Es laufen die heißen Sommerwochen, in denen sich sehr viele „wassersüchtige“ Touristen an den kroatischen Stränden zunächst in der prallen Sonne „grillen“ lassen, um dann das herrlich blaue Meerwasser nahezu aufzischen zu lassen, wenn sie sich in die kühlenden Fluten stürzen.
Ich habe aber eine Woche vor Pfingsten, also gerade noch in der Vorsaison mit meiner Gattin ein noch recht beschauliches Istrien erlebt, in dem ich die Ruhe fand, zu spüren, wie viele zeitliche und räumliche Schnittlinien, Parallelen, Tiefenbohrungen diesen kleinen Landstrich mit europäischer Kultur verbinden.
Es kam mir daher bei der Nachbereitung meiner Eindrücke in den Sinn, jenen Spruch, den Friedrich Hebbel für Österreich ersann, auch auf das kleine Istrien anzuwenden.

Ich möchte nun gerne meine Eindrücke mit Gleichgestimmten teilen, und zwar in Häppchen, so wie es etwa zu Charles Dickens‘ Zeiten die Symbiose zwischen Zeitungen und darin abgedruckten Fortsetzungs-Romanen gab.
Schauen wir uns zunächst einmal an, wo Istrien eigentlich im europäischen Orchester sitzt? Zuerst die linke Karte: es ist die winzige Halbinsel am roten Kreis. Am obersten Rand der Karte ist etwa Düsseldorf eingezeichnet, links unten ist Spanien angeschnitten mit Valencia zuunterst. In der Mitte sowieso Italien und ganz rechts unten beginnt Griechenland. Ein wirklich ganz Europa umfassende Landkarte wollte ich nicht auswählen, sonst hätte ich Istrien wohl überhaupt nicht kenntlich machen können.

Und das Bild rechts zeigt in oranger Farbe ganz Kroatien, wobei ich die Halbinsel Istrien schwarz eingerahmt habe.
Das nächste Bild zeigt schon einmal war schon einmal unseren Standort: Rovinj.

Was fällt besonders auf? Wir haben eine Siedlung auf einem Berg, aber unmittelbar am Meer, wobei es sich früher einmal überhaupt um eine Insel handelte, die erst später mit dem Festland verbunden wurde. Auf dem höchsten Punkt die Kirche. Hier haben wir schon einmal erste Bezugspunkte zu Europa, und zwar zu ähnlichen Gegebenheiten.
Mir fiel dazu gleich einmal die große französische Hafenstadt Marseille ein.

Oder das reizende Felsennest Vernazza in den „Cinque Terre“, also an der ligurischen Küste.

Ich könnte aber genauso gut nach Griechenland gehen, und etwa Naxos herauspicken.

Sogar das baltische Tallinn, das einstige Reval, hat einen Touch von dieser Siedlungsform.

Wo es Meer gibt, da gab es auch Piraten. So sagte schon Cassius Dio, der griechische Politiker und Geschichtsschreiber, der von 163 bis 229 n. Chr. Lebte: „Die Seeräuberei ist von jeher betrieben worden und wird stets betrieben werden, solange die menschliche Natur dieselbe bleibt.“ Ich erinnere an die Piratenflagge, auch „Jolly Roger“ genannt. Sie wurde erstmals um 1700 verwendet. Es gab sie auch in „rot“, signalisierend, dass im Beuteschiff gnadenlos alle niedergemetzelt würden. Sie war daher noch viel gefürchteter als die schwarze Flagge, die bedeutet, dass, wer sich nicht wehrte, am Leben blieb und gegen Lösegeld freigekauft werden konnte. Und rechts das Klischeebild eines Seeräubers.

Eine ausgesprochene Brutstätte für solche war Dalmatien, also die Ostküste der Adria, vor allem, weil sich hier drei Imperien trafen: die venezianische Seehandelsmetropole, das Habsburger-Imperium und das Osmanische Reich.
Außerdem ist die Westküste Kroatiens sehr steinig und bietet unmittelbar wenig Flächen für Landwirtschaft. Da boten lohnende Angriffe vom Meer aus schon einmal auch ein willkommenes Zubrot. Äußerst wichtig für das Piratentum war vor allem auch, dass man sichere Schlupfwinkel zur Verfügung hatte, in die man sich vor Verfolgung zurückziehen konnte. Auch dafür war die adriatische Ostküste sehr geeignet. Und auch natürliche Schatzhöhlen konnte man im Karst zur Genüge finden, um die Beute zu verstecken.
Gegen dieses seefahrende Gesindel half nur, wenn man dessen herannahende Schiffe schon von weitem entdeckte.
Ich zeige euch so einen Meerblick vom höchsten Punkt von Rovinj aus, wo auch die Kathedrale steht.

