandte er sein Haupt zur Seite und erblickte … ja, konnte das sein, welch ein Zufall, hoffentlich keine Fata Morgana, das edle Drachenfräulein von ehedem. Er wollte sich zur Vergewisserung die Augen reiben. Das gelang aber nur mit dem rechten Flügel, denn der linke, das merkte er erst jetzt, tat nun höllisch weh. Er versuchte dennoch Contenance zu bewahren, biss die Zähne zusammen und versuchte, sich formvollendet vorzustellen, was aber wegen der Schmerzen etwas gepresst klang. Das geflügelte Prinzesschen war bleich geworden, vergaß – verwirrt wie es war –, seinen Namen zu nennen, und brachte gerade nur noch heraus: „Um Himmels willen, wie konnte denn das passieren? Hast du arge Schmerzen? Sag‘ mir, was ich tun kann!“ Lindi wollte abwiegeln und den Helden spielen (frei nach dem Motto: „Ein Lindianer kennt keinen Schmerz!“), seine schmerzverzerrte Miene strafte ihn freilich Lügen. Nun war guter Rat teuer, wie schon das Sprichwort sagt.
Nach einer intensiven Nachdenkpause hatte jedoch das Drachenfräulein die zündende Idee. „Da gibt es bei Malcesine eine kleine Bootswerft, an der ich immer vorbeifliege, wenn ich hier auf den Berg will. Da habe ich schon öfter gesehen, dass sie schwerere Boote auf aufblasbaren Rollen transportieren. Da sie immer zu Mittag zusperren, werde ich versuchen, ungesehen an solche Rollen heranzukommen und sie heraufzubringen.“ Lindi wollte protestieren, da eine solche Aktion in seinen Augen mit zahlreichen Gefahren verbunden war, doch da hatte sie sich schon leicht wie eine Feder in die Lüfte erhoben (wenn man dieses Sprachbild jemals auf einen Flugdrachen anwenden durfte, dann auf sie).
Lindi war von den strapaziösen Schmerzen so ermattet, dass er eingeschlafen war und jegliches Zeitgefühl verloren hatte, als er durch das wiederkehrende Drachenfräulein geweckt wurde. Sie hatte es tatsächlich geschafft. Das Aufblasen von Transportrollen ist für Drachen mit ihrem langen Atem eine Kleinigkeit, nur dürfen sie nicht vergessen, den ansonsten parallel verlaufenden Feuerstrahl abzuschalten. Im Handumdrehen war alles für den Abtransport des Invaliden fertig, keinen Augenblick zu früh, denn die Dämmerung würde nicht mehr lange auf sich warten lassen, und ein weiter Weg lag vor ihnen. Die Methode funktionierte tatsächlich, aber sie mussten doch ziemlich oft rasten wegen einer vorübergehenden Erschöpfung des Drachenmädchens, das ja ständig in Bewegung sein musste, um die hinten freigewordenen Rollen wieder nach vorne zu holen und dem Patienten unter die Brust zu schieben.
So war es spät geworden, als sie endlich bei fortgeschrittener Nacht am Seeufer anlangten. Zum Glück würde die Art seiner Verletzung Lindi wenigstens nicht am Schwimmen hindern. Und so machte er Anstalten, sich bei seiner Retterin zu bedanken und zu verabschieden, da er ja wusste, dass sie nicht in seiner Richtung wohnte. Da kam er aber an die Falsche. Sie fauchte ihn an und hätte ihn dabei beinahe versengt: „Wofür hältst du mich eigentlich? Glaubst du, ich habe alle bisherigen Gefahren und Mühen auf mich genommen, damit du dann vielleicht mitten im See absäufst? Ich werde dich ins Schlepptau nehmen, habe ich doch für alle Fälle auch ein starkes Seil in der Werft mitgehen lassen. Und du hilfst ganz einfach beim Schwimmen mit, so wie es deine Befindlichkeit eben erlaubt. Du musst mir jetzt nur noch sagen, in welche Richtung wir aufbrechen.“ Die Resolutheit der jungen Dame erlaubte keinen Widerspruch, sodass Lindi nur kleinlaut hervorbrachte: „Nach Sirmione, wenn’s recht ist.“ Die Methode funktionierte. Es wurden auch immer genügend Erholungspausen eingelegt, aber in der frühen Morgendämmerung waren endlich die alten Ruinen der Catull-Villa erreicht. Es kostete noch eine letzte Anstrengung, Lindi ans Ufer und dann in sein Bett zu hieven. Er schlief sofort wie vom Blitz getroffen ein. Die schuppige Samariterin, die auch ganz schön erledigt war, fand aber alsbald das Gästezimmer und kuschelte sich auch ganz schnell in des Drachen-Morpheus Arme. Zum ersten Mal ertönte ein Drachenschnarchen in Stereo.
