Es war einmal vor langer Zeit – nein, nein, ein Jahrtausend ist es noch nicht her, aber allzuviel fehlt eben auch nicht, gerade hundert Jahre vielleicht – da wuchs in einem kleinen Dörfchen in der Lüneburger Heide ein vifes Bürschchen auf. Später, als er berühmt geworden war, nannte man ihn Heinrich von Buxtehude. Aber so weit sind wir natürlich noch lange nicht. Klein-Heinz musste erst einmal den Kinderschuhen entwachsen. In der Schule, die ja ganz allgemein in Deutschland seit der Zeit des großen Karl um soviel besser geworden war, fiel er durch vielseitige Begabung, Fleiß und Gottesfurcht auf. Eigenartig war, dass er am liebsten in seiner Freizeit in der Umgebung der elterlichen Kate herumwanderte, mit einem großen Jutesack, in dem er alles, was er fand, aufsammelte, Steine, Wurzeln, Äste, Tannenzapfen, mit denen man allerlei zusammenbauen konnte, Fantasieburgen, Türme, Stallungen, Bauernhäuser etc., obwohl die Ähnlichkeit mit den vorgestellten Objekten oft nur sehr marginal war – bei so unzulänglichen Materialien. Aber man konnte ein gewisses Talent entdecken, und vielleicht sollte sich daraus einstmalen auch noch Größeres entwickeln. Das dachte sich auch der Grobschmied des Dorfes, der ein Quäntchen Kreativität sein Eigen nannte und sich immer freute, wenn er außer den üblichen Hufeisen manchmal ein Stück Metall auch nach seinen skurrilen Einfällen formen konnte. Er hatte einen alten Schulfreund, der war Steinmetz in Lüneburg geworden und zuvor auf der Walz viel herumgekommen. Der werkte gerade an einer romanischen Kirche in Lüneburg, die später zur dortigen Johanniskirche modernisiert werden sollte. Wie der Zufall es so wollte, war dieser einmal noch am späten Nachmittag beritten unterwegs, und knapp vor dem Dorf, in dem sein Freund, der Schmied, seine Werkstatt hatte, verlor sein Pferd ein Hufeisen. Mit Mühe erreichte er noch die Schmiede, und er hatte Glück, denn sein ehemaliger Kumpel wollte gerade das Feuer in der Esse löschen, freute sich aber, dass er helfen konnte und beschlug das Ross des Steinmetzen. Bei dieser Gelegenheit kam auch die Sprache auf den jungen Burschen, für den nun bald die Entscheidung über eine Berufswahl heranstehen würde. Der Steinmetz versprach, sich das Bürschchen anzusehen, sobald er einmal in der Heidemetropole weilen würde. Das geschah ein paar Wochen später, als ihn der Schmied, der Besorgungen in Lüneburg machen musste, mitnahm. An der Kirchenbaustelle konnte man gerade jede helfende Hand brauchen, da man mit dem Arbeitsfortschritt in Verzug war. So bekam der Junge das Angebot, gleich da zu bleiben; schlafen könne er auf dem Fußboden der Bauhütte, und ob man einen Lehrlingsnapf mehr oder weniger mit Grütze auffülle, sei auch schon egal. Morgen könne er dann gleich in der Frühe mit dem Mörteltragen beginnen. So geschah es. Am übernächsten Tag hatte Heinz natürlich den Eindruck, dass er keinen Muskel bewegen könne, ohne unerträgliche Schmerzen zu empfinden. So sehr war für ihn körperliche Schwerarbeit ungewohnt. Doch von Tag zu Tag wurde er kräftiger, geschickter, auch trickreicher. Sein Mentor, der Steinmetz, stieg in der beruflichen Hierarchie höher empor, als er die Funktion des Poliers übernehmen durfte, der tragischerweise vom Gerüst gestürzt war und sich das Genick gebrochen hatte. Und mit dem Beförderten gemeinsam schaffte es auch Heinz durch Tüchtigkeit immer weiter, bis er sich Geselle nennen durfte. Nun galt es, auf die Walz zu gehen, um bei zu guten Baumeistern im ganzen Abendland seine Ausbildung zu vervollständigen.
