MYTHISCHER STRIPTEASE

TEIL 1: Veganer Streit

Um diese nachfolgende Story richtig genießen zu können, empfehle ich, zuvor die Geschichte „Lockdown auf dem Olymp“ zu lesen. Ihr ist zu entnehmen, warum Hera nun zur Mitbewohnerin der göttlichen Taverne „Zum leberpeckenden Adler“, verborgen in einer Mulde am Hang des Olymp, geworden war.

Dieser personelle Zuwachs wurde von den Alteingesessenen recht gut verkraftet, umso mehr als sich Hera und Zeus viel weniger stritten, als zunächst zurecht allgemein befürchtet worden war. Dieser Verhaltensumschwung bei der Götterchefin scheint dem Umstand geschuldet gewesen zu sein, dass sie – wohl verführt von ihren Mitbewohnern – erkannte, wie vorzüglich gutes Essen und Trinken mundete, von anderen Ergötzlichkeiten, die der nunmehr ständigen Anwesenheit des Herrn Gemahl geschuldet waren, ganz zu schweigen.

Das Übermaß der neuen, ungewohnten Kalorienzufuhr wurde allerdings so groß, dass Hera binnen weniger Wochen zehn Kilo zunahm. Begünstigt wurde dieser Wandel zweifellos durch den Umstand, dass Hera unvorteilhafte Gene von ihren Titaneneltern Kronos und Rhea geerbt hatte. Man kennt das ja! Das war bisher nicht so sehr ins Gewicht gefallen (im wahrsten Sinne des Wortes), da Hera in den früheren dauernden Streitereien mit Zeus oft einfach der Appetit vergangen war, oder sie in aller Eile nur einen Snack in sich hineingeschlungen hatte, um rechtzeitig wieder zurück auf ihrem Beobachterposten zu sein, wenn sie entdeckt hatte, dass der göttliche Herr Gemahl wieder einmal jenes Glitzern in den Augen hatte, das unmissverständlich anzeigte, dass er neuerlich auf der Jagd nach verführbarer Weiblichkeit war. Die griechische Mythologie überliefert uns übrigens nur einen Bruchteil der tatsächlichen Amouren des Göttervaters.

Ihr nunmehr erworbenes Übergewicht ärgerte natürlich Hera, und so wurde auch die allgemeine Stimmung wieder mieser. Vor allem grollte Zeus auch wieder häufiger, denn seine nicht mehr nur appetitlich mollige, sondern mittlerweile ungustiös fette und schwammige Lebensgefährtin turnte ihn momentan gar nicht mehr an, und er konnte sich zur Kompensation auch nicht mehr restlos besaufen, denn dann würde Hera wieder anfangen, unmäßig zu keifen wie in alten Tagen.

Damit sich meine Leserschaft ein besseres Bild (im wahrsten Sinne des Wortes) von Heras negativer Metamorphose machen kann, hier drei malerische Vergleiche:

Mengs, Urteil des Paris (Ausschnitt); Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Mengs,_
Urteil_des_Paris.jpg
Tintoretto, Ursprung der Milchstrasse; Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Jacopo_Tintoretto_-_The_Origin_of_the_Milky_Way_-_Google_Art_Project.jpg


Hera Borghese; Foto: Rabax63 (CC BY-SA 4.0 DEED); Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hera_Borghese.jpg?uselang=de

Ich würde sagen, Anton Raphael Mengs hat Hera in seinem „Parisurteil“ so jugendlich schlank und schön dargestellt, wie man sie sich wohl vor jeder Gewichtszunahme vorstellen darf. Tintorettos Bild1 zeigt sie schon etwas fülliger, aber wohl immer noch sehr fesch.


1Das Bild nennt sich „Der Ursprung der Milchstrasse“, weil es dem nachstehenden Mythos folgt: Zeus legt seinen mit der sterblichen Alkmene gezeugten Sohn Herakles seiner schlafenden Gattin Hera an die Brust, damit dieser Unsterblichkeit erlange. Im Erwachen und empörten Gewahrwerden spritzt Heras Milch ans Firmament und gerinnt zur Milchstrasse.


Zu einer aus dem Leim gegangenen Matrone ist die Zeusgemahlin schließlich in der plastischen Präsentation der „Hera Borghese“ geworden. Es handelt sich dabei um eine römische Kopie von einem griechischen Original aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., gefunden 1857 in Ostia und ausgestellt in den Vatikanischen Museen.

Da geschah es, dass der Adler des Prometheus, der bekanntlich die diskret verpackten und außen neben der Eingangstüre jener Provinzapotheke im Tal gelagerten Spirituosen abholte und in die elysische Kneipe hochbrachte, einige Prospekte mit erwischte, die Tipps für nachhaltige Schlankheitskuren beinhalteten. Zusammenfassend stellten diese fest, dass in Wirklichkeit ein dauerhafter Effekt nur durch eine komplette Umstellung der Lebensweise zu erzielen wäre, am besten hinein in eine weitgehend vegane Daseinsform. Die meisten anderen, vor allem in der Werbung angepriesenen Diätkuren brachten zwar momentane Erfolge, mündeten aber unwiderruflich in einen Yoyo-Effekt, das heißt in kürzester Zeit speicherte der Körper wieder so viel Fett wie zuvor, wenn nicht womöglich sogar noch mehr.

Hera kämpfte einen gewaltigen Kampf mit sich selbst. Zu sehr hatte sie sich schon an ein kalorienbewahrendes Wohlleben gewöhnt. Sie musste auf jeden Fall kurz weg von diesen animierenden Küchendünsten, die sich gerade verbreiteten, da das Mittagessen in weniger als einer Stunde serviert werden würde. Sie stolperte in Richtung Ausgang, blieb aber mit ihren von Daedalus gefertigten Highheels an der Schwelle hängen und fiel der Länge nach ins Freie. Ihre Nase begann zu bluten, und ein Schneidezahn schien ein wenig zu wackeln. Hera fluchte wie ein Droschkenkutscher. So etwas wäre ihr zu Zeiten des Trojanischen Kriegs nicht passiert. Denn da war sie noch rank, schlank und muskulös gewesen, was auch kein Wunder war, joggte sie in jenen längst vergangenen Tagen doch ein Mal in der Woche von Marathon nach Athen – übrigens ohne außer Atem zu geraten. Aber dieser schmerzhafte Sturz bewies, dass sie ob ihrer Fettleibigkeit unbeweglich geworden war. So konnte das nun wirklich nicht weitergehen. Während sie sich wieder in die Behausung schleppte, sich auf ein Küchenstockerl setzte, ihr Nasenbluten zu stoppen versuchte und ihre Schürfwunden verpflasterte, stand ihr endgültiger Entschluss fest: sie musste ihr Leben ändern, musste ihre ungesunden Essensgewohnheiten umstellen und sich am besten nur mehr vegan, oder wenigstens vegetarisch ernähren.

Beim nachfolgenden Mittagsmahl gab sie ihren Entschluss bekannt. Zunächst blieb allen Tischgenossen beiderlei Geschlechts der Mund offen – vor maßlosem Erstaunen, nicht weil sie gerade einen zu heißen Bissen hineingesteckt hätten. Das verbale Chaos, das nun folgte, war einer babylonischen Sprachverwirrung vergleichbar.

Hera legte ihre in Zusammenhang mit dem gerade erfolgten Sturz plausiblen Gründe dar. Dann war sie sogar so keck, sich zu erkundigen, ob sich nicht vielleicht noch jemand aus der Tischrunde ihrem Vorhaben anzuschließen gedenke. Nach mehrmaligem Räuspern outete sich Hermes: „Ahäääm. Ich sollte wohl eigentlich auch 10 bis 15 kg an Gewicht verlieren, ehe der Umstand eintritt, dass mich meine Flügelchen nicht mehr tragen würden. Ich habe in letzter Zeit bei meinen ohnedies coronabedingt nur auf den Olymp beschränkten Spazierflügen bemerkt, dass ich beim kleinsten Luftloch enorm durchsackte und in Absturzgefahr geriet. Das würde mich, wenn die Pandemie zu Ende sein wird und meine Flugstrecken wieder länger ausfallen sollten, arg handicapen. Ich könnte daher einer veganen Lebensführung vermutlich einiges abgewinnen.“

Zeus knurrte nur mit vollem Mund: „Spinnerte Idee!“ Apollo hatte das alles anscheinend gar nicht so genau mitbekommen, da er sich noch vor der Nachspeise an seinen Arbeitsplatz begeben hatte. Er hatte nämlich den lieben langen Tag nichts anderes im Kopf als die diffizilen linguistischen Probleme, die seine selbstgewählte momentane Aufgabe mit sich brachte: die Übersetzung von Homers „Ilias“ ins Chinesische, ein Unterfangen, über das sich bisher kein Sterblicher gewagt hatte, das er aber in Zusammenhang mit dem rasanten Aufstieg des Landes der Mitte zu einer führenden Weltmächte als ungemein wichtig ansah, auf dass die „Schlitzäugigen“ nicht fürderhin glauben sollten, dass ihre Mao-Bibel die einzige Weltliteratur wäre. Sollte ihm dieses Vorhaben einigermaßen von der Hand gehen, dann würde er auch eine Translation der „Odyssee“ ins Mandarin wagen. Auch dem Subkontinent Indien konnte es nicht schaden, mit dem nach der Bibel vielleicht wichtigsten beiden Werken uralter abendländischer Literatur vertraut gemacht zu werden. In Zusammenhang damit waren jedoch noch einige Überlegungen zu tätigen. Sollte die Übertragung ins alte Sanskrit oder in einen modernen Dialekt erfolgen – oder beides? Doch derzeit musste er ja noch nicht endgültig darüber entscheiden. Und gar nicht entscheiden musste er sich, ob er weiterhin griechisch-mediterrane Spezialitäten aufgetischt bekommen wollte, oder Veganes, denn Apollo war gertenschlank und konnte – überhaupt unbekleidet – als zeitloses männliches Schönheitsideal durchgehen.

Und Prometheus war von den jahrtausendelangen Strapazen des Angekettetseins auf dem Berg Kasbek im Kaukasus noch immer zaundürr. Ihm wäre eine fettreiche Mastkur eher angestanden. Noch nicht festlegen wollte sich der Adler. Auf seinen unter dem Federkleid liegenden Körperbau hatte sich das aufgrund der Pandemie völlige Ausbleiben der Fernflüge zwecks Wein-Akquisition in aller Herren und Damen Länder durchaus negativ ausgewirkt. Nun saß er – bis auf den periodischen kurzen Flug zur talseitigen Apotheke – oft nur auf seiner geliebten Trapezstange und las außer ornithologischer Fachliteratur durchaus auch Romane, in denen Gebirge und ihre Vogelwelt eine Rolle spielten (wie z.B. die „Geierwally“), hörte ebensolche Musik (wie „El Condor Pasa“) oder er ließ sein Adlerauge hinunter ins Tal schweifen, wobei er natürlich viel mehr wahrnehmen konnte, als menschliche Waidmänner durch ein noch so gutes Fernglas. Schieflachen musste er sich freilich, als er hörte, dass das Jägerlatein kursierte, Adleraugen könnten sogar Coronaviren erspähen! Was ihn freilich beunruhigte war, dass sein luftiger Sitz in letzter Zeit schon mehrfach in den Seilen bedenklich geächzt hatte, und bei näherem Hinsehen hatte die hölzerne Stange tatsächlich einen leichten Sprung. Abnehmen würde daher also gar nicht schaden. Anderseits genoss er wirklich eine schmackhafte, abwechslungsreiche Küche, Gebratenes, Gebackenes, Gedünstetes, Gegrilltes, sowohl von Fleisch wie von Fisch, Meeresgetier, Wild, Pasteten, Spargel und anderes leckeres Gemüse, knackige Salate, Kuchen, Torten, Reindlinge, Puddings, Kompotte, auch einmal ein unvergleichliches Tiramisu, oder all die von ihren Bezeichnungen so herrlich politisch unkorrekten Nachspeisen wie „Mohr im Hemd“,„Indianer mit Schlag“ oder „Negerküsse“ – sie hatten den Vorteil, dass bei den hitzigen ideologischen Diskussionen, die sie entfachten, niemand mehr an die Kalorienmengen dachte, die viel schädlicher waren als irgendein von einer radikalen Minderheit ersonnener linguistischer Fauxpas (schön wenn es dann zu einer Gegenverarschung kommt, wenn eine Firma ihre „Negerküsse“ umbenennt in „Schaumwaffeln mit Migrations-Hintergrund“). Verdammt, war die Entscheidung, was er tun sollte, für den Adler schwer. Wie wir aber sehen werden, wurde sie ihm durch die folgenden Ereignisse bald abgenommen.

