ROSENGARTEN 3

Es war einmal ein Monarch, eher ein Tyrann, oder präziser noch: ein Zwergenkönig. Er gebot über ein einstmals großes Volk. Es war frei, von demokratischer Gesinnung, half der ganzen Welt gegen Faschismus und andere falsche Ideologien, achtete Menschenrechte und kämpfte opferbereit gegen jegliche Versklavung von Körper und Geist. Viele seiner Führer waren starke und tapfere Riesen gewesen

Im Lauf der Zeit wurde dieses Volk allerdings träge, sein Reichtum verführte es zu Luxus aller Art, Geld wurde sein ausschließlich angebeteter Moloch. Ihre Hymne verkam zu folgendem Text: „Money makes the world go round“. Sie wurden eine Nation geistiger Zwerge und merkten es nicht.

Da wurden sie leichte Beute für einen Herrscher, der selbst ein Zwerg war, obwohl er selbst sich für einen Giganten hielt. Nichts interessierte ihn außer seiner eigenen minderwertigen Person. Sein oberstes Anliegen war, dass sein Volk nicht merken sollte, dass er es nach Strich und Faden belog und betrog. Dafür erfand er den Begriff „alternative Tatsachen“, womit Unwahrheiten, Fakes und Fälschungen ungestraft in den elektronischen Massenmedien verbreitet werden durften.

Mächtige Handlanger halfen ihm dabei, das Volk glauben zu machen, dass er sein Reich gegenüber allen anderen wieder zum größten machen und an die erste Stelle in der Welt stellen würde.

Foto: Reuters
Von © European Union, 2025, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=134503052

In Wirklichkeit schuftete ein Teil der Bevölkerung wie in einem Bergwerk, um ihr eingebildetes luxuriöses Glücksphantom aufrecht erhalten zu können, während der andere Teil in Armut dahinvegetierte, ohne Gesundheitsvorsorge und ein festes Dach über dem Kopf.

Nun musste der Zwergenkönig aber aufpassen, dass sein Volk auf keinen Fall durch fremden Einfluss über seine Lage aufgeklärt würde. Da erinnerte er sich rechtzeitig daran, dass es einmal einen Zwergenkönig namens Laurin gegeben hatte, zwar drüben in dem abscheulichen und verhassten Europa, aber man kann eben nicht alles haben. Dieser Laurin war so schlau gewesen, sein Reich, das mit einem riesigen Rosengarten geschmückt war, mit einem unsichtbaren Faden zu gürten. Jedem, der diesen durchbrach, soll er die linke Hand und einen Fuß abgehackt haben. Nun ja, das war im Mittelalter eben so Brauch gewesen. So einen Faden aus Zaubermaterie gab es natürlich in der Gegenwart nicht mehr. Aber mindestens so wirkungsvoll war eine ausgrenzende Maßnahme namens „hohe Zölle“.

© Kleine Zeitung; Pismestrovic

Und einen Rosengarten hatte er ja ohnedies beim „Weißen Haus“. Überdies gefiel ihm die wahrscheinlichste Etymologie des Namens vom König Laurin, die sich ableitet von mittelhochdeutsch lûren (täuschen). „Täuschen“, ja das entsprach ja ganz seiner Ansicht von „alternativen Wahrheiten“! Ein prächtiger Bursche muss das gewesen sein, dieser Dolomitenkönig. Und eine Tarnkappe hatte er auch besessen, sodass er seine ganzen Untaten unbemerkt begehen konnte. Da musste er selbst wohl einmal mit seinem Hoffriseur reden, denn die äußere Form für so eine praktische, alles verbergende Kopfbedekung hatte seine Frisur ja bereits. Da konnte man doch sicher etwas einbauen im Zeitalter der Fortschritte der Quantenphysik. Ach herrje, den letzten Nobelpreis dazu hatte ja schon wieder ein Europäer gewonnen, der ihn sicher verabscheute. Na, machte auch nichts, hatte er doch einen stinkreichen Mitarbeiter, der sich viel mit den Möglichkeiten, zum Mars zu fliegen, befasste. Für den sollte jetzt einmal die „Tarnkappe“ Priorität besitzen.

Was der ach so moderne Zwergenkönig bei all seiner Unbildung freilich nicht wusste, war, was später aus diesem Laurin geworden war. Dieser war so überheblich geworden, dass er sich ein für alle Mal für unbesiegbar hielt. Besaß er neben der Tarnkappe ja auch noch einen Zaubergürtel, der ihm die Stärke von 12 Männern verlieh. So beging er den Frevel, eine Jungfrau zu rauben. Was er nicht bedachte, war, dass diese die Braut eines starken Helden war. Und der hatte noch stärkere Recken zu Freunden. Diese fielen in das Reich ein, indem sie unschwer den Grenzfaden durchbrachen. Dann zertrampelten sie die Rosen, um deren königlichen Gärtner ausgiebig zu kränken und zu reizen, was ihnen auch trefflich gelang, sodass ein unbeschreiblich blutiges Kämpfen einsetzte. Dieses hätte wohl für die Angreifer übel ausgehen können, denn Laurin hatte sich natürlich längst unsichtbar gemacht. Doch ihre Klugheit rettete sie, denn sie konnten durch die von ihm im Gras hinterlassenen Fußabdrücke und die Bewegung der Rosensträuche erkennen, wohin er jeweils ausgewichen war. Schließlich konnte der Frevler gefangen genommen werden und erhielt seine Strafe, indem er künftig dem strahlendsten der Helden, die ihn überwältigt hatten, nämlich Dietrich von Bern, bedingungslos dienen musste.