Die Sonne stand schon hoch, als die beiden ziemlich gleichzeitig unter Grunzen, Räuspern und Räkeln munter wurden. Was beide außerdem verband, war, dass sie sich im ersten Moment überhaupt nicht auskannten, wo sie waren. Bei der Lady war das verständlich, bei Lindi auf den restlichen Schock von gestern zurückzuführen. Schließlich krochen sie aber doch aus den Federn, beide ein bisschen angespannt und nervös ob der sehr ungewöhnlichen Situation. Lindi fand zuerst seine Sprache wieder: „Ich glaube, ich verdanke dir mein Leben!“ Das Drachenfräulein errötete leicht und machte eine wegwerfende Bewegung: „Das war doch selbstverständlich. Da kann man ja gar nicht anders handeln“. Lindi widersprach: „Na, ich habe in meinem langen Drachenleben genug miese Charaktere kennengelernt, die schnell abgehaut wären, um allen Mühen und Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Aber zu allererst: ich kenne noch nicht einmal deinen Namen.“ Wieder errötete die Drachenmaid ein wenig. Dann flüsterte sie: „Lindalind Rosabel“. Lindi konnte ein Grinsen nicht unterdrücken und meinte: „Ich will sicher nicht unhöflich sein, aber das klingt eher nach einem Künstlernamen!“ Jetzt musste die Ertappte lachen: „Verflixt, es ist ja doch immer dasselbe. Dann erzähle ich lieber gleich die Wahrheit! Natürlich haben mir meine Eltern einen anderen Namen gegeben: Belinda Rosalind.“ Lindi warf ein: „Das sind doch traumhaft schöne Namen!“ „Ja, das wäre auch meine Meinung gewesen“, antwortete sie, „aber fast alle, denen ich mich vorstellte, feixten und meinten: ‚Ach da haben sich deine Eltern wohl einerseits von dem Song Pretty Belinda inspirieren lassen und von der Rosalind in Shakespeare’s Wie es euch gefällt? Wohnst du tatsächlich in einem Boathouse12?
12 Die ersten beiden Zeilen des Songs lauten nämlich: „She lived on a boathouse down by the river, everyone called her Pretty Belinda“.