So suchte er der Reihe nach die Meister des Doms von Speyer, Worms und Bamberg auf, schiffte dann hinüber nach England, wo er weitere Techniken zur Errichtung meterdicker Mauern erlernte.
Dann lockte ihn der Süden, auch damals schon längst die Sehnsucht aller Teutonen. So begab er sich nach Pisa, wo gerade die kühnste und epochemachende Idee im Kirchenbau realisiert wurde, die Trennung zwischen Kirchenschiff und Glockenturm. Sie sollte dann insbesondere entlang der Adria zur Norm werden.
Enrico, wie er hier angesprochen wurde, lernte und lernte, sog neues Wissen in sich auf, und begann zu überlegen, wie er solches in seine nordische Heimat übertragen könnte. Noch sah er keine Möglichkeit dazu, zu starr, kalt, konservativ und unflexibel schienen ihm seine Zeitgenossen in Niedersachsen. Sein Meister war freilich sehr zufrieden mit ihm, und nach einiger Zeit rief er Heinrich zu sich und sprach: „Enrico, du hast viel gelernt bei mir, viel Selbständiges geleistet und gute Ideen entwickelt. Ich werde dir nun bald den Meistergrad verleihen. Wenn du dann in deine deutschen Land zurückkehrst, fürchte immer Gott, werde nie überheblich, weiche nie vom Erbe deiner Väter ab, und lass dich nie verführen vom ‚Bösen Geist‘, der gerade uns Baumeistern schaden möchte, weiß er doch, wie sehr wir versucht sind, unsere Bauten bis an des Himmels Rand zu treiben, bis an die Sterne weit. Denk‘ an den Babylonischen Turm und die Bestrafung seiner Schöpfer.“
Wie das Schicksal es aber so will: am nächsten Tag war der herzensgute Meister Rainaldo tot, friedlich war sein Herz im Schlaf stehengeblieben. Es folgte ihm eine reichlich zwielichtige Figur nach. Ein Maestro Asmodi, wie er sich selbst nannte. Angeblich war er aus Frankreich hergekommen und hatte sich mit den ersten Spuren eines Stils auseinandergesetzt, den man später als „gotisch“ bezeichnen würde. Auf dem Kopf trug er einen Hut, wie er heute noch die „Alpini“ im italienischen Heer vor den Unbilden der Witterung schützt, nur dass seiner giftig grün war, und eine blutrote Feder, eine „Schneit“, wie man im alpinen Bereich gesagt hätte, gewissermaßen als Herausforderung aus dem Filz herausragte. Und wie eine Kampfansage wirkte auch der Degen, der durch einen grünen, rot gefütterten Umhang nur halb verborgen war.
Nach wenigen Tagen zitierte er Heinrich in die Bauhütte, in der Eiseskälte herrschte, obwohl es im Freien gerade selbst für mediterrane Verhältnisse ungewöhnlich heiß war. Er bot dem Deutschen unhöflich nicht einmal einen Platz an, entnahm seinem Pult lässig ein Pergament und meinte, dass der jüngst verblichene Meister Rainaldo Aufzeichnungen hinterlassen habe, dass er, Heinrich, zum Meister zu erheben sei. Er drückte ihm damit gleichgültig das Schriftstück in die Hand und bedeutete ihm, dass er nun wieder seiner Wege nach deutschen Landen ziehen könne, seine Dienste würden hier nicht mehr gebraucht. Heinrich hatte den Eindruck, dass der welsche Polier am liebsten vor Verachtung ausgespuckt hätte. Und als er gerade noch ein „Gott befohlen“ herausbrachte, vermeinte er gesehen zu haben, wie sein Gegenüber leicht zusammenzuckte. An der Türschwelle rief ihn Asmodi noch einmal zurück und sagte: „Ich weiß ja nicht, wie bewandert ihr Teutonen in mystischen und magischen Künsten seid, aber eines möchte ich dir doch auf deinen künftigen Weg mitgeben: lass‘ dir nie einfallen, einen Nordeingang in eine Kirche einzubauen, denn sonst bist du den Dämonen wehrlos verfallen.“ Zynismus zeichnete die Züge des Sprechenden, so als wollte er damit ausdrücken: „Du Tölpel wirst es ja doch tun und somit verloren sein.“