Was könnte ein heutiger Zwergenkönig aus all dem lernen? Er könnte zunächst lernen, dass hohe Zäune, sprich Zölle, nur dazu führen werden, dass auch die Nachbarn ihre Umfriedungen erhöhen werden. Und dann werden alle unter enormen Teuerungen leiden. Und da man heutzutage zwar eher keine Jungfrauen mehr stiehlt, dafür aber der Appetit auf ganze große Länder und Inseln gestiegen ist, sollte er weiters begreifen, dass sich dagegen deren aktuelle Besitzer aber wohl ebenso wehren werden, wie einstmals die geschädigten Bräutigame. (Diese Maxime gilt natürlich auch für einen weiteren ganz miesen Zwergenkönig weit im Osten, in dessen Hauptstadt es auch einen Rosengarten im Gorky Park gibt.) Und das könnte dann auch heute tatsächlich sehr blutig werden. Unglaublich blutig. So blutig wie zur Zeit Laurins, obwohl man damals „nur“ mit extrem scharfen Schwertern auf sich losging, nicht mit Mörsern und Haubitzen, Bombern, Kriegsschiffen, Drohnen, Raketen, ja sogar mit Atomwaffen.

Vielleicht hat der andere Zwergenkönig noch nicht viel Blut sehen müssen. Damals im Rosengarten floss davon gemäß den Schilderung in den Epen so viel, dass germanistischer Scharfsinn sogar einmal die Hypothese aufstellen konnte, dass „ros“ (etymologisch gesichert) sehr wohl auch eng mit „rot“ zusammenhängt. Der Ausdruck „Rosen“ kann daher auch (rot blutende) „Wunden“ bezeichnen. Und somit wäre Laurins „Rosengarten“ jene Stätte, an der die schweren Wunden bei seiner Auseinandersetzung mit den mittelalterlichen Recken geschlagen wurden.1 Das sollte man vielleicht auch in Erwägung ziehen, wenn man in einem Rosengarten neben dem „Weißen Haus“ sitzt.


1Viel später erst hat das Volk eine Sage geschaffen, wonach Laurin seinen Rosengarten wütend vor den Menschen verbergen wollte. Sie sollten ihn weder am Tag noch bei Nacht erblicken dürfen. Dabei vergaß er jedoch die Dämmerung. Daher glüht die Dolomitengruppe bei Sonnenuntergang wie eine voll erblühte Rosenhecke. Man nennt dies – abgeleitet aus dem Ladinischen – Enrosadira (Alpenglühen).


Wann immer es möglich ist, versuche ich freilich, meine Beiträge positiv zu schließen. Im vorliegenden Fall gibt es tatsächlich eine literarische Variante, nach der Dietrich von Bern und Laurin schließlich Freunde werden.

Nun, Amerika verfügt (noch) über eine erkleckliche Anzahl von Künstlern in allen Sparten, Künstlern von Weltgeltung (wenn sie nicht gerade auswandern, wie es bereits manche tun). Da müsste es auf diesem großen Kontinent doch auch auf dem Sektor der Politik einige Talente der anderen Art geben, begeistert von Demokratie und Humanität, aufgeschlossen für wissenschaftliche Erkenntnisse, medizinischen Fortschritt, Wahrheitsliebe, einem Herz für Arme, Minderheiten und Entrechtete, und dergleichen mehr. Und vielleicht findet doch einmal eine(r) davon ein Schlupfloch durch die kapitalistische Skylla und Charybdis der Auslese für das Präsidentenamt. Und vielleicht gibt es dann einst wieder auch für Amerika einen Präsidenten wie Roosevelt (den entscheidenden Unterstützer im 2. Weltkrieg) oder den „Berliner“ Kennedy. Dann würde wieder jene Klammer, die man „DER WESTEN“ nannte, und die jetzt einen gefährlichen Sprung aufweist, zu dem einstigen unverbrüchlichen Zusammenhalt zwischen Europa und Amerika werden.

Ich weiß schon … aber lasst mich mit mit dem „Mann aus la Mancha“ singen: „Ich träum den unmöglichen Traum“ – vielleicht wird er ja doch einmal Realität?

ENDE (vorläufig sind die Rosengärten abgeerntet)

Hinterlasse einen Kommentar

Ist das deine neue Website? Melde dich an, um Administratorfunktionen zu aktivieren und diese Nachricht auszublenden.
Anmelden