Und haben sich deine Eltern vielleicht eher einen männlichen Nachkommen gewünscht, der sie keine Mitgift gekostet hätte? Die literarische Rosalind ist ja tatsächlich fast das ganze Stück hindurch als Mann verkleidet. Vielleicht haben sie gehofft, du mögest tunlichst der weiblichen Reize entbehren und keinen Mann finden?‘
Ab dem Fünften, der mich so blöd angeredet hatte, schickte ich sie alle zum Teufel mit Rosalinds eigenem Zitat: ‚Out, fool‘! Und dann beschloss ich eben, meinen Namen zu verballhornen. Und was bekomme ich jetzt? Jetzt heißt es – genau wie du es auch gesagt hast – „ist das ein verrückter Künstlername, war der beamtete Drache, der das Geburtsregister führte, besoffen, waren Verwandte von dir Begründer der Da-Da-Bewegung?“
Sie hatte sich immer mehr in Rage geredet, und Lindi hatte Mühe, sie zu stoppen. „Und was wäre“, fragte er lächelnd, denn er merkte, dass er sich zu verlieben begann, „wenn wenigstens ich dich ganz romantisch und wohlklingend Rosabelinda nennen dürfte?“
Ihre Augen weiteten sich, sie schlug sich mit dem rechten Flügel auf die Stirn, so wie wir Menschen es tun, wenn wir zum Ausdruck bringen wollen: „Ja, warum bin ich denn nicht schon selbst längst auf diese Idee gekommen?“ In einer Aufwallung von Dankbarkeit fiel sie Lindi um den Hals und schluchzte: „Nun hast du mich gerettet, nun sind wir quitt. Diesen Namen habe ich gleich geliebt, als du ihn ausgesprochen hast. Nun bin ich erst ein vollständiges Wesen. Ich habe nämlich auch sehr viel über Symbolik gelesen und weiß daher, dass Namen alles eher sind als Schall und Rauch. So hat der große Menschengeist Goethe ja auch in seiner Selbstbiografie unter dem Titel „Dichtung und Wahrheit“ geschrieben: „… der Eigenname eines Menschen ist nicht etwa wie ein Mantel, der bloß um ihn her hängt und an dem man allenfalls noch zupfen und zerren kann, sondern ein vollkommen passendes Kleid, ja wie die Haut selbst ihm über und über angewachsen, an der man nicht schaben und schinden darf, ohne ihn selbst zu verletzen.“
Lindi war unglaublich beeindruckt. Rosabelinda hatte sich wieder im Griff und fragte resolut: „Es wird endlich Zeit für ein Frühstück! Wo ist deine Küche?“ Schweren Herzens, aber aus Pflichtgefühl protestierte Lindi: „Aber du musst doch sicher zurück in deine Behausung. Man wird dich gewiss schon vermissen!“
Das kam ganz schlecht an. Sie fauchte: „Was ist los? Willst du mich rausschmeißen? Niemand vermisst mich, außer vielleicht meine Zahnbürste! OK, du hast wohl vergessen, wie dein linker Flügel seit deiner gestrigen Bruchlandung aussieht. Schau ihn bloß einmal an, wie der heute blau und geschwollen ist. Glaubst du, ich habe dich gerettet, damit du jetzt zu Hause elendiglich verhungerst, denn du könntest dir nicht einmal eine Eierspeise machen, so ungeschickt wärst du. Und du könntest dir auch nichts von außerhalb besorgen, weil du mit dieser Schwellung nicht einmal bei der Türe hinauskommst.“
Schleunigst versuchte Lindi abzuwiegeln und sagte ganz kleinlaut: „Bitte entschuldige. Ich wollte nur nicht, dass du dir wegen mir noch mehr Umstände machst. Du hast ja recht. Momentan bin ich nicht viel mehr als ein hilfsbedürftiger Krüppel. Aber ich kann doch nicht so ohne weiteres in dein Leben eingreifen, und sei’s auch nur für kurze Zeit.“
„Das hättest du dir gestern überlegen müssen, du untalentierter Flugschüleranfänger! Und jetzt beantworte endlich meine Frage, bevor ich böse werde: wo ist die Küche?“ Lindi glaubte allerdings, aus den Augenwinkeln gesehen zu haben, dass bereits ein leichtes, triumphierendes Lächeln um ihre Lippen spielte. Bei sich dachte er: Drachenweiber!!!, eilte aber, so rasch es seine Blessuren erlaubten, um eine Führung durch das weitläufige gastronomische Rayon der ehemaligen Catull-Villa und seiner jetzigen Luxus-Bleibe anzubieten.
