GEDANKEN ZUM FEUER

„…Wohltätig ist des Feuers Macht,
 Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
 Und was er bildet, was er schafft,
 Das dankt er dieser Himmelskraft;
 Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft,
 Einhertritt auf der eignen Spur,
 Die freie Tochter der Natur.
 Wehe, wenn sie losgelassen,
 Wachsend ohne Widerstand,
Durch die volkbelebten Gassen
 Wälzt den ungeheuren Brand!
 Denn die Elemente hassen
 Das Gebild der Menschenhand…“

(Friedrich Schiller, Das Lied von der Glocke)

ULYSSES
Die Zeit trägt einen Ranzen auf dem Rücken,
Worin sie Brocken wirft für das Vergessen,
Dies große Scheusal von Undankbarkeit.
Die Krumen sind vergangne Großtat, aufgezehrt
So schleunig als vollbracht, so bald vergessen
Als ausgeführt. 

(William Shakespeare, Troillus und Cressida)

Beinahe wäre mit diesen beiden Zitaten schon alles gesagt. Warum dieses? Nun vor einer (gefühlten) Ewigkeit wollte ich aus einem konkreten Anlass heraus einiges aus meinem Wissen zusammenstellen zum Thema „Feuer“. Es sollte damals sogar ein tröstlicher Text werden. Aber auch diese Kompilation (es war freilich gewiss keine „Großtat“ von der Art, wie sie wohl Shakespeares Ulysses vor Augen hat, aber immerhin) fiel recht bald in das abgrundtiefe Loch des Vergessens, auch bei mir selbst. Als ich aber kürzlich brennende und glühende Scheiter in einer Feuerschale erblickte, fiel mir dieser alte Beitrag wieder ein. Ich nahm ihn zur Hand und er gefiel mir gar nicht so schlecht. Aus einer gewissen mir eigenen Überheblichkeit (die sich oft genug mit einem Minderwertigkeitskomplex abwechselt) tat mir auf einmal leid, dass niemand mehr diesen Beitrag lesen würde. Und so bildete ich mir ein, ich müsse ihn, natürlich in etwas veränderter Form, hier in meiner Webseite „Liesmich 2“ noch einmal für meine Freunde veröffentlichen.

Es geht eigentlich um nichts anderes als um die (bereits von Schiller unnachahmlich auf den Punkt gebrachte) Ambivalenz des Feuers, seine Wohltätigkeit und seine rasende Vernichtungswut. Darüber wollte ich auch damals schon ein wenig philosophieren, um es hochtrabend auszudrücken.

Schon die ständig sich in ihrer Gestalt ändernden Umrisse einer flackernden Flamme könnten uns als Symbol letztlich auch für die zahlreichen Wechselfälle in unserem Leben erscheinen. Richard Wagner hat in seiner Opern-Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ dem listigen und hinterhältigen Feuergott „Loge“ gesanglich und schauspielerisch ein solches Profil verliehen. Dessen Name steht natürlich in engster Verbindung mit dem Wort „Lohe“ (lodernde Glut, hell flackernde Flamme) und „lodern“ (hellauf brennen).

Loge: (Quelle: http://nordicwiccan.blogspot.com/2013/07/loki.html)

Möglicherweise fällt uns leider in Zusammenhang mit „Feuer“ eine der furchtbarsten Epochen abendländischer Geschichte ein: das Kapitel Hexen- und Hexer-Verbrennungen und die Ketzer-Autodafes der Inquisition.

„Ein erschröcklich geschicht Vom Tewfel und einer unhulden / beschehen zu Schilta bey Rotweil in der Karwochen“, Flugblatt zum Teufel von Schiltach

Die Hexenverfolgungen in Europa fanden überwiegend in der Frühen Neuzeit ab etwa 1450 statt. Ihre Höhepunkte erreichten sie zwischen 1550 und 1650, in Österreich bis 1680.

Die Spanische und Portugiesische Inquisition hielt Prozesse gegen Ketzer ab. Man nannte diese Autodafé (von lateinisch actus fidei). Die Vollstreckung der Urteile, insbesondere das Verbrennen auf dem Scheiterhaufen, fand nicht im Verlauf der eigentlichen Autodafés statt, sondern später an einem anderen Ort.