Nun kommt aber eine Gestalt ins Spiel, deren Silhouette – beinahe noch mächtiger als sonst schon – gut ein Drittel des Querschnitts durch die Taverne auf einem Architektenplan gefüllt hätte: Athena. Sie stemmte die Hände in die breiten Hüften, das Antlitz vor Zorn gerötet. Nach der Ansicht von Klappergestell-Fans und Asketen mit einer Vorliebe für knabenhafte Frauenkörper und androgyne Twiggy-Typen wäre sie es gewesen, die eine vegane Ernährungsumstellung zwecks Reduzierung fettiger Kilos am allernotwendigsten gehabt hätte. Nicht so freilich im Urteil von Kennern der Vorteile weicher und dennoch wohlproportionierter Weiblichkeit, mit üppigen Rundungen an gerade jenen Stellen, wo sie hingehörten. Für Liebhaber schwellender Schenkel, schwerer, aber formschöner und fester Brüste sowie ausladender Hinterteile, wobei diese ganze feminine Packung freilich nicht aus Schwabbelfett bestehen durfte, sondern beachtliche, tieferliegende Muskeln verraten musste, für solche erotischen Gourmets und Gourmands freilich war dieses Weib nicht nur eine der griechischen Mythologie entstammende Göttin im wahrsten Sinne des Wortes, sondern in ihren feuchten Macho-Träumen eine hocherotische Sexbombe kat exochen, eine fleischgewordene Rubensfigur. Dieser Maler, dem – wie wir von einem vorherigen olympischen Bericht her wissen – dem die Ehre zuteil geworden war, auf dem Musenberg Parnass wohnen zu dürfen, hatte die Göttliche vor kurzem erst großformatig gemalt, nackt und wonnig, wie sie dem Haupte des Zeus entsprungen war.

Rubens: Urteil des Paris (Ausschnitt): Quelle: Rubens – Judgement of Paris – The Judgement of Paris (Rubens) – Wikipedia

Und Rubens war beileibe nicht der einzige Barockmeister, der Athenes Formen für wert erachtete, für die gleichzeitigen Freunde der bildenden Künste und der Fülle vollendeter weiblicher Schönheit festgehalten zu werden. Da gab es etwa den um ca. 1500 geborenen Manieristen Gian Giacomo Caraglio, italienischer Zeichner, Kupferstecher, Architekt und Medailleur. Weiters können wir hier Hendrik van Balen den Älteren (um 1575 – 1632) , seines Zeichens flämischer Maler und Glasmaler, anführen

Caraglio; Quelle: Giovanni Jacopo Caraglio | Plate 20: Pallas Athena holding a shield with Medusa’s head in her right hand and a lance in her left hand, from „Mythological Gods and Goddesses“ | The Metropolitan Museum of Art (metmuseum.org)
Hendrik van Balen d.Ä., Ausschnitt aus „Urteil des Paris“ Quelle: The Judgement of Paris – Paintings by Hendrick van Balen – Wikimedia Commons

Und keinesfalls dürfte man in diesem Zusammenhang den flämischen Maler Bartholomäus Spranger (1546 – 1611) vergessen, der zumeist in Prag lebte und arbeitete. Er gehörte zu den angesehensten Malern seiner Zeit.

Aber auch später war man von der malerischen Ergiebigkeit von Athenas Formen für die Malerei überzeugt, wie etwa eine Darstellung von Anton Raphael Mengs (1728 – 1779) beweist.

nach Spranger; Quelle: Attributed to Jan Muller | Minerva | The Metropolitan Museum of Art (metmuseum.org)

Athena also richtete nun in all ihrer Fleisch gewordenen Majestät das Wort an Hera, wobei das einleitende Wort „Schlampe“ doch nur zwischen den Zähnen herausgezischt und wie von einer königlichen Heroine auf der Shakespeare-Bühne beiseite gesprochen wurde. Dies entsprang freilich nicht etwa dem Respekt einer Tochter vor ihrer Mutter, denn Hera hatte (woran wir gerade vor ein paar Zeilen erinnert wurden) sie nicht in ihrem Schoß ausgetragen, es entsprang auch nicht der Furcht vor Zeus’ Zorn, denn sie wusste, was der Göttervater im Grunde von seiner keifenden Alten hielt (auch wenn sich in letzter Zeit mehr Harmonie eingestellt hatte), und sie wusste auch, dass der Gottsöberste es auch bei all seinen Amouren mit lasziven Flittchen und ehrbaren Ehefrauen vorzog, eher Molliges in seinen geilen Armen zu halten (war eine zu mager, wie beispielsweise Danae, dann stand ihm eine körperliche Vereinigung nicht dafür und er zog eine eher abstrakte Schwängerung etwa durch einen flüchtig klimpernden Gold-Regen vor, oder als Schwan bei der dürren Leda, bei der er auch kaum etwas gefunden hätte, was des göttlichen „Ausgreifens“ wert gewesen wäre. Athena wollte das „Schlampen“-Wort nur nicht vor Prometheus und seinem Adler gebrauchen, weil diese sich vielleicht doch sehr gewundert hätten, welch kruder Sprachschatz seinen Weg schon bis in den Götterhimmel geschafft hatte.

Also begann ihre Rede so: „Hera, du kannst dich wieder in den Palast auf dem Berggipfel schleichen und das geschmacklose Ambrosia fressen und dazu lauwarmen picksüßen Nektar saufen, der erst recht dick macht. Da kannst du dann nach einiger Zeit, wenn dir der Appetit auf all das schale Zeug vergangen sein wird, laut „reka, reka“ fluchen, weil dir das „Heureka“-Jubilieren vergangen sein wird, ganz genau wie einstmals dem armen bairischen Aloisius, der auf einer Wolke im Christenhimmel sitzend, weil ihm sein geliebtes Bier abhanden gekommen war, auch immer nur unüberhörbar „luja, luja“ schimpfte, weil er das aus allen Ecken ertönende „Halleluja, Halleluja“ schon nicht mehr hören konnte. Zum Unterschied zu ihm, dem großzügiger Urlaub im Münchner Hofbräuhaus gewährt wurde, wird dir jedoch diese divine Osteria hier herunten bei uns auf immer und ewig verschlossen sein. Es fällt mir gar nicht ein, wegen dir und dem von dir zum Vegetieren als veganer Schmalhans verführten Hermes und vielleicht dem übergewichtig gewordenen Rabenaas von einem Adlervogel zweifach zu kochen, denn ich habe nicht vor, meine mediterranen Kochkünste einzuschränken, Rezepte zu verwerfen, die mittlerweile in dutzende Kochbücher in allen Sprachen der Erde aufgenommen wurden, wofür mich tausende Hausfrauen in ihr Nachtgebet einschließen, egal welcher Konfession, allerdings erst nachdem sie von ihren Gatten oder Lovern auf alle erdenklichen Arten und in allen Stellungen befriedigt wurden, freilich keinesfalls wegen etwaiger körperlicher oder erotischer Vorzüge, sondern weil diese Männer ihre Köchinnen nicht verlieren wollten, jene einzigartigen Perlen, die nach meinen Rezepten kochen. Natürlich habe ich stets Pseudonyme benutzt, wie Prado, Hess oder neuerdings Sarah Wiener, und mich sogar manchmal als Mann getarnt und mich etwa Paul Bocuse, Johann Lafer, Eckart Witzigmann, Alfons Schuhbeck oder Jamie Oliver genannt. Da werde ich mich nicht auf meine alten Tage mit grün-alternativen Gemüseplagiaten herumschlagen, mit pflanzlichen Frankfurter-Würstchen, geschmacklosem Reis ohne ein Gramm Fett und ekligem Nudelpapp, Käsesurrogat und ähnlichem. Und wenn du, Hera, glaubst, du würdest, wenn du ein paar Kilo leichter wärest, die Libido der Männerwelt zum Sieden, oder sollte ich besser sagen: zum Ejakulieren bringen, dann wirst du dich getäuscht haben, du wirst es nur zur ‚Grat‘n’, zum ‚Banerhaufen‘, zum ‚Krischpindel‘ und zum klappernden ‚Knocheng‘stell’ bringen. Selbst als du weiland in körperlicher Höchstform warst – das ist immerhin schon viele Jahrhunderte her – und dich vor Paris nahezu prostituiert hast, hat er nicht dir den goldenen Apfel gereicht, sondern Venus hat dir diesen Schönheitswettbewerbs-Preis vor deiner Knollennase weggeschnappt.“

Athena hatte sich nun so in heiligen Zorn, in göttliche Rage und überdimensionale Wut hineingeredet, dass sie bei der Türe hinausstapfen musste, um kein Mobiliar zu zertrümmern. Statt dessen schleuderte sie sieben schwere Speere, die an einer Außenwand lehnten, und die kein Sterblicher auch nur aufheben hätte können, bis in die Ebene hinunter, zum Glück in eine völlig unbesiedelte Gegend, sodass erst viel später ein Archäologen-Team, das sich verirrt hatte, auf die mittlerweile ein wenig korrodierten Schäfte stieß und laut aufjauchzte, da die Gelehrten an verschiedenen Anzeichen erkannten, dass sie auf einen bislang noch völlig unbekannten Fund aus homerischer Zeit gestoßen waren, noch dazu in einem zahlensymbolisch so bedeutsamen Umfang.

Gleich als Athena bei der Türe draußen war, seufzte Hera: „Was ich da angerichtet habe, ist wohl ein schönes Schlamassel! Diesen jiddischen Ausdruck, der eine Malaise sondergleichen bedeutet, habe ich vor vielen Jahrhunderten kennengelernt, als ich gerade auf dem Berg Sinai mit dem dortigen Alleinherrscher (dessen Wahlspruch lautete: ‚Du sollst keine anderen Götter haben außer mir‘) zusammentraf. Nach der herzlichen Begrüßung hatte er gerade noch einmal hinunter in die Ebene geblickt und einen gar nicht so geringen Teil seines „auserwählten Volkes“ rund um ein goldenes Kalb tanzen gesehen, bei dessen Anblick er eben ausrief: ‚Na, das ist aber ein schönes Schlamassel, da wird der ang’habige Moische gleich wieder heroben sein bei mir. Aber, Entschuldigung Gnädigste, was bin ich doch für ein grober Klotz, dass ich Ihnen nicht gleich einen Platz angeboten habe! Aber Sie sehen ja: nichts als Zores hat man mit seinen Adoptivkindern! Geht es Ihnen auch so mit Ihren Griechen?‘ Ich bejahte dies und verwies auf einige Episoden aus dem „Trojanischen Krieg“. Dann setzten wir uns in die gemütliche Dornbusch-Laube, und da es schon ein wenig herbstelte, war es sehr angenehm, dass diese sanft vor sich hinglühte – richtig in Flammen ging sie ja nur auf, wenn armselige Sterbliche besonders beeindruckt und zum Ablegen ihrer verdreckten Sandalen bewogen werden sollten. Ich hatte als Gastgeschenk eine große Korbflasche Ouzo mitgebracht, doch der Beschenkte bestand darauf, diese gleich zu öffnen und ein paar Becher mit mir zu leeren. Als Knabbergebäck kauten wir an einigen Mazes herum, die freilich ziemlich zäh und eher von der Konsistenz der Biertazzln vom Münchner Hofbräuhaus waren und daher mit einem größeren Quantum Anisschnaps hinuntergespült werden mussten.