Hatte man von oben die Gefahr entdeckt, konnte man alle warnen und auffordern, sich rechtzeitig hinter mächtigen Stadtmauern in Sicherheit zu bringen. Sehr eindrucksvolle Reste findet man etwa noch im Küstenstädtchen Poreč.


Später – beim Limje Fjord – noch etwas mehr über einen legendären, weltweit berüchtigten Seeräuber.
Wie alt diese Vorsichtsmaßnahme mittel Ausguck von großer Höhe hier in Istrien war verbindet mich nun auch mit einem Erlebnis, das für mich zu den allerstärksten in diesen Ferientagen gezählt hat. Ungeplant und unerwartet – wie auch sonst im Leben viele Highlights. Neugierig war ich geworden durch eine Wegweisertafel neben der Straße.

Es handelte sich um eine gewaltige bronzezeitliche Höhensiedlung, deren älteste Fandamente fast 4 000 Jahre alt sind. Es ist die Ausgrabungsstätte von Monkodonja, was so viel wie „Quittenberg“ bedeutet. Diese nur über eine schmale Schotterstrasse erreichbare Ansiedlung erstreckte sich über eine Länge von 300 und eine Breite von 200 Metern und bot rund 1 000 Menschen Platz.
Archäologische Fantasien meinen, die Siedlung könnte so ausgesehen haben. Auf dem höchsten Punkt befand sich eine Akropolis, die von einer 1 km langen, ca. 3 m hohen Schutzmauer umgeben war.

Die Steine scheinen von Riesen aufgeschichtet worden zu sein.
Übrigens genau wie beim bronzezeitlichen Troja, wie es unsterblich Homer geschildert hat. Und genau in diesen Raum, das mykenische Griechenland, hatte Monkodonja Kontakte.

Das waren bisher die akademischen Emotionen – ja, diese gibt es für einen wissenschaftlich Orientierten auch. Denn auch ein solcher erlebt mit seinen Sinnen; erlebt die völlige Menschenleere im starken Kontrast zum allmählichen Erwachen des Tourismus in den istrischen Niederungen; er wird ebenso gepackt von der Vorstellung, dass hier hunderte Menschen ihren alltäglichen Verrichtungen nachgingen: Frauen am Kochkessel, potentielle Krieger, die ihre Bronzedolche beim schamanischen Schmied bestellten oder nachschärfen ließen; Kinder, Greise und uralte weise Frauen; zweifellos auch Händler mit allerlei, was es vor Ort nicht gab; Hirten weideten auf den abwärts führenden Hängen die Ziegen und Schafe, ihre Hunde konnte man noch mit Wölfen verwechseln. Und dann konnte man plötzlich die Angst aller riechen, wenn unbekannte Schiffe am Horizont auftauchten, auch wenn sie damals noch keine Piratenflaggen gehisst hatten.
Am meisten aber berührte mich die bunte, üppig sprießende Vegetation, im wadenhohen Gras nur einen mässig ausgetretenen Pfad freilassend. Mohnblumen, hüfthohe Disteln, kriechende gelbe und rosa Potpourries.



Wächst dies alles noch immer aus dem Staub der alten Illyrer, die hier lebten, liebten, genossen,litten und dann entschwanden zu ihren Göttern, von denen wir nicht die geringste Ahnung haben. Waren sie unsterblich, strahlend und verheißungsvoll wie Himmel und Meer, deren Schönheit auch wir hier ungestört genießen, oder waren sie Dämonen, dunkel und undurchschaubar, hart und gnadenlos wie die unerbittlichen Steinmauern, die Schatten der abgeschiedenen Seelen in einen freudlosen, finsteren und feuchten Orkus hinabreißend.
Ja, unsere Wanderung ist noch nicht zu Ende. Sie führt uns zu einem
Punkt, an dem sich die Nackenhaare aufstellen könnten, wenn man
seiner Fantasie freien Spielraum lässt. Gegen Ende der Umrundung
gelangt man zu einem jähen 50 Meter in die Tiefe führenden
Steilabfall. Dahinter beginnt eine jetzt ziemlich buschüberwucherte
Karsthöhle – weiß Gott, oder die alten Götter, wo sie hinführt.
Das Gespenstische dabei ist aber, dass am Rand des Abhangs Steinsitze
stehen. (Ich habe sie mit dem roten Pfeil markiert.)