Rosabelinda bugsierte ihn daraufhin mit sanfter Gewalt wieder auf sein Sofa, was ihm gar nicht so unrecht war, denn er merkte jetzt doch, wie schnell er erschöpft war. Und er war tatsächlich ein wenig eingenickt, als sie ihn mit einem sanften Kuss auf die Drachenwange weckte und verkündete: „Frühstück ist fertig!“ Wieder brauchte Lindi ein paar Sekunden, bis er in die Realität zurückgekehrt war. Rosabelinda half ihm auf und führte ihn behutsam zu seinem bequemsten Fauteuil, an den sie den opulent gedeckten Tisch herangerückt hatte. Was für Herrlichkeiten! Auf britische Art war da: Bacon and Eggs, Kippers, kleine gebratene Würstchen, Spiegel- oder Rührei, Baked Beans, gegrillte Tomaten und gebratene Champignons; Toast mit gesalzener Butter und Marmelade (davon verschiedene Gläser: ohne oder mit Schale von verschiedener Dicke); Orangensaft, Earl Grey Tee, aber auch Espresso. Dann gab es überdies eine Auswahl, die man als „mediterranes Frühstück“ bezeichnen könnte: Serrano-Schinken und Parma-Schinken auf geröstetem Brot, geräucherter Schinken mit Honig, Dill und Senf, Salami, Corizzo, Salsiccia, Oliven, Artischocken, eingelegte Zwiebeln und anderes Essiggemüse, Rucola-Kirschtomaten-Salat mit Parmesanraspeln und Senfdressing, Mini Quiche-Törtchen mit vegetarischer Spinat-Feta-Füllung, gefüllte Auberginenröllchen, Lachs-Pfannkuchen-Rouladen, mediterrane Dips (Thunfischcreme, Hummus, Ajvar, Tomaten-Frischkäse-Dip), Rührei mit Shrimps, Lachs-Pfannkuchen-Rouladen; an Süßigkeiten waren erwähnenswert: Beeren-Mascarpone-Creme mit frischer Minze, das spanische Fettgebäck namens Churros mit heißer Schokolade, bayerische Strauben, Crêpes und Pancakes, Cornetti, Croissants und Pain au Chocolat, Madeleines und Macarons.
Und inmitten dieser überschäumenden Brandung von Leckerbissen thronte als Leuchtturm der Sinnenfreude eine 3-Liter-Doppelmagnum „Moet & Chandon Brut Imperial Jeroboam13 Champagner“.
13Ab der Größe von 3 Litern tragen die Champagnerflaschen bis auf eine Ausnahme Namen biblischer Gestalten, im vorliegenden Fall „Jeroboam“; das war der 1. König des Nordreichs Israel. Die größte Flasche fasst 30 Liter und heißt nach dem mythischen König und Priester „Melchisedech“.

Lindi war völlig platt. Er hatte so lange geschlafen, dass Rosabelinda Zeit genug gehabt hatte, die Köstlichkeiten, die sie nicht selbst zubereiten konnte, per Eilkurier aus Veronas bestem Feinkostladen, der Salumeria Gironda (unweit der Basilica di Santa Anastasia), herbeischaffen zu lassen. Selbst wenn man riesigen Echsenappetit in Rechnung stellte, könnte diese Tafel wohl nicht vor drei Tagen leer geputzt werden.
