Hermann Hesse: Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Es hat zu diesem Thema auch bildliche Darstellungen gegeben – und zwar durch viele Jahrhunderte. Es wurde das Alter und der Lebenslauf zunächst durch ein Rad dargestellt. Als Beispiel möge das „Rad des Lebens“ aus dem Lisle Psalter um ca. 1310 (British Library) dienen.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/De-Lisle-Psalter#/media/Datei:De_Lisle_Psalter_Rad_des_Lebens_stages_of_life_British_Library.jpg

Eine andere Vorstufe der Lebenstreppe sah so aus wie diese Darstellung „The Stages of Life from Infancy to Old Age“ von Bartholomäus Anglicus (geb. um 1190 in Suffolk, gest. nach 1250). Er war ein aus England stammender franziskanischer Scholastiker und Autor von De proprietatibus rerum, einem Vorläufer der Enzyklopädie und einem der ersten Nachschlagewerke des Mittelalters, das auch die Pflanzenwelt berücksichtigt.

Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Stages_of_Life_by_Bartholomeus_Anglicus_1486.jpg

Und noch eine anderer Vorläufer der Lebenstreppe bleibt auch „zur ebenen Erd“. Das auf 1482 zu datierende Werk ist überschrieben: „(D)IS (S)EIN DIE ZEHEN EYGENSCHAFT DES ALTTERS DER MENSCHEN VND WEM SIE GEGLEICH(T) WERDEN“

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Zehen_eygenschaft_des_altters_der_menschen_BM_1872_0608_351.jpg

Wir sehen an diesem Beispiel, dass auch Tiersymbole zur Charakterisierung der einzelnen Lebensstufen verwendet wurden, etwa 40 = Löwe, 50 = Fuchs, 90 = Esel. Die Lebensalter der Frau wurden in manchen Überlieferungen mit diversen Vogelarten verglichen: 10 Jahre = Wachtel, 20 Jahre = Taube, 30 Jahre= Elster, 40 = Pfau, 50 = Henne, 60 = Gans, 70 = Geier, 80 = Eule, 90 = Fledermaus.

Um 1540 etablierte sich ein neues Motiv. Damals brachten der Augsburger Maler, Miniaturist und Zeichner Jörg Breu der Jüngere und Cornelis Anthonisz Holzschnitte auf den Markt, die den menschlichen Lebenslauf als auf- und absteigende Treppe darstellten.

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Steps_of_life?uselang=de#/media/File:J%C3%B6rg_Breu_dJ_Die_Lebensalter_des_Mannes.jpg

Auch hier sind noch die vergleichenden Tierbilder unterhalb der Stufen angebracht. Bitte zu beachten, dass der Tod (ganz oben in der Mitte) noch nicht mit der Sense als Mordwaffe dargestellt wurde, sondern mit Pfeil und Bogen. Dazu passt auch das deutschsprachige geistliche Volkslied „Der grimmig Tod mit seinem Pfeil“, das sich erstmals 1617 in einem Paderborner Gesangbuch findet. In einem zumindest im vorigen Jahrhundert noch an der steirisch-kärntnerischen Grenze (Laßnitz) aufgeführten Volksschauspiel (das ich selbst Ende der 60er Jahre sehen konnte) trat der maskierte Tod auch noch mit einem Pfeil auf.

Auch die Pest brachte man in Zusammenhang mit vergifteten Pfeilen, die Gottvater abschießen würde.

Augsburg, Werkstatt des Meisters der Ulrichslegende, um 1460/70. Aufnahme: Reproduktion nach: „Auktionskatalog Altes Kunstgewerbe. Plastik – Gemälde des 15.–18. Jahrhunderts aus süddeutschem Privatbesitz. […]“ Münchener Kunstversteigerungshaus Adolf Weinmüller, Katalog 12, München 1937, Taf. III.; Quelle: https://corpusvitrearum.de/publikationen/scheibenweise/scheibenweise-062020.html

Bei den „Lebenstreppen“ wird die höchste Stufe wird mit dem fünfzigsten Lebensjahr erreicht. Frauen verschwinden auf den Abbildungen allerdings häufig schon nach ihrem dreißigsten Lebensjahr.

Dazu eine persönliche Anekdote, die sich aber genau so zugetragen hat. Meine Großmutter mütterlicherseits kam 1889 in der Weststeiermark auf die Welt. Die Eltern würde man heute als Nebenerwerbsbauern bezeichnen – kleiner Bauernhof und der Vater auch Bergmann im heimischen Glanzkohlerevier. Natürlich eine sehr religiös-konservative Familie in allen Lebensbereichen.