Gedankenvoll packte Heinrich seine Satteltaschen. Er hatte im Laufe seiner Ausbildung mitbekommen, dass die Erhebung in den Meistergrad eigentlich immer ein sehr weihevoller Akt war. Der Zeremonienmeister hielt zunächst stets eine bewegende Rede, in der er vor allem betonte, dass der nun zum neuen Meister Ernannte überall im Abendland tätig werden dürfe, wenn er den Meisterbrief (der bei diesen Worten feierlich überreicht wurde) in einer Bauhütte einem der beiden sogenannten ‚Aufseher‘ vorweisen würde. Sodann hielt üblicherweise der zelebrierende Meister dem Neophyten die Bibel hin, auf die dieser schwören musste. Und einen Schwur musste er sodann noch auf die ehrwürdigsten Symbole der Zunft ablegen – auf Zirkel und Winkelmaß. Erst dann folgte ein opulentes „Meistermahl“ für die gesamte Bauhütte, das natürlich vom neu Gekürten bezahlt werden musste, was aber jeder gerne tat, in Anbetracht der im Vergleich zu bisher zu erwartenden luxuriösen Einnahmequellen als Meister. Nicht einen von diesen altehrwürdigen Bräuchen hatte dieser kaltschnäuzige, unsympathische und großspurig-überhebliche Asmodi heute an ihm vollzogen.
Unter diesen Umständen sehr froh, Pisa hinter sich lassen zu können, machte Heinrich sich zu Pferd auf den sehr langen Weg, versäumte aber auch nicht, sich architektonische Zimelien, die halbwegs auf dem Weg lagen, anzusehen, wie etwa die großartige Kirche San Zeno in Verona, oder in wesentlich kleinerem Stil den Dom zu Gurk in Kärnten. Weiter ging es, beschwerlich, über Pässe und Ebenen, bis hinauf in die heimatliche Lüneburger Heide, die er unschwer wiedererkannte an den zahllosen Heidschnuken, den flachen Urgestein-Felsplatten und den niedrigen, krautigen Gewächsen von ganz eigener Färbung, wegen derer das Volk sagte: „Die Heide glüht“.
Nicht weit weg war er von seinem Heimathaus – ob wohl seine Eltern noch lebten? Zu teuer wäre es während seiner Wanderjahre für beide Teile gewesen, einen berittenen Boten in die weite Fremde mit der Frage nach der gegenseitigen Befindlichkeit auszusenden.
Als ihn solche Gedanken bewegten, war es schon spät, und die Nacht würde sehr schnell heranbrechen. Er würde die engste Heimat heute nicht mehr erreichen können. Aber plötzlich brannten da mitten in der Heide noch unerwartet Lichter – ein Dorf mit einer Schenke tauchte aus der Dunkelheit auf. Ein wenig herabgekommen, und das Schild „Zur glühenden Zange“ war auch nicht gerade vertrauenerweckend. Aber, hatte er eine Wahl? Als er freilich mutig durch die schwere Eichentüre trat, wäre er beinahe zurückgeprallt. Aus rauen Männerkehlen brauste ihm ein wildes Lied entgegen. So weit er dem Text folgen konnte, drehte es sich um ein ungezügeltes Trinklied.1
1Deutsche Übersetzung des lateinischen Trinklieds („In Taberna quando sumus“) aus den Carmina Burana:
