Im ersten (noch nicht veröffentlichten) Teil der Betrachtungen über das Leben Mariä wurde ausführlich über die auf wunderbare Weise bewirkte Elternschaft Annas und Joachims berichtet, die sich so spät anbahnte, dass sie die Medizin jederzeit nur als praeter naturam bezeichnen könnte. Und dennoch: nach neun Monaten wurde ihr Kind Maria geboren. Das Ereignis wird in erster Linie in verschiedenen Apokryphen erwähnt, im Neuen Testament bezieht sich nur Lukas 1, 27 darauf, dass Maria „aus dem Hause Davids“ stammte. Ihr Geburtstag wurde bereits seit dem Konzil von Reims (630) auf den 8. September gelegt.
Eine Gebärende wird in der Spätantike stets halbaufgerichtet auf einer Liegestatt dargestellt, und die Hebamme übernimmt das Neugeborene zum ersten Bad.

Diesem Schema folgt auch die Geburt Mariens, wobei üblicherweise die Mutter Anna als gealterte Frau wiedergegeben wird. Erste Darstellungen, ein Diptychon aus Leningrad und ein Fresko in einer Kapelle der Kirche Santa Maria Antiqua auf dem Forum Romanum, weisen auf das 6. und 8. Jahrhundert hin. Besonders verbreitet ist die Darstellung in armenischen und syrischen Kirchen. Prächtig ist das von 1164 stammende Fresko in S. Pantaleimon zu Nerezi in Makedonien.

Die Bereicherung des Geschehens mit Frauen, die Speisen und Geschenke bringen, stammt wahrscheinlich aus dem kaiserlichen Zeremoniell.
Im Gegensatz zu den narrativen byzantinischen Darstellungen beziehen die frühen Bilder im Westen die Geburt Mariens auf die Theologie der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter.
Oft zeigen sich aber die Darstellungen des späteren Mittelalters in Italien sich durchaus noch von der byzantinischen Kunst beeinflusst. So z.B. in einem von 1291 stammenden Mosaik des Pietro Cavallini in Santa Maria in Trastevere in Rom, das (wie andere Bilder auch) nicht das Bad selbst, sondern seine Bereitung einschließlich der von einer Magd mit ihren Fingern durchgeführte Überprüfung der Temperatur des Wassers zeigt:

Nicht selten wird das Geschehen räumlich in einen sakralen Innenraum verlegt, in eine Art Pastophorion.1
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1 Pastophorien waren in altägyptischen Tempeln die Aufenthaltsräume der Pastophoren (Pastophoroi), der Priester, die ein Götterbild trugen. Gleichzeitig war es Aufbewahrungsraum für verschiedene Geräte des kultischen Gebrauchs. In der byzantinischen Kirchenarchitektur wurde der Name für Räume verwendet, die seitlich des Altarraums der frühchristlichen Kirchen als Arbeitsraum des Priesters dienten. In byzantinischen Basiliken lagen meist zwei Pastophorien beidseitig der Apsis, wobei in dem linken die Opfergaben der Gemeinde auf einem Tisch ausgebreitet wurden, während der rechte den Diakonen als Aufenthaltsraum diente und zur Aufbewahrung von liturgischem Gerät genutzt wurde. Letzterem entspricht die Sakristei in westlichen beziehungsweise das Diakonikon in östlichen Kirchen.
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So auch bei Giotto, der das Thema in seinen Zyklus in der Arenakapelle (vollendet um 1310) zu Padua aufnimmt.
Den sakralen Charakter des Gehäuses verdeutlicht das Bild des Giebelfeldes, wo zwei Engel mit dem Brustbild Christi zum Himmel emporfahren:

Giotto: Arena-Kapelle
Maria wird hier zweifach dargestellt: Im Vordergrund ist sie nach dem Bad gewickelt worden. Es sieht außerdem so aus, als ob die linke Magd das Kind gerade schnäuzt. Hinter dem Bett wird sie gerade ihrer Mutter Anna in die freudig ausgestreckten Arme gelegt.
Vergleicht man damit die ziemlich teilnahmslose Mutter Anna auf dem Mariä-Geburt-Tafelbild des Meisters des Marienlebens, das ca. 150 Jahre (!) später entstanden ist als Giottos Fresko, dann wird man die unten aufgestellte Behauptung vermutlich nicht mehr als übertrieben ansehen können:

Die doppelte Darstellung einer Figur im gleichen zeitlichen und räumlichen Rahmen ist für Giotto ungewöhnlich, in der früheren Malerei aber durchaus üblich. Ob man aber nicht an solchen leicht zu übersehenden Kleinigkeiten [zu denen beispielsweise gewiss auch der erotische Kuss zwischen Joachim und Anna an der „Goldenen Pforte“ gehört (siehe meine Hinweise im Papier „Woher kam Maria?“)] ebenso die Hinwendung Giottos zu einer heraufdämmernden Renaissance, in welcher der Mensch beginnt, in den Mittelpunkt gerückt zu werden, ablesen kann, wie an den großen kunstgeschichtlichen Meilensteinen, die er gesetzt hat, wie etwa das Abrücken von den ikonographischen Normen der byzantinischen Malerei, die seit Generationen die Maler des Abendlandes beeinflusst hatte, zugunsten eines neuen Realismus, oder die Vorbereitung der Perspektive, das plastische Modellieren der Individuen (u.a. durch Breite und Faltenwurf), um ihnen Gewicht und Volumen zu verleihen, die Abwendung vom Goldgrund und die Verwendung teurer blauer Farbe für den gemalten Himmel.
Zu dem oben Gesagten passt m.E. sehr gut auch folgende Künstleranekdote, die besagt, dass Giotto eines Tages auf ein Kunstwerk seines Meisters Cimabue eine kleine Fliege malte, die so täuschend echt aussah, dass Cimabue mehrmals versuchte, sie fortzuscheuchen, ehe er die Illusion erkannte. Cimabue soll daraufhin der Ansicht gewesen sein, dass Giotto ihn übertroffen habe.
Im 14. Jahrhundert wird der Geburtsort Mariens noch exakter dargestellt, z.B. bei Pietro Lorenzetti in seinem Triptychon (1432) im Museo dell‘ Opera del Duomo in Siena. Hier vollzieht sich die Geburt Mariens unter Himmelsgewölben in einem kirchlichen Nebenraum, hinter dem wir in den Chorraum einer gotischen Kirche blicken.

Im Vordergrund links sitzen Joachim und der Hohepriester, während offensichtlich gerade ein Bediensteter, die Nachricht von der glücklichen Geburt überbringt. Das Lexikon der christlichen Ikonographie,22, S. 122, meint, sie würden über die Zukunft der Neugeborenen als Tempeljungfrau sprechen. Ich teile diese Meinung nicht. Vielmehr glaube ich, dass der geistliche Würdenträger eher peinlich berührt ist, hier mitverewigt zu werden. Den Ausdruck seines Gesichtes, das er uns zuwendet, hätte man früher in der Mundart etwa als „betroppertst“ (zerknirscht, nicht „gut drauf“) bezeichnet.
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2 Sonder-Lizenzausgabe 2020 für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt.
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Er schaut uns an – nicht so hoheitsvoll oder sogar arrogant, wie es seinem obersten klerikalen Amt entspricht, sondern schmallippig, verlegen, nervös seine rechte Hand halb in den Kleiderfalten bergend, als wollte er uns sagen: „Ich weiß ich habe einen Fehler begangen, an Joachim, dem Gerechten, und seiner rechtschaffenen Frau. Jehova straft mich nun, dass ich, als ich Joachims Opfer wegen seiner Kinderlosigkeit abgelehnt habe, nur nach dem toten Buchstaben gehandelt habe, statt ihm mit Mitgefühl entgegen zu kommen, denn welcher Vater leidet nicht schon so darunter, dass er nie in Kinderaugen blicken konnte, nie den lebhaften Spielen der Früchte seiner Lenden zusehen konnte, nie ihr silberhelles Lachen an seine Ohren drang, dass er später nie stolz auf ihre Erfolge als Bauern, Händler, Handwerker oder Schriftgelehrte sein durfte, und am Ende auf keine familiäre Alsterstütze durch eigene Söhne und Töchter oder Enkelkinder zu rechnen hatte. Ein wenig Nachdenken nur hätte mich auf den richtigen Weg der Empathie geführt, statt den angejahrten Mann auch noch der Schande seiner boshaften Mitmenschen preiszugeben.
Als meine verdiente Buße habe ich es daher angesehen, mich gerade heute, am Tag der Entbindung von seiner Tochter zu ihm zu begeben, und mich aufrichtig zu entschuldigen. Guter Mensch, der er ist, hat er mir sofort vergeben, statt mich nun seinerseits dem Spott preiszugeben.“

Auch auf Andrea di Bartolos Bild (1400/05) sitzen die beiden Männer in einem Nebenraum beisammen. Hier spricht der Hohepriester eindringlich und vermutlich sich entschuldigend auf den Heiligen ein. Ein hübsches Detail besteht darin, dass eine Magd bereits ein gebratenes Huhn oder ein Taube zur Stärkung der Wöchnerin herbeibringt, die sich gerade die Hände wäscht, während jene Dienerinnen, die Maria gebadet haben, schon versuchen, mit ihr zu scherzen.
Ganz ähnlich stellt Bartolo di Fredi die Szene in San Gimignano dar (1360/70).