Und den Sonderfall der Jeanne d’Arc dürfen wir natürlich auch nicht vergessen.

Jeanne d’Arcs Tod auf dem Scheiterhaufen, Historiengemälde von Hermann Stilke, 1843

Europas letzte Hexenverbrennung fand 1811 in der ermländischen Kleinstadt Reszel (Rößel) statt. Barbara Zdunk wurde wegen einer Feuersbrunst angeklagt, die 1807 fast die gesamte Stadt zerstört hatte.  Bei dem letzten Autodafé der Spanischen Inquisition im Jahr 1781 in Sevilla wurde über die einzige Angeklagte, María de los Dolores López, das Todesurteil verkündet. Sie wurde anschließend auf dem Scheiterhaufen erwürgt und verbrannt.

Diese aus heutiger Weltsicht (zumindest von ihren Taten her) völlig unschuldigen Delinquenten, Opfer von Massenhysterien – sei es im gemeinen Volk, sei es im hohen Klerus – „standen wirklich im Feuer“, während dieser Ausdruck heute nur mehr im übertragenen Sinne meist bei verkorksten Paarbeziehungen von mehr oder weniger erfolgreichen Coaches verwendet wird, von ernstzunehmenden, aber auch von solchen, welche die „Heilslehren“ mit dem „großen Löffel gefressen“ haben! Daran war ich nie besonders interessiert, wohl aber hat mich das Sprachbild „im Feuer stehen“ fasziniert, insbesondere wieviel Aberglaube damit in früheren Zeiten auch verbunden sein konnte. Ich denke etwa an den „Feuersalamander“, der schon allein durch seine leuchtend gelben Flecken auf dem kohlschwarzen Körper als Symbol für Feuer gelten konnte. Man dichtete ihm aber überdies an, er könne nicht nur im Feuer überleben, sondern dieses sogar mittels seines giftigen Sekrets löschen. Das hat Tausenden von ihnen, die auch heute eine gefährdete Art sind, das Leben gekostet, weil man sie in brennende Häuser und Scheunen warf, um gegen die Brände anzukämpfen.

Doch nicht nur der ungebildete Pöbel vertrat solche Ansichten, sondern auch ein als „gelehrt“ geltendes Werk wie der Physiologus und sogar die Kirche. So erwähnte der Kirchenvater Augustinus im 21. Kapitel seines Hauptwerks „De Civitate Dei“, dass der Salamander ohne Schmerzen im Feuer lebe, „weil seine Natur diesem Element angepasst“ sei, eine Ansicht die etwa auch der bedeutende Isidor von Sevilla in seinen „Etymologiae“ bestätigt. Auch Paracelsus, einer der Hauptvertreter der Elementargeisterlehre, weist in seinem Werk „Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandribus…“ den Salamandern das Feuer als Lebensraum zu.

Salamander: Paracelsus: Auslegung von 30 magischen Figuren, Strasbourg 1616 AD

Bemerkenswerterweise besitzt die Österreichische Nationalbibliothek in Wien mit dem sogenannten „Wiener Dioskurides“ eine illustrierte Sammelhandschrift in griechischer Sprache aus Konstantinopel, die bereits vor 512 n. Chr. den Salamander im Feuer zeigt.

Wie eigentlich zu erwarten war, benützt Goethes Faust ebenfalls die Elementargeister, demnach also auch den Salamander, bei der Beschwörung jenes Pudels, der sich als Mephistopheles erweist.

Der Salamander war auch in der Alchemie von großer Bedeutung, symbolisierte er doch die Feuerbeständigkeit mancher Stoffe. Daher konnte er auch als Emblem bzw. als Deckname für den Stein der Weisen dienen, der durch lang andauernde Hitze erzeugt und durch die Einwirkung von Feuer zudem immer weiter verbessert werden sollte.

