Der letzte Beitrag endete mit dem „Austernparadies“ im Limski Fjord. Dessen Besonderheiten sind jedoch damit beileibe noch lange nicht ausgeschöpft. Er hält noch weitere Überraschungen bereit. Alte Semester wie ich können sich noch sehr gut erinnern an hervorragende Filmschauspieler aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, und an berühmte Streifen, die mit ihnen gedreht worden sind. Etwa „Die Wikinger“ mit Kirk Douglas, Vivien Leigh und Tony Curtis.


Der blutige Schluss spielte auf einer Burg an einem Fjord. Ja, nur dass der Fjord nicht etwa in Norwegen lag, vielmehr diente genau unser Limski-Kanal als Kulisse für die gefilmten Steilhänge. Und eine festgemauerte Kulisse war auch die Burg, die noch jahrelang eine begehbare Touristen-Sehenswürdigkeit darstellte, bis man sie abriss.
Eine andere Attraktion besteht freilich bis heute. Es ist eine zu Fuß erreichbare Höhle in der Nähe der Flussmündung ins Meer. Sie wird heute den Besuchern als Piraten-Unterschlupf mit Imbiss, Bar, Souvenirstand und Schiffs-Kanone untergejubelt, was ein absoluter Fake ist.


Denn in Wirklichkeit hielt sich in ihr für zwei Jahre der hl. Romuald als Einsiedler auf und gründete gleichzeitig hier in Istrien zwei Klöster. Er wird euch kaum etwas sagen, und doch verbindet seine Anwesenheit unseren kroatischen Landstrich wiederum mit Europa, war er doch Begründer des Kamaldulenser-Ordens. Wir treffen den in Ravenna Geborenen z.B. in den Pyrenäen an, wohin er den venezianischen Dogen Pietro Orseolo auf dessen Flucht begleitet hatte, um auch dort eine Eremitengemeinschaft zu gründen. Er kehrte dann zunächst wieder nach Italien zurück, wo er in Ravenna auf Wunsch des Kaisers Otto III. Abt wurde, um aber bald wieder sein eremitisches Wanderleben aufzunehmen, vor allem in Osteuropa zu missionieren und dort, wenn möglich des Märtyrertod zu sterben – wie sein Freund, mein Namenspatron, der hl. Gerhard, der in Budapest hingemetzelt wurde. Romuald blieb solches aber erspart, da er rechtzeitig erkrankte und nach Italien zurückkehren musste, wo er später friedlich starb.
Aber was ist schon ein noch so bewegtes Heiligenleben gegen jenes eines Freibeuters, wie es der Waliser Sir Henry Morgan war, dem man jetzt die Höhle geweiht hat. Er war auch weiter herumgekommen als Romuald, weit über Europa hinaus – bis in die Karibik. Dort sind er und seine Spießgesellen unterwegs im Dienste der britischen Krone. Sein Auftrag: Die Vorherrschaft der Engländer in der Karibik zu sichern und den verhassten Spaniern das Leben schwer zu machen. Sie raffen dort Unmengen an geraubtem Gold und Silber zusammen. Er erobert Panama, damals die größte Niederlassung der Spanier in Amerika. Doch als er zum Piratenstützpunkt an der Südküste Jamaikas zurückkehrt, haben sich die politischen Verhältnisse verändert. Mit dem Friedensschluss zwischen Spanien und England ist die Piraterie strafbar geworden. Morgan, einst der gefeierte Freibeuter seiner Majestät, wird verhaftet und im April nach England gebracht. Die Spanier verlangen seinen Kopf. Doch mit diplomatischem Geschick entwindet er sich auch dieser Gefahr und nutzt seine alten Seilschaften. Die Wendung, die nun kommt, ist aberwitzig: 1676 wird Henry Morgan zum Vizegouverneur von Jamaika ernannt und in den Adelsstand erhoben. Er soll die Stadt Port Royal vor den Spaniern und vor Piraten schützen. Als umjubelter Nationalheld eilt er von Bankett zu Bankett. Er vollführt eine moralinsaure Wandlung vom Piratensaulus zum Paulus der britannischen Krone. „Ich habe alle englischen und spanischen Piraten, derer ich habhaft werden konnte, hingerichtet, ins Gefängnis geworfen oder den Spaniern übergeben“, brüstet er sich ohne Skrupel. Am Schluss erhält er sogar noch ein Staatsbegräbnis.