Allerdings taucht hier noch ein interessantes Detail auf, nämlich zwei Drudenfüße (Pentagramme) auf dem Rückenteil des Bettes. Nicht erst aus Goethes „Faust“ wissen wir, dass diese Zeichen der Abwehr des Dämonischen gelten.3 Die Volkskunde kennt auch das sogenannte „Drudenmesser“.
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3 Zumindest, wenn sie ohne Lücke dargestellt wurden, eben nicht so wie in Goethes Meisterwerk, wo durch eine Lücke Mephisto aus dem vom Pentagramm gesicherten Arbeitszimmer Fausts entweichen konnte.
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Es hat auf seiner Klinge neun Halbmonde und Kreuze eingestanzt und wurde auf dem Land früher oft dem Säugling in die Wiege gelegt – verantwortungslos ob der großen Verletzungsgefahr, aber getragen durch bedingungslosen, traditionellen Glauben. Es sollte durchaus als Waffe dienen, gegen die Drud eben, einen weiblichen, nächtlichen, mit dem Teufel im Bunde stehenden Drückgeist, einen Alb, der sich dem Kleinkind auf die Brust setzt und es zu ersticken sucht.
Auch Sagen berichten vom Treiben der Drud. So beispielsweise jene vom Prasser Toni den die Drud quälte, nachdem er einem kopflosen Kutscher und seinen feurigen Pferden begegnet sein soll. Er kam, seiner Erzählung nach, mit seinem Fuhrwerk spät aus München und wollte heim nach Eichenried (Landkreis Erding).
Nicht weit vom Lautnerhof bei Freieneck will er sie dann gesehen haben: die Kutsche mit den feurigen Pferden. Auf dem Bock habe eine dunkle Gestalt ohne Kopf gesessen und die Peitsche geschwungen. Knallend hieb der schreckliche Geist auf die Pferde ein und verschwand in der Dunkelheit. Der alte Prasser fuhr schwitzend und zitternd nach Hause, wo ihm aber niemand glaubte.
Nachts packte ihn dann die Drud. Riesige Steine und glühende Räder rasten im Traum auf ihn zu, und er konnte sich nicht bewegen. Zwei Nächte ging das so, bis man in der dritten Nacht den Bader holte. Der brachte von seiner letzten Wallfahrt einen aus Wachs gegossenen Drudenfuß mit und hängte ihn über das Bett des Gepeinigten. Aber es half nichts, der Prasser Toni wälzte sich weiter, jammerte und schrie.
Da stellte der Bader, der sich in diesen Dingen bestens auskannte, die Pantoffeln des Bauern mit der Spitze nach außen vor das Bett, nahm sein Messer, schlug es mit der Schneide nach oben in den Türbalken und rief ganz laut: ,Drud, drauf kannst jetzt abreiten!‘ Und wirklich, der Prasser hörte auf, sich herumzuwälzen, das Stöhnen erstarb, schließlich schlief er ruhig und friedlich ein. Seitdem hat ihn die Drud nie wieder besucht und in Angst versetzt. Aber auch von dem Kutscher mit der Gestalt ohne Kopf und den feurigen Rossen hat er nie wieder erzählt.
Auch der Hochkunst war solcher Volksglaube nicht unbekannt, wie das Gemälde unter dem Titel „Nachtmahr“ von Johann Heinrich Füssli beweist.


Eine Zusammenfassung nahezu aller Motive der byzantinischen Tradition bringt das Fresko der Kirche des Königs Milutin in Studenica (Serbien) aus der Mitte des 14. Jahrhunderts (siehe oben).
Im 15. Jh. wird die Szene reich ausgestaltet: Dominant bleiben jedoch das Motiv der Übergabe des Kindes entweder vor oder nach dem Bad, das Händewaschen Annas und die Teilnahme speisen- und getränkebringender Frauen.

So z.B. im Sieneser von 1400 stammendem Triptychon von Paolo di Giovanni Fei, oder beim Maestro dell‘ Osservanza (Triptychon von etwa 1435 in Asciano).

Auch das Fresko der Florentiner Kirche Santa Maria Novella (um 1485) von Ghirlandaio gehört hierher.

Auch nördlich der Alpen bleiben die Darstellungen der Geburt Mariens der byzantinischen Tradition verpflichtet, wie dieses Holzrelief des Veit Stoß auf dem Bamberger Altar zeigt:

In der Renaissance und im Barock wird das Bild der Geburt Mariens durch Raumgestaltung und -ausstattung sowie durch Teilnahme mehrerer Assistenzfiguren weiter bereichert. Letztere führen öfters zu einem gastmahlähnlichen Charakter der Szene. Das eindrucksvollste Beispiel stellt wohl Dürers Kupferstich aus seinem „Marienleben“ (1504) dar.
Es ist so eindrucksvoll, und die Hand eines unübertroffenen und unsterblichen Meisters zeigt sich so deutlich darin, dass ich nicht umhin kann, meine literarische Fantasie bei der Betrachtung seiner Bildgestaltung walten zu lassen.
Zunächst aber einige Fakten: Das Marienleben ist ein Bilderzyklus von neunzehn Holzschnitten und einem Titelbild, das in Buchform veröffentlicht wurde. Der Zyklus wurde von Albrecht Dürer kurz nach 1500 begonnen und erst zwischen 1510 und 1511 abgeschlossen. Eines der am besten erhaltenen Exemplare befindet sich in der Staatlichen Graphischen Sammlung München.

In der Epoche der Renaissance erhielt der Marienkult eine große Bedeutung. Graphiker und Schriftsteller der damaligen Zeit illustrierten das Leben der Mutter Gottes basierend auf den Apokryphen sowie auf Legenden aus der Legenda Aurea des Jacobus de Voragine.
Hier wird wohl das Leben gefeiert, nicht nur das gerade aus dem Uterus befreite der Maria.
Zurecht selbstbewusste Hebammen (für solche war Nürnberg bekannt) verbreiten im Vordergrund eine solche Lebenslust. Sie lieben ihren Beruf sehr, und für sie ist es ein ganz normaler Arbeitstag – den Engel, der über ihnen schwebt, können sie natürlich nicht sehen, und so ist Maria für sie nur ein weiteres irdisches (Nürnberger) Kindl, das soeben, Gott sei Dank gesund, auf die Welt gekommen ist. Nun ja, es hätte natürlich auch schief gehen können, das geschah ja leider noch immer allzu oft. Natürlich, sie hatten großes Wissen um die Geburtshilfe, im Franzenland nannte man sie „Femmes sages“, „Weise Frauen“. Sie waren nie zu stolz gewesen, um von der Lebens- und Berufserfahrung älterer Kolleginnen zu lernen, und sie waren neugierig genug, in manche alte und viele neue Bücher einen Blick zu werfen, um ihr Handwerk auch von der Theorie her besser zu verstehen.
Aber der Tod war ihnen immer wieder einen Schritt voraus. Er hatte eine um Jahrhunderttausende längere Erfahrung als die Allerälteste aus ihren Reihen. Und er benötigte nur ein einziges Buch, um seine Profession auszuüben: es war ein mit sieben Sigeln verschlossenes Buch, in dem die Frist verzeichnet war, die jedem Menschen zugemessen war, und schließlich auch der Termin für das Ende der gesamten Menschheit, die vorangehenden Schrecken der Apokalypse und der Tag der letzten Schlacht, Armageddon.
Nur am Rande: auch mit diesem Thema hat sich Dürer befasst, und zwar 1498 in 15 gedruckten Holzschnitten unter dem Titel Die heimlich offenbarung iohannis, mit dem lateinischen Untertitel Apocalipsis cum figuris. Das war ein großer Erfolg und zählt auch heute noch zu den berühmtesten Werken Dürers, vor allem die Darstellung der vier apokalyptischen Reiter.