Das war genau der Zeitraum, der verstreichen würde, bis Lindis Blessuren wieder geheilt wären, denn er wurde nun von Rosabelinda um und um eingesalbt mit ihrem unschätzbarem Zaubermittel, das sie vorsichtshalber in kleinen Portionen immer mit sich führte. Es handelte sich um Ur-Propolis aus der mittleren Kreidezeit, also etwa 90 Millionen Jahre alt. Es war bekanntlich die Zeit der Saurier, eine Zeit als alles riesig war: Mammuts, Schachtelhalme, Auerochsen, Säbelzahntiger, Riesenpalmen, etc. Es gibt heute noch Forscher, die behaupten, dass wir Menschen zu dieser Zeit noch gar nicht existierten. Das stimmt nicht, wir waren nur zu klein, als dass man uns bemerkte. Einer dieser relativen Winzlinge (immerhin war er aber doch 1,60 m groß) war ein Freund von einem Drachen -Vorfahren von Rosabelinda. Er liebte es, mit den Ur-Bienen zu kämpfen, was „ur-gefährlich“ war, denn ein Stich dieser 6 bis 7 Meter langen Biene konnte einen Elefantenbullen töten. Dabei ging es ihm nur um das Sammeln von Ur-Propolis von den Eingängen zu den wolkenkratzerhohen Bienenstöcken. Er überlebte lange. Und es war keine Biene, die ihn tötete, nein, vielmehr fiel ihm bei einem überhasteten Rückzug von einer Propolis-Diebstour ein etwa 15 kg schwerer Brocken aus den Armen und zerschmetterte ihm die rechten Fußwurzelknochen. Propolis wäre zwar zur Heilung der äußeren und inneren Wunden bei der Hand gewesen, doch hatte der Imker-Urahn gleichzeitig einen Herzinfarkt erlitten, als er hörte, dass sich der wild gewordenen Bienenschwarm unaufhaltsam näherte.

Tage später fand der Lindwurmfreund seinen verwandten toten „Spezi“ und den Propolis-Brocken, den er natürlich zu sich nahm. Seither wurde das unendlich wertvolle Ur-Propolis von Generation zu Generation vererbt, und es wurde gehütet wie ein Goldschatz, weshalb ignorante Heimatforscher immer wieder behaupteten, es wäre dieses Edelmetall, das die Drachen in ihren Schatzhöhlen bewachten. In Wirklichkeit war es unverschnittenes Propolis. Nicht einmal beim sogenannten „Rheingold“ können wir sicher sein, um was es sich in Wirklichkeit handelte, und wovon Fafner wirklich in Richard Wagners Oper „Siegfried“ sang, wenn er verlauten ließ: „Ich lieg‘ und besitz; lasst mich!“. Und, apropos Wagner: da gibt es im „Rheingold“ eine Szene, in welcher die Riesen die Göttin der Jugend, Freia, als Pfand verschleppen, weil Wotan sie für das Erbauen von Walhall nicht bezahlen kann oder will. Die Folgen sind verheerend. Dem Gott Donner „sinkt die Hand“, sodass ihm sein mächtiger Hammer entgleitet. Seinem „Kollegen“ Froh „stockt das Herz“. Loge findet heraus, was ihnen fehlt: „Von Freias Frucht genosset ihr heute noch nicht. Die gold’nen Äpfel in ihrem Garten, sie machten euch tüchtig und jung, aßt ihr sie jeden Tag. Des Gartens Pflegerin ist nun verpfändet; an den Ästen darbt und dorrt das Obst, bald fällt faul es herab. – Doch ihr setztet alles auf das jüngende Obst: das wussten die Riesen wohl; auf euer Leben legten sie’s an: nun sorgt, wie ihr das wahrt! Ohne die Äpfel, alt und grau, greis und grämlich, welkend zum Spott aller Welt, erstirbt der Götter Stamm.“
„Goldene Äpfel“ also sollten angeblich ewige Jugend und Stärke verleihen. Zu sehr freilich scheint mir da der griechische Hesperiden-Mythos ins Germanische hinübergeprügelt worden zu sein. Die Hesperiden hüteten nämlich in einem wunderschönen Garten, der Hera gehörte, einen Baum mit goldenen Äpfeln, welche ewige Jugend und Unsterblichkeit verliehen. Dass auch sie durch einen mehrköpfigen Drachen bewacht werden, würde dann auch gut zu Fafner passen. Ebenso, dass die Hesperiden-Äpfel auch einmal vom Titanen Atlas im Auftrag von Herakles gestohlen wurden, ähnelt stark dem Raub der Göttin Freia durch die Riesen Fasold und Fafner.
