DAS GROSSE PEUT-ÊTRE
Dies sollte ein Beispiel für „Vergleichende Kunstbetrachtung sein.
Literarischer Ausgangspunkt sind in diesem Fall die letzten vier Zeilen des Gedichts „Stufen“ von Hermann Hesse:
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Mit François Rabelais, seines Zeichens einer der bedeutendsten Prosaschriftsteller der französischen Literatur (daneben Humanist, Renaissancemensch, praktizierender Arzt, Dozent, Ordensbruder und Weltpriester), ging es zu Ende. Er hatte seine überbordende Lebenskraft für alle Zeiten auf seine unsterblichen literarischen Schöpfungen Gargantua und Pantagruel übertragen. Seine letzten Worte lauteten: „Ich gehe also ‚das große Vielleicht‘ zu sehen, das ‚grand peut-être’“.
Und Heinrich Heine, als er spürte, dass er bald seiner kerkerhaften „Matratzengruft“ entrinnen würde, relativierte seinen atheistischen spöttischen Zynismus, und begann die Zusammengehörigkeit von Diesseits und Jenseits zu ahnen, die Verschränkung von Treue zur Erde und Hoffnung auf den Himmel. Dabei hatte er seine kritischen Zweifel keinesfalls aus Todesangst über Bord geworfen, denn es treibt ihn immerhin die Frage um, warum der Gerechte blutend und elend sich dahinschleppen muss, während der Schlechte als Sieger auf hohem Ross trabt.
„…Ist etwa unser Herr nicht ganz allmächtig?
Oder treibt er selbst den Unfug?
Ach, das wäre niederträchtig.
Also fragen wir beständig,
Bis man uns mit einer Handvoll
Erde endlich stopft die Mäuler –
Aber ist das eine Antwort?
Und schließlich schreibt er: „Wie sträubt sich unsere Seele gegen den Gedanken des Aufhörens unserer Persönlichkeit, der ewigen Vernichtung“.
Keiner wird solchen Gedanken früher oder später entkommen, nicht einmal die Hirntoten mit ihrem grenzenlosen materialistischen Fortschrittsglauben.
Für mich gibt es zu diesem Thema ein einzigartiges Kunstwerk, das die bildgewordene Übersetzung der obigen sprachlichen Zeilen sein könnte. Es stammt von dem großen österreichischen Expressionisten Oskar Kokoschka und nennt sich „Time gentlemen, please“. Es ist dies in englischen Pubs die Aufforderung des Barkeepers, die letzte Runde an Getränken zu bestellen, da das Lokal danach schließen würde. Kokoschka selbst (er war 85 Jahre alt, und es ist sein letztes Selbstbildnis) geht – nackt wie er auf diese Welt gekommen ist, aus dieser wieder hinaus – durch eine Türe, die ihm ein etwas widerlicher „Charon“ öffnet.


Dieser „Charon“ hat mich unwillkürlich an ein Bild vom etruskischen Totenführer erinnert, das sich offensichtlich in meinem Unbewussten festgemacht hatte, obwohl hier wohl kaum irgendein Zusammenhang mit Kokoschkas Gestaltung bestehen dürfte.

Charun aus der Tomba François nahe Vulci aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Links oben in etruskischer Schrift CHARU
Der etruskische1 Psychopompos wurde tatsächlich vom griechischen „Charon“ entlehnt und heißt daher auch „Charun“ oder „Charu“.
Auffällig sind für mich besonders seine krumme, manchmal direkt verkrüppelte Nase und ein wirrer Bart. Diese Merkmale wären auch beim Türsteher gegeben
Zum Fantasieren regt mich auch der kreuzförmige Türriegel an, mit dem der Dämon dem Neuankömmling die Pforte öffnet. Zwei Deutungen würden mich ansprechen. Zum einen: Der etruskische Charun geleitet die Toten mit einem großen Hammer in die Unterwelt, wie schon auf dem obigen Foto zu sehen ist. Diesen hält er in Bereitschaft (mit dem Stiel nach unten) auf einem etruskischen rotfigurigen Krater (Gefäß zum Mischen von Wein und Wasser), Ende 4./Anfang 5. Jahrhundert vor Christus. Auf dem rechten Bild von mir rot eingefärbt zwecks besserer Sichtbarkeit.