Und wenn Unbelebtes „im Feuer steht“, dann tritt mir als erstes das „Große Feuer von London“ aus dem Jahr 1666 vor Augen, das vier Fünftel der City of London  zerstörte und etwa 100.000 Einwohner obdachlos machte.

Feuer am Dienstag, dem 4. September 1666; Gemälde von Josepha Jane Battlehooke 1675

Der Brand brach aus, weil in einer Bäckerei eine Magd aus Schlamperei einen Backofen nicht ganz gelöscht hatte. Das Feuer tobte vier Tage lang und zerstörte rund 400 Straßen, 13.200 Häuser und 87 Kirchen, darunter auch die alte St Paul’s Cathedral. Der materielle Schaden wurde später auf etwa 1,7 Milliarden Pfund (in heutiger Währung) geschätzt. Schon allein Christopher Wren, der geniale königliche Generalarchitekt für England, hatte 60 Kirchen und öffentliche Gebäude neu zu errichten.

Schon in sehr frühen Zeiten konnte das furchtbare Wüten des Feuers zu der Vorstellung geführt haben, dass einstmals auch die ganze Welt durch einen riesigen Brand zugrunde gehen könnte. Wir erinnern uns, dass in der christlichen Apokalypse u.a. vor dem Weltenende Feuer vom Himmel fällt. Ganz stark aber war dieser Glaube bei den Germanen vertreten: Völuspá, Ragnarök, Muspili. Am Schluss setzt ein Weltenbrand allem ein Ende. Allerdings erwartet die Guten bei dem Seher Johannes nach der Zerstörung alles Irdischen das „Himmlische“ Jerusalem, und auch nach dem germanischen Mythos wird nach dem Ende wieder Neues entstehen und ein Goldenes Zeitalter für Götter und Menschen beginnen.

Feuer also nicht ausschließlich als „böse, schädliche Macht“, sondern auch reinigend, schöpferisch, Neubeginn ermöglichend?

Wie schon oben angedeutet, hätte Friedrich Schiller es auch so gesehen. Schreibt er doch, wie schon erwähnt, in seinem „Lied von der Glocke“: „Wohltätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht.“ Ohne diese elementare Macht könnte gemäß Schiller eben kein Guss von Glocken, mit ihrer jahrhundertelangen Bedeutung, die heute natürlich fast gänzlich verblasst ist in unserer symbolarmen, jedem Mysterium abholden Zeit, in der man Glocken nicht einmal mehr zum Bestimmen markanter Tageszeitpunkte benötigt – dank Handy oder Swatch – geschweige denn, dass wir noch das großartige Motto nachempfinden würden (außer vielleicht in sehr ländlichen Gegenden), das Schiller seiner Ballade vorangestellt und damit die einstigen majestätischen Aufgaben der Glocken präsentiert hatte: „Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango“ („Ich rufe die Lebenden, ich beweine die Toten, ich breche die Blitze“).

Aber natürlich geht die „Wohltätigkeit“ des Feuers weit über ein solches Beispiel hinaus, denn wenn das Rad die wohl wichtigste Erfindung des Urmenschen war, so war das Feuer gewiss seine wichtigste Entdeckung, als es ihm gelungen war, die Glut, die ein Blitzschlag in einem dürren Geäst hinterlassen hatte, zu bewahren (und später natürlich aus dem Feuerstein Funken zu schlagen). So wurde Zivilisation überhaupt erst möglich. Und im Anschluss daran auch immer mehr Kunst, angefangen vom schwarzen Ruß der Holzkohle, geeignet für zeichnerische Umrisse, gefüllt mit verschiedenen aus der Natur gewonnenen Farben, sodass wir nach Jahrzehntausenden noch die genialen Ergebnisse der Höhlenmalerei in Ehrfurcht bestaunen können.

Dann die Entdeckung, dass Feuer aus minderwertigen Materialien Wertvolles an den Tag bringen kann. So z.B. durch „Läuterung“, wie man den Prozess der starken Erhitzung nennt, aus Bleierz Silber zu gewinnen.

Könnte man (um die Analogie doch noch einmal zu gebrauchen) solche Gedanken auch auf den Menschen, der im Feuer steht, übertragen?