Plötzlich erscholl von draußen eine kräftige Stimme, die zu einem beileibe nicht mehr jungen, aber muskulösen Mann mit langem, gelockten, weißen Bart recht gut passte. Jehova stöhnte leise auf und flüsterte mir zu: ‚Was habe ich gesagt, jetzt ist er da der Moses – nur dass ich ihn nicht ganz so schnell erwartet habe. Der ist aber gut zu Fuß. So einer wäre prädestiniert, den israelischen Alpenverein zu gründen, dass ich später einmal alle verstorbenen Juden, die bei mir landen, prüfend fragen kann: ‚Hast du meine Berge gesehen?‘2 Denn die halte ich gemeinsam mit dem Meer doch für die Höhepunkte meiner Landschaftsgestaltung. Ein Verneinen dieser Frage wird jedem Abgeschiedenen auf jeden Fall Schlechtpunkte eintragen.‘


2Anspielung auf eine Ausstellung der Jüdischen Museen in Wien und Hohenems (in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Alpenverein) im Jahr 2009 unter dem Titel „Hast du meine Alpen gesehen – Eine jüdische Beziehungsgeschichte“. Im Begleittext hieß es, die Schau  rücke „die Bedeutung jüdischer Bergsteiger und Künstler, Tourismuspioniere und Intellektueller, Forscher und Sammler und ihre Rolle bei der Entdeckung und Erschließung der Alpen als universelles Kultur- und Naturerbe zum ersten Male ins Rampenlicht. Die Wahrnehmung der Berge als Ort geistiger und sinnlicher Erfahrung, sie ist mit der jüdischen Erfahrung und dem Eintritt der Juden in die bürgerliche Gesellschaft Europas auf vielfältige Weise verbunden.

Seit Moses, dem „ersten“ Bergsteiger der Geschichte, haben Juden an der Schwelle von Himmel und Erde, von Natur und Geist nach spirituellen Erfahrungen und den Gesetzen und Grenzen der Vernunft gesucht.“ Natürlich stand auch die Verwandlung der Berge als Ort spiritueller Erfahrung in einen Schauplatz von Verfolgung und Flucht im Nationalsozialismus im Fokus.

Weiter kam יהוה nicht3, denn Moses hob an: „Oh DU, der DU bist, der DU bist.4


3JHWH  ist der unvokalisierte Eigenname Jehovas.

4 Die Etymologie von Jehova ist durchaus umstritten. Eine Erklärung deutet den Gottesnamen als den „Seienden“ (also: „er ist, der er ist“).


Welch ein Schlamassel!“ Ich dachte: „Schon wieder dieses komische Wort!“ Moses erläuterte konsterniert: „Als ich von meinem letzten Besuch ins Tal gestiegen war, was musste ich da sehen: die halbe Mischpoche tanzte um ein goldenes Götzenbild in Form eines Kalbes.“

Nicolas Poussin: „Tanz um das goldene Kalb“; Quelle: GoldCalf – Goldenes Kalb – Wikipedia

Jehova raunte mir zu: „Dieser Tropf! Was meint er wohl, was mein Epitheton ‚allwissend‘ bedeutet? Das habe ich schon gesehen, bevor er noch im Tal angekommen war. Aber ich weiß ohnedies, dass es auch fürderhin die Menschlein nicht aushalten werden, dass einer über ihnen ist, der alles weiß. Das wird übrigens ein Philosoph namens Friedrich Nietzsche erkennen, der in jenem Jahrhundert lebte, das man das neunzehnte nennen wird. Er wird mich daher für tot erklären, ermordet von der immer materialistischen humanen Spezies.“ Moses bemerkte die Gereiztheit seines monotheistischen Gottes jedoch überhaupt nicht und fuhr in voller Rage fort: „In meinem heiligen Zorn habe ich ein kleines Blutbad5anrichten lassen. Dabei habe ich in meiner Wut auch die von DIR an mich übergebenen Gesetzestafeln zerteppert. Ich würde deshalb, oh DU Seiender, DICH um die Gnade bitten, mir nochmals zwei Duplikate mitzugeben.“


5Wie bescheiden: das Alte Testament berichtet immerhin von einem Massaker an etwa 3 000 hingerichteten Heiden.


Hera setzte ihren Bericht vor dem versammelten olympischen Komitee (nur Athena war bekanntlich nicht dabei) fort: „Mein Gastgeber schnippte mit den Fingern, wodurch zwei Steintafeln mit merkwürdigen eingemeißelten Schriftzeichen mit solcher Wucht in den Armen des Weißbärtigen landeten, dass dieser sich fast auf den Hintern setzte, was dem Werfer ein etwas verschlagenes Grinsen entlockte. Er rief dem Getroffenen zu: „Das sind jetzt aber meine letzten Exemplare. Wenn du die noch einmal zerbrichst, dann wird die Menschheit eben ohne meine Gebote auskommen müssen“ Leise sprach er zu mir leise beiseite: „Ist eh egal; die meisten menschlichen Missgeburten unter meiner Schöpfung werden sich ohnedies nicht danach halten und in mir nur für eine Spaßbremse sehen. Das kostet mich dann nur wieder viel Arbeit, denn von Zeit zu Zeit werde ich, damit sie überhaupt noch wissen, dass es mich gibt, Sintfluten, Heuschreckenplagen, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Pest, Cholera, Pocken, Corona-Pandemien und wenn alles nichts hilft auch eine Klimakatastrophe inszenieren müssen.“

Was Moses anbelangte, ließ Jehova aber für alle Fälle die dornige Pergola, aus der wir uns mittlerweile hinausgegeben hatten, lichterloh auflodern, um den ungebetenen Gast endlich loszuwerden. Dieser – durch seinen ersten Besuch offensichtlich schon gewitzigt genug – hätte an dem „heiligen Ort“ gar keine Wander-Sandalen mehr ausziehen können, denn er hatte über die Knöchel reichende Bergschuhe an, einen Prototyp, dem Jahrhunderte später alle alpinen Schuhwerkerzeuger im Prinzip folgen würden, angefangen von den urtümlichen, genagelten Goiserern über Lowa, Dachstein, Meindl, Mammut, Scarpa, Hanwag – oder wie immer diese blasenaufreibenden Monster heißen. Moses drehte sich also auf dem Vibram-Absatz um und stiefelte in Richtung Ebene, gekrümmt unter der schweren Last seines steinernen Gesetzbuchs.

Da es in der Zwischenzeit noch etwas kühler geworden war, und es in der Laube nach versengten Dornen stank, lud mich Jehova mit einem jovialen6 Lächeln in seinen mit vulkanischer Fernwärme geheizten Palast in Form eines Beduinenzelts, d.h. ähnlich geformt wie das Londoner Grabmal von Richard Burton – nein, natürlich nicht des Filmschauspielers, sondern des gleichnamigen britischen Afrikaforschers, Offiziers, Konsuls, Übersetzers, Orientalisten und Mitglieds der Royal Geographical Society.


6 Hera notierte damals für sich, dass dieses lässige, charmante und verführerische Schmunzeln nicht nur ihr Gatte beherrschte, nach dessen lateinischer Namensform es allerdings benannt wurde, denn Zeus heißt bei den Römern ja Jupiter, und in der Kurzform Jovis.


Grab Sir Burtons (London/Mortlake); Foto: Svarochek; CC BY-SA 3.0 Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Mausoleum_of_Sir_Richard_and_Lady_Burton#/media/File:Sir_Richard_Burton’s_Tomb.jpg)

Burton war ungemein sprachbegabt und lernte viele außereuropäische Idiome, darunter arabisch,  Hindustani, Gujarati, Sindhi, Hindi, Panjabi, Marathi und Persisch. Eine seiner herausragenden Unternehmungen war eine Expedition nach Ostafrika, um die großen Seen und die Quellen des Nils zu finden – er meinte, dass der größte Strom der Erde seinen Ursprung im Tanganjikasee nähme, zum Unterschied zu seinem Expeditionsgefährten Speke, der den Viktoriasee dafür verantwortlich sah, was später zu einer erbitterten Feindschaft zwischen den beiden führte. Burton erforschte auch das Nigerdelta und bestieg gemeinsam mit einem deutschen Botaniker als erster den Kamerunberg. Burton war auch ein begabter Übersetzer und war schließlich als britischer Konsul in verschiedenen Städten tätig.

Richard Francis Burton, Porträt von Frederic Leighton, 1875; Quelle: RichardFrancisBurton – Richard Francis Burton – Wikipedia

Natürlich war Jehovas Zeltpalast mindestens zehn Mal größer. Wir nahmen in einer von weichen Fellen bedeckten Sitzecke Platz. Inzwischen hatte Jahwe eine Flasche hervorragenden koscheren Rotweins entkorkt, und wir prosteten uns neuerlich zu. Mein Gastgeber fühlte sich bemüßigt, mich näher über diese seltsame Figur namens Moses aufzuklären. ‚Er war mir schon ein recht begabter Handlanger, als ich mein auserwähltes Volk aus Ägypten ins gelobte Land führte. Ich brauchte schließlich ein menschliches Sprachrohr, denn ich war ehrlich gestanden zu faul, um jedes Mal selbst selbst aus blitzumzucktem Gewölk und unter ostinater Donnerbegleitung Ansprachen und Predigten zu halten.

Aber eigentlich», fuhr mein Gesprächspartner fort, «habe ich den Lackel von seinem Äußeren her so eindrucksvoll erschaffen und geformt, auf dass ich ihn im Jahr 1513 nach einer dann neu geltenden Zeitrechnung in dieser Gestalt einem italienischen Bildhauer mit dem Namen meines bannertragenden Erzengels im Traum erscheinen lassen könnte, der dann in der Folge in Marmor eine überlebensgroße Figur für das Grabmal eines der Stellvertreter meines Sohnes auf Erden schaffen würde. Das ist genau das, was ich Vorsehung nenne, und nicht das, was ein gewisser Adolf Hitler, einer der Antichristen in ferner Zukunft, unter diesem Begriff verstanden hat. So werde ich Generationen von Kunstfreunden vor Augen führen, dass ich – inkognito, versteht sich – ja doch der größte und mächtigste Skulptor aller Zeiten bin.

Auf einem anderen Blatt steht leider, dass Moses furchtbar jähzornig ist. Seinen Bericht über das jüngste Massenmorden unter seinen Volksgenossen hast du ja selbst gehört. Schon in Ägypten hat er einmal jemanden erschlagen. Das werde ich übrigens zum Vorwand nehmen, um ihn nicht in mein Israel hinein zu lassen, sondern früher in allen Ehren aus dem Leben abzuberufen, denn wer weiß, was er sonst bei der Landnahme noch alles anstellt.»

Da Athena noch immer an der frischen Luft ihr Mütchen kühlte, und mit Felsbrocken von einem halben Zentner Gewicht Kugelstoßen übte, erzählte Hera weiter, freilich ohne darauf einzugehen, wie der Abend mit Jehova auf dem Sinai geendet hatte – sollte sie sich womöglich einmal für die unzähligen Seitensprünge ihres Herrn Gemahls revanchiert haben, oder hätte dies der Gott der Israeliten als Rassenschande abgelehnt? Jedenfalls fuhr die Chefin der griechischen Götterwelt fort: „Ihr seid sicher neugierig, wie ich diesen israelischen Gott überhaupt kennengelernt habe? Das war auf jenem einstigen Vulkangötter-Kongress im damals noch nicht besiedelten Island, zu dem auch mein Mann eingeladen war, der ja auch neben dem Verführen wohlproportionierter Weiblichkeit nichts lieber tut, als mit Blitzen in der Gegend herumzuballern und dann Donnerkeile krachen lässt, dass man glauben könnte, eine Saurierherde litte an Flatulenz. Da nur männliche Götter sich so für Feuer, Schwefel und Lava begeistern können (weshalb übrigens Island ein idealer Tagungsort war), waren keine Teilnehmerinnen angemeldet, was der Grund dafür war, dass Zeus mich gnädig mitgenommen hatte, weil es ja keine weibliche Kollegenschaft gab, mit der er hätte schäkern können.