Wahrscheinlich rein zufällig könnte der Querriegel und die daran anschließende untere Türkante mit diesem Hammer assoziiert werden (siehe grüne Umrahmung).

Anderseits verschließen kreuzförmige Riegel viele „Paradiesgärtlein“, in denen Maria sitzt, das gezähmte Einhorn im Schoß (das wäre ein Thema für sich – aber nur auf Anfrage). Die verschlossene Grünanlage („Hortus conclusus“) symbolisiert natürlich die nach christlichem Glauben reine, jungfräuliche, sündenlose Madonna. Das Tor in der Gartenmauer oder im Palisadenzaun ist mit einem kreuzförmigen Riegel verschlossen, Hinweis auf Christi Tod am Kreuz. Zu sehen etwa bei der Stuppacher Madonna von Grünewald, oder wie immer dieser Maler geheißen haben mag. (Siehe: roter Kreis)
Ist Kokoschka vielleicht auf dem Weg in so ein Paradies?
Beide Deutungen sind natürlich unbeweisbar und vor allem meinen romantischen Schwärmereien entsprungen.


„Time gentlemen, please“ könnte ein beängstigendes Bild sein, doch wenn wir näher hinsehen, bemerken wir, dass der Künstler seinen Blick in die Höhe gerichtet hat. In seinen Augen spiegelt sich ein blaues Licht, das das irdische übertrifft. Es erfasst sogar den Großteil der groben braunen Holztüre und die Fratze des jenseitigen Torwarts. Des Künstlers Arme sind überkreuzt. Die geöffnete linke Hand erweckt den Eindruck eines Wegwerfgestus in Richtung auf die zu verlassende Welt. Die rechte könnte willig bereit sein, einen zwischen Daumen und Zeigefinger gehaltenen üblichen (hier nicht näher sichtbaren) Obolus für den Jenseitswächter abzuliefern. Mehr erfahren wir nicht, und mehr müssen wir auch nicht erfahren.
Nun noch zu einem passenden Beispiel aus der Musik. Ich kann versichern, für mich keine ganz leichte Entscheidung, nicht aufgrund eines Mangels an passenden Kompositionen, nein, im Gegenteil, aufgrund der Fülle! Nach langer Überlegung habe ich mich für ein Werk von Anton Bruckner entschieden. Alle die davon Kenntnis haben, wie extrem katholisch Bruckner war, werden sich vielleicht über diese Entscheidung wundern. Bruckner hatte den Beinamen „Musikant Gottes“, und seine letzte, die 9. Sinfonie hat er „dem lieben Gott“ gewidmet. Soll das nun heißen, dass ich Kokoschka in ein Jenseits gehen lassen will, in dem Katechismus, Bücherzensur, Inquisition, päpstliche Enzykliken, moralische Verlogenheit weiter bestehen. Wiederum ein klares NEIN. Bruckner muss auch Zweifel gehabt haben, wie erklärt es sich sonst, dass er minutiös genau Buch führte über seine Gebete. Als wäre er nicht so sicher, dass er einmal vor der „Himmelstüre“ stehen würde, und wenn, dass es auf jeden Fall nicht schaden könnte, wenn er schriftliche Belege für seine unablässige Frömmigkeit beibringen könnte. Und mir scheint, dass er auch genügend Partituren religiösen Inhalts gerne dem Himmelspförtner Petrus in die Hände gedrückt hätte, egal ob dieser Noten lesen könnte oder nicht. Und vor den Allerhöchsten wollte er nach eigener Aussage mit den Worten treten: „Dås hån i fia di g’schribm“ („Das habe ich für dich geschrieben“). Erinnert das nicht an den Besuch eines Landkindes bei der Tante in der großen Stadt, das nicht so sicher ist, wie es aufgenommen werden würde, und daher einen Korb Früchte vom heimatlichen Apfelbaum mitgebracht hat. Und dazu passt in meinen Augen vor allem auch jener Teil in Bruckners „Te Deum“, der da lautet:1 „In Te Domine speravi, non confundar in aeternum“ („Auf Dich, oh Herr, habe ich gehofft, ich werde in Ewigkeit nicht zuschanden werden“). Ist es nicht auch ein Versuch, sich selbst zu bestärken, Wankelmütigkeit zu beseitigen, sich gläubig dem vorgezeichneten Weg anzuvertrauen, ein bisschen – um es flapsig auszudrücken – wie ein lautes Pfeifen im dunklen Wald, um Selbstbewusstsein zu gewinnen. Und über allem das „Prinzip Hoffnung“ (wie es der Philosoph Ernst Bloch in seinem Hauptwerk bezeichnet hat) – „speravi“. Und so geht es meines Erachtens Kokoschka beim Betreten der „Straße, die noch keiner kam zurück“, nackt, ohne Gebetsnotizen und ohne Partituren, aber voll Hoffnung darauf, nicht zuschanden zu werden – „sub specie aeternitatis“. Etwas kann er freilich doch mitnehmen – in die Ewigkeit: Bilder voller expressiver Leidenschaft:

VENEDIG

SALZBURG

WINDSBRAUT
Zum Abrunden dieses kleinen Essays noch zwei Gedichte von Alois Hergouth (1925 – 2002):
TRÖSTLICHER BRIEF AN DIE FREUNDE
Ich muss bald eine Reise machen,
und kenne nicht den Weg, das Ziel.
Mir ist dabei nicht recht zum Lachen.
Ich weiß nur eins: das ist kein Spiel.
Es geht ums letzte Abschied nehmen
und um den leidigen Verzicht.
Wie sollt ich mich der Tränen schämen,
die man mir nachweint – oder nicht?
Gewiss, ich habe viel erlitten,
doch eher – viel mehr hab ich geliebt.
Ich möchte nicht um Gnade bitten,
Ich hoffe nur, dass es sie gibt.
Was war, das war, und ist gewesen.
Was Zukunft heißt, geht auch vorbei.
Vielleicht, dass wir erst ganz genesen,
wenn wir nicht fragen, was es sei.
Mein Leben will ich nicht verneinen.
Ich war ein Mensch aus Fleisch und Blut.
Und morgen soll die Sonne scheinen,
dann wird wohl alles wieder gut.
Es geht nicht anders: an dieser Stelle muss man einfach innehalten und das Lied „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“ von Richard Strauss spielen (ich schlage unter den vielen Aufnahmen jene mit Renée Fleming vor: https://www.youtube.com/watch?v=EXi8U1twwrc ). Der Text von John Henry Mackay (1864-1933; in Schottland geborener deutscher Schriftsteller) lautet:
Und morgen wird die Sonne wieder scheinen
Und auf dem Wege, den ich gehen werde
Wird uns, die Glücklichen, sie wieder einen
Inmitten dieser sonnenatmenden Erde
Und zu dem Strand, dem weiten, wogenblauen
Werden wir still und langsam niedersteigen
Stumm werden wir uns in die Augen schauen
Und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen.
Und ganz zum Schluss noch einen Ausschnitt aus dem zweiten Hergouth-Gedicht:
ABSCHIED
Schwer wird es sein, so Abschied nehmen zu müssen.
Mitten am Tage vielleicht, oder abends bevor die Konzerte beginnen.
Der Tee wird noch warm sein. Das Bett.
Und das Buch auf dem Tisch – nicht zu Ende gelesen.
Man wird es nicht glauben, und doch, denn das war es schon immer.
Die Pfiffe vom Bahnhof, bei Nacht. Schlaf nicht weiter! Gib acht!
Das Signal, wo die Straßen sich kreuzen,
und einmal die Hast, fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges.
Aber vielleicht wird es gar nicht so schwer sein.
Vielleicht nur der Schritt, nur der Augenblick über der Schwelle.
Das was man lässt, bevor man hinausgeht: ins Freie!
1 Kokoschka hatte tatsächlich auf Sizilien Kontakt mit der etruskischen Kunst wie seine Skizzenbücher von 1959 beweisen:

Skizzenbuch 27 – Sizilien, Gelagerte Frauenfigur, von einem etruskischen Sarkophage

wie oben
Sowohl das rechte Handgelenk dieser Dame, als auch jenes des Charon auf dem Kokoschka-Bild sind extrem stark gekrümmt. Hinweis auf das gemeinsame Totenreich oder Zufall?

wie oben (Ausschnitt)
Hier sind die Augen der Toten ebenso in die Höhe gerichtet wie jene Kokoschkas auf dem in Rede stehendem Bild (wiederum Zufälligkeit oder Absicht)

wie oberstes Bild (Ausschnitt)

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