Wirklich kein Wunder, dass man hier an der istrischen Küste so eine Karriere, die auch alle Adria-Piraten mit verherrlicht, der Askese eines Einsiedlerheiligen vorzieht. Und um noch ein Schäuflein nachzulegen, hat sich zusätzlich hartnäckig eine Sage gehalten. Nur ein paar Kilometer vom Limski-Fjord befindet sich eine gespenstische Ruinenstadt (Dvigrad).

Sie wurde einfach von ihren Einwohnern im 17. Jh. aufgrund einer Pestepidemie verlassen, nachdem sie schon vorher durch kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Venedig und Genua geschwächt worden war. Die Natur hat sich seither schon viel von ihrem früheren Besitz zurückgeholt. Aber sie konnte das Gerücht nicht überwuchern, dass gerade hier irgendwo unter den Steinen der ungemein kostbare Piratenschatz des Henry Morgan liegen würde – freilich bis heute unentdeckt.
Ganz harter Schnitt. Aus der verrückten Sagenwelt, dem Bedeutender-sein-wollen als man tatsächlich ist, zurück auf den Boden der Realität, zurück zu echter Größe und Wichtigkeit!
Da gab es im 6. Jahrhundert einen sehr mächtigen Mann der in Pula geboren worden war, das ganz an der Südspitze von Istrien liegt (auf der Karte: rechter blauer Kreis), ungefähr auf der Höhe vom italienischen Ravenna (linker blauer Kreis). Diese Persönlichkeit hieß Maximianus (zu sehen auf dem rechten Bild).

Er war befreundet mit einem noch viel mächtigeren Mann, nämlich dem byzantinischen Kaiser Justinian, der da drüben in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, herrschte, aber auch weitgehend Herr über Italien war, das er durch einen Statthalter in Ravenna verwalten ließ. Und fast so einflussreich wie dieser Exarch war auch der Bischof von Ravenna, und dazu war Maximianus ernannt worden.
Seine Wertigkeit ist ablesbar an einem Mosaik in der unvorstellbar prächtigen ravennatischen Kirche San Vitale.

Hier erscheint er neben dem Kaiser (roter Pfeil) als engster Berater dargestellt (goldener Pfeil). Maximianus war auch dementsprechend reich. Aber er hatte seine Herkunft aus dem istrischen Pola nicht vergessen.

Und so ließ er auch in seiner Heimatstadt eine grandiose Kirche errichten. Ihre Rekonstruktion zeigen die ersten drei Bilder, auf denen der rote Pfeil nach unten gerichtet ist. Ihr setzte der raue Lauf der Geschichte freilich bald zu. Bis zum Ende des Mittelalters war der Bau bereits einsturzgefährdet. Davon bekam freilich Jacopo Sansovino Wind. Er war in Venedig zum obersten Baumeister an San Marco ernannt und mit der umfassenden Neugestaltung des Markusplatzes beauftragt worden.

Da kamen ihm so makellos originale spätantike Säulen wie jene an der verfallenden Basilika in Pula gerade recht, bevor sie endgültig im Morast versackten. Wo sie gestanden waren, verrät uns die Luftaufnahme auf dem vorvorigen Bild rechts unten mit dem querliegenden roten Pfeil, das aber nicht nur die 24 alten Säulenbasen zeigt, sondern an der Spitze des Pfeils auch den letzten, noch aufrecht stehenden Rest der alten Prachtkirche.
Selbst dieser ist heute noch nicht von schlechten Eltern. Ich glaube, dass man denselben Stil unschwer erkennen kann, der diese Kapelle mit dem bereits genannten und von innen gezeigten Zentralbau von San Vitale in Ravenna verbindet, wo auch Bischof Maxentius im Mosaik verewigt ist.

Links: Foto: Ingo Mehling; CC BY 2.0; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ravenna,_Emilia-Romagna_-_Basilica_di_San_Vitale.jpg. Rechts: Quelle: https://www.pulacroatia.net/item/the-chapel-of-st-mary-formosa/

Das Bild links zeigt den Blick auf die Überbleibsel der einst so stolzen Anlage von dort, wo man sie betrat, und wir sehen rechts hinten noch einmal die Kapelle und nach vorne verlaufend die Basen der 24 Säulen, die der venezianische Architekt Sansovino nun im 16. Jahrhundert per Schiff in die Lagunenstadt transportieren ließ, wo sie seither aus verschiedenen Positionen auf Millionen Besucher des rechts bildlich zitierten schlagenden Herzens Venedigs schauen, während meinen Weg bei der in Rede stehenden Marienkirche in Pula höchstens drei oder vier Einheimische kreuzten, obwohl kaum mehr als 100 Meter von der sehr belebten Flaniermeile entfernt. Touristen müssen schon sehr bewandert sein, dass sie sich hierher verirren, obwohl die unscheinbare, aber historisch so wichtige Restkapelle so zentral liegt.