Und so wollte Dürer in seinem Kupferstich über die „Geburt Mariens“ wohl auch festhalten, dass doch jede Geburt ein gegenseitiges Belauern zwischen den Hebammen und dem Knochenmann war. Dieser war freilich manchmal nicht gerade der Schnellste – sie wussten nicht, ob aufgrund seines hohen Alters, oder ob er ihnen fairerweise eine Chance, einen kleinen Vorsprung, ein Handicap einräumen wollte. Es konnte aber auch sein, dass er schon hinter dem Vorhang stand, der das Bett abschirmte. Gewappnet mussten sie daher immer sein, die Geburtshelferinnen, vorbereitet auf jede Attacke Gevatters Hein, sie mussten ihre Muskeln spielen lassen, ziehen, zerren, stets aber auch klaren Kopf bewahren, überlegen, welche Methode und Technik in welcher Situation am besten war. Am Schluss war manche von ihnen nahezu so erschöpft wie die Gebärende selbst. Wir können dies ablesen an jener Hebamme, die auf der linken Seite von Annas Wochenbett eingeschlafen ist, völlig verausgabt durch das Entbinden eines weiblichen Babys, das einst selbst von einer Gottheit entbunden werden würde.
Die Bedrohung kam aber an diesem Tag nicht vom Tod. Er war vom ALLERHÖCHSTEN angewiesen worden, an diesem Tag wenigstens einen kleinen Anteil seiner unzähligen Überstunden zu verbrauchen, deren Zahl schon allein durch viele Seuchen enorm angewachsen war (zur Zeit der Mariengeburt: immerdar die Lepra, pestartige Epidemien, Massenerkrankungen durch mangelnde Getreidequalität und andere schlechte Nahrungsmittel, vielleicht auch Pocken und Diphtherie; in Dürers Lebensabschnitt die Beulenpest, vor der er von Nürnberg nach Venedig geflohen war). Denn die Oberste Weisheit wusste, dass sie selbst dieses Wesen nämlich in einigen Jahren durch seine Virtus4mystisch inseminieren würde, um ihren Sohn in die Welt zu setzen.
4...Virtus Altissimi obumbrabit tibi… („…die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn genannt werden). Evangelium nach Lukas, Kapitel 1, Vers 35.
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Was Gottvater aber grundsätzlich nicht verhindern konnte, war, dass Satan unablässig daran arbeitete, die Menschen zu verderben – denn er hatte ihm ja einen Passierschein, eine Blanko-Vollmacht eingeräumt, indem er sich darauf eingelassen hatte, den Menschen ihren freien Willen zuzugestehen (ein Entschluss, den er schon manchmal bereut hatte, denn für so dumm hatte nicht einmal er diese Spezies eingeschätzt).
Freilich konnte er den Teufel, wenn dieser als Versucher allzu verschlagen und untergriffig vorging, und es sozusagen „ans Eingemachte“ ging, daran hindern, allzu Übles anzuzetteln, indem er seine Thronen und Heerscharen aussandte, die sich schon beim Engelssturz als militärisch gegenüber den Abtrünnigen als überlegen erwiesen hatten.
Luzifer ist zwar nicht allwissend, doch viel ist ihm bewusst. So hat er beispielsweise vor Augen, dass dieses Kind, dessen Entbindung gerade bevorstand, ein Mädchen war – dafür brauchte er kein Ultraschallgerät. Und er wusste genau, dass dieses noch so winzige Wesen, zu einer strahlenden Frau von mythischer Größe mutiert, mit der Sonne bekleidet, mit dem Mond unter ihren Füssen, auf ihrem Haupt eine Krone mit 12 goldenen Sternen, es diejenige könnte, die – wenn er wieder einmal als Schlange erscheinen würde – ihm den Kopf zertreten würde, oder auch ihr Nachwuchs, da waren sich die Schriftgelehrten nicht so ganz einig, was nicht sonderlich verwundert, denn diese pseudowissenschaftlichen Theologen sind (gemäß einem berühmten Diktums) doch nichts anderes als Scharlatane, die in einem stockfinsteren Raum eine nicht vorhandene schwarze Katze suchen und nach kurzer Zeit rufen: „Ich hab‘ sie!“
Aber, sowieso egal, er musste unbedingt versuchen, auf jeden Fall diese bevorstehende Geburt zu sabotieren. Er kämpfte gegen die Hebammen mit allen Mitteln an, hoffend, dass sich wenigstens eine schwarze Seele unter ihnen befinden würde, eine Alkoholikerin, oder noch besser: eine Ehebrecherin, die vielleicht gar eine Affäre mit einem Medicus hätte. Überdies sorgte er dafür, dass sich Maria in Steißlage drehte, wickelte die Nabelschnur im Uterus um ihr Hälschen, achtete darauf, dass die gebärende Mutter Anna jede Menge Blut verlor und so schwach wurde, dass sie kaum mehr pressen konnte.
Da reichte es Gottvater. Er entsandte den Signifer Sanctus Michael, um dem Treiben ein Ende zu setzen. Dieser benötigte diesmal weder Schwert noch Lanze. Es reichte ein Räucherfass, denn Luzifer war unvorsichtig geworden. Er war so fanatisch in sein mörderisches Vorhaben und den Kampf gegen die zähe und starke Hebamme vertieft, dass er nichts mehr wahrnahm, was um ihn herum stattfand; er sah nichts und hörte nichts, ja, und er roch nichts, atmete und schnaufte ob der Anstrengung aber schwer. Und so bekam er einen großen Schwall von dem für ihn hochgiftigen Weihrauch5 ab, den ihm der Erzengel direkt in seine Fratze wehte – und der war von einer Dichte, wie ihn sonst nur das berühmte, fast durch die ganze Länge der Kathedrale von Santiago de Compostela schwingende Weihrauchfass („Botafumeiro“) hervorbringt.
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5Eine ähnlich toxische Wirkung auf Teufel haben sonst nur noch Rosen, wie es Mephistopheles und seine Spießgesellen, die Dickteufel vom kurzen, geraden und jene vom langen, krummen Horn erfahren mussten, als sie, von der Wirkung der Liebesblumen total verwirrt, mit Schmach und Schande abziehen mussten, und Fausts Seele gerettet war.



Um nicht ohnmächtig zu werden, musste der Widersacher schleunigst wieder zur Hölle niederfahren, um seinen gewohnten Schwefelbrodem zu inhalieren, der ihn endlich zur Besinnung brachte. Sankt Michael aber stellte, als ob er der modernste Gynäkologe des 21. Jahrhunderts wäre, auf wunderbare Weise optimale Bedingungen für die Entbindung der kleinen Maria her, lenkte die Hände der schon immer schwächer werdenden Hebamme und verlieh ihnen neuerlich himmlische Kraft. Er legte, selbst unsichtbar, das Neugeborene in die Hände jener Helferin, die für das erste Bad der Neugeborenen zuständig war (wie im Vordergrund von Dürers Stich zu sehen ist). Für alle Fälle hinterließ er noch einmal eine mächtige Incensio (auch von Dürer festgehalten) gegen alle Dämonen, die sich vielleicht noch einfinden könnten.
Die Wehmütter dürften intuitiv gespürt haben, dass es für heute ihr letzter Einsatz war. Eine Kollegin würde die frisch gebadete Maria der heiligen Wöchnerin noch in die Arme legen, und dann war Feierabend. Sie merkten, dass nun im Gegensatz zu vorhin irgendetwas Positives in der Luft lag. Der vom Erzengel verbreitete Duft des himmlischen Räucherwerks vertrieb nur die bösen Geister, ähnlich wie das Zeichen des Kreuzes. Bei Rechtschaffenen wirkte er aber konträr, gewissermaßen euphorisierend.
Jetzt durfte man sich wohl entspannen. Die Hebamme im Vordergrund (über der Tafel mit Dürers Signatur) „steigt mächtig tief in die Kanne“.6
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6Die Wendung „in die Kanne steigen“ stammt aus der Studentensprache und bedeutet eigentlich: als Strafe für einen Verstoß gegen die Kneipordnung eine größere Menge Alkohol auf einmal trinken müssen. Die studentische Kanne umfasste ursprünglich 1,85 Liter. Das könnte in das Gefäß passen, das die erwähnte Hebamme im Vordergrund zum Mund führt.
Umgangssprachlich wird die Redewendung oft aber scherzhaft überhaupt gebraucht, wenn jemand gehörig berauschenden Getränken zuspricht. Es ist wohl nicht anzunehmen, dass die trinkende Hebamme nicht auf studentische Art (die natürlich Dürer sowieso nicht gekannt haben kann, da es ja noch keine Burschenschaften im Sinne des 19. Jahrhunderts gab) durch einen Trinkzwang abgestraft werden sollte (weil sie sich vielleicht vor härterer Arbeit gedrückt hätte). Eher galt es wahrscheinlich zu feiern, dass offensichtlich an diesem Tag alles mit der Geburtshilfe gut gegangen war – und wir könnten als Wissende ergänzen: es ist schließlich immerhin auch noch dazu die künftige Gottesgebärerin auf die Welt gekommen.7
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7 Vielleicht sandte der „Heilige Geist“ den Helferinnen eine Ahnung ins Herz, dass etwas Außergewöhnliches geschehen war, das des Feierns wert war.
Übrigens trägt die Stehende hinter der Trinkenden ebenfalls einen großen Krug. Ich denke, da er leer sein dürfte, geht sie wohl hinaus, ihn wieder mit flüssiger Freude zu füllen.8
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8 Wir sollten nicht vergessen, dass schon im alttestamentarischen Psalm 114 bezeugt wird, dass der Wein des Menschen Herz erfreut.
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Zuvor wendet sie sich freilich drei Mitschwestern zu. Zwei von ihnen scheinen gemeinsam einen Becher zu halten, und ich denke, dass die Kannenträgerin ihnen versichert, dass sie im Handumdrehen wieder da ist, um nachzuschenken. Da wird heute gewiss auch nicht mehr in dem Buch gelesen, das in dem geflochtenen Korb liegt.
Sollte es das vom Ende des 11. Jahrhunderts stammende Lehrwerk über die Geburtshilfe der Trota (oder Trocta) von Salerno sein, das bis ins 16. Jahrhundert (also durchaus noch in der Dürer-Zeit) als Standardwerk an den medizinischen Fakultäten Europas galt?9
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9 Manche Medizinhistoriker meinten freilich, Trotula sei keine Ärztin, sondern Hebamme gewesen.
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Es wäre das Passionibus Mulierum Curandorum (auch als Trotula Major bekannt), das 83 Kapitel enthielt. Berühmt wurden auch Trotulas Bücher über Missgeburten und über die Zusammensetzung wirksamer Arzneimittel; hier setzte die Medizinerin, wie Hildegard von Bingen, auf einfache, erschwingliche Mittel und Rezepte.