Meine Großmutter kam dann nach ihrer Heirat zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Klagenfurt an den Wörthersee. Dieser hatte bereits – nicht zuletzt gefördert durch einen ansteigenden Fremdenverkehr – ein fortschrittlicheres, sportlicheres Klima hervorgebracht. Jüngere Frauen trugen im Hochsommer durchaus schon helle, luftige Kleider. Dann kam die Mutter meiner Großmutter, also meine Urgroßmutter, mit der Eisenbahn zu Besuch und wurde natürlich von ihrer Tochter abgeholt. Im Sommerkleid. Ihre Mutter, wie eine Norne trotz Hitze hochgeschlossen und bodenlang in ihrer schwarzen Witwentracht, die sie bis zum eigenen Tod nie mehr ablegte. Ausgestiegen aus dem Waggon und ihrer Tochter ansichtig geworden, war ihre Reaktion: „Was hast denn du an? Schåmst di net? Bist jå a ålte Wabm!“ {„Was hast denn du angezogen? Schämst du dich nicht? Bist ja ein altes Weib! [allerdings kommt in der Kärntner Mundart „Wabm“ nicht vom Wort „Weib“, sondern vom slawischen „Baba“ (vgl. russisch „Babuschka“ Mütterchen), und das bedeutet für sich schon „alte Frau“, auch „Hexe“ – wie im Fall der Märchengestalt „Baba Jaga“]}. Und wie alt war meine Großmutter damals? Sie hatte gerade ihren 30. (kein Irrtum: dreißigsten) Geburtstag gefeiert!

Sieben Altersstufen gönnt wenigstens Hans Baldung Grien den Frauen in seinem letzten größeren Gemälde (1544) ein Jahr vor seinem Tod. Die Vorletzte wird von der Fachwelt auf etwa 50 Jahre geschätzt. Die Letzte steht nicht mehr in der Reihe, sondern dahinter, bereit abzutreten. Sie blickt wehmütig zurück auf den Weinstock und Feigenbaum (Symbole der Fruchtbarkeit) am linken Bildrand.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Hans_Baldung_-_Die_sieben_Lebensalter_des_Weibes.jpg

Die Lebenstreppen setzten sich in Europa immer mehr durch. Im 17. Jh. waren sie in den Niederlanden, in England, Deutschland, Frankreich und Italien verbreitet.

Im 19. Jh. hatte die Lebenstreppe wohl den Höhepunkt ihrer Popularität erreicht. 
Sie wurde in Massenauflagen gedruckt und fand Eingang in die unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. Die Lebensalter wurden zunehmend auch nicht mehr getrennt nach Mann und Frau, sondern als Paar auf ihrem gemeinsamen Lebensweg dargestellt.
 Die Tiersymbole verschwanden und die Kleidung der dargestellten Figuren änderte sich mit dem Zeitgeist und je nach Region. Immer öfter werden häusliche, bürgerliche Szenen integriert.

Recht schön ablesbar an dieser anonymen „Lebenstreppe“, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei F. Campe in Nürnberg verlegt wurde.

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Steps_of_life?uselang=de#/media/File:Lebenstreppe_(anonym)_bei_F_Campe_N%C3%BCrnberg.jpg
„Die Stufenalter des Menschen“; Federlithographie, schablonenkoloriert ; um 1840 Schuster & Georg Nikolaus Renner (Verleger) Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Inventarnummer: HB28022 Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Steps_of_life?uselang=de#/media/File:Das_Stufenalter_des_Menschen_c1840_GNM.jpg

Die Figur unter dem Bogen mit Sense und Sanduhr ist auch jetzt nicht der Tod, sondern „Chronos“, die Verkörperung der ZEIT (und auch der Lebenszeit) und stammt aus der griechischen Mythologie. Pierre Mignard (1610-1695):

Quelle: https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Collection_Motais_de_Narbonne_-_Le_Temps_coupant_les_ailes_de_l%27Amour_1694_-_Pierre_Mignard_-_68x54.jpg

Prächtig ist die Vorstellung, dass er dem Liebesgott Amor die Flügel stutzt – der Zeitablauf sorgt eben dafür, dass die Libido und die sexuelle Betätigung geringer wird.