„Wenn wir sitzen in der Schenke, fragen wir nichts nach dem Grabe, sondern machen uns ans Spiel, über dem wir immer schwitzen. Was sich in der Schenke tut, wenn der Batzen Wein herbeischafft, das verlohnt sich, zu vernehmen: Höret, was ich sage! Manche spielen, manche trinken, manche leben liederlich. Aber die beim Spiel verweilen: Da wird mancher ausgezogen, mancher kommt zu einem Rocke, manche wickeln sich in Säcke. Keiner fürchtet dort den Tod: Nein, um Bacchus würfelt man. Erstens: wer die Zeche zahlt: davon trinkt das lockre Volk. Einmal auf die Eingelochten, dreimal dann auf die, die leben, viermal auf die Christenheit, fünfmal, die im Herrn verstarben, sechsmal auf die leichten Schwestern, siebenmal auf die Heckenreiterei2, achtmal die perversen Brüder, neunmal die versprengten Mönche, zehnmal, die die See befahren, elfmal, die in Zwietracht liegen, zwölfmal, die in Buße leben, dreizehnmal, die unterwegs sind. Auf den Papst wie auf den König. Trinken alle schrankenlos. Trinkt die Herrin, trinkt der Herr, trinkt der Ritter, trinket dieser, trinket jene, trinkt der Knecht und trinkt die Magd, trinkt der Schnelle, trinkt der Faule, trinkt der Blonde, trinkt der Schwarze, trinkt, wer sesshaft, trinkt, wer fahrend, trinkt der Tölpel, trinkt der Weise; trinkt der Arme und der Kranke, der Verbannte, Unbekannte, trinkt das Kind und trinkt der Kahle, trinken Bischof und Dekan; trinkt die Schwester, trinkt der Bruder, trinkt die Ahne, trinkt die Mutter, trinket dieser, trinket jener, trinken hundert, trinken tausend. Sechshundert Zechinen reichen lange nicht, wenn maßlos alle trinken ohne Rand und Band. Trinken sie auch frohgemut, schmähen uns doch alle Völker, und wir werden arm davon. Mögen, die uns schmäh’n, verkommen, nicht im Buche der Gerechten aufgeschrieben sein! Io io io io io io io io io! Io io io io io io io io io!“
2Gemeint sind die Hexen. Eine althochdeutsche Form dieses Wortes lautet hagazussa. Der erste Bestandteil dieser Wortbildung lebt fort in „Hag“ und „Hecke“, worunter man früher u.a. auch die natürliche Umzäunung von dörflichen Siedlungen verstand. Jenseits dieser Umhegungen befand sich Land, meist Wald, wo auch unheimliche Mächte walten konnten. Die Hexen wurden eben mit dem Grenzwertigen zwischen urban und dämonisch in Verbindung gebracht. Der zweite Bestandteil ist unklar, bedeutet aber ziemlich sicher so etwas wie „Gespenst, Geist, Dämon“. Unter Hexe wäre also eine Unholdin zu verstehen, die, auf Zäunen, auf einfriedenden Hecken, am Hag lauernd, die eingehegte geschützte Wohnstätte zu gefährden sucht. Hierher passt auch genau, dass die Hexe im altnordischen tūnriða heißt, also die ‘Zaunreiterin’. Der bedeutende Sprachwissenschaftler de Vries hielt auch eine Beziehung des Grundworts zu altenglisch tāda, tādige, englisch toad, dänisch tudse, schwedisch tossa ‘Kröte’ für möglich, da auch der Kröte die Fähigkeit zugeschrieben wird, bösartig und giftig zu sein, Krankheiten zu verursachen und die Gestalt zu wechseln, ja selbst verwandelte Hexen zu sein. Entgegen allen jahrhundertealten Überlieferungen im Volksglauben halten wissenschaftsferne Pseudo-Esoteriker die Kröte nach wie vor für ein gutes, mütterliches Tier.
Mitten in dem höllischen Gesang sprang ein Weib mit kohlrabenschwarzem Haar, zigeunerfarbener Haut und erotisch wehenden Röcken mitten auf den großen Wirtshaustisch und stampfte in einem heidnischen Rhythmus zu dem zügellosen Chor.