Ihre Bücher sind leider nicht in der Urschrift erhalten, sondern in zahlreichen, immer neuen Abschriften, die bis in die ersten Zeiten der Buchdruckkunst gehen. Die erste gedruckte Ausgabe des Passionibus Mulierum erschien im Jahre 1544 in Straßburg und enthielt auch einige naturwissenschaftliche Abhandlungen von Hildegard von Bingen.
Trotula war Mitglied der Fakultät von Salerno1
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10 Gefördert durch den Landesherrn Roger II. und den Stauferkaiser Friedrich II. Der hohe Rang der Schule von Salerno kommt im mittelalterlichen Roman „Der arme Heinrich“ von Hartmann von Aue voll zum Ausdruck. Heinrich, ein junger Freiherr aus dem Schwabenland, verfügt über materiellen Reichtum und höchstes gesellschaftliches Ansehen. Er verkörpert auch alle ritterlichen Tugenden.
Aus diesem idealen Leben stürzt Heinrich, als Gott ihn mit Aussatz zeichnet und seine Umwelt sich in Ekel und Furcht von ihm abwendet. Im Gegensatz zum biblischen Hiob will Heinrich sich damit nicht abfinden und sucht Ärzte in Montpellier auf, von denen ihm aber keiner helfen kann. An der berühmten Schule von Salerno in Süditalien erfährt er von einem Arzt, dass es zwar ein Heilmittel gebe, das für Heinrich aber nicht zur Verfügung stehe: Nur das Herzblut einer Jungfrau im heiratsfähigen Alter, die sich freiwillig für ihn opfere, könne Heinrich heilen. Verzweifelt und ohne Hoffnung auf Genesung kehrt der lepröse Ritter zurück, verschenkt den Großteil seines Gutes und zieht sich auf einen Meierhof zurück, der zu seinem Besitz gehört.
Dort wird die Tochter des Bauern zur zweiten Hauptfigur. Das Kind (nach Handschrift A ist sie acht, nach Handschrift B zwölf Jahre alt) hat keine Scheu vor Heinrich und seiner unheilbaren Krankheit und wird dessen anhängliche Begleiterin. Bald nennt Heinrich sie spielerisch seine Braut (gemahel). Als sie nach drei Jahren erfährt, was für ihn das einzige Heilmittel sei, ist sie fest entschlossen, für ihn ihr Leben zu lassen. Sie will sich für Heinrich opfern, da sie glaubt, nur auf diesem Wege dem sündhaften Leben zu entkommen und möglichst bald im Jenseits das ewige Leben bei Gott führen zu können. Sie überzeugt ihre Eltern und Heinrich durch eine Rede, deren rhetorischer Schliff der Inspiration des Heiligen Geistes zugeschrieben wird, ihr Opfer als gottgewollt anzunehmen.
Heinrich und das Mädchen reisen nach Salerno. Als der Arzt, der dem Mädchen die Operation zuvor vergeblich auszureden versucht hat, dessen Herz herausschneiden will und Heinrich das nackt und festgebunden auf dem Operationstisch liegende Mädchen durch einen Spalt in der Tür sieht, schreitet er in letzter Sekunde ein. Im Vergleich ihrer Schönheit mit seinem entstellten Körper kommt ihm die Ungeheuerlichkeit des Unternehmens zum Bewusstsein. Durch diese plötzliche innere Umkehr akzeptiert er den Aussatz als Willen Gottes. Daraufhin verliert das Mädchen die Fassung; sie sieht sich um das ewige Leben gebracht, macht Heinrich schwere Vorwürfe, dass er sie nicht sterben lassen wolle, und schmäht ihn als Angsthasen.
Auf dem Rückweg gesundet Heinrich wundersam durch Gottes Fügung und kehrt gemeinsam mit dem Mädchen nach Hause zurück, wo beide trotz des Standesunterschieds heiraten. Heinrich kehrt in seine frühere gesellschaftliche Stellung zurück, und der Meier wird zum Freibauern. Heinrich und das Mädchen gewinnen beide die ewige Seligkeit.
Sie schrieb, wie bereits angeführt, überhaupt mehrere Abhandlungen über die medizinische Praxis und arbeitete gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Söhnen an der medizinischen Enzyklopädie Practica Brevis („Kurze Praxis“). In diesem medizinischen Werk sind Vorschriften über die Hygiene enthalten, wobei die Leitsätze in Versform verfasst sind.
Im Hauptbuch der berühmten medizinischen Schule von Salerno, De Aegritudinum Curatione aus dem 12. Jahrhundert, sind Texte von deren sieben Großmeistern enthalten, darunter auch Trotas Lehren.

Historische Darstellung der Trota. Mittelalterliches Manuskript um 1200

Fotos: https://wellcomecollection.org/works/ka9yjtq7
Doch zurück zur Feierlaune: wenn es richtig los geht, wird wohl auch die Weißmutter wach werden, die sicher die Hauptakteurin bei der heiklen Arbeit war, Maria auf den Weg zu ihrer Rolle im Heilsgeschehen für die Menschheit zu bringen. Noch schläft sie erschöpft auf der rechten Seite des Bettes, in dem Anna entbunden hat. Ein Rätsel gibt es noch im Bild: das Kind, das seine Ärmchen nach der ganz links sitzenden Hebamme ausstreckt. Ist sie seine leibliche Mutter, oder ist seine Mutter bei der Geburt oder im Kindbett gestorben, und es wurde adoptiert? So oder so ist es auffällig, dass ein Kleinkind sich im kniffligen Arbeitsbereich der Hebammen aufhalten darf. Oder wurde es gerade erst hereingebracht, nach getaner Arbeit der hilfreichen Frauen? Ein Großmeister wie Dürer wird sich bei dieser Szene zweifellos etwas gedacht haben, und sei es nur, dass er uns ein kleines Rätsel aufgeben will!
Ein kleiner Nachtrag zu den harmlosen, entspannenden Schlückchen, welche die Femmes sages (wie ich meine) gerade im Begriffe sind, zu sich zu nehmen. Wäre etwas schiefgegangen, müssten sie spätestens jetzt zur Nottaufe schreiten. Sie hatten nämlich seitens der Kirche seit dem 13. Jahrhundert das Recht dazu, mussten aber im Gegenzug ein christliches Leben führen. Im 20. Jahrhundert war da schon vieles anders. Hier hatte die Hebamme nur den von den Eltern gewünschten Vornamen einzutragen. Das war wohl eine der leichteren Übungen, auch wenn man einen zarten „Zacken in der Krone“ hatte. Sollte man meinen!!! Denn eine Fama aus dem 20. Jahrhundert aus unserem Bekanntenkreis weiß zu berichten, dass eine nicht mehr ganz nüchterne Hebamme einem zu Silvester geborenen Mädchen den Vornamen „Oltrud“ verpasste, statt der aus Wagners Lohengrin bekannten Lautung „Ortrud“. Ein Fall von peinlichem Rhotazismus – vor allem weil die mittlerweile schon recht betagte Dame noch heute mit diesem verhauten Vornamen herumläuft, da sie die bürokratischen und finanziellen Hürden bei einer Namensänderung scheute.
Wir schreiten in der Kunstgeschichte weiter und sehen uns als nächstes an, wie Albrecht Altdorfer sich die Bedingungen vorstellte, unter denen Maria auf die Welt kam. Nun, wir können nur sagen: recht absurd! Er verlegt nämlich die Szene unmittelbar in den Innenraum eines Kirchenraums. Bedenkt man, wie lebendig und alltagsbezogen Dürer uns seine Gebärstation für das Jahr 1504 vor Augen führt, trotz des Weihrauchengels in erster Linie weltzugewandt, und wie konservativ der Dürer-Schüler Albrecht Altdorfer 14 Jahre später vorgeht, indem für ihn das Ereignis so hochheilig ist, dass er es anscheinend nicht einmal wagt, es in ein realistisches Milieu zu versetzen, wie es sein Lehrer tat, sondern in einen Sakralraum. Und auch der – wohl von Dürer entlehnte – Weihrauchengel reicht ihm nicht, er lässt vielmehr in den Lüften geschätzte vier Dutzend Engel einen himmlische Kolo rund um Säulen der Kathedrale tanzen und damit in excelsis sozusagen einen riesigen Heiligenschein über der neugeborenen Maria bilden.