Wenn auch unter den römischen Relikten von Pula die Arena (links im Bild) am berühmtesten ist, zurecht, denn sie war mit einem Fassungsvermögen von bis zu 25.000 Zuschauern die sechstgrößte im gesamten riesigen Imperium, so gibt es hier doch auch noch anderes aus der Antike zu entdecken, als die Stadt ab einem bestimmten Zeitpunkt „Colonia Pietas Iulia Pola“ hieß. Etwa den Augustustempel neben dem Rathaus auf dem Hauptplatz, dem ehemaligen Forum.
In diesem Zusammenhang muss ich euch ein bisschen Schulwissen in Erinnerung rufen. Ihr wisst, ein gewisser Gaius Iulius Caesar war mit seinen Feldzügen in England und Frankreich sehr erfolgreich gewesen. So erfolgreich, dass die konservativen Republikaner befürchteten, er könne sich zum Alleinherrscher ausrufen lassen, zum „Kaiser“. Dieses unser Wort stammt übrigens von seinem Namen ab, da man im damaligen originalen Latein das „C“ nämlich als „K“ aussprach; und im Slawischen wurde der Name zu „Zar“. Ich habe einen Spruch erfunden:
„Wenn man eine Macht anders nicht kann brechen, dann muss man den Diktator einfach nur erstechen.“

Funktioniert leider bei Putin und Trump nicht mehr, bei Caesar klappte es noch. Die Messerhelden waren Cassius und Brutus, weshalb uns heute noch Caesars letzte Worte geläufig sind: „Auch du, mein Sohn Brutus“.
Die Meinungen über die Tat waren im ganzen Reich geteilt, sogar nach ganzen Städten. Und Pula setzte aufs falsche Pferd, auf die Mörder des vermeintlichen künftigen Tyrannen. Die aber zogen die Arschkarte und fielen in einer Schlacht, die ihre Verfolger gewannen. Unter denen war auch ein gewisser Octavianus, der sich dann Augustus nannte, und in der Seeschlacht von Actium endgültig alles zu seinen Gunsten entschied, um dann erst recht so etwas wie der erste römische Kaiser zu werden, freilich noch ohne sich so zu nennen.
Seine Rache war furchtbar! Auch an Pula, das er so gut wie dem Erdboden gleichmachen ließ. Dann aber sollte es unter seiner Ägide prächtiger denn je erstehen, und er fügte der Stadtbezeichnung sogar noch den Namen seiner Tochter Iulia bei – dass diese übrigens ein recht geiles Miststück gewesen sein dürfte und ihrem Vater ziemliche Sorgen bereitete, steht auf einem anderen Blatt.
An der erwähnten, alles entscheidenden Seeschlacht von Actium war auch einer aus der pulanischen Familie der Sergier als Kämpfer für Octavianus/Augustus mit von der Partie gewesen. Man weiß nicht genau, ob er der Gemahl oder einer der Söhne einer gewissen Salvia Postuma Sergia gewesen war. Jedenfalls waren schließlich alle Männer ihrer Familie tot. Das heißt, sie war nicht mehr „in manu“, das heißt, nicht mehr der Gewalt eines Mannes unterworfen und erbte daher das ganze beträchtliche Vermögen. Sie war – wie wir heute sagen würden „emanzipiert“, und auch dieser Ausdruck stammt aus diesem lateinischen Wort: ex manu, bzw. ex mancipium. Und das kostete sie aus: sie ließ einen Triumphbogen unmittelbar neben einer der höchstfrequentierten römischen Straße im Gedenken an die verstorbenen männlichen Angehörigen errichten, betonte aber durch eine in den Stein gemeißelte Inschrift, dass sie das mit ihrem eigenen Geld, und nur mit diesem, geleistet hätte. Keine Subventionen. Wahrlich: eine erste voll emanzipierte Pulanerin!

Fortsetzung folgt

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