Der erste Teil endete mit einem Blick auf die venezianische Vergangenheit von Istrien, die sich unübersehbar manifestiert durch eine ständige Anwesenheit des Markuslöwen.
In unserem „Hauptquarteir“ Rovinj wies aber noch eine Besonderheit auf die einst so mächtige Lagunenstadt hin:

Denn sogar noch 1680 bekommt Rovinj einen weithin sichtbaren Stempel Venedigs aufgedrückt, den Glockenturm der Kirche Sancta Euphemia, der eindeutig bis auf kleinere Details dem Original auf dem Markusplatz der Serenissima nachgebildet wurde.
Etwas unterscheidet jedoch die beiden Campanile entscheidend: der in Venedig ist von einer Statue des Erzengel Gabriel bekrönt, in Rovinj – ja, man höre und staune – von einer Frau, wofür ich kein weiteres Beispiel kenne. Darum werde ich versuchen, so kurz wie möglich auf diese Besonderheit einzugehen, obwohl Details unzählige Seiten in Anspruch nehmen würden.

Diese weibliche Figur könnte man wegen des für die mittelalterliche Todesstrafe des „Vierteilens“ („rädern“) übliche mit Eisenklingen gespickte Rad auch für die hl. Katharina von Alexandria halten, die üblicherweise mit diesem Attribut dargestellt wird. Sie ist es aber nicht. Es ist vielmehr die hl. Euphemia, die uns ins weit entfernte Konstantinopel entführt, sowie hinunter in die Zeit des byzantinischen Kaisers Justinian, von dem später noch die Rede sein wird.
Doch von Anfang an: Die Heilige erlitt zur Römerzeit ihr Martyrium in Chalzedon nahe Byzanz (später Konstantinopel/Istanbul), und zwar nicht nur durch das „Rädern“, sondern auf alle erdenkliche Weise (in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ würde es heißen: „Martern aller Arten …“). Den Rest sollten ihr dann endlich zwei Löwen in der Arena geben. Sie aber schmiegten sich an die Todeskandidatin und bildeten mit ihren Körpern eine Art Divan, auf dass sie sich ausruhen könne. Wutentbrannt sprang der Henker hinunter in den Sand der Hinrichtungsstätte und tötete Euphemia endgültig mit seinem Schwert. Hei, wie schmeckte er daraufhin den beiden Großkatzen!
Ein Bild in der Roviner Kirche stellt die erste Szene nach:

Reliquien von ihr „tingelten“ in halb Europa herum, bis sich endlich jene Legende konkretisierte, nach der ihr Leichnam in einem riesigen Steinsarkophag in Rovinj angeschwemmt und von einem Knaben unter Mithilfe zweier Rinder an Land gezogen worden sein soll. (Stein schwimmt ja bekanntlich hervorragend, wovon sich ja wohl auch die Redensart ableitet, eine Person sei „untergegangen wie ein Stein“ – LOL. Aber, wie sagte schon Goethe: „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“. )

Natürlich findet sich auch dieses Bild in der Kirche von Rovinj, gegenüber der Darstellung vom Martyrium in der Arena:

Und zwischen den Bildern steht selbstverständlich bis zum heutigen Tag auch der überdimensionale Steinsarkophag mit dem angeblichen Leichnam der Heiligen.

Das wäre freilich so spannend nicht, eine Variation eben im erfindungsreichen Legendenkram. Etwas ganz anderes schrieb aber damit letztlich in Verbindung ein spannendes Kapitel regionaler und kurzfristig sogar auch weit darüber hinausgehender Kirchengeschichte.
Zur Zeit des byzantinischen Kaisers Justinian (wir werden ihm in Gesellschaft des ravennatischen Bischofs Maximian später im Abschnitt über Pula begegnen) hatten Theologen offenbar nichts Wichtigeres zu tun, als zahlreiche Spekulationen darüber anzustellen, wie sich die menschliche Natur Christi zu seiner göttlichen verhielt – gemischt oder separiert, und gegebenenfalls jeweils in welchem Verhältnis; oder sog überhaupt die Göttlichkeit alles andere auf, und dergleichen mehr. Die Parteiungen schwappten freilich auch ins gewöhnliche Volk hinüber, und da stand viel in Bezug auf die Beliebtheit des Kaisers auf dem Spiel. Justinian versuchte einen politisch-theologischen Spagat. So wie es in der Moderne heißt: „Und wenn man nicht mehr weiter weiß, dann gründet man einen Arbeitskreis“, so galt für die Zeit vor etwa eineinhalbtausend Jahren: „… dann beruft man ein Konzil ein.“ Justinian tat genau das und lud sogar den Papst ein, zu der hohen Versammlung zu kommen, d.h. eher lud er ihn vor, beorderte ihn dorthin und ging in der Folge ziemlich gewalttätig mit ihm um, da sich dieser dem kaiserlichen Intrigenspiel nicht beugen wollte.
Es ging nämlich um die Verwässerung der Ergebnisse des vorangegangenen Konzils von Chalzedon, wo sich damals in einer bereits ihr geweihten Kirche die Reliquien der hl. Euphemia befanden. Wiederum einer Legende nach soll die Heilige sogar auf wunderbare Weise symbolisch für die orthodoxe Variante aus zwei Lösungsvorschlägen gestimmt haben. Doch zurück zum Konzil von Konstantinopel, wo der machtgeile Justinian die Ergebnisse von Chalzedon aufhob, und dem damit nicht einverstandenen Papst die Heimreise nach Rom so lange verweigerte, solange er sich nicht den neuen divergenten Konzilsbeschlüssen beugte, was dieser schließlich psychisch und physisch geschwächt tat. Er starb bei der Rückreise in Sizilien.
Das kam freilich in der westlichen Kirche teilweise überhaupt nicht gut an. Der Patriarch der wichtigen alten Römerstadt Aquileia (sie war die achtgrößte im gesamten Imperium gewesen) sagte sich samt den istrianischen Bischöfen von Rom los, ebenso wie der Bischof von Mailand.