Das traditionelle Waschbecken für das Neugeborene hat Altdorfer eliminiert und durch eine Wiege ersetzt. Wäre ich jetzt bissig, würde ich behaupten, Altdorfer hätte für diese erste Reinigung der späteren Gottesmutter wohl nur ein kunstvolles Taufbecken akzeptiert (ich habe beispielsweise jenes im Dom zu Siena mit den prächtigen Renaissancereliefs vor Augen, oder auch jenes von St. Sebaldus in Nürnberg, aus dem schon Dürer aus der Taufe gehoben wurde, und natürlich noch viele andere von hohem künstlerischen Wert), sich aber dann doch nicht getraut, diese Idee in die Praxis umzusetzen.
Andrea del Sarto betont ebenfalls den festlichen Charakter der Geburt Mariä. Mutter Anna liegt in einem Himmelbett, und der Himmel selbst öffnet sich über der Bühne des Bildes. Engel, auf Wolken sitzend, steigen zu dem Fest herunter. Die Waschszene wurde hier beibehalten.

Ungemein frivol empfinde ich allerdings das Kokettieren der rechten Dienerin, die Anna eine Schüssel reicht, mit dem Betrachter. Dazu passt m.E. auch die angewinkelte Stellung ihres linken Beines.
Das Fresko befindet sich im Atrium der Kirche SS. Annunziata in Florenz.
Wie gewohnt ist El Grecos Mariengeburt (1590/95) von ungeheurer manieristischer Expressivität. Am liebsten würde ich das Bild (natürlich völlig anachronistisch) mit einer der späten Klaviersonaten von Beethoven vergleichen.

Wie weit manieristische Maler stilistisch voneinander entfernt sein konnten, kann man erkennen, wenn man die Bilder von El Greco (zu dem es natürlich in der gesamten Kunstgeschichte keinen Vergleich gibt) und Domenico Beccafumi11 nebeneinander hält.
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11Der in Siena ausgebildete Beccafumi ging 1510 für zwei Jahre nach Rom, wo er die revolutionären Werke der römischen Renaissance studierte, wie Raffaels Stanzen oder möglicherweise sogar die damals bereits teilweise vollendeten Deckenfresken Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle. Außerdem lernte er in Rom Werke der Antike kennen.
Welch ein Aufruhr bei El Greco, und welche Kälte hingegen bei Beccafumi, wie versteinert (er war übrigens auch Bildhauer) sind die Antlitze der Protagonistinnen.

Das folgende Bild von Luca Giordano von 1690 zählt zu jenen Gemälden, die auch den greisen hl. Joachim in den Mittelpunkt rücken. Der barocke Maler und Radierer war auch für seine Fresken geschätzt. Er wurde mit dem Spitznamen Fa Presto gerufen, der nach einer Anekdote davon herrührte, dass sein malender Vater, bei dem er vermutlich den ersten Unterricht bekam, ihm immer beim Malen zugerufen haben soll: „Luca, fa presto!“ („Luca, mach schnell!“). Nach anderen Quellen basiert der Name ganz einfach auf seiner ungewöhnlich schnellen Malweise und großen Produktivität, die so legendär waren, dass in der älteren Literatur behauptet wird, er habe „ein großes Altarblatt bei den Jesuiten zu Neapel (Franciscus Xaverius, die Japaner taufend)“… „innerhalb von 1 1/2 Tagen vollendet“. Außerdem habe man ihn auch als „Proteus der Maler“ bezeichnet, weil er „jeden Stil“ nachahmen konnte.

Allgemein wird angenommen, dass Giordano auch ein Schüler von Jusepe de Ribera war, zumal sein Vater ein Bekannter des spanischen Malers und 1616 einer von dessen Trauzeugen gewesen war. Ein Einfluss Riberas auf Luca Giordanos frühes Werk ist jedenfalls nicht zu verkennen, z. B. in seiner teilweise humorvollen Serie von Philosophen:

Krates soll Kyniker gewesen sein, Schüler von Diogenes (richtig: das ist jener, der in einer Tonne wohnte und sich angeblich von Alexander dem Großen nichts anderes gewünscht haben soll, als dass dieser ihm aus der Sonne gehen möge); er soll früh sein ganzes Geld verschenkt haben, um der „kynischen“ („hündischen“) Lebensweise, der Bedürfnislosigkeit und Unabhängigkeit – und ja, auch der Schamlosigkeit – in der Öffentlichkeit frönen zu können. Verheiratet war er mit einer kynischen Philosophin, die seinen Lebensstil teilte.
Auch früher schon war gelegentlich auf Joachim nicht „vergessen“ worden. Etwa vom spanischen, aus Salamanca stammenden Maler Fernando Gallego, der zwischen Spätgotik und Frührenaissance einzureihen ist. Marias Vater sitzt hier neben dem Bett der Wöchnerin.

Noch interessanter finde ich freilich ein zweites Bild Gallegos zu dem Thema, das in der Kirche Santa María la Mayor in der Kleinstadt Trujillo in der spanischen Provinz Cáceres hängt.

Das beginnt schon einmal damit, dass Joachim – obwohl er erst eintritt – sich bereits als sehr präsent erweist: groß, stattlich, ungebeugt, jugendlich schwarzes Haupt- und Barthaar. Da mag sich der Künstler erst ins Gedächtnis gerufen haben, dass er ja als Greis dargestellt werden müsste, sonst wäre es ja kein Wunder, dass er nach der langen Kinderlosigkeit seine Gemahlin Anna (die auch relativ jugendlich wirkt) doch noch schwängern konnte. Also dachte sich der Künstler wohl, dass er Joachim ein eindeutiges Akzessoire verpassen müsste, um sein hohes Alter dem Betrachter vor Augen zu führen. Und das gelang ihm mit dem Stock. Zuerst dachte ich, es könnte sich um einen Hirtenstab handeln, zur Erinnerung, dass sich Joachim mit seinen Herden in die völlige Einsamkeit zurückgezogen hatte, als er die tiefe Kränkung durch den Hohepriester erfahren hatte. Doch ein Hirtenstab muss eine Krümme haben, um widerspenstiges Vieh einholen zu können. Er war dann schlussendlich auch das Vorbild für den reich verzierten, kostbaren Krummstab des Bischofs, der ja auch die weidenden Seelen der gläubigen Lämmer hüten, wieder auf den rechten Weg bringen und so vor dem Verderben bewahren sollte.


Somit stellt der Stock, auf den sich der Heilige stützt, also eine Gehhilfe dar und verweist somit folgerichtig auf eine altersbedingte Behinderung hin. Heute noch sehen moderne Gehstöcke so aus, wie jener auf dem Gemälde.

Die nächste Besonderheit auf Gallegos Bild ist für mich, dass nicht die Szene, wie Maria gebadet wird, ausgesponnen wird, sondern wie ihr eine Amme liebevoll die Brust gibt, was die hl. Anna wohlwollend betrachtet.
Ihr wird ihrerseits kühlende Luft zugefächert, und zwar durch ein Flabellum aus Pfauenfedern, mit dem auch lästige Fliegen abgewehrt werden konnten. Das lat. Wort Flabellum ist ein Diminutiv von „flabrum“ = Blasen, Wehen des Windes. Ich denke, wir müssen diesen Fächer aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Da wäre einerseits die gerade erwähnte profane Funktion als Urform des Ventilators (das Gerät wird manchmal auch als „ventilabrum“ bezeichnet) bzw. als „Fliegenwedel“ ( „fligenwedel“ kommt in alten deutschsprachigen Quellen auch tatsächlich vor).
Eine solche banale Verwendung haben wir beispielsweise in einer Darstellung aus dem Ende des 13. Jahrhunderts vor uns. Sie zeigt einen Arzt bei seinem Mahl. Dass dieses Codex-Bild aus Spanien stammt (El Escorial, Real Monasterio), wird uns vielleicht nicht allzu sehr erstaunen, wenngleich unser Maler Gallego zu einer viel späteren Zeit gelebt hat.

