Von der Humanität

zur Nationalität

zur Bestialität

Franz Grillparzer

Eines der größten und genialsten Werke der Musikgeschichte erblickte vorgestern vor 200 Jahren das Licht der Welt. Beethovens 9. Sinfonie. Revolutionär in seiner Zeit: eine Orchester-Sinfonie mit großem Chor und Gesangssolisten im letzten Satz! Immer wieder durch ekstatische Begeisterung hervorgerufene Gänsehaut – so auch gestern bei der TV-Übertragung mit den Wiener Sinfonikern.

Am Schluss aber fiel mir ein, dass Thomas Mann (unter dem Eindruck der Nazi-Barbarei) seinen fiktiven Komponisten Adrian Leverkühn im Roman „Dr. Faustus“ sagen lässt: ‚Ich habe gefunden, es soll nicht sein.‘ Sein Gesprächspartner Serenus Zeitblom fragt nach: ‚Was, Adrian, soll nicht sein?‘ ‚Das Gute und Edle‘, antwortete er, ‚was man das Menschliche nennt, obwohl es gut und edel ist. Um was die Menschen gekämpft, wofür sie Zwingburgen gestürmt, und was die Erfüllten jubelnd verkündigt haben, das soll nicht sein. Es wird zurückgenommen. Ich will es zurücknehmen.‘ Zeitblom: ‚Ich verstehe dich, Lieber, nicht ganz. Was willst du zurücknehmen?‘ ‚Die neunte Symphonie‘ erwiderte er. Und dann kam nichts mehr, wie Zeitblom auch wartete.

Da bekam ich noch einmal eine Gänsehaut, aber eine dämonische, eine der aufkeimenden Angst, des Entsetzens. Denn mir fiel ein, dass sich in den Wochen vor dem sinfonischen Jubiläum der Antisemitismus explosionsartig vervielfältigte. Und einen Tag zuvor hatte er nach dem „Vorbild“ der amerikanischen „Elite“-Universitäten mit den Palästina-Demonstrationen auch den Campus der „Alma Mater Rudolphina“ erreicht, meiner Wiener Universität. Nur ungefähr zweieinviertel Kilometer Luftlinie entfernt von der (nicht mehr existierenden) Uraufführungsstätte der „Neunten“ (Kärntnertortheater) im Jahr 1824. Ist der Rest Schweigen …?

Aber da gibt es ja noch einen Krieg, seit über zwei Jahren, im Osten – Russland gegen die Ukraine.

Verfügte Beethoven über eine prophetische Gabe, oder kannte er einfach die größten „Menschlichen Makel“1, die sich anscheinend niemals bessern, zu gut? Jedenfalls äußerte er sich vor 229 Jahren in einem erst jüngst entdeckten Brief an seinen Freund Heinrich von Struwe, der als Diplomat nach Russland verpflichtet war: „„du bist also jezt in dem Kalten Lande, wo die Menscheit noch so sehr unter ihrer Würde behandelt wird, ich weiß gewiß, daß dir da manches begegnen wird, was wider deine Denkungs-Art, dein Herz, und überhaupt wider dein ganzes Gefühl ist. wann wird auch der Zeitpunkt kommen, wo es nur MENSCHEN geben wird, wir werden wohl diesen Glücklichen Zeitpunkt nur an einigen Orten herannahen sehen, aber allgemein – das werden wir nicht sehen, da werden wohl noch JahrHunderte vorübergehen…“

Die herausragende und bereits international renommierte ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv äußerte sich am 3. Mai 2024 in BR Klassik (https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/dirigentin-oksana-lyniv-beethoven-neunte-symphonie-wagner-frieden-100.html) folgendermaßen zu diesem Schreiben: „Es hat mich erschüttert, diese Worte mitten in der Kriegszeit zu lesen, zusammen mit Dutzenden von ukrainischen Jugendlichen, die wir gerade aus lebensbedrohlichen Umständen evakuiert hatten. Es war, als ob Beethoven über die jetzige Situation sprechen würde, so aktuell und nah waren seine Worte … Beethoven erkennt, dass noch Jahrhunderte vergehen werden, bis der Frieden eintritt, und er zweifelt sogar daran, ob er überhaupt überall eintreten kann. Wenn man im Licht dieses Briefs an die freudige Botschaft der Neunten denkt, wird klar: Der Komponist war nicht so idealistisch, dass er glaubte, diese Brüderlichkeit würde auf der ganzen Welt von allein entstehen. Er weist auf die Verantwortung jedes einzelnen Menschen hin, insbesondere jedes Landes, jedes politischen Systems, den Frieden im eigenen Land zu sichern und die Menschen in Würde zu behandeln.“

Dem ist aber nun wohl wirklich nichts mehr hinzuzufügen. Die Maestra hat von ihrem „Dirigentenpult der Menschlichkeit“ aus einen sehr klaren und präzisen „Einsatz“ gegeben. Doch das „Weltorchester“, an das sie sich wendet, scheint vorwiegend aus tauben Mitgliedern zu bestehen.

© 2024 Oksana Lyniv; Foto: Roberto Serra; Quelle: https://oksanalyniv.com/de/gallery/conducting

1Titel eines packenden Romans von Philip Roth.

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