IRDISCHE VERKLÄRUNG
Vergleichende Kunstbetrachtung eines Laien

Der Schweizer Maler Ferdinand Hodler (* 14. 3. 1853, + 19. 5. 1918) schuf 1904 dieses Bild seiner zweiten Ehefrau unter dem Titel „Verklärung“.
Eigenartigerweise hat es mich sofort an den Text der „Widmung“ von Friedrich Rückert erinnert, wohl ob der Zeile „Dein Blick hat mich vor mir verklärt“.
„Du meine Seele, du mein Herz,
Du meine Wonn’, o du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel du, darein ich schwebe,
O du mein Grab, in das hinab
Ich ewig meinen Kummer gab!
Du bist die Ruh, du bist der Frieden,
Du bist vom Himmel mir beschieden.
Dass du mich liebst, macht mich mir wert,
Dein Blick hat mich vor mir verklärt,
Du hebst mich liebend über mich,
Mein guter Geist, mein bess’res Ich!“

Es hat die Frau ein Blick getroffen, der sie verklärt hat. Sie hat diesen Blick mit ihren eigenen Augen aufgesogen, durch diese ihre Fenster zur Seele. Es war nicht nur der Blick des Malers, sondern auch der des Gefährten, ein magischer, alchemistischer Blick. Fast möchte ich von einer „Chymischen Hochzeit“ sprechen, wäre dieser Begriff nicht rosenkreuzerisch belegt. Profane Hochzeit war ja bereits gewesen zwischen Ferdinand Hodler und Berthe Jacques. Aber nun kommt etwas dazu, was schon Goethe innerhalb seiner Beschäftigung mit den Naturwissenschaften als „Wahlverwandtschaft“ fasziniert hatte, ein Begriff, welcher der Chemie seiner Zeit entlehnt war. Er beschreibt einen Vorgang, der eintreten kann, wenn zwei chemische Verbindungen zusammentreffen. Sollte allerdings eine andere, stärkere Anziehungskraft von außen wirksam werden, kann es passieren, dass sich die Bestandteile dieser Verbindungen voneinander lösen, um sich mit einem freigewordenen Partner der anderen Verbindung aufs Neue zu vereinigen. Das geschieht tatsächlich auch in Goethes gleichnamigem Roman, der tragisch endet.
Hodler war zeitlebens diesen „megnetischen“ Kräften von Frauen stark ausgesetzt und konnte ihnen als Weiberheld oft genug nicht widerstehen, insbesondere auch wenn es sich um seine Modelle handelte.
Doch dieses Bild ist ein Farbe und Form gewordenes Symbol der Monogamie, der „Wahlverwandtschaft“ eines – zumindest in diesem Moment – „verzauberten“ Ehepaars. Gleichzeitig wollte Hodler aber wohl auch ausdrücken, dass „Zauber“, „Verklärung“, nicht nur in in ätherischen Sphären stattfindet, im „Wolkenkuckucksheim“, sondern auch sehr irdisch, mit beiden Füssen fest auf dem Boden, mit erdwärts gerichteten Händen.
Ich bin kein studierter Kunsthistoriker, daher kann ich auch nicht abschätzen, ob ich richtig liege und Hodlers Beweggründe richtig deuten kann. Aber, sei’s drum! Was verbinden – zumindest einigermaßen gebildete Christen – mit „Verklärung“. Richtig, die „Verklärung Christi“ auf dem Berge Tabor. Aus den Evangelien kristallisiert sich heraus, dass Jesus die Jünger Petrus, Jakobus und Johannes beiseite nahm und sie auf einen hohen Berg führte. Während er betete, wurde er von überirdischem Licht überstrahlt, sodass sich das Aussehen seines Gesichtes veränderte, und sein Gewand leuchtend weiß wurde. In der Folge erschienen Moses und Elias, welche die Gesetzesordnung und die Prophetie des Alten Testaments verkörpern, und sprachen mit ihm. Die drei Apostel fielen vor Schreck zu Boden. Petrus schlug vor, drei Hütten zu bauen. Da kam eine Wolke, und aus der Wolke rief eine Stimme: „Dies ist mein geliebter Sohn.“ Auf ihn sollt ihr hören!“ Seit frühchristlicher Zeit wird der im Neuen Testament nicht genau bezeichnete Berg mit dem Berg Tabor in Galiläa identifiziert.
Diese dramatischen Szenen haben natürlich bildende Künstler inspiriert. Die wohl berühmteste Darstellung stammt wohl von Raffael. Es war sein letztes Gemälde, an dem er bis zu seinem Tod 1520 gearbeitet hat.

Lange Zeit galt das Kunstwerk als das vollendetste Gemälde der Welt und wurde bis 1913 massenhaft kopiert. Sein Symbolgehalt schien unerschöpflich. Vordergründig ließ sich die obere Bildhälfte mit ihren hellen und reinen Farben, der Symmetrie und Harmonie der Bildkomposition und die untere dunkle Bildhälfte, mit ihrer gedrängten Fülle von Menschen, Emotionen und Verwirrungen und den in viele Richtungen sich kreuzenden Kompositionslinien, als Spannungsfeld zwischen der heilenden Kraft des Erlösers und dem Chaos der irdischen Welt deuten. Ein Gedanke, den selbst Goethe teilte („Wie will man nun das Obere und Untere trennen? Beides ist eins: unten das Leidende, Bedürftige, oben das Wirksame, Hülfreiche, beides aufeinander sich beziehend, ineinander einwirkend. Lässt sich denn… ein ideeller Bezug aufs Wirkliche von diesem lostrennen?“). Im frühen 20. Jahrhundert verlor die „Transfiguration“ (wie dieses Gemälde Raffaels in der Kunstgeschichte betitelt wird) dagegen ihren überragenden Status und den Titel des berühmtesten Gemäldes der Welt. Eine neue Künstlergeneration lehnte Raffael als künstlerisches Vorbild ab. Kopien und Reproduktionen waren kaum mehr gefragt. Während noch im 19. Jahrhundert die Komplexität der Komposition und das Figurenarrangement Lob erfuhren, verkehrte sich dies nun ins Gegenteil. Das Gemälde wurde als überladen empfunden, als zu theatralisch und zu künstlich.
Ich gehe wegen der überragenden Popularität und der vielen Kopien davon aus, dass Hodler Raffaels Werk gekannt haben dürfte – und vielleicht auch schon die allmähliche zeitgenössische Umwertung. Auf jeden Fall wollte er aber seine geliebte Frau verklärt sehen, jedoch ganz erdverhaftet, nicht unerreichbar – bei aller euphorischen Verzückung.