Wenn man der Bibel Glauben schenken möchte, dann ja, denn sie benützt dieses Bild sogar gerne:

MALEACHI, 1-3:

„Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der HERR, den ihr suchet, und der Engel des Bundes, des ihr begehret. Siehe, er kommt! spricht der HERR Zebaoth.

Wer wird aber den Tag seiner Zukunft erleiden mögen, und wer wird bestehen, wenn ER wird erscheinen? Denn ER ist wie das Feuer eines Goldschmieds und wie die Seife der Wäscher.

Er wird sitzen und schmelzen und das Silber reinigen; er wird die Kinder Levi reinigen und läutern wie Gold und Silber. Dann werden sie dem HERRN Speiseopfer bringen in Gerechtigkeit“

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HESEKIEL:22:20
„Wie man Silber, Erz, Eisen, Blei und Zinn zusammentut im Ofen, dass man ein Feuer darunter aufblase und zerschmelze es, also will ich euch auch in meinem Zorn und Grimm zusammentun, einlegen und schmelzen.“

—————————————–

SACHARJA:13:9
„Und ich will den dritten Teil durchs Feuer führen und läutern, wie man Silber läutert, und prüfen, wie man Gold prüft. Die werden dann meinen Namen anrufen, und ich will sie erhören. Ich will sagen: Es ist mein Volk; und sie werden sagen HERR, mein Gott!“

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Das beste biblische Beispiel, was es bedeutet im Feuer zu stehen, ist für mich aber folgende Stelle:

JESAJA:48:10
„Siehe ich will dich läutern, aber nicht wie Silber; sondern ich will dich auserwählt machen im Ofen des Elends.“

Könnte man dies optisch (wenn man Silber durch Gold ersetzt) besser ausdrücken, als im gepeinigten Selbstbildnis des verfolgten chinesischen Künstlers Ai Weiwei?

Das Ziel ist groß: der Vergleich, einen Menschen so groß zu machen, wie eines der wertvollsten Edelmetalle der Antike! Aber der Weg dahin? Geläutert werden! Das bedeutet Pein, Schmerzen, gewaltsame Veränderung – zunächst vom Feuer in Glut verwandelt zu werden, um später dann wohl noch auf dem Amboss mit groben Hammer(schicksals)schlägen umgeformt zu werden zu feinstem Tafelgeschirr, eleganten Trinkgefäßen, Behältern für die Toilette, Tafelaufsätzen, Bestecken, Weihrauchbehältern, Salz- und Pfefferstreuern etc. etc. Antike Beispiele:

Seuso-Schatz (Foto: Máthé Zoltán/MTI; https://ng.24.hu/kultura/2017/07/16/magyarorszagon-van-a-seuso-kincs-eddig-ismert-osszes-darabja/)
Ehepaar: Bodenfragment eines spätrömisches Zwischengoldglas (Goldfolie zwischen zwei Gläsern), 4. Jh. n. Chr.
Gruppe der Drei Grazien, römisch, 2. Hälfte 2. Jh. n. Chr., Bronze, vergoldet (Rückseite eines Reliefspiegels)
Athenaschale aus dem Hildesheimer Silberfund, 1. Jahrhundert v. Chr.
Römisches Weinsieb. Foto: Wolfgang Sauber;
(CC-BY-SA-3.0)

[Bild links: frei; mittleres Bild: Foto: James St. John (CC-BY-SA-2.0); rechte Abbildung: Foto: Robert M. Lavinsky (CC-BY-SA-3.0)]

Per aspera ad astra“ – „durch das Raue zu den Sternen“, so könnte man auch alle weiteren Prozesse der Veredelung bezeichnen, bei denen unter Ausnützung des Feuers vor allem der Schmied in allen Kulturen als Demiurg, als ein göttlicher Schöpfer, dem etwas Magisches und Mythisches anhaftet, auftritt. Seine Stellung in der Gesellschaft ist herausgehoben, seine kulturgeschichtliche Bedeutung beachtlich. Auch ähnliche Berufe nützen die dämonische Macht des Feuers, um harmonische Kunst hervorzubringen, etwa die Glasbläser,

Luster aus Murano (Quelle: https://lightshop.at/de/Muranoglas-Leuchten/Murano-Luster-Bomba1)

oder Künstler (Goldschmiede und Emailmaler), welche die Schmelztechniken des Emaillierens beherrschen. Der größte unter ihnen war wohl Nikolaus von Verdun, der Meister des Kölner Dreikönigsschreins und des Verduner Altars in Klosterneuburg.