Heinrich drückte sich möglichst unauffällig in eine Ecke. Das sollte ihm aber nichts nützen, denn das Weib wurde seiner noch vor dem Ende der ekstatischen Verbalorgie gewahr, als ob sie auf ihn gewartet hätte. Sobald sie vom Tisch gesprungen war, wobei sie einige grobe Männerpranken mit eindeutiger Absicht handgreiflich unterstützten, bahnte sie sich, auch nicht gerade zimperlich derbe Rippenstöße versetzend, ihren Weg zum fremden Gast. Gemäß den nachgelassenen Lebensschilderungen des Heinrich von Buxtehude, könnte die behexende Weibsperson etwa so ausgesehen haben.3
3 Wie die „Zigeunerin“ des holländischen Malers Frans Hals.

Sie sprach ihn unumwunden an: „Wie heißt du, Fremder?“ Er antwortete, etwas verdutzt über ihre kecke Direktheit: „Heinrich von Buxthude. Und wer bist du?“ Sie daraufhin: „Sie nennen mich ‚Amernalecto’“ Er: „Ein ungewöhnlicher Name“. Sie: „Ein uralter Name, alt wie die Felsplatten draußen in der Heide.“ Er: „Und was machst du so? Ist das hier dein Wirtshaus?“ Sie: „So ist es. Aber jetzt erzähle etwas von dir. Ich habe dich hier ja noch nie gesehen.“ Daraufhin plauderte Heinrich schon wesentlich lockerer drauflos, denn der volle Krug Starkbiers, den er – ausgedörrt wie er war – fast in einem Zug geleert hatte, lockerte seine Zunge und machte ihn gegenüber der fremdartigen Erscheinung zutraulicher. Er erzählte von seinem Elternhaus, seiner Jugend, der früh erwachten Begeisterung für das Bauen und seine bisherige Ausbildung und Karriere. Die Dirne bekam ein verdächtiges Glitzern in die Augen. Sie klatschte in die Hände wie ein junges Mädchen und rief aus: „Das trifft sich ja prächtig. Du siehst ja selbst“, und dabei wies sie auf die Reihe eng gedrängter Männer, „dieses Gasthaus wird zu klein. Ich habe genug Geld gespart, um mir eine größere, aber schlichte und gemütliche neue Schenke leisten zu können, umso mehr als mir alle diese kräftigen Kerle als billige Arbeitskräfte beim Aufbau zur Verfügung stehen würden. Sie waren alle in der Heide Schafhirten, sind aber jetzt arbeitslos, seit die jüngste Tierseuche den Bestand an Schnuken empfindlich verringert hat. Was mir fehlt, ist aber wenigstens eine kleine Skizze und eine Bewertung der Statik eines so rustikalen Gebäudes.“ Und schon sprang sie auf, um Schreibzeug zu holen. Heinrich war mittlerweile beim zweiten Schoppen welschen Weines angelangt und entsprechend willfährig. Er verlieh dem geschilderten Projekt eine erste zeichnerische Form. Und er erklärte, dass er bewusst das Eingangstor an die Nordseite verlegt hatte, denn da würde den Leuten vom borealen Wind am kältesten sein und sie würden in die tröstlich wärmende Oase strömen. Die Wirtin strahlte und kritzelte rasch auch noch einen Turm hinzu. „Was ist das denn?“, schmunzelte der Architekt. „Du gedenkst doch nicht etwa eine Kirche zu bauen?“ „Keinesfalls“, antwortete die Schankmaid. „Das wird ein Taubenschlag. Meine Stammgäste schätzen ein zartes gebratenes Täublein auf dem Teller.“ Heinrich bohrte nicht weiter, sondern gab sich zufrieden mit dieser Antwort. Allmählich wurde er müde von dem langen Ritt, den er heute hinter sich hatte, aber wohl auch von den Getränken und der ordentlich fetten Portion Spanferkel, die er genossen hatte. Er hatte sich schon vorher vergewissert, dass es auch eine Schlafgelegenheit im Hause geben würde. Zu dieser geleitete ihn jetzt die Amernalecto. Er schlief übermüdet sofort ein, vermutlich ehe noch sein Haupt den Kopfpolster berührt hatte.