Primitive Throne für Opferpriester? In der Führerliteratur steht nur sehr dezent, dass zu vermuten ist, dass hier Rituale vollzogen wurden. Nun steht fest, dass es in sehr vielen alten Kulturen insbesondere in Krisenzeiten Menschenopfer gab, um die Götter zu besänftigen. Etwa bei den Germanen – wie die Moorleichen mit Sicherheit beweisen. Auch für Stonehenge gibt es Hinweise, Phönizier und Karthager waren dafür bekannt. Auch bei den Römern wurden solche Opfer erst im 1. Jahrhundert vor Christus verboten. Bei den Kelten gehörte es beinahe zu einer religiös-fanatischen Folklore, erhängen, verbrennen, ertränken.
Es ist beileibe hier in Istrien nicht die einzige numinose Höhle. Auf die berühmteste, in Pazin, haben auch wir von der Burg aus hinabgeblickt.

Auch hier stellte man sich einen Eingang in die Unterwelt, präziser gesagt: in die christliche Hölle vor – und noch präziser, in jenes „Inferno“, das die Fantasie des genialen italienische Dichters Dante Alighieri in seiner „Göttlichen Komödie“ erschaffen hatte, schildernd, wie er an Hand seines Führers, des lange schon verstorbenen römischen Autors Vergil jene Pforte fiktiv durchschritten hätte, jenes Tor über das er geschrieben hatte: „Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet“. Nicht nur Künstler versuchten diese packende literarische Szene zu illustrieren (links der großartige Gustave Doré und rechts ein moderner georgischer Künstler, der die beiden Figuren in einen Nachen gesetzt und diesen auf einen Betonsockel in die Lagune von Venedig platziert hat, wobei Dante, seinen Führer fragend, auf San Michele zeigt, auf den altehrwürdigen Inselfriedhof der Lagunenstadt.

An allen möglichen Orten suchte man in der Natur diesen Schreckensort. Hier in Pazin war Dante freilich in Wirklichkeit mit ziemlicher Sicherheit nie gewesen, aber das Volk wusste wohl einiges über sein Werk, denn Istrien sprach durch Jahrhunderte Italienisch, und das heutige Pazin hieß einst Pisino.
Damit schweife ich noch ein weiteres Mal ab, um darauf hinzuweisen, dass es tatsächlich ein Gesetz gibt, das Italienisch neben Kroatisch auch als Amtssprache zulässt. So sind topografische Bezeichnungen, Geschäftsaufschriften, Reklamen für Wirtshäuser und deren Speisekarten und dergleichen mehr doppelsprachig.

Meist sind die Ortsnamen in beiden Sprachen sehr ähnlich. Auch Weinetiketten sind sprachlich fast Zwillinge.

Und so eine Beschilderung wie zur Michaelskirche in Tar ist überhaupt vorbildlich.

So etwas kann nur aus der Geschichte erklärbar sein, und so ist es auch.1100 kam Kroatien in Personalunion zur ungarischen Krone. Ungarn: also ein weiterer Europa-Bezug. Im 12. Jahrhundert war Dalmatien allerdings häufigen Angriffen Venedigs ausgesetzt. Die dalmatischen Stadtstaaten dachten sich, vertrag' dich am besten mit beiden, und so baten sie sowohl Ungarn als auch Venedig um Unterstützung gegen überall lauernde Feinde. Beide Mächte zeigten sich großzügig. Zwei Parteien entstanden. Während die Bauern und Binnenhändler eher zu dem mächtigen Nachbarn Ungarn standen, warben die seefahrenden Kaufleute um die Unterstützung durch Venedig. Den Städten wurden viele Rechte gewährt. Trotzdem kam es auch immer wieder zu Aufständen. Serbien erstarkte. Es war zum Teil ein ziemliches Durcheinander, denn manche Kräfte waren wankelmütig und blieben ihren Herren nur treu, wenn es ihnen passte. Im Norden Dalmatiens übertraf z.B. die Macht mancher kroatischer Magnaten die des ungarischen Königs. Einem reichte es dann, und er verkaufte Dalmatien für 100.000 Dukaten an die Republik Venedig, die nun ihre friedliche Herrschaft auch in Istrien erweitern, bis es dann natürlich zu den Türkenkriegen kam.
Es ist daher in so gut wie in allen Städten Istriens das Markenzeichen Venedigs, der Markuslöwe zu sehen.

FORTSETUNG folgt

Hinterlasse einen Kommentar