Dreikönigsschrein (Quelle: Deutscher Orden)
Verduner Altar (Ausschnitt): Quelle: https://www.stift-klosterneuburg.at/stift-und-orden/geschichte/zeittafel/verduner-altar/

Auch der Münzschläger musste zuerst einen gewaltigen Schlag mit dem Hammer tun tun, bevor das fein ziselierte Bildnis etwa eines Kaisers auftauchte.

Foto: https://statues.vanderkrogt.net/
Kaiser Maximilian:
doppelter Schautaler 1509, Antwerpen, Stempelschneider Ulrich Ursentaler (Hall).
Quelle: https://www.dorotheum.com/de/l/1826471/

Bei all dem bisher Dargelegten handelt es sich – wie schon mehrfach erwähnt – um Veredelung nach dem Abschluss grober Prozesse. Könnte es sein, dass man sich vorgestellt hat, dass eine solche materielle, handwerklich-künstlerische Erfahrungswelt analog auch auf den Menschen anzuwenden wäre? Ich denke: ja! Ein lateinischer Ausdruck für „erziehen, unterrichten, aufklären“ lautet nämlich „erudire“, und da steckt das Wort „rudis“ drinnen, das „roh, unbearbeitet, kunstlos“ bedeutet. Daraus ließe sich also ableiten, dass auch der Mensch eine Prozedur der Peinigung durchlaufen muss, wenn er durch Altern in eine andere Lebensstufe eintritt, oder freiwillig eine Höherentwicklung seiner Persönlichkeit anstrebt.

Das nahezu weltweite Vorzeigemodell ist (oder war früher) der Übergang von der Pubertät ins Erwachsenenalter, insbesondere in Bezug auf die Knaben (obwohl es auch Mädchen-Riten gab). Bei den ersten Anzeichen von Mannbarkeit werden sie brutal ihrer Familie entrissen und kommen an einen geheimen Ort (manchmal eine eigene verborgene Initiationshütte) in der Wildnis, womit schon ein Todessymbol anklingt: Wald, Dschungel, Finsternis versinnbildlichen das Jenseits, die „Unterwelt“. Manchenorts glaubt(e) man, dass der Neophyt von einem Ungeheuer verschlungen wird, in dessen Bauch die kosmische Nacht herrscht. Er wird zum Embryo.

Bei gewissen Völkern werden die Kandidaten in frisch ausgehobene Gräber gelegt und dürfen sich nicht mehr rühren. Psychoterror wird ausgeübt, indem den Einzuweihenden vorgegaukelt wird, sie würden von Initiationsdämonen zerrissen werden, zerstückelt, gekocht oder geröstet. Sie werden aber auch physisch schwer gefoltert, man könnte sagen, schmerzvoll traktiert wie die Metalle und Gesteine durch deren Feuerbehandlung. Sie werden verstümmelt, beschnitten, durch Schnitte ins Fleisch verwundet (inzisiert), tätowiert, es werden ihnen Zähne gerissen und Finger amputiert. Auch das Zufügen von Brandzeichen gab es als Initiationsbrauch. Natürlich gab es nicht alle Foltermethoden überall, aber stets handelte es sich um äußere Symbole für den Tod.

Diese jungen Menschen am Ende ihrer Pubertät standen wirklich „im Feuer“, um dieses Bild jenseits jeglichen Guru-Jargons wieder aufzunehmen.