Ich versuche mich in Hodler hineinzuversetzen. Was würde ich als Maler tun, um diese nochmalige „Transfiguration“ der etwas anderen Art zu erzielen. Nun, ich ließe die Frau vor allem natürlich auf keinen Fall wie Christus schweben, sondern würde sie mit beiden Beinen fest am Boden verankern. Dann möchte ich die Orantenhaltung Christi ins Gegenteil verkehren, indem ich die Arme der abgebildeten Frau nach unten drehen und ihre Handflächen zur Erde wenden würde. Das Haupt neige ich leicht – wie das Vorbild, doch auf die andere Seite. Die Frisur ordne ich, denn keine stürmischen Turbulenzen zerzausen sie, da Berthe Jacques ja nicht fliegt. Auch die Augen sind nicht himmelwärts gerichtet, da von oben ja auch keine Stimme ertönt; sie werden vielmehr (wie bereits ausgeführt) von dem sie verklärenden Blick des Malers und Gemahls getroffen, ein Blick mit dem sie korrespondieren müssen, sonst würde der Zauber nicht wirken. Auch Wolken passen nicht zu einer „irdischen“ Verklärung, daher werden sie durch höchst solide blühende Rasenstücke ersetzt. Und der blaue Äther wich einem unendlichen Sandboden, der eine Farbmischung von Ockerbraun und Beigerot aufweist. Würde ich als Maler aber wollen, dass jenseits des Titels vor allem Kunstexperten auch noch ein Bildelement an Raffaels „Verklärung“ erinnern sollte, so würde ich – zumindestens abgeschwächt – die Abwinkelung des linken Beins Christi für mein Gemälde übernehmen. Und genau das alles vollführte Ferdinand Hodler auch tatsächlich mit seinem Pinsel.
Aber nochmals, ich bin kein studierter Kunsthistoriker, sondern nur ein Laie, der gerne seine Gedankenschäfchen dilettieren auf die Weide führt.
Aber eigentlich gilt es ohnedies zurückzukehren zum Kern dieser „vergleichenden Kunstbetrachtung“. Friedrich Rückerts Gedicht „Widmung“ stammt aus seinem zur bürgerlichen Erlebnislyrik gehörenden Zyklus „Liebesfrühling“. Dieser entpuppt sich als eine Art Tagebuch und entsprang seiner Werbung um Luise Wiethaus-Fischer. Er hatte die Adressatin seiner Liebesgedichte Ende 1820 in Coburg im Haus des Rates Fischer kennengelernt und am zweiten Weihnachtstag 1821 geheiratet. Der rasch geschriebene Zyklus spiegelt Not und Zweifel ebenso wie Glück und schließlich erfüllende Liebe. Der Dichter hatte mit seiner Gattin zehn Kinder.

Der Stahlstich zeigt Rückert nach einer Vorzeichnung aus dem Jahr 1843. Er wurde gefertigt von Carl Barth, mit dem der Dichter befreundet war, nachdem er 1817 nach Italien gereist war und viel Zeit mit deutschen Künstlern, die sich in Rom aufhielten, verbrachte hatte. Aus dieser amikalen Verbindung stammt übrigens das Rückert-Zitat: „mein lieber Freund und Kupferstecher“.
Natürlich fehlt in dieser vergleichenden Kunstbetrachtung noch die Musik. In diesem Fall ein nahezu unfair leichtes Unterfangen, denn Rückerts „Widmung“-Text wurde von Robert Schumann vertont. Aus einer ähnlichen Situation heraus, denn diese Komposition war das Einleitungslied der Sammlung „Myrthen“1 (Op. 25), und diese wiederum war ein Hochzeitsgeschenk, das er am 1. August 1840, dem Vorabend der Vermählung, seiner Verlobten Clara Wieck in Form eines opulent ausgestatteten Exemplars des Erstdrucks aus dem Verlag Kistner überreichen konnte, nachdem der Brautvater Friedrich Wieck nach langem Rechtsstreit endlich die Erlaubnis zur Eheschließung gegeben hatte. Das Lied in As-Dur2 hat Clara in der Folge sehr geliebt.
1 Der Titel bezieht sich auf jene Myrten, die traditionell ein Teil der Brauttracht sind.
2 As-Dur gilt als eine sanfte, warme und edle Tonart.

Die „Widmung“ wird gleichermaßen von Sängerinnen und Sängern gesungen. Da der Blick Hodlers jedoch (s)eine Frau „verklärt“, habe ich eine emotionale Aufnahme der inzwischen auch in Europa1 arrivierten ägyptischen Sopranistin Fatma Said gewählt. Ich lade ein, sich die Aufnahme auf YouTube anzusehen:
Fatma Said sings Schumann: Myrthen, Op. 25: No. 1, Widmung – YouTube
1Auftritte an der Mailänder Scala, im Gewandhaus Leipzig, im Teatro San Carlo Neapel etc.

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