Da verbrachten wir damals einen charmanten Abend eben mit dieser neuen Bekanntschaft, die Jehova hieß, aber eigentlich nicht mit seinem vollen Namen, sondern – wie ihr schon wisst – nur mit Jod, He, Waw, He angesprochen werden wollte. Ich glaube, er flirtete sogar ein bisschen mit mir. Aber wirklich unterhaltsam fanden mein Gemahl und ich ein paar stupende Tricks, die er uns vorführte. Zunächst zeigte er uns nach einem kleinen Ausflug an die Südküste der Insel, wie man das Meer teilt. Dadurch konnten wir am Grund schon die Umrisse der Insel Surtsey sehen, die erst 1963 durch einen unterseeischen Vulkanausbruch an die Wasseroberfläche gehoben werden sollte.

Dann jagte er einen gewaltigen Heuschreckenschwarm über einen gerade tätigen Vulkan, sodass sie uns – etwa wie im Schlaraffenland – gegrillt in den geöffneten Mund flogen. Ich kann euch sagen: lecker. Hermes, das könnte übrigens unseren veganen Speisezettel auflockern, denn diese Orthoptera sind eine gesunde, stark eiweißhaltige Nahrung mit sehr wenigen Kalorien, die uns vielleicht ein bisschen an den Genuss von Chicken Wings erinnern könnte.7


7 Jehova konnte diesen Snack seinem begeisterten Publikum mit gutem Gewissen schmackhaft machen, denn in den meisten jüdischen Glaubensrichtungen gelten Heuschrecken als koscher.


Dann antizipierte er ein Kunststück, für welches einst sein Sohn berühmt werden sollte, der es ja von ihm gelernt hatte. Er verwandelte ein Fass voll ohnedies schon wohlschmeckendem mineralischen Wassers in hervorragenden Wein, von dem aber jeder geschöpfte Becher von einer anderen Sorte war. Damit begabte Jehova später einen einzigen Menschen, den Dr. Faustus, seinen Knecht, auf dass er in Auerbachs Keller in Leipzig die verbummelten, faschistoiden Studenten, die seiner Küfertätigkeit mit blödsinnig-blöckenden-bockspringenden Blicken (bei Gott, ein Stabreim, auf den Richard Wagner stolz gewesen wäre) folgten und beinahe nie mehr ein Taschentuch gebraucht hätten, weil sie sich in ihrem kannibalisch-säuischem Wohlbefinden gegenseitig die Nase hatten abschneiden wollen. Hier irrte übrigens der Olympier klassischer deutscher Dichtung gründlich, indem er in seiner Faustdichtung dieses Kunststück Mephisto vollführen ließ (hier hätte sich nämlich die Toleranz Jehovas wirklich aufgehört).

Auf dass wir in Anbetracht des wohl bevorstehenden Mega-Besäufnisses auch einen Imbiss zu uns nehmen sollten, um nicht allzu früh ins Koma zu fallen, ließ unser neuer jüdischer Freund ganz einfach einen solchen vom Himmel regnen. Er nannte ihn Manna.

Als wir am Morgen mit einem ansehnlichen ‚Brand‘ erwachten, klopfte Jahwe mit einem Stab einfach auf den nächsten Felsen, und herrliches Mineralwasser sprudelte heraus.“

Durch all den Wirbel aufgestört, kam nun auch Apollo aus seinem benachbarten Arbeitszimmer, wo er schnell noch seine Übersetzertätigkeit an einigen Zeilen Homers ins Chinesische fertig machen musste, denn sonst wären ihm womöglich einige geniale Formulierungen entfallen. Nun aber heischte er ziemlich mürrisch Auskunft, was denn das ganze Getöse zu bedeuten habe. Hera klärte ihn über ihre veganen Pläne auf. Als sich Apollo erkundigte, wo eigentlich Athena geblieben wäre, kam auch die Misere mit dem verdoppelten Speiseplan zur Sprache.

Denn Athena war noch immer pikiert wegen der in ihren Augen durch Heras Eitelkeit vom Zaun gebrochenen Gastrovision in Fleischfresser und Körndlfresser. Sie stellte sich höchst mürrisch und unwillig an den Herd, rührte lustlos in Pfannen und Töpfen herum und nährte sich eher – nein, daneben geraten – nicht von ihrem sonst so geliebten Prosecco, sondern lieber von diversen Biersorten: Gösser, Stiegl, Puntigamer, Villacher, Schleppe, Wieselburger, Weitra, Murauer, Hirter, Zwettler, Löwenbräu, Franziskaner, Paulaner, Weihenstephaner, Jever, Kozel, Budweiser, Grimbergen, Jubilee, Krek, Astra (nein nicht der Impfstoff Astra Zeneka – hallo, geht’s noch – sondern das hopfige Gebräu aus Hamburg), Dreher, Forst, Kronenbourgh und von noch einer Reihe von Sorten, die mir im Moment nicht einfallen. Und wenn es bei manchen Brauereien gerade Starkbier- oder Bock-Editionen gab, schlug sie unbarmherzig in diese Richtung zu. Sie wollte damit zusätzlichen einen kalorienreichen Protest gegen die schlankheitsfanatischen Veganer erheben. Einmal hatte sich eine Flasche „Null komma Josef“ in die Bierparade eingeschmuggelt. Die schleuderte sie mit solcher Wucht zu Tal, dass sich unten auf den Feldern ein paar alte abergläubische Bäuerlein bekreuzigten und abends in ihrer Stammtaverne todernst bei viel Ouzo und getrocknetem Oktopus erzählten, Zeus habe zornig einen Donnerkeil mitten in ihre Äcker geschleudert, weil sie nun der falschen Gottheit anhingen. Der Pope wurde zuerst beinahe gelyncht, und in der Folge blieben zumindest die freiwilligen Naturalabgaben aus, die fetten Kapaune, die Zicklein, die direkt geil darauf waren, am Spieß als Katsikaki gebraten zu werden, die in Spanferkelgröße maßgeschneiderten Jungschweine, die roten und gelben Melonen und die nahezu schon überreif in ihrer Süße platzenden Feigen, die mit Sesam bestreuten Honigkuchen, und was sonst noch einen griechischen Kleriker dazu treiben konnte, sein Leben zwischen der Dreifaltigkeit, der Thetokos Maria, dem Prodromos Joannis und den Hagioi Georgios und Demetrios in – die körperlichen Gelüste abtötendem – Fasten und allgemeiner Askese zu verbringen.

Und im übrigen mied sie, soweit dies nur möglich war, jeden Kontakt zu ihren Mitbewohnern. Um diese Trotzhaltung zu erleichtern, hatte sie außen vor dem gastlichen Quartier vier ihrer verbliebenen mächtigen Speere in den Boden gerammt, an deren Spitzen sie ein Sonnensegel und in der Mitte der Schäfte eine Hängematte ausgespannt hatte. Dieses ihrer Körperfülle ja gerade sehr entgegenkommende hegende und pflegende Entspannungsteil bestieg sie üblicherweise äußerst stilvoll mit einem Nachbau jener dreistufigen Mini-Treppe, mit deren Hilfe die Luxusgäste die Liliputbahn besteigen und verlassen, die diese von der Mittelstation der Zermatter Gornergrad-Bahn zu dem schon Mark Twain bekannten, in 2222m Höhe gelegenen Riffelberg Resort (5 Sterne) bringt.

Ihr unglaublicher Pomp bestand freilich aus einer Schlauchleitung, die direkt zu ihrem Lieblingsbierfass (das konnte jeden Tag wechseln; siehe obige Vielfalt von Biermarken) führte, ohne dass sie ihre Liegeposition verlassen musste.

Apollo war das bevorstehende Ungemach klar. Aber er war auch ein Problemlöser und so begann er scharf nachzudenken, denn dass die jähzornige Athena womöglich alles hinschmeißen konnte, gefiel ihm überhaupt nicht, war er doch ein großer Fan ihrer elaborierten Cuisine. Plötzlich erhellte sich aber sein Gesicht, und er rief erleichtert: „Heureka, ich hab’s! Mir ist folgende Lösung eingefallen: Ihr kennt ja alle meine Musen. Darunter ist jene des Tanzes, Terpsichore. Sie hatte vor einigen Jahren, nach dem Tod der göttlichen Pina Bausch, einige sehr ehrenvolle Choreografien übernehmen dürfen – an Covent Garden in London, bekanntlich einem Mekka der Tanzkunst, aber auch an der Mailänder Scala, in Wien an der Staatsoper, aber etwa auch in New York, Buenos Aires und im Bolschoi Theater, wie man weiß ebenfalls ein Wallfahrtsort der Ballettfans. Diese zunächst ungewohnte Tätigkeit auf höchstem Niveau kostete die Muse Nerven, und sie meinte, diese wären am besten durch die härtesten Getränke der jeweiligen Nation zu beruhigen. Freilich nahm sie durch diese laienhafte psychiatrische Rosskur ständig an Gewicht zu, noch dazu weil sie in dieser Zeit nicht mehr aktiv als Ballerina auftrat, wodurch sie früher immer sehr rasch überschüssige Kalorien loswerden konnte. Vollends kann man sich ihren Stress vorstellen, wenn man etwa auch an die Schwierigkeiten denkt, sich in kürzester Zeit mit so vielen fremden Alltagsgewohnheiten und Sprachen fertigt zu werden, denn nicht bei jeder Tanz-Compagnie kam man mit Englisch durch, sodass auch rasch ein gewisser „threshhold-level“ in diversen ausländischen Idiomen erlernt werden musste, um zumindest den jeweiligen Solisten Feinheiten der Choreografie näherbringen zu können. Und wie schwierig das ausgerechnet mit Altgriechisch als Muttersprache war, kann man sich wohl auch unschwer vorstellen. Neben dem Wirkungstrinken kam auch noch Frustfressen dazu, sodass unsre Terpsichore alsbald in einem gewaltigen Ausmaß adipös wurde. Dann kam noch Corona dazu, und die Theater mussten weitgehend schließen. Die Muse war aber inzwischen so unbeweglich geworden, dass sie nicht einmal mehr als private Tanzlehrerin arbeiten konnte. Die rhythmische Bewegung war aber ihr Ein und Alles, ihre Profession, ihre Berufung und ihr Hobby. Sie musste, getreu dem Rat Rainer Maria Rilkes – übrigens eines ihrer Lieblingsdichter – ihr Leben ändern.