Warum aber sollten goldene Äpfel eine solche Kraft innehaben, reichte es, dass man sie besaß, dass sie vor dem Wohnzimmerfenster auf dem Baum hingen, musste man sie von Zeit zu Zeit streicheln oder gar abschlecken, denn abbeißen konnte man von ihnen ja nicht, ohne dass man einem mythischen Zahnarzt zu unsterblichem Reichtum verholfen hätte. Auch abschälen hätte nach Äonen ihren totalen Schwund nach sich gezogen. Was läge also näher, als dass es sich bei den „Äpfeln“ nur um goldfarbenes Material handelte, das in eine runde, apfelförmige Form gebracht wurde. Und schon wären wir bei Propolis angelangt.

Bernsteinfarbenes Propolis in Naturform
Quelle: https://www.zgholisticclinic.com/propolis-nedir-faydalari-nelerdir-propolis-nasil-kullanilir

Und schon habe ich mich wieder im Irrgarten meiner Fantasie verlaufen. Also schleunigst zurück nach Sirmione. Rosabelinda erwies sich als hingebungsvolle Krankenschwester, sparte nicht am wertvollen Ur-Propolis, wenn es galt, Lindi einzureiben. Das uralte Wundermittel hatte nichts von seiner Kraft verloren. Und nach einigen Tagen tollten die beiden gemeinsam wieder in der Luft herum, machten Loopings, übten Sturzflug, machten Rollen, Rückenflug, und schreckten sich immer wieder mit gewolltem, aber nicht angekündigten Trudeln.
Sie waren sich einig, dass man diese Genesung nicht schöner feiern könnte, als mit einem Schwimm- und Flugausflug zu der Kuhle am Monte Baldo, wo sie sich kennengelernt hatten.
Dort angelandet – diesmal ohne Turbulenzen – genossen sie wieder die Sonnenstrahlen, die leise streichelnde Brise, die Wärme, die allmählich auch von ihren aufgehitzten Körpern ausging, und natürlich die prächtige Aussicht auf einen der schönsten Seen Italiens. Beim sinkenden Abendrot und der bald darauf in den blaudunkelnden Himmel hineinziselierten Mondsichel, blieb ihnen dann gar nichts mehr anderes übrig, als in derselben Sekunde – coup de foudre – zu begreifen, dass sie unsterblich ineinander verliebt waren. Magisch und magnetisch zog es ihre Münder zum ersten Kuss aneinander, ihre strahlenden Feuerzungen verflochten sich, waberten oder funkelten, je nach der Intensität ihrer Umarmung, lodernde Lohe der Leidenschaft durchzuckte ihre Glieder. Schließlich mussten sie sich doch entschließen, zurück nach Sirmione zu fliegen. Sie taten das, Flügelspitze an Flügelspitze, kunstvoll, als ob sie der italienischen Kunstfliegerstaffel „Frecce Tricolori“ angehören würden!
Als sie allerdings die Punta San Vigilio erreicht hatten, da war es mit dem bis dahin noch relativ zivilisierten Verhalten der Beiden vorbei. Sie mussten ganz einfach zu der Halbinsel abbiegen. Zu verlockend war die Zypressenallee.



Sie konnten nicht widerstehen, diese schlanken, hohen Bäume als Tore für einen fliegenden Parallelslalom anzusehen. Nach zehn Durchgängen stand es unentschieden, und man konnte befriedigt nach Hause fliegen. Zu überwältigt von dem ganz neuen Lebensgefühl, das beide ja noch nie erlebt hatten, und übermüdet von der sportlichen Sonderleistung, schliefen sie trotz aller drängenden Lust eng umschlungen sofort ein.