Diesen Scheintötungen folgt aber bei allen Initiationsriten die Auferstehung, die Wiedergeburt. Mit der Initiation beginnt also alles von neuem. Die jungen Erwachsenen erhalten andere Namen, die von nun an ihre wahren Namen sind. Sie lernen einen Geheimwortschatz, der nur Initiierten zugänglich ist. Sie sind nun vollwertige Männer des Stammes, an Jagd und Krieg beteiligt.

Fassen wir noch einmal zusammen: vor ihrer Initiation wissen die Knaben nichts vom Heiligen, von der Sexualität und vom Tod. Sie sind Blinde im Geiste. Das Mysterium der Einweihung enthüllt ihnen aber dann nach und nach die wahren Dimensionen der Existenz, sie werden in das Sakrale eingeführt und verpflichtet, ihre Verantwortung sich selbst und der Gesellschaft gegenüber auf sich zu nehmen. Zum Beweis der Reifung gehört auch eine ganz strenge Verschwiegenheitspflicht. Bei den prominentesten antiken Initiationsriten, den „eleusinischen Mysterien“, stand auf Geheimnisverrat sogar die Todesstrafe!

Halten wir dieses wichtige Faktum noch einmal fest: der Zugang zum geistigen Leben wird in allen archaischen Gesellschaften durch einen Symbolismus von Tod und Neugeburt ausgedrückt. In diesen alten Gemeinschaften war natürlich jeder Pubertierende von den Übergangsriten ins Erwachsenenalter betroffen.

Es gab aber, gibt und wird immer wieder eine Auslese von Personen geben, die mehr wollen, mehr Einsicht in die conditio humana, tieferes Wissen über Gott und die Welt, Selbsterkenntnis, Aufklärung und einen Wegweiser aus den Fallen der Vorurteile, vielleicht aber auch nur mehr Macht ? (Vgl. „Wissen ist Macht“). Diese Menschen versuchen, ihre Interessen zu bündeln, und so entstehen Männer- und Weiberbünde. Und hier bedient man sich wiederum derselben Prüfungen und Initiationsszenarien wie bei den Pubertätsriten. Gewiss ist bei modernen Männerbünden aber körperliche Gewalt wohl in den Hintergrund gerückt und durch Symbolik ersetzt. Auch die Verschwiegenheit wird zum Teil eher als hinderlich angesehen in Bezug auf die Verbreitung der Friedens- und Wohltätigkeitsbotschaft, die solche philanthropische Institutionen verdienstvollerweise verbreiten wollen. Dies gilt, wie vor allem BRD-Zeitungsmeldungen entnommen werden kann, vermutlich für die Freimaurerei, der allerdings in Krisenzeiten von Verschwörungstheoretikern immer wieder die Sündenbockrolle zugeschoben wird.1


1Einen sehr guten Überblick bietet z.B. ein Beitrag von Helmut Reinalter in der Hamburger Wochenzeitschrift „DIE ZEIT“ vom 13. September 2020.


Jeder hat Zutritt zu Freimaurer-Museen (in der BRD etwa in Bayreuth, in Österreich auf Schloss Rosenau) und in jeder Buchhandlung oder auch im Internet (z.B. Amazon) kann beispielsweise das große internationale Freimaurer-Lexikon von Lennhof/Posner erworben werden. Freilich gibt es auch geheime Männerbünde, von denen wohl das Gegenteil angenommen werden muss, obwohl nach wie vor kaum etwas nach außen dringt. Ich denke an den Ku-Klux-Klan, an die Mafia (egal ob italienisch, russisch, chinesisch oder amerikanisch; besonders packend der Film „Gomorrha“ nach Roberto Saviano, gegen den es natürlich Morddrohungen gibt, sodass er alle paar Tage den Aufenthaltsort wechseln muss), oder an so etwas wie vor Jahren die italienische Geheimloge „Propaganda Due“, die politisch beinahe zu einem Staatsstreich geführt hätte.