Ernährungsspezialisten rieten ihr, keine der in zahllosen Inseraten und in der TV-Werbung angepriesenen Radikalkuren zu probieren, da diese erwiesenermaßen nur zum sogenannten Yo-yo-Effekt führten. Lediglich eine komplette Ernährungsumstellung könne sie retten. Und so kaufte sie sich eine Reihe von veganen Kochbüchern und abonnierte sogar eine einschlägige Zeitschrift.“

Nun kam Apollo zu seiner eigentlichen Idee: „Terpsichore wird gerne für euch kochen, Hera und Hermes, denn sie könnte dann auch gleichzeitig mit euch essen, da es ihr ohnedies lästig ist, für sich alleine zu kochen, denn die anderen Musen sind samt und sonders Feinschmeckerinnen, denen figur- und genmäßig die Gnade zuteilwurde, schlank zu sein und zu bleiben. Und noch für einen ist es eine win-win-Situation, für unseren Adler nämlich. Er könnte die Muse der Tanzkunst täglich vom Parnass holen und abends zurückfliegen, denn eine Muse gehört nun einmal hauptwohnsitzmäßig auf diesen Symbolberg der Kunst, gemeinsam mit ihren Schwestern. Dann kann unser verdienstvoller Aar einerseits durch seine tägliche Flugleistung abnehmen, anderseits aber getrost weiterhin Athenas hervorragende Küche genießen, um bei Kräften zu bleiben. Ich werde gleich mit Terpsichore telefonieren und alles Nähere mit ihr besprechen.“

Hermes, dem viele Geheimnisse bekannt sind, dachte bei sich: „Apollo, du Schlingel! Ich weiß, dass du mit Terpsichore eine Affäre hattest, die wohl wieder aufblühen würde, wenn sie hier übernachtete. Das würde sich vor uns nicht geheimhalten lassen, denn ich habe mir sagen lassen, dass alle Musen zu sehr vielen und sehr lauten Orgasmen fähig seien. Nur so ist wahrlich erklärbar, dass große Kunst nicht ohne Ekstase auskommen kann, ohne Selbstaufgabe, ohne dass sie alles um einen herum vergessen macht, ohne Schranken, Zensur und falsche Scham. Alle, für die Kunst ein Lebensmittel ist, seien es Produzierende oder Aperzipierende, dulden keine Mittelmäßigkeit, keinen Mittelweg, genau wie ein wirklich erotisch fühlender Mensch abgestoßen ist von hurenhafter Vorspiegelung von Lust – um in unserer lasziven Vergleichswelt zu bleiben. Das allein erklärt die völlige Hingabe der Musen, die nichts zu tun hat mit dem geilen Pharisäertum jener Professoren, die sich im Unrat suhlen, statt sich im reinen Quell eines pädagogischen Eros zu baden, oder jener Advokaten, die Massenvergewaltiger verteidigen, um an möglichst schlüpfrige interne Geständnisse heranzukommen, auch jener Ärzte, die ihre Patientinnen selbst bei Mittelohrentzündungen auffordern, sich vollständig zu entkleiden, und gar jener Beichtväter, die sich an Detailschilderungen möglichst perverser Praktiken selbst begeilen.

Ach, beim Bacchus“, dachte sich Hermes abschließend, „was für eine herrliche Philippika pro Musis. Nicht umsonst bin ich ja auch der Gott der Redekunst!“

Bereits in der folgenden Woche trat Terpsichore ihren freiwilligen Dienst an – mit viel Begeisterung, denn sie liebte es, auch in der Küche kreativ zu sein. Sie pflegte gut gelaunt vor sich hin zu trällern und immer auch einige schwungvolle Tanzschritte einzulegen, mit einem Kochlöffel zu dirigieren, oder gar ein Schlagzeugsolo auf verschiedenen Kochtöpfen, Reinen und Deckeln hinzulegen, dass man meinen konnte, sie habe bei Martin Grubinger Unterricht genossen. Und da Terpsichore durch ihre Erscheinung und den halben Zentner, den sie abgenommen hatte, als internationale Botschafterin des Veganismus durchgehen konnte, wurde auch Heras Ehrgeiz enorm angestachelt, und erste schöne Erfolge stellten sich ein!

Teil 2: Wiederkehr der Venus

Einmal war Athena gerade eingedöst (selbstverständlich nur ob der Schwüle der Luft und nicht etwa wegen der alkoholgeschwängerten Atmosphäre, die sie umgab), als sie durch ein ungewohntes Lärmen aufgeweckt wurde. Dusselig wurde ihr dennoch klar, dass der Weckruf von zwei ungewohnten Stimmen herrührte. Ächzend quälte sie sich hoch und erreichte über das imitierte Luxus-Treppchen festen Boden, der – ihr unerklärlicherweise – doch ein wenig zu schwanken schien. Perbacco! Da kam doch glatt – Athena sah freilich noch ein wenig verschwommen – ein üppiges Weib den Hang herauf mit einem, in Tel Aviv hätte man gesagt, „Jingelchen“ im Schlepptau, der sich eher schleppenden Schrittes emporkämpfte, während das Frauenzimmer mit Elan ausschritt.

Athena schüttelte sich ein paar Mal, um wieder klar zu sehen, und traute trotzdem noch immer ihren Augen kaum, denn sie glaubte in der forschen Sexbombe doch tatsächlich Venus zu erkennen. Dann musste der ausgezehrte Schwächling hinter ihr doch wohl jener zypriotische Wirtssohn Anchises sein, den sich Venus bei ihrer letzten Begegnung schon so erotisch hochgerechnet hatte. Als die beiden näherkamen, war Athena alles klar: Venus war — durchaus üblich bei ihr — durch viele koitale Abenteuer zur Höchstform aufgeblüht, und anscheinend, ihren cougarhaften Bewegungen nach zu urteilen, nach wie vor geil,
während das armselige Bürschchen ein Bruder der schwindsüchtigen Kameliendame oder der Lorette Mimi hätte sein können: die Rippen standen ihm heraus, unter den Augen hatte er schwarzblaue Ringe, und die Knie schienen ihm nicht nur von der Bergwanderung zu zittern.

Venus begrüßte Athena überschwänglich, stellte ihr Anchises vor, dessen Hand sich, als Athena sie ergriff, schwitzig und wie ein furchtsam bebender Sperling anfühlte — ein Vergleich, der jetzt nur meiner dichterischen Noblesse zuzuschreiben ist, denn Athene hätte den Händedruck eher als schleimig und moluskenhaft umschrieben. Als sich die Göttin wieder einigermaßen erfangen und sich rasch ein Pfefferminz-Zuckerl in den Mund gesteckt hatte, um den Geruch ihrer Bierfahne zu minimieren, fragte sie möglichst nonchalant: „Was verschafft mir die Ehre eures Besuchs?“ Venus berichtete (fast ein wenig
g’schamig, obwohl das — beim Zeus — sonst gewiss nicht ihre Art war): „Na ja, weißt du, Anchises und ich konnten eigentlich drunten in Zypern Tag und Nacht nie die Finger voneinander lassen, sei es in und vor der Pension seiner Eltern und natürlich auch am angrenzenden Strand.“ Athene verstand den Euphemismus. „Und irgendwann war das dann den prüden Eltern, den Restaurantgästen, den Spaziergängern auf der Strandpromenade und den Besuchern des angrenzenden öffentlichen Bades zu viel. Spießer! Sie alle legten uns nahe, uns gefälligst eine Wohnung zu kaufen, oder auszuwandern. Welch eine absurde Idee bei den fremdgesteuerten, überkandidelten Liegenschaftspreisen in Zypern! Aber das mit dem Auswandern hatte was! Und da lag die Idee nahe, einfach zu euch
herauf zu kommen. Wozu hat man schließlich Freunde. Ihr werdet doch wohl noch ein Plätzchen für ein paar arme, anklopfende Herbergssuchende haben?“

Athena flippte fast aus und schluckte gerade noch hinunter, was sie sich in diesem Augenblick gemäß einer Mozart-Arie dachte: „O capito, signor‘ si‘8, nur dass sie in Gedanken natürlich „signor“ in „signora“ änderte, und antwortete, Honigsüße auf der Zunge, aber mit Galle im Herzen: „Aber natürlich, göttliche Anverwandte. Ich überlasse euch gerne meine Schlafkoje drinnen in der Taverna, Ich kampiere derzeit ohnedies gerne im Freien.“ In Wirklichkeit dachte sie: „Wischt aber gefälligst am Vormittag, denn vorher werdet ihr wohl
kaum mit eurem Koitieren fertig sein, eure Körpersäfte fein säuberlich zusammen, sonst gibt’s Zoff.“


8W.A Mozart, Don Giovanni, Arie des Masetto, 1. Akt, 3. Szene.


Trällernd begab sich das Liebespaar ins Innere der olympischen Herberge. Athena war so etwas von „angefressen“ und beschloss daher, sich mit einer ausgewachsenen Intrige abzureagieren.

Am nächsten Nachmittag – vorher war Venus noch nicht ansprechbar und ihr „Stecher“ lag noch immer halb im Koma – winkte Athene Venus dezent zu einem vertraulichen Gespräch zur Seite. Sie berichtete ihr haarklein von dem Match der Lebensfrohen gegen die anscheinend Lebensüberdrüssigen, oder im Klartext: der Allesfresser gegen die Veganer. Und sie süßholzraspelte: „Du und ich, wir haben doch etwas auf den Rippen, wir haben schwellende Schenkel und Brüste, vom Hintern ganz zu schweigen. Das hat doch unsere Geschlechtsantipoden seit eh und je immer schon auf den Siedepunkt gebracht. Und jetzt tun diese tuberkulose-verdächtigen Vegan-Weibsen gerade so, als hätten sie die ‚Sucht den Superstar’-Bewerbe aller Nationen mehrfach gewonnen (mit oder ohne Supervision von Heidi Klum). Was wäre denn, wenn wir ganz einfach einen Schönheits-Wettbewerb veranstalten würden, von der Art wie damals das ‚Paris-Urteil‘, nur dass ich mich vertreten lassen würde durch die mittlerweile ebenfalls zur Veganerin gewordenen Terpsichore, die nun statt mir die ‚Fleisch- und die Diätküche‘ leitet, damit es nicht heißt, die Alternativen hätten gar keine Chancen gegen die ‚Normalos‘ gehabt.“

Venus stimmte begeistert zu, bedankte sich abends bei Athene, an leckeren Schweinsripperln kauend, die Athena zu Mittag gegrillt hatte, und deren Reste sie eigentlich für ihre Cena vorgesehen hatte, aber was tut man nicht alles für das Gelingen eines Ränkespiels. Venus hatte die fette Delikatesse natürlich auch bei ihrer Plünderung des Kühlschranks entdeckt und in der Mikrowelle auf Knuspertemperatur gebracht. Athena hingegen wälzte sich mit knurrendem Magen in ihre Freiluft-Hängematte und überlegte dauernd, ob sie wegen ihres Hungers nicht schlafen konnte, oder wegen der eindeutigen Geräusche, die aus der vorderen Schlafkoje in der Osteria hinaus ins keusche Freie drangen.

Am nächsten Abend weihte Athena die gesamte Belegschaft ein in das Projekt „Repeat or Revise the Verdict of Paris“, das gewiss international Aufsehen erregen würde. Noch einmal, zum Mitschreiben: diesmal die drei Kandidatinnen: Hera, Venus und Terpsichore. Da es bei Göttinnen und Musen nur halb so lange dauert, bis sie sichtbar abnehmen, als bei den armen, mit „Schwimmreifen“ versehenen Menschenfrauen, und Venus Athene ja bereits ihr placet zu dem Vorhaben gegeben hatte, stand nichts im Wege, dieses bereits am nächsten Tag zu starten.

3. Teil: Die nackte Wahrheit

Es brach also der Morgen des spannenden Tages an, der die Entscheidung über die Wohlgefälligkeit nackter Tatsachen in Zusammenhang mit diametralen Ernährungsgewohnheiten bringen würde. Die Anti-Veganer waren ihres Sieges sicher!

Noch bevor die Mitbewohner erwacht waren, kleidete sich Apollo in sein Schiedsrichter-Gewand, das durch eine rote Schärpe gekennzeichnet war. Das war wichtig, um seinen Worten bei der Verkündung der Wettbewerbsregeln die nötige Autorität zu verleihen – etwas, das z.B. italienische Bürgermeister kennen, wenn sie sich die Tricolore diagonal von der rechten Schulter zur linken Hüfte schlingen – denn er wusste, dass temperamentvolle Rothaarige wie Venus leicht dazu tendieren, wider den Stachel zu löcken (honny qui mal y pense).

Bald duftete es herrlich nach frischem Mokka, den Athena gerade zubereitet hatte. Und als kleine Bosheit hatte sie noch gestern Abend eine Malakoff-Torte gebacken, um für die Genießer mit dieser fetten Kalorienbombe das Frühstück zu versüßen, den anderen hingegen das Wasser im Mund zusammenrinnen zu lassen und Tränen in die Augen zu treiben.