Anderseits wäre da aber auch der Hinweis auf sakrale Funktionen, so vor allem bei der Messfeier: bereits in den um die Wende vom 4. zum 5. Jh. in Syrien aus älteren Kirchenordnungen zusammengestellten sog. Apostolischen Konstitutionen wird vorgeschrieben: Wenn die Opfergaben zum Altar gebracht worden waren, sollten zwei Diakone mit Fächern aus Pergament, Pfauenfedern oder Leinenstoff neben dem Altar stehen und die Fliegen verscheuchen. Seit wann dies schon geschah, ist unbekannt, ebenso wo der Brauch aufkam (immerhin stammen die ältesten erhaltenen Flagella aus Syrien). Schriftliche Zeugnisse ab dem 9. Jahrhundert verzeichnen als Zweck des Fabellums die Abwehr der Fliegen von den Opfergaben, vom Altar und vom Celebrans.
Bildliche Darstellungen von Messfeiern, in denen Kleriker mit Fabellum zu sehen sind, vermitteln eine anschauliche Vorstellung von dessen Gebrauch im 13. und 14. Jh. Die meisten dieser Schilderungen entstanden in Frankreich.
Einschlägige Vorschriften in Zusammenhang mit dem Fabellum können noch bis ins 18. und 19. Jahrhundert verfolgt werden, obwohl es da wohl in der Praxis längst nicht mehr in Verwendung gestanden sein dürfte.
Es gibt auch Zeugnisse, dass Flagella bei Prozessionen mitgeführt wurden. Wichtig ist aber vor allem auch ihre Verwendung im kirchlichen Zeremoniell, vornehmlich für den Papst (von seiner Krönung bis zu seiner Beisetzung), selten auch für andere ranghohe Würdenträger der röm.–kath. Kirche (Kardinäle und den Patriarchen von Portugal).
Wenn man sich den Deutungen des Fabellums zuwendet, so sieht man, dass die Abwehr von allem Verunreinigenden im Zentrum stand. Was darunter zu verstehen sei, benannte man durch allegorische Auslegungen von Eigenschaften der Fliegen12.
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12 Es sei an die Stelle in Goethes „Faust“ erinnert, in der sich Mephisto selbst als Herrn „der Ratten und der Mäuse, der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse“ bezeichnet.
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So empfahl etwa Hildebert von Tours, man möge mit dem „catholicae fidei ventilabrum“ die „phantasmata, diaboli suggestiones et tentationes“ vom Celebrans verscheuchen, so wie die Fliegen durch den Fabellum-Gebrauch bei der Messe abgehalten werden sollten, den Inhalt des Kelches zu beschmutzen. Dass jene „phantasmata“ gerade Priester abzulenken suchen, betonte Herbert von Bosham bei seinen Betrachtungen über die erste Messfeier des hl. Thomas als Erzbischof von Canterbury (1183/86): Solche Abhaltungen sollen mit dem Fabellum des Hl. Geistes abgewehrt werden wie die Fliegen von den Opfergaben. Wilhelm Duranti von Mende rät zum Gebrauch des Fabellum, damit nicht Fliegen die „suavitas unguenti“ beeinträchtigen, d. h. damit nicht unpassende Gedanken die fromme Gesinnung beim Gebet behelligen. In der Neuzeit wurden diese Deutungen fortgeschrieben.
Dass dieser richtige Ansatz in Bezug auf die reiche Verwendung des Fabellums im Wirken des Papstes aufgegeben wird, kann ich mir nur dadurch erklären, dass in diesem Zusammenhang jede Assoziation mit Aberglauben bzw. alten außerchristlichen religiösen Vorstellungen vermieden werden sollte. Die Augen auf den Pfauenfedern werden etwa so erklärt, dass der Papst durch sie darauf hingewiesen werde, dass die zahllosen Augen des Volkes ihn bei allen seinen Handlungen beobachteten (diese Deutung noch in einem französischen Lexikon vom Jahre 1952). Dies sei auch der Grund dafür, dass zwei Flagella ihn begleiteten, wenn er auf der Sedia gestatoria getragen werde. Wenige Jahre später wurde diese Ermahnung, indem an die Bedeutung von Pfauen als Sinnbild vollkommener Gerechtigkeit erinnert wurde (unter Berufung auf Augustinus, De civitate Dei lib. XXI, cap. 4; [4 a] fol. 286v). Auch zu zu folgender Deutung hatte sich der Vatikan verstiegen: „Wie die Schönheit (color) der Pfauenfedern beständig ist – im Gegensatz zur rasch verblühenden der Feldblumen –, wird Ehre und Ruhm des Papstes ewig und beständig sein.“
Ich möchte auf jeden Fall zur Deutung des Fabellums als Gerät zur Abwehr des Bösen zurückkehren. Laut Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (s.v. Pfau) wird dem Auge der Pfauenfeder magische Kraft zugeschrieben und sein Dämonen abwehrender Einfluss im Heilzauber ausgiebig verwertet. Nun wohnt dem Auge überhaupt schon seit grauer Vorzeit eine apotropäische Stärke inne. Ich denke etwa an das alte Ägypten mit seinem „Horusauge“.

Foto: Jeff Dahl; CC-BY NC SA

Foto: http://www.touregypt.net/images/touregypt/eyenecklace.jpg)
Das Horusauge ist das von Thot geheilte, wiederhergestellte linke Auge („Mondauge“) des Lichtgottes Horus. Es wird auch als das Udjat- oder Udzat-Auge bezeichnet (udjat = intakt, vollständig, heil, gesund). Das Horus-Auge ist auch eine ägyptische Hieroglyphe mit magischer Bedeutung.
Ursprünglich diente das Symbol als Schutzmittel und wurde seit Beginn des Alten Reichs bis zum Ende der Pharaonenzeit als Amulett- und Schutzzeichen gegen den „bösen Blick“ verwendet. Im Neuen Reich wurden Sargwände und Grabbeigaben damit dekoriert („magische Augen“).
Nicht außer acht lassen darf man die maltesischen Fischerboote. Sie sind traditionell am Bug mit Augen verziert, welche die Fischer vor Gefahren schützen sollen. Auch wenn die Boote in der Regel christliche Namen tragen, so ist es unbestritten, dass das Augenmotiv auch hier wohl sehr alt ist.

Der mystisch-magische Charakter des Auges macht es begreiflich, dass es eine nicht geringe Rolle in der Volkskunde spielt, insbesondere als Amulett und zum Schutz gegen den „bösen Blick“.

Dieses im Besitz des Wiener Volkskundlichen Museums befindliche, aus Silberblech geschnittene, spitzovale Plättchen stellt ein Auge dar. Die getriebene Pupille ist von einem ziselierten Band eingefasst und wird von gravierten Bögen, die die Wimpern darstellen, umgeben. Am oberen Rand befindet sich mittig eine angeschnittene, mit einem Ring versehene Öse. Auf der Rückseite ist eine Sicherheitsnadel angelötet, was nahelegt, dass das Votiv als Amulett verwendet worden ist. Es war 1993 in Nikosia erworben worden.
Das Auge als Apotropäon verwenden auch die Nazar-Amulette. Sie sind vor allem in der Türkei und in Griechenland, aber auch im Orient sowie in Teilen Zentral- und Südasiens verbreitete blaue, augenförmige Amulette. Auch sie sollen natürlich gemäß dem Volksglauben den Bösen Blick abwenden. Nach ihm besitzen Menschen mit hellblauen Augen den unheilvollen Blick. Ein ebenfalls „Blaues Auge“ soll demnach als Gegenzauber diesen Blick bannen und abwenden.

Nazar-Perlen gibt es in allen Größen und Ausführungen von Stecknadelkopf- bis zu Tellergrößen in den Basaren und Souvenirläden zu kaufen. Es wird üblicherweise in der kleinen Form als Schmuck am Körper getragen oder in der größeren Fassung gut sichtbar an eine Wand (bevorzugt gegenüber einem Eingang oder einer Tür) gehängt, um dem „Bösen“ deutlich entgegenzutreten.
Im islamischen Volksglauben Nordafrikas und des Nahen Ostens gilt die Hand der Fatima als wirksamste Abwehrmaßnahme im Kampf gegen den Bösen Blick und die Dschinn.


