Einmal ein anderes Pfingstbild…


Dieses Blatt stammt aus einem der berühmtesten illustrierten Manuskripte des 15. Jhds., dem Stundenbuch von Étienne Chevalier, Schatzmeister Frankreichs von 1452 bis 1474. Geschaffen hat es Jean Fouquet, der als einer der bedeutendsten Künstler an der Schwelle von der Spätgotik zur Frührenaissance gilt. Seine Darstellung des mittelalterlichen Paris ist aufgrund ihrer topographischen Präzision bemerkenswert. Zu den erkennbaren Orten gehören natürlich die Kathedrale von Notre-Dame, der Turm der Sainte-Chapelle, die mit Häusern verbaute Pont Saint-Michel und andere Monumente auf der Île de la Cité.
Die ganzseitige Miniatur portraitiert eine Versammlung von Geistlichen, teils – nach den Ornaten zu schließen – hohe Würdenträger, teils Mönche verschiedener Ordensprovenienz. Sie alle blicken nach oben auf die Hand Gottes, die sich vom Himmel herabsenkt. Von ihr geht ein feuriger, blitzartiger Bannstrahl aus, der die Dämonen, die Paris belagert haben, in Panik auseinanderstieben lässt. Es ist wohl die Macht der dritten göttlichen Person, da auch die Bildunterschrift den Beginn eines abendlichen Stundengebets an den Heiligen Geist darstellt.
Überdies erinnert uns der ausgestreckte Zeigefinger an jene Stelle des lateinischen Hymnus „Veni creator spiritus“ („Komm Schöpfer Geist“) aus dem 9. Jahrhundert, der mehrheitlich Rabanus Maurus zugeschrieben wird. Hier heißt es nämlich in der 3. Strophe vom „Spiritus sanctus“: „dextrae Dei tu digitus“ („der Finger an Gottes rechter Hand“).
Der große französische Künstler wollte also einmal ein Pfingstbild ohne „Taube“ oder „Feuerzungen“!

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