Freilich, am nächsten Morgen forderte Frau Venus ihr „ius primae noctis“ von beiden. Danach waren sie übermütig wie junge Hunde, Fohlen oder Zicklein. Gleich veranstalteten sie einen Schwimmwettbewerb. Der Gewinner durfte den Verlierer tauchen – zum Glück geschah das in der Mitte des Sees, sodass die Wellen an den Ufern nicht allzu sehr anschwollen. Wasserschlachten wurden abgehalten, gegen die Lepanto und Trafalgar sich wie das Plantschen eines Babys ausgenommen haben dürften. Sie spielten Wasserball, spritzen sich mit wahren Fontänen an, die jedem Hochstrahlbrunnen zur Ehre gereicht hätten, und alberten auf alle erdenkliche Weise miteinander herum. Besonders gerne schreckten sie deutschsprachige Touristen, indem sie sich so weit unter Wasser drückten, dass nur mehr ihre Nüstern über die Oberfläche ragten. Wenn die Piefke und Ösis nahe genug waren, schickten die beiden Scherz-Echsen gewaltige Feuerstöße gegen den blauen mediterranen Himmel, vermischt mit gischtenden Wassersäulen. Wenige Tage später kam es einerseits in München, Stuttgart, Berlin, Hamburg, Amtmannshausen, Wesobrunn, Kiel, Lübeck, Nördlingen, anderseits in Wien, Salzburg, Innsbruck, Villach, Steyr, Mistelbach, Lech am Arlberg, am Aachen-, Wörther- und Stubenberg-See an den jeweiligen Stammtischen zu hitzigen Auseinandersetzungen zwischen jenen, die ihren Urlaub am Gardasee verbracht hatten, und jenen, die entweder zu Hause geblieben waren (das ist heutzutage Snobismus pur: Schwammerlsuchen statt Fallschirmspringen, Schneeschuhwandern statt Heli-Skiing, Kegeln statt Pferdepolo), oder solchen, die auf Safari in Afrika gewesen, auf den Malediven oder Seychellen geschnorchelt, oder nach Patagonien zum Klettern geflogen waren.
Die einen behaupteten, es gäbe selbstverständlich Seeschlangen im Gardasee (furchtbare Geschöpfe, die das Wasser zum Sieden brächten, kochende Wassersäulen zum Himmel sandten und brüllten wie eine Elefantenherde. Die gegnerischen Leugner lehnten hingegen solchen Unsinn strikte ab, unter Hinweis auf klassische Aufklärung und modernste Naturwissenschaften. Die Verschwörungstheoretiker aber hatten eine Hochsaison wie nie zuvor. Deren Leib- und Magen-Verblödungsinstitution, der Kopp-Verlag aus Rothenburg a. N., musste Sonderschichten mit allen Angestellten einlegen. Die größten Fanatiker suchten den Gardasee und seine Umgebung nach geeigneten Landeplätzen für UFOs ab, denn nur solche konnten diese Alien-Ungeheuer auf die Erde importiert haben. Beinahe hätten sich Österreich und die Bundesrepublik jeweils bürgerkriegsmäßig gespalten, doch legten sich die Querelen wieder halbwegs während der kalten Jahreszeit, als niemand an den Gardasee fuhr.
Aber gerade diese Periode schätzten Lindi und Rosabelinda sehr, denn sie konnten sich frei vom Tourismus viel freier bewegen, und kalt war ihnen sowieso nie, da sie durch ihren dicken Schuppenpanzer gut eingehüllt waren – es war sogar irgendwie besser, als bei extremen Hochsommer-Temperaturen, wie sie durch den Klimawandel immer ärger wurden, die sie manchmal arg zum Schwitzen gebracht hatten. Und so lagen sie bei ihnen noch immer angenehmen Temperaturen auf dem Rücken auf flachen Felsplatten und schauten in das kristallklare Sternengefunkel auf dem samtschwarzen Winterhimmel.
Einmal flogen sie mittags in die im Winter für Besucher gesperrte Val Camonica, mit ihren fantastischen Felszeichnungen, die immer mystischer wurden, je mehr das grelle mittägliche Winterlicht in die Himmelsröte des späteren Nachmittags überging, um schließlich in den Zaubermantel der herannahenden Nacht gehüllt zu werden. Da rollte sich Lindi zu einem Uroboros14 zusammen.