Kaum war das morgendliche Geschirr in der Abwasch, als auch schon der Adler mit Terpsichore im Schlepptau angeflogen kam. In ihrem Rucksack befanden sich die Utensilien für die heutige Konkurrenz, von allen Musen nach den genauen Maßen der Kandidatinnen in solidarischer Nachtarbeit angefertigt. Da war einmal ein langes hochgeschlossenes, recht gerade geschnittenes Kleid für Hera, und zwar in goldglänzendem Pannesamt, der faltenlos an ihr herabfiel, aber auf einer Seite einen ungemein sexy anmutenden Schlitz bis zur halben Hüfte aufwies, dazu Highheels in Goldlack.

Quelle: https://mitologiagrega.net.br/wp-content/uploads/2016/10/mitologia-grega-musas-talia.jpg

Venus war ein ober den wohlgeformten Knien endendes, körperbetont enges Silberkleid zugedacht worden, mit Pailletten bestickt. Es wies ein Dekolletee von der Tiefe jener alpinen Schluchten auf, in welche bei Eisglätte die Touristenbusse hinabzukrachen pflegen. Und als scharfen Kontrast dazu Stilettos in knallroter Farbe. Ihre Gesamterscheinung in diesem Outfit würde irgendwie an Jane Mansfield aus ihren besten Hollywood-Tagen erinnern.

Foto: imago (bearbeitet) Quelle: https://www.spiegel.de/fotostrecke/beverly-hills-1957-sophia-loren-und-jayne-mansfield-fotostrecke-132866.html

Terpsichores äußere Hülle sollte aus einem raffiniert feminin geschnittenen Smoking bestehen, der ihre knabenhaften Vorzüge so recht zur Geltung bringen sollte. Dazu selbstverständlich spiegelblank polierte schwarze Lack-Pumps mit hohen Absätzen, what else.

Quelle: https://www.sumissura.com/de/Damen/anzuege/10127-schwarzer-smoking-aus-wollmischung-mit-steigendem-revers

Nun war auch Hera mit dem Kauen ihres veganen Müslis fertig geworden – jeden Löffel 60 Mal im Mund umgewälzt. Und auch Venus fläzte sich in Begleitung ihres Lovers eher schlapp und müde von außen durch den Perlvorhang. Allzu viel Schlaf dürfte sie nicht abbekommen haben.

Bevor es ernst werden sollte, kredenzte Athene allen noch ein Glas Champagner, sich selbst natürlich eine „gestandene“ Misura Paladiana. Dann erklärte Apollo den Ablauf des Wettbewerbs. Der von Hermes eingebrachte Vorschlag, die Damen sollten doch Strippoker spielen, wurde zuerst abgehandelt. Zunächst war an richtiges Pokern gedacht gewesen. Hera kannte allerdings die Spielregeln nicht, sodass keine Chancengleichheit bestanden hätte. Der durch und durch verdorbene kleine zypriotische Scheißer meinte nun, man könne die Sache auch mit drei Würfeln oder einem Kartenspiel austragen. Die Dame mit der jeweils höchsten Punkteanzahl hätte gewonnen und dürfte bestimmen, welche Kleidungsstücke die beiden anderen ablegen müssten.

Hier trat nun Apollo als arbiter denudationis auf den Plan. Er behauptete erstens, dass keine Würfel und Spielkarten in der Capanna vorhanden wären. Welche zu besorgen, würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Zweitens entstünde bei einer solchen – zugegebenermaßen durchaus reizvollen – Vorgangsweise wieder eine Ungleichbehandlung, da eine von den Stripperinnen schon fast nackt sein könnte, während eine andere – noch fast voll bekleidet – entweder hämisch grinsen konnte, wenn sie sich den Reizen der anderen haushoch überlegen, oder – auch das war denkbar – dass sie sich gehemmt fühlte, wenn die andere ihre besonders schönen entblößten Formen länger zur Schau stellen konnte und damit eindeutig im Vorteil gewesen wäre.

Apollo entschied daher kraft seines Schiedsrichteramtes, dass er den Tanz auf der Lyra begleiten würde, und jedes Mal, wenn er sein Spiel unterbrechen würde, käme dann ein Kommando von ihm, welches Kleidungsstück die Damen gleichzeitig fallen lassen müssten.

Natürlich würde auch mitbewertet werden, mit welcher erotischer Ausstrahlung sie dieses ausführen würden. An dieser Stelle meldete sich Athene zu Wort: „Lieber Bruder! Gerade du hast doch gestern so sehr darauf bestanden, dass diese ganze Aktion einen ästhetischen Background haben sollte, und keinesfalls in ein billiges, pornografisches Aus-dem-Gewand-Hüpfen mit anschließender Fleischbeschau werden sollte!“

„Exakt“, bestätigte der sonnige Gott.

„Daher“, fuhr Athene fort, „ist mir gerade eine Idee gekommen. Wir könnten dem Ganzen unschwer den Anstrich von Zwielichtigkeit nehmen, indem wir – sozusagen als kulturelle Nebenfrucht – lebendige Bilder vom ‚Urteil des Paris‘ nachstellten.“ „Da müsstest aber schon auch du mitmachen“, wandte Apollo ein.

„Auch wenn es mir Spaß machen würde, denke ich nicht daran, mich in die bevorstehende reale Handlung einzumischen. Es geht ja doch – das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren – in erster Linie um ein Agon zwischen Körpern, wie sie durch normale, genussvolle Ernährung geformt werden, im Gegensatz zu jenen, die einer veganen Diät in ihrer ganzen Strenge unterzogen wurden. Da für erstere Kategorie niemand geringerer als die Schönheitsgöttin antritt, ist es nur recht und billig, dass zwei weit weniger üppige Vertreterinnen eines schlanken Weiblichkeitsideals in den Ring steigen, die gemeinsam kaum mehr Kilos auf die Waage bringen werden, als ihre Konkurrentin. Würde ich nun selbst statt Terpsychore – gemäß dem einstigen Parisurteil teilnehmen, so wäre im wahrsten Sinne des Wortes ein Übergewicht zugunsten von uns hemmungslosen, bombastischen Sinnenmenschen gegeben.“9


9Wegen der Mehrdeutigkeit musste Athene bei diesen Worten selbst kichern.


Apollo schloss an: „Du hast mich überzeugt. Und mir gefällt die Idee mit dem Parisurteil ausnehmend gut. Das hebt wahrlich das Niveau ins Mythologische! In diesem Fall müssen wir aber auch genau sein und brauchen daher einen goldenen Apfel. Und da wir natürlich keinen echten zur Verfügung haben, würde ich dich, Prometheus, bitten, den Tennisball, der da hinten liegt, und die Tube Goldfarbe, die sich in meinem Malkasten im Schuppen befindet, zu holen. Du bist sicher so geschickt, dass du in Windeseile daraus ein Imitat jenes Apfels herstellen kannst, dessen Vergabe einst dem Hirtenlümmel Paris das schönste irdische Weib, Helena, einbrachte.“

Prometheus nickte und machte sich gleich an die Arbeit. „Apropos“, rief sich Apollo ins Gedächtnis, „wir brauchen natürlich vor allem auch einen Paris-Darsteller, der am Schluss den Ehrenpreis an die attraktive, ja mehr als das, wohlproportionierteste und erregendste Siegerin übergeben wird. Ich werde im Anschluss mit den Hesperiden reden, dass sie mir den gefärbten Tennisball in einen ihrer berühmten goldenen Früchte eintauschen. Glücklicherweise haben wir einen Paris-Mimen bei der Hand, nämlich den jungen zypriotischen Begleiter unserer Venus!“

Hera und Terpsichore sahen sich vielsagend an. Das würde also sicher wieder so ausgehen wie damals auf dem Berg Ida, als Venus für die Schönste erachtet wurde. Diesmal war es wohl noch weniger aussichtsreich für sie beide. Was hatte sich hier Apollo eigentlich gedacht? Da lag dieser Lümmel aus Zypern nun seit Monaten im Bett mit der Cypridis – wem würde er dann wohl den Preis verleihen? Am liebsten hätte sie die Muse des Tanzes mit dem Ellbogen angestoßen und ihr ins Ohr geflüstert, sie sollten dieser Farce ein Ende bereiten und ihre Teilnahme absagen. Doch dann erinnerte sie sich selbst, dass es um die Ehre des Veganismus ging – und da hieß es wohl, die Zähne zusammenzubeißen, die eigene Eitelkeit hintanzustellen und der gerechten Sache wenigstens eine winzige Chance zu geben.

Apollo war jedoch keinesfalls so gedankenlos gewesen, wie man hätte annehmen können. Er hatte einkalkuliert, dass der irdische Wirtssohn nun schon ziemlich lange die unersättlichen sexuellen Ansprüche der für ihre Begierde berüchtigten Göttin erlebt hatte. Was ihm anfangs für eine gewisse Zeit als Paradieseswonnen erschienen sein mag, driftete üblicherweise immer mehr in völlige physische Erschöpfung und geistige Zerrüttung ab. Er nahm an, dass es dem jungen Anchises nicht viel anders ergangen sein konnte, als so manchen vor ihm. Außerdem, wenn dieser nicht ganz verblödet war, musste er ahnen, dass Venus wohl – wenn es hoch kam – vielleicht noch zwei Nächte mit ihm teilen konnte. Bis dahin würde sich zweifellos ihre Rückkehr auf den Olymp herumgesprochen haben. Dann würde er wohl entweder nackt im stählernen Netz des Hephaistos gefangen werden und anschließend als Attraktion an einen Zirkus verkauft werden und auf vielen Jahrmärkten gnadenlos den Blicken unzähliger geiler junger Weiber oder dem Gelächter schrumpeliger, frigider alter Vetteln ausgeliefert sein, oder – schlimmer noch – Mars würde ihn an Ort und Stelle zuerst kastrierten und anschließend in Stücke hacken. Wenn der Knabe also nur ein Fitzelchen Gehirn im Kopf hatte, würde er sich nicht länger Venus bedingungslos verpflichtet fühlen, sondern doch unparteiisch urteilen. Egal, der vergoldete Ball war da und der Tölpel in seine Aufgaben eingeweiht.

Apollo sang als gebildeter Wagnerianer: „Fanget an!“10 Als er aber die Lyra zur Hand nahm, konnte man sich an eine andere Wagner-Oper erinnert fühlen, denn er sah nun aus wie ein antiker Wolfram von Eschenbach.11


10 Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg, 1. Aufzug, 3. Szene, Beckmesser im Gemärk.

11Sollte jemand den alten Witz in Zusammenhang mit dem Sängerkrieg auf der Wartburg doch noch nicht kennen, hier ist er: Wolfram tritt auf, greift in die Seiten seiner Harfe: „Mulp, mulp, mulp“. Da tritt sein Knappe an ihn heran: „Verzeiht, Meister! Ihr hält die Lyra verkehrt!“ Wolfram: „Danke mein Sohn!“: „Plum, plum, plum“.