Es war gewiss schon einiges nach Mitternacht, als er im Halbschlaf das Gefühl hatte, es würde sich jemand ins Zimmer schleichen. Sekunden später war es Gewissheit, als eine samtene Haut seinen Körper berührte und sich zartes, aber wohlgerundetes Fleisch an seinen Körper presste. Er hatte vor Erstaunen zunächst keine Kraft für irgendeine Reaktion, kurz darauf konnte er sich aber gegen eine umso kräftigere solche nicht mehr wehren, die man landläufig „Erektion“ nennt. Er war praktisch so etwas wie eine männliche Jungfrau, denn an eine allmähliche Familiengründung konnte damals nur ein Meister denken. Und sein Denken war moralisch so einwandfrei, dass es ihm nicht in den Sinn gekommen wäre, ein Mädchen, für das er dann nicht sorgen konnte, rücksichtslos zu schwängern. Außerdem war er auch in seine Berufsausbildung so vernarrt gewesen, dass ihm stets wenig Freizeit blieb. So waren seine sexuellen Erfahrungen bisher auf ein bisschen Küssen und Schmusen beschränkt geblieben. Was ihm nun widerfuhr, war eine Lawine, ein Bergsturz, ein Wasserfall der Lust. Und natürlich war es diese schwarzhaarige Hexe gewesen. Sie blieb am nächsten Morgen verschwunden. Das Frühstück brachte ihm der Halbwüchsige, der gestern an der Schank gestanden war. Und so musste er weiterziehen, ohne die wollüstige Naturgewalt, die über ihn gekommen war, wiederzusehen.
Es mögen drei Jahre seither vergangen sein. Heinrich von Buxtehude hatte in der Zwischenzeit die junge Witwe eines Meisters geheiratet und führte nun beruflich und privat ein gutes Leben. Da verschlug es ihn einmal in jenes Dorf, wo er sein wildes Abenteuer erlebt hatte. Er fand die Stelle, wo die alte Kneipe „Zur glühenden Zange“ gestanden hatte. Hier gab es nur mehr einen wüsten Trümmerhaufen. Er beschloss, sich weiter im Dorf umzusehen. Alles erschien ihm gespenstisch und gruselig, in einem fahlen Licht. Plötzlich entdeckte er ein aus schweren Steinen gemauertes Gebäude mit meterdicken Mauern und einem Eingang im Norden. Vor diesem tauchte nun eine geisterhafte Gestalt auf – den Kopf bedeckt mit einem giftig grünen Hut und blutroter Feder, in einen ebenso zweifarbigen Umhang gehüllt und einen Degen umgeschnallt. Um des gerechten Himmels willen, das war Meister Asmodi. Aber die Gestalt wuchs und wuchs, immer höher. Reichte nun schon über das Dach hinaus. Und war da nicht auch ein Pferdefuß zu erkennen. Und nun gab die Schreckgestalt auch den Blick durch die Türe frei. Heinrich blieb das Herz stehen, denn er sah einen Altar und weitere Kircheneinrichtungen. Er hatte mit seinen einstmaligen Skizzen und Berechnungen für ein Wirtshaus in Wirklichkeit einen Kirchenbau mit Nordeingang ermöglicht. Asmodi trat immer näher und näher und wuchs immer höher und höher. Das war wohl sein Ende, dachte Heinrich.
Doch plötzlich fuhren zwei Gestalten wie ein gegabelter Blitz zur Erde. Eine davon unverkennbar der Erzengel Michael mit gezücktem Flammenschwert. Die andere Macht war anscheinend eine Frau. Noch konnte Heinrich nichts Näheres begreifen, doch nun sah er, dass die Heilige – und nur um eine solche konnte es sich handeln – langes rotgoldenes Haar bis zu den Fersen trug, das nun zu glühen begann, um den Teufel damit zu quälen, wie einst Medusa ihre Opfer mit ihrer Schlangenfrisur. Dazu kam die Hitze von Michaels Flammenschwert. Der Architekt sah, wie sich auf Satans immerhin höllenfeuergewohnter nackten Haut dennoch mittlerweile Brandblasen bildeten.
