
Ich war in all den letzten Monaten immer wieder als Chronist tätig, um mit dem Hinweis auf Jubiläen aufmerksam zu machen, dass manche herausragende Menschen, deren Biografie vielleicht nicht so spektakulär war wie diejenige anderer, es sehr wohl verdienen, dass man sich ihrer nicht nur erinnert, sondern sich eventuell auch aus der Sicht unserer Gegenwart mit ihnen noch einmal intensiver auseinandersetzt. Ich wollte eigentlich heuer gänzlich damit aufhören, da es doch auch viel Mühe macht und der erzielte Effekt wohl eher überschaubar war.
Und in diesem Sinne werde ich mich auch hüten, mich mit den Giganten unter den heurigen Jahresregenten auseinanderzusetzen, als da z.B. wären: Bruckner, Schönberg, Puccini, vor allem aber Kafka und Kant, Marco Polo oder auch Lenin.
Vielleicht „schlage ich mich“ aber doch wieder selbst „breit“, um etwas kleineren Namen wieder Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Ich versuche es einmal mit William Somerset Maugham, der am 25. Jänner seinen 150. Geburtstag gefeiert hätte. Dieser Erzähler und Dramatiker zählte noch zu den meistgelesenen Autoren des 20. Jahrhunderts. Dass er auch heute noch einen solchen Rang einnimmt, wage ich zu bezweifeln.
Ganz früh war der Dichter schon mit Härten des Lebens konfrontiert. Seine Eltern starben, als er noch ein Kind war. So verbrachte er als Waise seine Jugend unter der Aufsicht eines frömmlerischen Onkels und in Internaten. Er litt unter Stottern. Später studierte er an der Universität Heidelberg Deutsch, Literatur und Philosophie, danach in London am King’s College Medizin. Trotz seines Drangs zur Literatur beendete Maugham 1898 – vor allem unter dem Druck seines Onkels – das Medizinstudium erfolgreich.
Eine Erkrankung an Lungentuberkulose kurierte er im milden Klima Südfrankreichs. Nach seiner Erholung zog er nach Paris.
Zäh geworden in diesen frühen Lebensjahren, wagte er sich – gleichsam ein erster James Bond – an das zweifellos größte äußere Abenteuer seines Lebens heran, indem er während des Ersten Weltkrieges beim englischen Geheimdienst MI 6 diente, für den er zunächst in Italien, der Schweiz und in den USA tätig war. Von dort wurde er 1917 nach Russland beordert, wo die Briten die provisorische Regierung von Alexander Kerenski an der Macht zu halten versuchten, damit Russland im Krieg gegen die Mittelmächte bleiben würde. In dieser Zeit war Maugham zugleich Informant des amerikanischen Geheimdienstes. Obwohl Maugham während seines gesamten Aufenthalts unter Spionageverdacht stand, ließ man ihn gewähren – offenbar mit Rücksicht auf seinen internationalen Bekanntheitsgrad. So lernte Maugham bis zur Oktoberrevolution führende russische Politiker kennen und verfasste eine große Zahl wertvoller Berichte. Im Winter 1917 kehrte er nach Großbritannien zurück und verfasste ein Werk über seine Erlebnisse als Agent, mit dem er spätere Schriftsteller wie Graham Greene, Ian Fleming und John le Carré beeinflusste Und weil ich früher einen Vergleich mit James Bond angestellt habe, scheint dieser keineswegs an den Haaren herbeigezogen, denn gerade der 007-Autor Fleming bewunderte Maugham sehr, denn er betrachtete ihn und sich selbst als „die einzigen heutigen Schriftsteller, die über solche Dinge schreiben, die die Leute wirklich genießen: Kartenspiel, Geld, Gold, und so weiter“. Maugham reiste gerne, und diese Leidenschaft zeigte sich auch in vielen seiner Romane. Seine Reisen in die Südsee und nach Fernost fanden Niederschlag in Kurzgeschichten, die Maugham gesammelt ab 1921 veröffentlichte. In ihnen finden sich packende und authentische Porträts des „Englishman abroad“, Kolonialfiguren, die Maugham mit skeptisch-distanziertem Blick meisterhaft zu schildern verstand.
War er in seiner Frühzeit literarisch noch vom französischen Naturalismus beeinflusst gewesen, so wandte er sich später insbesondere den menschlichen Beziehungen und gesellschaftlichen Konventionen zu, wobei er meist einen skeptisch-desillusionistischen und ironisch-zynischen Ton anschlug.
Was wunder – seine Ehe, aus der eine Tochter hervorging – war aus diversen Gründen ein Fiasko und bis zur endlichen Scheidung zerfetzt durch wilde Streitigkeiten gekennzeichnet. Danach zog es Maugham an die Côte d’Azur. Laut WIKIPEDIA kaufte er auf der Halbinsel Cap Ferrat bei Nizza die Villa La Mauresque, die früher dem belgischen König Leopold II. gehört hatte. Mit Maughams hervorragender Kunstsammlung ausgestattet, wurde dieses Haus sehr berühmt. Er plante seine Karriere sorgfältig und nüchtern. 1933 gab er es auf, Theaterstücke zu schreiben, denn er glaubte, mit 50 Jahren sei er zu alt, um mit den wechselnden Trends der Theaterwelt Schritt halten zu können. 1947 stiftete er einen nach ihm benannten Literaturpreis für junge Autoren. Und 1948 verfasste er auch seinen letzten Roman. Ab 1950 war er Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters. 1959 hörte er endgültig mit dem Schreiben auf.
Maugham starb am 16. Dezember 1965 an Tuberkulose in seinem Haus am Mittelmeer.
Wie sehr er schon ganz am Anfang seiner Zeit voraus war, zeigt sein 1897 veröffentlichten Erstlingswerk “Liza of Lambeth“. Es errang in Literaturkreisen einen frühen Erfolg, löste aber zugleich einen Skandal aus. In dem Roman verarbeitete Maugham nämlich Erfahrungen, die er als angehender Arzt in den Armenvierteln Londons gemacht hatte. Das Bürgertum sah es als unpassend an, die Welt der Arbeiter derart naturalistisch darzustellen.
Auch als Dramatiker wurde er erfolgreich. Im frühen 20. Jahrhundert wurden gleichzeitig vier Theaterstücke von ihm in London aufgeführt. Seine Produktivität war erstaunlich: in der Regel brauchte er nur eine Woche für jeden Aufzug, und eine weitere Woche, das Stück zu redigieren. Später widmete er sich wieder der Prosa und verfasste zahlreiche Romane und Kurzgeschichten.
Als Maughams bedeutendste Arbeit wird meist ob der Unmittelbarkeit der Darstellung der Roman “Der Menschen Hörigkeit“ angesehen, mit vielen autobiographischen Anklängen.
Im englischen Sprachraum wird das Werk des Schriftstellern zur sogenannten middlebrow-Literatur gezählt, die bei leichter Lesbarkeit und hohem Unterhaltungswert dennoch ein beachtliches künstlerisches und formales Niveau garantiert. Es ist daher auch kein Wunder, dass manche Werke des Autors verfilmt wurden (nicht selten sogar mehrfach)
Ich werde nun gleich selbst meiner Empfehlung nachkommen und mir Maughams Roman „Der bunte Schleier“ (der dem Motto folgt: „der bunte Schleier, den die Menschen Leben nennen“) aus dem Bücherregal holen.

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