Abgesehen davon, dass man die olympische Osteria wohl kaum als „hehre Halle“ bezeichnen konnte, würde es hier alsbald auch viel eher lasziv wie im Hörselberge der Wagnerschen Frau Venus zugehen und Apoll zum altgriechischen Tannhäuser mutieren, umso mehr als er nun begann „Voulez-vous coucher avec moi, ce soir?“ zu intonieren, gefolgt von „Parle moi d’amour“ und dann gar von „Dance for You“ und „Gimme more“. Wer freilich vermeint, dass man mit einem engelhaften Saiteninstrument wie einer Lyra oder Harfe eine schwüle Atmosphäre, wie sie fürs Strippen angebracht wäre, erzeugen kann, der muss schon über eine pervers-monströse Libido verfügen, oder über einen stark beschädigten Hörsinn. Als der Kyros schließlich auch noch „You can leave your hat on“ anstimmte, stellte dies nicht nur eine musikalisch-instrumentale Diskrepanz dar, bei der sich schon die Zehennägel aufstellen könnten, sondern auch eine Realitätsferne, denn keine der Teilnehmerinnen trug einen Hut. Gestern hatte Apoll es ihnen noch anheim gestellt, ein solches Akzessoir den Kostümen hinzuzufügen. Die nächtens emsig alles vorbereitenden Musen hatten aber gefunden, dass mit breitkrempigen Ascot-Hüten jene eigentlich in erster Linie der ernährungswissenschaftlichen Grundlagenforschung (vegan/karnivor) dienende praxisbezogene experimentelle Entkleidungsstudie allzu sehr ins etwas anrüchige Milieu der Burlesque abgleiten würde. Außerdem hätte sich das logistische Problem gestellt, wie drei wagenradgroße, mit allerlei Firlefanz aufgepeppte Kopfbedeckungen vom Adler und Terpsichore fliegend herangeschafft werden sollten. Im Rucksack der Muse sicher nicht.

So, nun werden wohl manche aus der Leserschaft vermelden, sie hätten sich schon so auf ausgiebige Details zum Striptease der drei Schönheiten gefreut, und nun würde ich mich infamerweise davor drücken, indem ich durchsichtige Ausflüge und Ausflüchte in die Welt der Oper und der musikalischen Instrumentenkunde unternommen hätte. Dem kann ich nur entgegenhalten, dass man mich vorzugsweise etwa als Schilderer christlicher Ikonographie oder harmloser Familienfeste vor allem in Zusammenhang mit Enkelkindern kennt, da würde ich doch nie und nimmer zum Porno-Schmierer mutieren!

Freilich hat ja auch ein Felix Salten – international (siehe Disney-Verfilmung) gerühmt ob seiner rührenden, kindlich-unschuldigen „Bambi“-Geschichte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch diese saftig-deftig-ordinären fiktionalen Huren-Bekenntnisse zu Papier gebracht: „Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“.

Reizvoll wäre es demnach freilich doch gewesen, den Ablauf des Bewerbs detaillierter zu schildern, aber lassen wir es in drei Teufels Namen eben dabei bewenden, dass am Schluss alle drei Bewerberinnen in voller nackter Glorie posierten. Nur an der sonst so makellosen milchigen Haut der Venus dämpften so manche Kratzer, blaue Flecken und solche, die vom Knutschen herrührten, ja sogar zwei veritable kleine Blutergüsse auf den südseitig gelegenen Semigloben der Schaumgeborenen den perfekten Eindruck. Alles beredte Zeugnisse vom Lotterleben der vergangenen Monate.

Der Wagnerianer Apollo rief dem zypriotischen Paris-Verschnitt zu: „Beckmesser, walte deines Amtes!“ Anchises erhob sich daraufhin mit hochroten Ohren und versuchte als erstes, die entblößten Hüften Terpsichores mit den Händen messend zu umspannen. „Nein, du Dörper, du Gander, ich habe nicht gemeint, dass du die Becken der Damen ausmessen solltest. Sprich einfach, ohne weiter zu zögern, dein Urteil aus, wem als Siegerin zu gratulieren ist. Dann sage uns, wer in deinen Augen die Vize-Schönheitskönigin ist und wem der Trostpreis gebührt.“

Anchises war nun vollends errötet und wand sich hin und her, als ob er Leibschmerzen hätte. Seine Aufgabe war keinesfalls so leicht, wie sie aus dem Mund des hellen Gottes klang, der – ihr wisst es alle – nicht nur seine Sonnen-, sondern auch seine Schattenseiten hat. Erinnert euch nur, welch grausames Spiel er mit Marsyas trieb. Wer ihn besser kannte, der konnte auch jetzt bemerken, dass ein boshaftes Lächeln sein Antlitz umspielte, denn er wusste verdammt genau, in welcher Zwickmühle sich jetzt der Bursche befand. Er gönnte es diesem von Herzen, denn er hielt ohnedies alle Zyprioten für verkappte Türken.

Der arme, ganz allein verantwortliche jugendliche Juror betrachtete immer wieder die zur Schau gestellte Trias, bis ihm Athene genervt zurief: „Hast du noch nie nackte Frauen gesehen? Na also, dann entscheide dich gefälligst endlich!“

Anchises sah Hera an. Sie hatte durch ihre vegane Lebensweise eine so perfekte Figur gewonnen, wie sie ansonsten nur geile Comic-Zeichner zu konstruieren imstande sind. Da sie viele Wochen hindurch jeden Morgen die kilometerlange Jogging-Runde um den Olymp absolviert hatte, waren ihre Beine muskulös geworden, aber nicht wie bei von anabolen Steroiden verseuchten Bodybuilderinnen, sondern nach wie vor auf natürliche Weise wohlproportioniert.

Ihr Busen war straff, die Nippel leicht nach oben weisend, der Bauch von einer ganz zarten, femininen Wölbung, die Taille ähnelte im Umfang auch ohne Korsettschnürung jener der Kaiserin Sisy, die Pobacken waren die letzten Male bekanntlich so herrlich vom Maler Diego Velásquez in seinem jetzt in der Londoner National Gallery befindlichen Gemälde „Venus vor dem Spiegel“,

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Venus_vor_dem_Spiegel#/media/Datei:RokebyVenus.jpg

oder von François Boucher in seiner „Odalisque“ oder im Bild „Ruhendes Mädchen“ modelliert worden.

Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Brunette_Odalisque#/media/File:Odalisque_brune_Boucher.jpeg
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fran%C3%A7ois_Boucher,_Ruhendes_M%C3%A4dchen_%281752,_detail%29.jpg

Auch dem „Liegenden Akt“ von Modigliani könnte Referenzcharakter zugebilligt werden:

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Liegender_Akt#/media/Datei:Modigliani_-_Nu_couch%C3%A9.jpg

Solche und so manch andere Meisterwerke der künstlerischen Aktmalerei könnten all den Armen, welche nicht bei dem nachgestellten Tableau vivante über das Parisurteil anwesend sein können, einen Eindruck von Heras Kehrseite vermitteln, einer wahren Kallipygos12.


12Zur Erläuterung: der Name soll auf die Geschichte zweier sizilischer Mädchen aus Syrakus zurückgehen. Sie stritten sich, welche von ihnen den schöneren Hintern habe. Ein vorbeigehender junger Mann wurde aufgefordert, als Schiedsrichter darüber zu urteilen. Er entschied für die Ältere und vermählte sich mit ihr, sein Bruder heiratete die jüngere der beiden Schwestern. Die Mädchen, die durch die Ehen reich geworden waren, errichteten daraufhin einen der Aphrodite geweihten Tempel in Syrakus. Die dort aufgestellte Statue blickte über ihre Schulter und versuchte ihren Hintern zu sehen.

Eine bekannte Plastik dieser Art ist im Archäologischen Nationalmuseum Neapel zu sehen.

Foto: MatthiasKabel (CC BY-SA 3.0) Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/
File:Venus_Kallipyge_(Naples).jpg

Und Heras gebräunte Samthaut erweckte den Eindruck, als wäre ein Pfirsich im Bräunungsstudio gewesen. Außerdem konnte man klar erkennen, dass Hera am allerwenigsten an ihrer Physis Raubbau betrieben hatte, sehr zum Unterschied etwa zu Venus. Der inselbewohnende Punkterichter konnte den Blick kaum von ihr abwenden, um ihn hinüber zu Terpsichore zu richten.

Diese Veganerin war kaum weniger schön als die oberste Göttin. Allerdings hatte sie – wie fast alle klassischen Primaballerinen – ein klein bisschen zu wenig Fleisch auf sich, vor allem an Stellen, auf die es in erster Linie ankam. Und vielleicht waren die Beinmuskeln vom vielen Spitzentanz etwas zu sehr ausgeprägt. Ansonsten ein Urbild einer schönen Frau, viel zu edel, um das Wort Weibsbild zu gebrauchen.

Dann wandte er sich Frau Venus zu. Im relativ wenig gedämpften Tageslicht – sie stand dem Perlvorhang am nächsten – traten die Blessuren der jüngsten Vergangenheit gnadenlos hervor, hatte er sie nackt doch nur im nächtlichen erotischen Flackern der Kerzen im zypriotischen Boudoir erblickt, und ein paarmal bei Mondenschein am Meeresstrand. Auch warfen Fettpölsterchen kleine Schatten auf die Haut der Liebesgöttin, geschuldet der ach so köstlichen aber fettreichen Hausmannskost aus der Küche der Mutter und Großmutter des Anchises. Auch war der Gesamteindruck etwas schlapp und schlampig.

Rubens: Toilette der Venus; Quelle: https://de.wiktionary.org/wiki/Datei:Peter_Paul_Rubens_-_The_toilet_of_Venus.jpg

Noch einmal ließ er junge Mann seine Augen über die drei Konkurrentinnen schweifen, dann wich seine Gesichtsröte einer wächsernen Blässe, denn er wusste genau, was ihn in den nächsten Minuten erwarten würde. Und dennoch, hier gab es kein Entkommen, hier stand er und konnte nicht anders. Nämlich auf Hera zu zeigen, ihr den goldfarbenen Tennisball zu überreichen und zu stammeln: „Hera, du bist die Schönste und hast damit gleichzeitig die vegane Lebensweise zu einer olympischen Disziplin gemacht.“ Stotternd wandte er sich weiter Terpsichore zu: „Das vom Veganismus Gesagte gilt gleichermaßen für dich, Terpsichore. Vielleicht solltest du, was deine Figur angeht, nur ein bisschen weniger an der Stange im Ballettsaal auf den Parnass trainieren.“13


13Wir können uns Terpsichore etwa so vorstellen, wie Degas seine Ballettänzerinnen gemalt hatte.



Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Edgar_Degas?uselang=de#/media/File:Degas_-_Dancers_Practicing_at_the_Bar.JPG
Quelle (bearbeitet): https://commons.wikimedia.org/wiki/Edgar_Degas?uselang=de#/media/File:Edgar_Germain_Hilaire_Degas_018.jpg


In voller Panik sah er nun Venus an, der die ganze Zeit der Mund offen
geblieben war. Mehr wie ein Achselzucken brachte er nicht zusammen,
als diese sich den roten Stiletto vom Fuß zog und mit dem
stichwaffenförmigen, mörderischen Absatz, von dem das Schuhwerk
seinen Namen herleitet, auf den Unglücklichen eindrosch, dass diesem
Hören und Sehne verging. „Hau ab, du schlitzäugiger osmanischer
Bastard. Ist das der Dank für all die Wonnestunden und Orgasmen, die
ich dir bereitet habe, für all die Küsse und Tändeleien, für alle
Streicheleinheiten und Aufgamsungen, für alle Hautkontakte und
Reibungen (leider sind ihre weiteren, ergänzenden Beschimpfungen der
Zensur zum Opfer gefallen – Hugh Hefner hätte bei Lebzeiten für
Playboy-Exklusivrechte auf die verbleibenden pornografischen und
koprolalischen Verbalkontakte, verbrämt mit einigen nichts
verhüllenden Schnappschüssen von Ciciolina und Dolly Buster ein
Vermögen bezahlt)?