ch meine, nach all dem Aufgezeigten kann wohl kein Zweifel mehr bestehen, dass das Flabellum, mit dem eine Magd neben dem Bett der hl. Anna steht, zu mehr nütze sein sollte, als nur lästige Fliegen von der Wöchnerin zu verscheuchen. Die Pfauenaugen hatten wohl gewiss auch die Aufgabe, Teufel13 und Dämonen abwehren, welche die Geburt der späteren Gottesgebärerin negativ beeinflussen würden.
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13 Dass möglicherweise auch bei der Geburt Christi Luzifer anwesend war, könnte eventuell vom Weihnachtsbild des Hugo van der Goes abgelesen werden. Siehe meine Arbeit „Das Portinari-Triptychon oder die Erfindung des Menschen an der Krippe“, S. 25. In Neapel, der Wiege des europäischen Krippenbaus, bewirtschaftet Erzteufel Belfagor, Titelfigur einer Renaissance-Novelle von Niccolo Machiavelli, die Herberge gleich neben der Geburtsgrotte. Und natürlich versucht dieser Nachbar, Maria und Josef zu schaden, wo es nur geht. Und auch in bayrischen Krippen findet sich z.B. Satan hinter einem Gebüsch versteckt. Auch in Tschechien manifestieren sich gehörnte Unholde, und auch in einem Krippenspiel in Perpignan tritt der Höllenfürst auf, ebenso in Emden (Ostfriesland).
Die Theologen, allen voran Augustinus, gerieten sich vor Jahrhunderten in die Haare im Streit, ob Maria mit oder ohne Erbsünde auf die Welt gekommen wäre. Da erst Papst Pius IX. 1854 das Dogma von der „Unbefleckten Empfängnis Mariens“ (Fest: 8. Dezember) verkündete, könnten davor Künstler bis dahin schon der Meinung gewesen sein, dass der Teufel bei ihrer Geburt noch als Störenfried aufgetreten sei, da sie ja noch mit der Erbschuld behaftet gewesen wäre.
Auch „normale“ Gebärende waren nach universalem Volksglauben gefährdet, von bösen Mächten angegriffen zu werden. Da musste schon ganz allgemein auch zu Schutzmaßnahmen gegriffen werden.
Sehr beliebt war etwa das Walburgisöl14, das vom oberbayrischen Eichstätt aus durch Pilger verbreitet wurde. Wöchnerinnen trugen es gerne in einem Glasfläschchen um den Hals. „Tschatschketten“ (so nannte man Schnüre, auf denen mehrere Amulette, sozusagen als kumulativer Schutz, aufgereiht waren) konnten auch Elemente für werdende, gebärende und stillende Mütter enthalten, so z.B. Malachite (auch „Hebammensteine“ genannt), die für eine gesunde Schwangerschaft und sichere Geburt sorgten, während der Serpentin werdende und stillende Mütter als „Schreckstein“ vor dem Erschrecken schützen sollte, welches zu Missbildungen beim Kind oder zum Versiegen der Muttermilch führen könnte.
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14 Die hl. Walburgis stammte aus englischem Königsgeschlecht und war mit anderen Heiligen versippt (die Heiligen Willibald und Wunibald waren ihre Brüder). Wohl um 735 wurde sie von Bonifatius, dem Bruder ihrer Mutter, zusammen mit Gefährtinnen als Missionarin nach Deutschland gerufen. Alsbald wurden ihr mehrere Wunder zugeschrieben. Sie wurde schließlich Äbtissin in Heidesheim, wo sie zunächst vor ihrer Überführung nach Eichstätt auch bestattet wurde. Nach wie vor soll die Heilige Wunderheilungen bewirkt haben. Ihre Verehrung verbreitete sich über ganz Mitteleuropa und sie wurde zur Reichsheiligen erhoben, aber auch zu einer der am meisten verehrten und volkstümlichsten Patroninnen. Tropfen, die Walburgas Grabplatte in Eichstätt seit 1042 regelmäßig – meist vom 12. Oktober, dem Tag der Übertragung in die heutige Grabstätte, bis zum Todestag am 25. Februar (an dem viele Walfahrer ihr Grab besuchen) – absondert, gelten als das heilkräftige Walburgisöl und werden in Fläschchen abgefüllt. Es handelt sich dabei um eine klare, farb-, geschmacks- und geruchlose Flüssigkeit, ein Kondensat, wie man annahm. Ein Kriminalbiologe hat jedoch festgestellt, dass es sich um ganz normales Leitungswasser handelt, da sich in ihm reichlich Kalzium und Magnesium findet.
Im Mittelalter war der Gedenktag der Heiligen am 1. Mai gefeiert worden, weshalb man bis heute von der „Walpurgisnacht“ spricht. Die mit dieser Nacht verbundenen Hexenumtriebe erklären sich dadurch, dass sich in den Nächten vor hohen kirchlichen Festen nach dem Volksglauben dämonische Mächte manifestieren (vgl. „Halloween“, die Nacht vor Allerheiligen).
Dämonenabwehr für das Neugeborene gibt oder gab es auch in vielen außereuropäischen Völkern (z.B. Anblasen des Säuglings, Umkreisen eines reinigenden Feuern mit diesem, Lärmbräuche, besänftigende Opfer an böse Mächte etc.).
Freilich sind wir mit dem Pfau noch nicht fertig. Er kam schon vor etwa 5 000 Jahren aus Indien und dessen umliegenden Ländern in den Mittelmeerraum.15 Er galt bei den Römern kulinarisch sogar als Delikatesse.16 Allerdings überwältigte mit dem „Physiologus“17 das christliche Veganertum teilweise die römische Gastronomie. Plötzlich galt das Pfauenfleisch als unverweslich. Solches hätte im alten Rom nicht einmal ein plebejischer Gourmant in der Garküche gefressen, geschweige denn ein Gourmet auf dem Lectus in seiner Villa in Tusculum bei einer trimalchischen Schlemmerei!18
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15 Nach anderer Ansicht erst mit den Feldzügen Alexanders des Großen.
16 Nachdem etwa im Jahre 70 vor Christus Herr Quintus Hortensius Hortalus zur Feier seiner Amtseinsetzung seinen Gästen Pfauenbrust servieren ließ, wurde der Vogel zur kulinarischen Mode Roms. Und als die Feinschmecker schließlich nur noch Pfauenhirn und Pfauenzunge gelten ließen, verdienten clevere Geschäftsleute Riesensummen mit der Aufzucht von Pfauen.
17 Der Physiologus ist eine frühchristliche Naturlehre in griechischer Sprache. Erste Überlieferungen entstanden im 2. bis 4. Jahrhundert. Der ursprüngliche Physiologus besteht aus 48 Kapiteln, in denen Pflanzen, Steine und Tiere beschrieben und allegorisch auf das christliche Heilsgeschehen hin gedeutet werden. Der Physiologus fand weite Verbreitung im christlichen Orient und dem mittelalterlichen Europa und wurde in viele Sprachen übersetzt.
18 Schon ein Genie des früheren Mittelalters, der Erzbischof Isidor von Sevilla, geriet in den Zwiespalt zwischen römischer Kochkunst und christlicher Symbolik mit seiner Bestätigung, dass das Pfauenfleisch nicht verfaulen darf, wenn der Pfau als Sinnbild für die körperliche Resurektion Vorrang haben sollte. Demzufolge konnte sich der große Gelehrte eben nur vorstellen, dass der Vogel ein Fleisch von überdurchschnittlicher Stabilität besitzt – eines, das in der Speisekammer oder im Magen des Essers ein wahrhaft ewiges Leben führt. Die weltlichen Großen ließen Isidor bei seiner frommen Meinung und tafelten weiter bei Pfauenbrust. Und so griff man – offensichtlich unter stillschweigender Ausklammerung der neuen hehren christlichen Symbolik – bei großen Festen in allerhöchsten Kreisen auf den Pfau als Luxusspeise zurück. So ließ Karl der Große, den die Geschichte gern als nüchternen und sparsamen Herrscher darstellt, bei einem Staatsbankett Tausende von Pfauen auftragen. War das ein weiteres Signal, mit dem sich Karl als Erben der römischen Cäsaren hochstilisierte? Ein wirkliches Ende fand das Verspeisen von Pfauen dann aber, als nach der Entdeckung Amerikas der Truthahn aus Mexiko zu uns kam.
Pfauenfleisch also unverweslich, das ist natürlich gleichbedeutend mit christlicher „Auferstehung“.19 Damit wurde schon im Frühchristentum der Pfau zum Sinnbild der Auferstehung.
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19 Vgl. Georg Friedrich Händel, Messiah (Messias): „Behold, I tell You a mystery: We shall not die, but we shall rise – incorruptible (also unverweslich!).
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Die Geburt Mariens als künftige Gottesmutter also – über das Pfauenflagellum, das der Maler in die Szene einfügt – auch als Garant für die Auferstehung, die ihr Sohn durch sein Kreuzesopfer erwerben würde, ja, wie spitzfindige Theologen schon seit dem Urchristentum spintisierten, eben sogar für eine leibliche Auferstehung.20
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20 Mein Satyrspiel zu diesem Thema: Ich habe nie so ausgesehen, wie ich mir meinen „verklärten Leib“ vorstellen würde. Wäre der irdische Körper auch nur in die Nähe einer solchen Vision gekommen, dann wären viel zu viele weibliche Wesen auf mich „gestanden“, und ich weiß, wie schwach mein „perfektes“ Fleisch gewesen wäre.
Daher wäre ich mit meinem vollkommenen Körper unmittelbar nach dem „Jüngsten Gericht“ in die Hölle gekommen. Na, und warum – in Dreiteufelsnamen – sollte ich begierig darauf sein, ein perfektes Steak, ein Spanferkel, oder ein „cignus ustus fortiter“ (vgl. Carmina Burana) für Luzifer und seine Spießgesellen zu sein? Nein, danke! Ich möchte als „reiner“, oder von mir aus „unreiner, noch mit Asbest (vgl. Goethe, Faust II) behafteter Geist auferstehen, aber nicht mit Muskeln, Fett, Knochen, Sehnen, Gekröse etc.
War unser Künstler aber noch raffinierter, als wir vermuten? Zwar wurde die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel erst am 1. November 1950 durch Papst Pius XII. als Dogma der römisch-katholischen Kirche verkündet.21 Doch haben immer schon grandiose Künstler die Himmelfahrt Mariä als leibhaftig dargestellt. Wie sollten sie auch anders?
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21Immerhin wurde zuvor bereits als lehramtliche Äußerung von Papst Alexander III. in seinem Brief Ex litteris tuis aus dem Jahr 1169 hervorgehoben, dass „Maria […] migravit sine corruptione“, und 1568 wurden auch entsprechende Texte bei der Brevierreform durch Papst Pius V. aufgenommen.
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Beide Bilder Tizians wurden übrigens in starker zeitlicher Nähe zu dem Mariä-Geburt-Bild Gallegos von 1480 geschaffen. Die körperliche Aufnahme Mariens in den Himmel war zu dieser Zeit wohl auch ohne theologische Tüftelei communis opinio in der Malerei.
Nun noch nach rechts geblickt. Hier steht eine aus meiner Sicht ein ehrfurchtgebietendes Weib. Während alle anderen auf dem Bild dargestellten Frauen Hauben tragen, die an ihren Köpfen eng anliegen, ziert das Haupt dieser Person eine Bedeckung, die sehr an einen Turban erinnert. Sollte der Maler die ganze Mariengeburt-Szene in sein Heimatland Spanien versetzt haben, so würde ich vermuten, er hätte hier möglicherweise eine Muslima dargestellt.