Aber bevor wir uns allzu weit von unserem Thema entfernen, noch einmal zurück zum Element „Feuer“. Diesmal begeben wir uns hinab in die tiefen und stockdunklen Nächte in undenklichen Vorzeiten. Diese konnten in jenen Urzeiten (Elektrizität war noch jahrtausendelang nicht erfunden) nicht erleuchtet werden, bevor man entdeckte, wie man durch Blitzschlag auf natürliche Weise entzündetes Feuer bewahren, oder später durch Reibung oder Funkenschlag vom Flintstein selbst hervorbringen konnte. Und da ist mir eingefallen, was „Feuer“ für den Menschen (noch vor aller Änderung in den Ernährungsmöglichkeiten durch Kochen und Braten) bedeutet haben muss: es bedeutete, dass es in finsterster Nacht in einem gewissen Umkreis hell wurde: Säbelzahntiger, Schlangen, Mammuts und Wollhaar-Nashörner konnten sich nicht mehr in der Finsternis unbemerkt anschleichen, wo ein Lagerfeuer brannte. Und sie konnten – nunmehr auch noch den Blicken preisgegeben – durch aus dem Stoß herausgerissene Brandfackeln schwer verletzt werden. Das flammende Licht vertrieb aber auch viele Dämonen, Schreckgestalten, unheimliche Sagenwesen, Spuk, Riesen, heimtückische Zwerge, Vampire, Werwölfe, Drachen etc., obwohl, oder gerade weil sie nur in den Köpfen ihrer Opfer existierten. Ich denke, so entstand die Sage von „Prometheus“: dieser hatte Zeus das Feuer gestohlen, und wurde von ihm zur Strafe an den Kasbeg, einen über 5000 m hohen Kaukasus-Bergriesen geschmiedet, wo ihm täglich durch einen Adler die Leber zerfleischt wurde.

Prometheus und sein Bruder Atlas, Lakonische Kylix, 560-550 v. Chr.
Kasbeg; im Vordergrund: Klosterkirche Gergeti 
(Quelle: https://www.enjoy-georgia.com/klassische-reisen/tagesausfluege-in-georgien/ausflug-nach-stepanzminda-kazbegi.html) [ich bin dort gewesen: der Eindruck ist überwältigend]

Menschen aber, die endlich das Feuer kannten und besaßen, konnten sich nun alles zutrauen, die Furcht schwand, war zurückgedrängt, das Geheimnis der Götter war entlarvt. Goethe legt seinem „Prometheus“ (im gleichnamigen Gedicht) u.a. die Worte in den Mund: „…ich kenne nichts Ärmeres unter der Sonn‘ als euch Götter …. Hier sitz‘ ich, forme Menschen nach meinem Bilde, ein Geschlecht das mir gleich sei, zu leiden, weinen, genießen und zu freuen sich, und Dein nicht zu achten, wie ich!“ Und jetzt ist mir noch spontan die katholische Osternacht eingefallen (siehe Bilder). Zuerst wird vor der Kirche ganz urig ein grober vorbereiteter Holzstoß entzündet, ursprünglich (wenn mich meine Erinnerung nicht narrt) mit einem Feuerstein und Feuerschwamm (einen solchen trug schon Ötzi in seiner Gürteltasche).

Foto: Silar (CC-BY-SA-3.0)

An dem brennenden Stoß wird dann die Osterkerze entzündet und in die völlig dunkle Kirche getragen.

Foto: Feldbrahi (CC-BY-SA-4.0)

Nach einem drei Mal gesungenen „Lumen Christi“ („Licht Christi“) wird die Flamme zuerst an die Kleriker und schließlich an die gesamte Gemeinde weitergegeben.

Das Dunkel des Todes ist besiegt.

Und nun ganz gewiss zum Schluss kommend: vergessen wir nicht, dass der Angelsachse anstatt den Terminus „Aufklärung“ zu verwenden, vom „Age of EnLIGHTenment“ spricht. Dass dieses „Licht der Vernunft“ in der momentanen Welt durch den Nebel grenzenloser menschlicher Dummheit wieder nur mehr armselig flackert, steht auf einem anderen Blatt.

Und nun ganz gewiss zum Schluss kommend: vergessen wir nicht, dass der Angelsachse anstatt den Terminus „Aufklärung“ zu verwenden, vom „Age of EnLIGHTenment“ spricht. Dass dieses „Licht der Vernunft“ in der momentanen Welt durch den Nebel grenzenloser menschlicher Dummheit wieder nur mehr armselig flackert, steht auf einem anderen Blatt.