Und der böse Feind fing an zu fluchen, mit einem Text, den dann fast 900 Jahre später einer der begnadetsten österreichischen Dichter seinem Höllenfürsten auf dem Salzburger Domplatz ins stinkende Maul legen würde, als sich auch dieser um eine sicher geglaubte arme Seele betrogen fühlte: „Ist mir verfallen mit Haut und Haar, und sicher wie lang schon keiner war.“ Er versuchte, sich an Michael und Magdalena (denn sie war die mächtige Helferin) vorbeizudrängen, um Heinrich zu fassen zu kriegen. Die beiden Himmelsboten unisono: „Hier ist kein Weg“. Der Teufel: „Geschrei! Gespiel! Belästigung! Wie, diesen will man mir verwehren; dass ich ihm auf die Kappen geh, ihm jählings das Genick umdreh, ihm zuschrei: Duck dich, Fleisch, und stirb! Und seine Seel für uns erwirb. Verharrt ihr drauf mit kaltem Blut Und bangt euch nit vor meiner Wut. Und Zähn gefletscht und Fäust geballt? Und, dass Recht und Gerechtigkeit gewappnet stehen auf meiner Seit?“ Magdalena: „Auf deiner Seiten steht nit viel. Hast schon verloren in dem Spiel. Gott hat geworfen in die Schal sein Opfertod und Marterqual, und Heinrichs Schuldigkeit vorausbezahlt in Ewigkeit.“ Teufel: „Ha! Weiberred und Gaukelei! Wasch mir den Pelz und mach ihn nit naß! Ein Wischiwasch! Salbaderei! Zum Speien ich dergleichen haß!“ Michael: „Wo aber tönet diese Glocken, hat angehoben Ewigkeit.“ Man hört von dem freistehenden Glockenturm, den die Hexe betrügerisch dem Heinrich als einen Taubenschlag vorgegaukelt hatte, feierliches Geläute. Satan: „Ich geb es auf, ich kehr mich um, Ich lass ihn, füttert ihn euch aus. Mich ekelts hier, ich geh nach Haus.“ Dabei greift er hinter sich in das Kirchlein hinein, ergreift mit Gewalt die Holzstatue des Erzengels Michael, bricht ihr den rechten Arm mit dem Schwert ab und reißt die Seelenwaage herunter. Dann dreht er sich so wild im Kreis, dass ein Krater entsteht, der sich immer mehr verbreitert, bis vom Fürsten der Finsternis nichts mehr zu sehen ist. An dieser Stelle wächst auch nach Jahrhunderten kein Heidenröslein mehr, und keine heilkräftige Centaurea! Und sehr alte und sehr sensible Menschen behaupten, es würde noch immer ein Schwefeldampf in der Luft liegen.
Die himmlischen Helfer waren so rasch verschwunden, wie sie gekommen waren. Als unser Baumeister aber sich von seinem Schock erholt hatte, vermeinte er geträumt zu haben. Nachdenklich und besonnen ließ er sich Zeit auf dem Heimritt. Tage später versammelte er seine Lehrlinge und Gesellen in seiner Werkstatt und ermahnte sie, in ihrem künftigen Leben lieber alles doppelt zu prüfen, als jemals sich vormachen zu lassen, ein Wirtshaus sei eine Kirche oder umgekehrt. Die Gefolgschaft begriff zwar die Bedeutung dieser Worte nicht komplett, erfasste aber doch den Sinn im großen und ganzen und versuchte auch im ferneren Leben danach zu handeln. Meister Heinrich von Buxtehude aber legte von Stund an Zirkel und Winkelmaß, Lotwaage und Richtscheit, Senkblei und Virga nieder, auf dass ihm nie mehr eine solche Unbesonnenheit passieren möge.
Jene Anhängerin Luzifers, die Hexe Amernalecto, die dessen willfähriges Werkzeug zur Verführung des gottesfürchtigen Baumeisters und vieler anderer Gutgläubiger gewesen war, bannten die himmlischen Mächte auf ewig in einen Baum auf der Heide.

Besonders Begnadete aber kommen immer wieder gerne zu diesem uralten Kirchlein. Und wenn sie noch dazu in diese Sage eingeweiht sind, dann meditieren sie gerne darüber, dass man auch durch eine falsche Türe den Weg in den richtigen Frieden und ins wahre Glück finden kann.

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