Das obere Bild stellt einen Ausschnitt aus Gallegos Bild dar; das untere ist die Fotografie (Foto: Gustavo Morán Chacón; CC-BY-SA; zugeschnitten) zweier Teilnehmerinnen eines zeitgenössischen maurisch-christlichen Fests in Spanien.
Nun, die Mauren verstanden sich sehr gut auf die Heilkunst. Sollte Joachim (natürlich zeitverschoben in die Epoche des Malers gebeamt) die mysteriöse Person vor der Niederkunft Annas geordert haben, damit sie – für alle Fälle – mit ihrem geheimen Wissen anwesend sein konnte, während die christlichen Hebammen ihre Routine abwickelten? Oder war sie eine maurische Nachbarin, die mit einer kulinarischen Stärkung für Anna vorbeischaute? Wir wissen es nicht! Was wir aber eindeutig sehen, dass unsere imponierende Gestalt ein Tablett voll mit Backwaren trägt.22
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22Wir erinnern uns, dass in früheren Bildern mildtätige Frauen der Wöchnerin nicht selten ein gebratenes Huhn brachten. Es scheint daher verdächtig, dass hier auf Backwaren ausgewichen wurde. Spräche dies nicht auch für meine „maurische Hypothese“?
Wir wissen, dass die Araber und ihre Glaubensbrüder Meister waren in der Herstellung von Süßigkeiten, Desserts oder etwa Eisspezialitäten, und diese Leckereien auch in den Ländern hinterließen, wo sie irgendwann einmal in der abendländischen Geschichte aufgetaucht waren.23
23Unwillkürlich möchte man das Goethe-Zitat aus dem „Faust“ über die Vorliebe der Deutschen für französische Weine paraphrasieren: „Ein echter Abendländer kann keinen Muselmann leiden, doch seine Candies isst er gern“.
Wer würde da nicht an die berühmte Cassata denken, die sizilianische Eistorte. Oder rufen wir uns die „kandierten Früchte“ ins Gedächtnis. Kandieren ist eine traditionelle Methode, Früchte zu konservieren. Nach Europa kamen die haltbar gemachten Früchte mit der Landung der Araber 827 in Palermo.
Ein weißes Nugat namens Turron ist auch maurischen Ursprungs und stellt in Spanien eine der wichtigsten weihnachtlichen Süßigkeiten dar.
Ich persönlich erinnere mich natürlich an den „Türkischen Honig“ auf dem Klagenfurter Ursulamarkt. Welch einzigartiger Genuss, schon durch seine Seltenheit, da er auf diese alleinige Gelegenheit im Jahr beschränkt war. Was scherte den Buben schon, dass die exotische Köstlichkeit Zähne, Alveolen und Gaumen in eine einzige klebrige Masse verwandelten. Plomben hatte man glücklicherweise noch kaum im Mund, sie wären allesamt „gezogen“ worden. Ähnliches gilt für jene ebenfalls klebrige Masse mit Erdnüssen, die sandwichartig zwei Waffelquadrate von etwa 5 cm Seitenlänge füllte und bei Ausflügen über die italienische Grenze die pikante sogenannte „Tarvis-Jause“ als Dessert beschloss und auf den Namen „Crocante“24 hörte.
24 Der Name „Krokant“ steht für verschiedene Varianten von Süßspeisen. Auch wenn der Name von frz. croquer ‘krachen (von knusprigem Gebäck, wenn man darauf beißt)’, einem Verb lautmalenden Ursprungs, stammt, liegen seine Wurzeln meist doch im Orient.
Es stellt sich die Frage, ob man vielleicht etwas von den Mehlspeisen, welche die in ein grünes Gewand gekleidete Frau auf ihrem Tablett trägt, identifizieren könnte.
Nun, ich bin überzeugt, dass dies möglich ist, wobei man sicher auch berücksichtigen muss, dass sich in beinahe fünfeinhalb Jahrhunderten die eine oder andere Modifikation in den Formen der Süßigkeiten ergeben haben können.

Churros: aus Brandteig gemacht und frittiert. (roter Pfeil)
Ensaimada (Vorform): spanisches Schmalzgebäck ohne Loch (besonders beliebt auf Mallorca). (grüner Pfeil)
Gefülltes spanisches Marzipanbrötchen: (berühmt in Toledo): (gelber Pfeil) [es handelt sich dabei nur um einen Vorschlag, da die Ge- bäckform nach meinem Kenntnisstand nicht genau zuzuordnen ist]
Albariño (weiße Weintraube): Dies ist eine der wichtigsten spanischen Rebsorten. Alba- riño heißt übersetzt „die kleine Weiße vom Rhein“. Meine Deutung ist rein spekulativ. Es könnte sich natürlich ge- nauso um ein silbrig glänzendes Konfekt handeln, das ich nicht verifizieren konnte. (grauer Pfeil)
Damit wollen wir unsere Auseinandersetzung mit diesem Bild beenden, dessen Maler den Mut zu einer sehr individuellen Gestaltung des alten Themas hatte.
Beethoven schrieb über den 3. und letzten Satz seines 4. Klavierkonzerts: „La Cadenza sia corta“, als wollte er damit ausdrücken, der Pianist, die Solistin, hätte nun schon Zeit genug gehabt, höchste Virtuosität an den Tag zu legen, es sei bis auf einen fulminanten Schluss alles ausgereizt. Kaum anderes lässt sich ab jetzt zur Ikonographie des Bildthemas „Mariä Geburt“ kundtun, denn die Darstellungen des 18. Jahrhunderts bringen keine wesentlichen Änderungen mehr. Das beweist beispielsweise ein gezeichneter Entwurf von Franz Anton Maulbertsch zu einem Deckengemälde. Interessant ist hier freilich, dass das Wickeln des Säuglings besonders hervorgehoben wird.

Erwähnenswert könnte auch noch das Gemälde von Corrado Giaquinto im Dom von Pisa sein (um 1753).


Weiter nicht verwunderlich ist, dass die überaus konservative Ikonenmalerei der alten Tradition der Mariengeburtsbilder treu gefolgt ist. Das „Malbuch vom Athos“ bewahrte die diesbezügliche byzantinische Tradition bis ins 18. Jahrhundert.
Ganz zum Schluss möchte ich noch daran erinnern, dass der kirchliche Termin der „Geburt Mariens“, der 8. September (wie bereits eingangs erwähnt), im Spruchgut des Volkes seinen Niederschlag gefunden hat:
„An Mariä Geburt fliag’n die Schwålb’n furt“
Und so verabschiedet sich nunmehr auch der Verfasser dieser Zeilen. Aber keine Angst! Der Volksmund weiß ja immerhin auch, dass die Schwalben aus ihrem Afrika-Winterurlaub zurückkehren – rund um den 25. März:
„An Mariä Verkündigung kommen die Schwalben wiederum.“
Und so werde auch ich wiederkommen – den genauen Zeitpunkt, ab wann ich wieder poetische Halme zusammentragen werde, um daraus ein literarisches Nest zu bauen, behalte ich mir freilich noch vor.

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