Es kam tatsächlich zu einer für Rom unangenehmen Kirchenspaltung. Natürlich wetterte und schimpfte der Pontifex Maximus in Rom und verleumdete seine Gegner. Einer von ihnen, Bischof Euphrasius, schlug elegant und sehr wirkungsvoll zurück, indem er im istrianischen Poreč einen prächtigen Dom erbauen ließ, der heute UNESCO-Weltkulturerbe ist. Marmor und Handwerker ließ er von Konstantinopel kommen!

Der Patriarch von Aquileia musste freilich in der Folge wegen der einfallenden Langobarden in die sichere Inselwelt von Grado fliehen. Deshalb ist auch die dortige Kirche der hl. Euphemia geweiht.

Irgendwann – insbesondere durch die Versöhnung von Mailand mit dem Papst – weichten sich die Fronten auf. Das „kleine Schisma“ endete, und das einstige Patriarchat von Aquileia/Grado spaltete sich auf in jenes von Udine und jenes von Venedig mit Sitz im Stadtteil Castello. Und Ironie: einer der besten Päpste der jüngeren Kirchen-Zeitgeschichte, Johannes XXIII., war vor seinem Pontifikat Patriarch von Venedig gewesen.
Ein beträchtlicher Teil vom klerikalen Istrien stand also einst im europäischen Spannungsfeld zwischen Rom und Byzanz.
Themenwechsel: Rovinj hat heute noch eine italienische Comunity, die 12 % des Ortes ausmacht. Und die ist sehr aktiv, was die Erhaltung ihrer Traditionen betrifft. So wird noch immer mit einem kiellosen Bootstyp namens Batana gerudert, im übrigen mit zwei verschiedenen Rudern. Ihr ist vor Ort ein eigenes Museum gewidmet, und sie wurde in die UNESCO-Weltkulturerbeliste aufgenommen.

Und mit ihr ist auch ein in Rovinj sehr lebendig gepflegter italienischer Volksgesang verbunden, die Bitinada. Wer möchte, kann sich nun (unter https://www.youtube.com/watch?v=x8ixRsp1XDY) zur Entspannung ein Stück anhören, mit gleichzeitiger Aussicht auf den Rovinjer Kai. Der Überlieferung nach entstand dieser Gesang durch die einheimischen Fischer, die stundenlang in ihren Booten saßen und mit dem Fischfang oder mit der Ausbesserung ihrer Netze beschäftigt waren. Weil sie dabei die Hände nicht für Musikinstrumente frei hatten, entstand dieser besondere Gesang, bei der einige Sänger Musikinstrumente mit ihrer Stimme imitieren. So ist eine originelle Art der vokalen Solistenbegleitung durch die Nachahmung von Instrumenten entstanden. Sobald der Solist ein Lied anstimmt, nutzen die "bitinadùri" (so heißen die 15 oder mehr Sänger) all ihre Stimmkünste um ein imaginäres Orchester nachzuahmen. Eine Wiederholung einzelner Vorführungen kann meist nicht stattfinden, weil sie improvisiert wurden.

Vom weiten Horizont des Meeres muss ich jetzt freilich noch einmal unter die Erde zurückkehren, zur Karsthöhle von Pazin, Dantes fiktives Höllentor, denn ich hatte früher deren ganz große Besonderheit noch nicht erwähnt. Hier verschwindet nämlich der dortige Fluss Pazinčica. Da kann man an einem Seil vorbeischweben, oder direkt sich in die Höhle begeben.

Wenn man einer Höhlenforschergruppe angehört, kann man als Kletterer oder sogar als Taucher ein Stück lang dem unterirdischen Fluss auf abenteuerliche Art und Weise folgen.

Das ginge freilich niemals bis zu jenem Punkt, wo die Pazinčica wieder ans Tageslicht tritt, denn der ist 25 km weit entfernt. Und von dort an hat der Fluss vor Urzeiten eine Sensation geschaffen, nämlich einen seinerseits 10 km langen Fjord ausgeschliffen, der
schließlich ins Meer mündet.

Das Wasser in diesem natürlichen Kanal ist so hervorragend, dass hier etwa hervorragend gelingt, was wir sonst in erster Linie aus Westeuropa kennen, aus Frankreich, Irland und Großbritannien: die Austernzucht Also wieder ein europäischer Bezug.

Wer mag, kann sich in YouTube (https://www.youtube.com/watch?v=IwuOutqCPIA&t=20s) einen kleinen Film über die Austernzucht im Limski Fjord ansehen.
Fortsetzung folgt

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