14Der Uroboros ist ein bereits in der Ikonographie des Alten Ägyptens belegtes Bildsymbol einer Schlange oder eines Drachen, die/der sich in den eigenen Schwanz beißt und so mit dem Körper einen geschlossenen Kreis bildet. Er wird auch als Schlange der Ewigkeit bezeichnet..
Für alle, die es noch nicht wissen sollten: diese Haltung entspricht bei Drachen dem Kniefall bei Menschen, und zwar speziell, wenn sie einen Heiratsantrag stellen. Und das tat Lindi nun, und Rosabelinda gab jauchzend ihr Ja-Wort. Verliebt wie Schmetterlinge flatterten sie zurück nach Sirmione.
Von hier an wurden meine Informationen kärglicher, da ich eine Zeitlang von einem zwar erfolgreichen, aber umso turbulenteren beruflichen und privaten Strudel umhergewirbelt wurde. Dennoch haben wir uns in dieser Zeit wenigstens regelmäßig geschrieben, und so erfuhr ich, dass Rosabelinda schwanger war.
Zur gegebenen Zeit bekam ich dann auch die Geburtsanzeige. Sie hatten ein Mädchen bekommen, das auf den wunderschönen Namen „Echsi“ hören würde. Ein Geschenk zur Geburt war fällig. Lindi hatte mir mitgeteilt, dass irgendein Scherzbold ein Goldgeschmeide geschickt hatte, mit dem Begleittext, es würde sich um ein Stück aus dem rheingoldenen Nibelungenschatz halten. Dem war allerdings ein lachendes Smiley beigefügt gewesen. Dass das ein gutgemeintes Fake war, stellte sich kurz darauf heraus, als ein kontaktierter Juwelier konstatierte, dass das gute Stück ein moderne Punze trug! Es folgte allerdings kurz danach ein sehr liebenswürdiger Brief des WorldWildlifeFonds, mit dem er sich für den „Joke“ entschuldigte, der nur auf ihre enge Verbundenheit auch mit den Drachen besonders hinweisen sollte, die sie längst auch auf die rote Liste der von dem Aussterben bedrohten Arten gesetzt hatten. Nach einem Jahr hatte ich endlich einmal beruflich länger in Verona zu tun, und von dort ist es bekanntlich nur ein Katzensprung zum Gardasee. Endlich konnte ich diesen Schnappschuss von der frischgebackenen Familie machen.

Wir feierten „bis in die Puppen“. Und Lindi und ich sprachen den von mir mitgebrachten alkoholischen Kostbarkeiten ordentlich zu, beginnend mit einer vollen Ladung Guiness-Bier, dann übergehend in einige Flaschen besten alten Barolos. Das war es mir wert, denn ich hatte ja gerade eine saftige Gehaltserhöhung und einige Boni bekommen. Und ich wusste, dass man Lindis Expertenzunge, die jeden Sommelier und jede Sommelieuse beschämt hätte (mein Beitrag zum Gendern ) nicht mit ein paar lächerlichen Achterln oder Vierterln zufriedenstellen hätte können. Den Schluss machte dann ein “spirituelles“ Buffet, bestückt mit Whiskey, Wodka, Slivovitz, Armagnac, Tequila (ja, auch Lindi versteht es, diesen lege artis zu sich zu nehmen), Grappa, Barack Puszta,
Hingegen hielt sich die junge Mutti ein wenig zurück, obwohl bei der von ihr genossenen Alkoholmenge natürlich jede Menschenfrau ins Koma gefallen wäre. Daher war sie, zwischen uns beiden sitzend, durchaus auch noch im Stande gewesen, uns liebevoll lächelnd mit ihrer linken und rechten Flügelspitze zärtliche Rippenstöße zu versetzen, als Lindi und ich (was sonst tabu war) doch noch lauthals sangen:
Her eyes were exciting her hair was golden,
The lips were inviting, and my heart she’s stolen!
Now we’re together me and Belinda
Now and forever me and my Linda
Es folgt demnächst eine Fortsetzung, wie „Lindi“ in Klagenfurt eine Füllfeder kaufte.

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