Und fast noch schöner ist die Darstellungsweise, die Chronos mit einer nur spärlich bekleideten Frau zeigt. Oft findet sich die Schrift: VERITAS FILIA TEMPORIS („Die Wahrheit ist die Tochter der Zeit“ = durch Zeitablauf wird oft die Wahrheit kund). Und wir kennen ja auch die Redewendung: „Die nackte Wahrheit“. Meist ist solchen Bildern auch noch eine besiegte, meist hässliche Figur beigefügt – es ist die durch die Zeit besiegte Verleumdung.

Das erste Bild ist ein Entwurf vom italienischen Maler und Kunstprofessor Costantino Cedini (1741 – 5 April 1811). Es zeigt direkt drastisch, wie Chronos der Veritas/Wahrheit, das sie verdeckende Tuch der Lügen wegzieht.

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cedini,_Costantino_-_Chronos_and_Venus,_Study_for_a_Ceiling_Fresco_-_18th_century.JPG

Das nächste Bild (Ausschnitt) stammt von Annibale Caracci (1560 – 1609); italienischer Maler und Kupferstecher; er gilt neben Caravaggio als Begründer der italienischen Barockmalerei). Die Böse liegt unter den Füßen.

Ausschnitt: Quelle: https://it.m.wikipedia.org/wiki/File:CARRACCI,_Annibale_-_An_allegory_of_Truth_and_Time_%281584-5%29.JPG

Und schließlich noch ein sehr schöner Stich aus der British Library:

© The Trustees of the British Museum (CC BY-NC-SA 4.0); Quelle: https://www.britishmuseum.org/collection/image/179955001

Es gab um 1900 natürlich auch Darstellungen von den Alterstufen der Frau. Sie werden aber interessanterweise über ihre Beziehung zur Familie definiert. Das entspricht wohl den „3 K“ – „Kinder, Küche, Kirche“. Nur als Kind und als Greisin sieht man sie allein.

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Steps_of_life?uselang=de#/media/File:Agesdelafemme.jpg

Das Motiv der Lebenstreppe war im Europa des 16. bis 19. Jh. also die dominierende
 Darstellungsform des Alterns. In der Realität erreichten damals jedoch nur wenige Menschen das Ende der Treppe. Eine große Zahl gelangte nicht einmal über die erste Stufe hinaus. Viele starben mitten im Leben an Krankheiten oder Unfällen – an Altersschwäche dagegen nur wenige. In Deutschland um 1865 lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer bei etwa 34, die der Frauen bei 37 Jahren, wobei diese Zahl durch die damals hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit etwas verzerrt wird.
 Vermutlich kam der Altersphase 50+ in den Lebenstreppen der früheren Jahrhunderte auch deshalb eine so geringe Bedeutung zu. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs verschwanden die Darstellungen.

Wie würde eine Lebenstreppe heute aussehen? Saul Steinberg, der lange für das Magazin New Yorker arbeitete, hat schon 1954 eine Lebenstreppe gezeichnet, die immer noch aktuell erscheint. Die Bilder der zweiten Lebenshälfte werden einfach ausgeblendet bzw. als Dauerurlaub oder Abstellgleis dargestellt. Statt einer Abwärts-Treppe, die den körperlichen Verfall dokumentiert, steht dort einfach nur ein glatzköpfiger Mann in Bermudashorts mit Sonnenbrille unter einer Palme, im Hintergrund ein Sonnenschirm-Ensemble.

Quelle: https://www.vfp-apsi.ch/fileadmin/user_upload/1UEbergaengePflege_Perrig.pdf

Das Altern ist tabu, es wird um jeden Preis vermieden und zum biomedizinischen Problem stilisiert, das man mit Anti-Aging-Produkten behandeln kann. Steinberg hat für diese Verleugnung ein witziges, geniales Bild gefunden.

Eine herrliche Parodie auf den armseligen Umgang unserer Gesellschaft auf das Altern und den Tod stellt auch die US-amerikanische schwarze Filmkomödie „Der Tod steht ihr gut“ aus dem Jahr 1992 dar, die glänzend besetzt war: die Hauptrollen spielten Goldie Hawn, Meryl Streep und Bruce Willis.

Zwei durch ein Zauberelixier unsterblich gewordene Frauen liefern sich wegen einer alten (Liebes-)Rechnung einen Kampf bis aufs Messer, können sich jedoch nicht gegenseitig ausschalten, da ihre Tode nur von kurzer Dauer sind.

Quelle: https://www.film.at/der_tod_steht_ihr_gut

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