Wollte man eine Zusammenfassung geben, dann müsste man sagen, das „Feuer“ ist also so ambivalent wie jene es symbolisierende germanische Götterfigur Loki/Loge – womit sich der Kreis schließt. Im „Feuer“ stehen zu bleiben, wird den Unwürdigen und Leichtfertigen2 ein psychisches Verderben bringen, die verharmloste Glut wird ihnen Depressionen bringen, ein seelisches Absterben – und hoffentlich auch all denen, die glauben, sie verstünden etwas von wahrer, und das heißt demutsvoller Esoterik, die sich eingesteht, dass sie wie Faust in seiner Studierstube in Wahrheit weit davon entfernt ist, irgendetwas davon zu verstehen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Scharlatane, Gurus, „Qualküren“3 und Hexen, die nur vollmundig angeberisch den Schein erzeugen, mit dem „Universum“ auf Du und Du zu sein. Aus Geldgier befriedigen sie auf Kosten Gutgläubiger ihren brennenden Durst nach immer mehr gewinnbringenden neuen Heilslehren, die sie meinen in Schnellsiedekursen (angeboten von noch größeren Rosstäuschern und Bauernfängerinnen) erlernen zu können. In Wirklichkeit kratzen sie nicht einmal an der Oberfläche, denn solches (Geheim)wissen ist ihnen nicht adäquat, weil es aus ganz anderen Kulturen und Anthropologien stammt. Möge ihr gieriger Schlund von der Flamme der Wahrheit versengt und verätzt werden.


2 Ich denke an den „Feuerreiter“ aus Mörikes gleichnamiger Ballade, der zwar eine Zeitlang nach außen hin reüssierte, indem er Brände auf zauberische Weise löschte. Letztlich verfiel er aber doch dem Satan, da er ja Gottes Willen korrigieren wollte. Seine Leiche wird – zu Asche zerfallend – im Keller einer abgebrannten Mühle gefunden.

3„Qualküren“ (© Baumann) ist selbstverständlich zu assoziieren mit den „Walküren“. Während diese die auf den germanischen Schlachtfeldern gefallenen Helden nach Walhall entführen, damit sie später Wotan als „Kanonenfutter“ für seine letzte Entscheidungsschlacht dienen können, kidnappen jene reine, natürliche, nach geistiger Orientierung suchende, manchmal freilich auch reichlich naive Seelen für den ultimativen Gewinn in ihren Geldbörsen.


Ihre Opfer tun mir in der Seele leid. Ich hoffe für einige, dass ihnen eines Tages die Gnade der Erkenntnis, wie sehr sie von falschen Schamanen und Seelenrassel-Virtuosinnen getäuscht wurden, zuteil werden möge, und dass sie zu denjenigen Demütigen werden, zu jenen, deren Seele im Einklang mit der Seele der Natur schwingt, zu jenen, die in der Umarmung eines Baums noch die antike Dryade in ihm spüren, und beim Baden die Nereiden in allen Wassern. Sie werden von den Göttern geliebt werden, weil sie endlich ihr wahres eigenes Wesen erkannt haben, diesem Gnothi se auton („Erkenne dich selbst“) folgend, das als weiseste Anleitung über dem Tempel des Delphischen Apollo stand. Ihnen wird es gegeben sein, beim Verbrennen „im Feuer stehend“ die alte, schlackige und schmutzige Asche hinter sich lassen zu dürfen, um aus den Flammen in eine vollendetere Sphäre aufzusteigen, wie der unsterbliche Symbol-Vogel Phönix.

Wer sonst als Goethe sollte das letzte Wort haben:

Selige Sehnsucht

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du, Schmetterling, verbrannt.

Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Eine Antwort zu „GEDANKEN ZUM FEUER“

  1. Alle Menschen sind der unteilbaren Würde.
    Der Grundgute weiss dem (wir) das Kainsmal an der Stirn.

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