Anchises schoss der ihm vom Schulunterricht her geläufige lateinische Spruch ins Gehirn: „Salus in fuga“, und er türmte in wahrhaft veloziferischer Geschwindigkeit den Hang talwärts hinunter. Venus warf ihm den zweiten Stiletto nach und brüllte gar nicht damenhaft: „Ich werde Artemis bitten, ihre Hunde auf dich zu hetzen, dass sie dich zerfleischen wie einst Aktäon. Ich werde dich entmannen lassen, wie es weiland Adonis blühte. Ich werde Göttervater Zeus ersuchen, dich mit seinen Blitzen und Donnerkeilen bei deiner Tätigkeit an jenem Ort zu treffen, an den auch alle Caesaren, Imperatoren, Kaiser, Zaren und Diktatoren stets zu Fuß gehen mussten. Ich lasse dich an den Felsen in der Meeresbrandung schmieden und bitte Poseidon, seine Ungeheuer loszuschicken, um dir die Eingeweide herauszureißen, mit ihrem Gebiss, gegen welches Haifischzähne anmuten wie Bestandteile einer stumpfen Greisenzahnprothese, so wie es für Andromeda vorgesehen gewesen war, doch wird dich garantiert kein Perseus erretten. Ich lasse dich von Apollo persönlich schinden, und hetze den Prometheus-Adler auf dich, auf dass er dir nicht nur die Leber, sondern auch die Milz, das Herz, die Nieren und den Magen täglich heraushacken möge. In deinem verfickten Schlafzimmer wird Prokrustes dein Bett gegen seine perfekte Folter-Liegestatt ausgetauscht haben, um dich in alle Ewigkeit an jedem Tag um einen Viertelmeter auseinanderzuziehen, um dich am nächsten Morgen wieder um zwei Fuß zusammenzustauchen. Lemuren und Erinnyen sollen deine Träume heimsuchen. Die aus der thebanischen Drachensaat geschlüpften Dämonen sollen dich bis zu den Säulen des Herkules und wieder zurück jagen. Ich werde eben diesen Herkules dazu bewegen, den von ihm entfernten zum Himmel stinkenden Mist aus des Augias Stall wieder dorthin zurückzubringen, auf dass du den Boden auflecken mögest. Dein mickriger Penis möge unter tausend Schmerzen zur immerwährenden Fackel werden wie die vom Zauberer Vergil verfluchte Vulva jener Frau, die ihn zum Narren hielt, indem sie vorspiegelte, ihn nächtens in einem Korb hinauf in ihre Turmkemenate zu ziehen, ihn aber auf halber Höhe hängen ließ, sodass er am nächsten Tag dem Gespött aller Bewohner ausgesetzt war. Er rächte sich mit seiner Zauberkraft, indem er weit und breit jedes Feuer erlöschen ließ und ein solches nur in der Scham seiner Peinigerin brennen ließ, sodass jeder sich die Flamme für seinen Herd bei der auf dem Marktplatz nackt Prostituierten aus ihrem Geschlechtsorgan holen musste. So werden sich dann an deinem Schwanz unter Hohngelächter alle Raucherinnen ihre Tschicks entzünden. Ich werde Nessus bitten, dein Nachthemd mit genau demselben Gift zu tränken, das er für das Gewand des Herkules benützt hatte, der, als er es angelegt hatte, unter entsetzlichen Qualen verreckte. Und Hekate wird dich schon allein aus weiblicher Solidarität mit ihren übelsten Flüchen belegen, die bewirken werden, dass es keine Stelle mehr an deinem Körper geben sollte, die nicht von unerträglichen Schmerzen gepeinigt sein wird.“

Anchises rannte und rannte, überschlug sich mehrmals, rappelte sich wieder auf, kam auf die Beine, schlitterte weiter, vermeinte jetzt schon ein Heer von Furien hinter sich zu spüren – nur fort von hier, nur fort! Selbst Athene, die zunächst noch vor Schadenfreude böse gegrinst hatte, wurde es nun zu viel. Außerdem hatte sie Durst und freute sich schon auf die Siegesfeier, die von einer Menge Champagner gekrönt sein würde. Sie stürmte hinaus, erwischte Venus am Oberarm und versuchte, sie zurück ins Haus zu ziehen. Da kam sie allerdings an die Falsche. Venus zischte: „Nimm deine dreckigen Pfoten weg, du versoffene Schlampe. Jetzt weiß ich, warum du nicht an dem Wettbewerb teilnehmen wolltest: weil du nämlich mit deinen Speckwülsten, mit deinen behaarten Beinen, deinem Schmerbauch, den hängenden Melonenbrüsten und deiner schlechten, buckligen Haltung statt mir, ja sogar noch viel weiter abgeschlagen, Letzte geworden wärest.“

Nun sollte man sich auf jeden Fall in Erinnerung rufen, dass Athene nicht nur eine Göttin der Weisheit war, sondern paradoxerweise auch eine des Kampfes, die sogar schon einmal Mars verhauen hatte, wie uns Homer berichtet,14 Es reichte ihr jetzt komplett und sie trat Venus dermaßen in den Hintern, dass diese wohl ein halbes Plethron15 nach hinten segelte.


14 Siehe Teil 1 dieser Trilogie: „Lockdown auf dem Olymp“

15 ca. 15 Meter


Als alle wieder vereint waren, begann das Tafeln. Über die Menüfolge mitsamt der passenden Getränkebegleitung möchte ich mich keinesfalls verbreitern, da ich momentan selbst Vegetarier bin und mein Ausnahmefest erst wieder in einigen Wochen bevorsteht. Das Herz würde mir, wenn ich jetzt die kulinarischen Details schildern würde, zu schwer und der Mund zu wässrig werden, wodurch die Tinte auf dem Schreibblock durchaus verwischt werden könnte.

Es hob ein gewaltiges Schmausen und Saufen an, ein Gelage von bacchantischem Ausmaß, ohne dass der Schutzgott Dionysos in corpore anwesend gewesen wäre – in mente aber war er mitten unter ihnen (Ihr ungläubigen Thomaner zweifelt nicht an dieser Möglichkeit; die Bibel weiß ja immerhin auch von Ähnlichem zu berichten). Wir werden ganz am Schluss noch einmal darauf zurückkommen.

Bald wurden Reigentänze aufgeführt – Kolos vom Balkan und die spanische Sardana. Und es wurde gemäß der immer ausgelasseneren Stimmung auch bald Solo auf dem Tisch getanzt, und zwar von Hera ein Czárdás im kurzen rot-weiß-grünen Originalkostüm und ein orientalischer Bauchtanz durch Athene, deren mittlerer Körperumfang durchaus die erforderlichen Maße aufwies, einen solchen formvollendet zum besten zu geben. Warum dies möglich war, fragt Ihr zurecht. Nun, als Prometheus und der Adler vor der Corona-Pandemie zur Akquisition alkoholischer Getränke unterwegs gewesen waren, wurden sie in den verschiedenen Bottegen, Weingütern, Chateaus, Schnapsdestillen und Brauereien auch zu volkstümlichen Abenden eingeladen, wo sie die einheimischen Tänze und Trachten kennenlernten. Es war für Prometheus, der den Menschen immerhin das Rechnen beigebracht hatte, ein Leichtes, sich die verschiedenen Tanzschritte zu merken und, nach Hause zurückgekehrt, zu notieren und Athene und seit ihrer ständigen Anwesenheit auch Hera beizubringen.

Zeus hatte sich übrigens klugerweise während des Wettbewerbs ziemlich im Hintergrund gehalten (ähnlich wie zu Beginn des Trojanischen Krieges), um einerseits nicht den Eindruck zu erwecken, er könnte still und leise, etwa durch sein drohendes Mienenspiel, versuchen, den Pseudo-Paris dazu zu bewegen, sich auf die Seite von Hera zu schlagen, oder etwa für Terpsichore zu stimmen, denn dann hätte ihm Hera im Anschluss gewiss unterstellt, er hätte auch mit dieser einmal ein „Pantscherl“ gehabt. Irgendeine unterschwellige Beeinflussung in Richtung auf Venus hätte ihm wiederum den Verdacht eingetragen, er wäre als gewaltiger Genießer, der er nun einmal war, von vornherein gegen eine vegane Lebensführung eingestellt.

Nun aber thronte er in voller Lust inmitten des Gelages, gleich dem Bohnenkönig in den Gemälden von Jacob Jordaens.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bohnenk%C3%B6nig#/media/Datei:Jacob_Jordaens_-_The_Feast_of_the_Bean_King_-_Google_Art_Project.jpg
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:The_King_Drinks_(Jordaens,_Brussels,_c._1638)?uselang=de#/media/File:Jacob_Jordaens_-_The_Bean_King_(Royal_Museums_of_Fine_Arts_of_Belgium,_1638).jpg

Er rief nun mit seinem Handy (im „Donnerkeil-Look“) sogar Ganymed an, er möge zwei Kisten Champagner aus seinem Geheimkeller, für den der Mundschenk freilich ganz legal einen Schlüssel besaß, herunterbringen, und zwar von Churchills Lieblingssorte „Pol Roger“ aus Epernay, also „von der trinkbarsten Adresse der Welt“, wie der britische Premierminister den Firmensitz genannt hatte. Er hatte anlässlich einer Geheimkonferenz während des 2. Weltkriegs dem obersten Griechengott eine Fechsung dieses Göttertranks mitgebracht, um ihn günstig zu stimmen und zu bitten, mit all seiner mythischen Macht einen Endsieg der deutschen Wehrmacht zu verhindern, was ja letztlich auch gelang.

Gleichzeitig mit den Champagnerkorken schossen auch des Dädalus Feuerwerkskörper in den Himmel. Das waren freilich nicht die einzigen „Raketen“, denn allmählich nannten alle Festgäste eine solche ihr eigen.16


16„Rakete“ bedeutet umgangssprachlich auch so etwas wie einen Vollrausch.


Der Adler begann im Freien halsbrecherische Loopings zu üben. Apollo sang nun tatsächlich, sich selbst auf der Lyra begleitend, Wolframs „Lied an den Abendstern“, obwohl ihm der Alkoholdunst gewiss die Sicht auf diesen Planeten trübte. Athene schnarchte bereits wie ein kanadischer Holzfäller. Hera fiel ihrem Gatten Zeus unentwegt um den Hals. Prometheus versuchte, in der Küche ein offenes Lagerfeuer zu entzünden, mit dem Argument, er müsse ganz viel experimentieren, um das lodernde Element noch zu verbessern. Hermes führte Kartenspielertricks vor, wobei ihm Prometheus und Terpsichore als Publikum lallend und ganz hysterisch klatschend Beifall zollten. Letztere hatte von Apoll eine Sondergenehmigung erhalten, in dieser Nacht nicht auf den Parnass zurückkehren zu müssen, denn es gab wegen Trunkenheit keinen Flugdienst mehr.

So nach und nach fielen aber allen die Augen zu, Köpfe landeten auf Tischplatten, Gläser rollten aus den Händen. Das griechische Sandmännchen schlürfte die letzten „Hanseln“ aus den Kelchen.

Als sich die Gesellschaft allmählich bei bereits hohem Sonnenstand vom Lager erhob, drängte sich der Vergleich mit einem Tierheim für entlaufene Kater auf. Deren Jaulen bekämpft man am besten, indem man die nächsten Stunden zum Nachkirchtag erklärt. Restalkohol befand sich nicht nur in den Gehirnen der Feiernden, sondern auch noch in vielen Flaschen, die der Genius cucullatus17 übersehen hatte.


17Kapuzendämon und Schutzgeist, der Vorbild für unser einschläferndes „Sandmännchen“ war.


Und so konnte man sich das preiswerte Vergnügen leisten, dessen Patron seit jeher der sogenannte „billige Jakob“ (φθηνό Jacob) war. So dauerte es bis zum übernächsten Tag, bis wieder Normalität einkehrte. Dann war endgültig Schluss.

Freilich traf man zuletzt noch eine wichtige Entscheidung: Alle sieben Wochen, oder 50 Tage nach einem Mulatschak wollte man wieder alle Regeln der Dezenz für zwei Tage außer Kraft setzen, um wieder ein ordentliches Fest zu feiern und der Eintönigkeit des Alltags zu entfliehen. Das würde passen, ebenso wie es passte, dass 50 Tage (pentecoste hemera) nach Ostern Pfingsten gefeiert wurde: „Saure Wochen, frohe Feste“ – mit diesem Zitat eines großen Olympiers ging man auseinander.



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