„Die drei Weisen aus dem Morgenland“ oder: „auch Chimären können sehr feste Formen annehmen“.

Festtage 1 können einen manchmal anregen, das eigene alte Wissen über sie wieder aufzupolieren, sich manchmal sogar über neue Erkenntnisse zu informieren, oder einfach über ein mit ihnen verbundenes Thema sozusagen zu „meditieren“.


1In ganz Österreich, in Spanien, Italien, Finnland, Schweden, Argentinien und Uruguay ist dies ein gesetzlicher Feiertag, in Deutschland nur in den drei Bundesländern Bayern, Baden-Würtemberg und Sachsen-Anhalt, in der Schweiz im Tessin, in Schwyz, Uri und in manchen Teilen von Graubünden.


Kurze Einleitung: das Matthäus-Evangelium berichtet auf jeden Fall von Männern aus dem Morgenland, die mit mehr oder weniger Gefolge loszogen, weil sich im Westen ein ganz besonderes Ereignis vollzogen haben sollte. Eines der berühmtesten Bilder für die zahllosen Begleiter ist wohl jenes von Benozzo Gozzoli, das sich im Medicipalast in Florenz befindet.

Wo ich den violetten Kreis gemacht habe, befindet sich das Selbstporträt des Künstlers, der alle anschaut, die das Bild von außen betrachten. Er outet sich als Schöpfer des Freskos, denn auf seinem Mützenrand kann man in Goldschrift erkennen: „Opus Benotii“.

Er hat aber auch einige Medici und ihre Gefolgsleute verewigt. Der mittig auf dem Schimmel sitzende, strahlende junge Mann ist Lorenzo, der zurecht den Beinamen „der Prächtige“ trug.

Hinter ihm reiten ebenfalls drei Mediceer, die ich grün eingekreist habe:

Links Cosimo I. di Medici, genannt: „der Ältere“. Er war der Stammvater der Dynastie. In der Mitte reitet Carlo de Medici, illegitimer Sohn des jüngeren Cosimo, von seinem Vater in den religiösen Dienst gezwungen, wurde er 1450 Domherr der Kathedrale von Florenz. Wesentlich bedeutender war die Person rechts von ihm. Es handelt sich um Piero di Cosimo di Medici, Vater des erwähnten magnifizenten jugendlichen Schimmelreiter in der Mitte. Durch seine Finanzpolitik erwarb er sich viele Feinde, konnte aber einem Putschversuch widerstehen.

Mein Gott, wie qualitätvoll und Jahrhunderte von Wert konnte einstmals politische Propaganda gegenüber heute sein. Man beauftragte einfach einen Spitzenkünstler, wichtige Familienmitglieder in den Zug der „Heiligen Drei Könige“ einzureihen.

Aber um eineinhalb Jahrtausende zurück, in die Bibel. Je nachdem, wie man das Evangelium interpretiert, waren die Drei entweder Könige, oder Magier, Weise, Sterndeuter oder Astronomen (weil sie einem Kometen folgten).

Unbestritten ist ihre Dreizahl, die man von den mitgebrachten Gaben ableitete: Gold (für Christus als König), Weihrauch (für ihn als Gott) und Myrrhe (weil bitter, steht sie für dessen Leiden und Tod).

Theologen stellten freilich zu der Dreizahl weitere Spekulationen an. Zunächst einmal: sie versinnbildliche die Menschheit, die in ihren drei wichtigsten Altersstufen zur Anbetung gekommen sei: der bartlose Jüngling, der weißbärtige Greis und der Mann mittleren Alters, den man wohl am besten mit einem kohlrabenschwarzen Bart darstellt.

Quelle: https://www.rolf-speckner.de/die-weisen-aus-dem-morgenland/aufsatz-die-drei-weisen-aus-dem-morgenland-bis-zum-jahr-1000/

Und genau das zeigt uns noch das byzantinische Mosaik in Sant‘ Apollinare Nuovo in Ravenna. Die sogenannten phrygischen Mützen signalisieren, dass die Herrschaften aus dem Osten kommen, denn sie wurde ursprünglich von anatolischen Völkern getragen. Später wurde sie charakteristisch für die Perser und Thraker.

In der Forschung wurde nun die Hypothese aufgestellt, dass aus der schwarzbärtigen Person (barbatus niger) ein Dunkelhäutiger („Neger„) wurde, als man auf die Idee kam, die ganze damals bekannte Welt wäre zur Anbetung an der Krippe erschienen, und die bestand damals nur aus den drei bekannten Kontinenten: Europa, Asien und Afrika, und letzteres konnte man nur mir einem glatthäutigen Schwarzen darstellen.

Und das haben die meisten Gemälde mit dem Mohren Balthasar übernommen:

Quelle: https://sammlung.belvedere.at/people/549/rueland-frueauf-d-a/objects

Und ich habe mit diesem Gemälde von Rueland Frueauf dem Älteren bewusst die diametrale Darstellungsform zu dem pompösen Treiben auf Gozzolis Fresko übernommen, um zu zeigen, dass es auch Künstler gab, welche die Intimität der Szene begriffen, und die Demut herausstreichen wollten, welche auch für noch so große Potentaten vor dem allerhöchsten Herrscher Himmels und der Erde angebracht war.

Noch ein Intermezzo haben wir zu bewältigen, bevor wir uns späteren Zeiten zuwenden. Es geht um den Vierfürsten Herodes, dem die Römer seinen eher regionalen Spielzeugthron beließen, weil er sich auf die Seite Kaiser Augustus geschlagen hatte. Nun, der witterte angeblich, dass etwas in der Luft lag, das seiner Macht – trotz ihrer Beschränktheit hätte gefährlich werden können. Er bittet die drei Fremdlinge zur Audienz und erfährt von dem staatsgefährdenden Baby. Daher heuchelt er Interesse, dieses ebenfalls anbeten zu wollen, wenn sie es gefunden hätten. In Wirklichkeit wollte er natürlich den Gefahrenherd eliminieren. Wie es aber in der Bibel üblich ist, warnte ein Engel, die drei Könige im Traum. Sie mögen nicht Bericht erstatten, sondern einen anderen Rückweg nehmen. Der bedauernswerte Herodes ist nun natürlich gezwungen, alle Kleinkinder im Lande massakrieren zu lassen, um die von ihm imaginierte Gefahr abzuwenden.

Nun scheint dies aber eine große Erfindung zu sein, auch aus der Sicht der meisten Bibelforscher und Herodesbiographen. Es gibt hier nämlich u.a. den damals zeitgenössischen jüdischen Chronisten Flavius Josephus, der in seinem Haupt-Geschichtswerk kein gutes Haar an Herodes lässt. Es findet sich freilich bei ihm nicht einmal die Andeutung einer solchen Gräueltat, und er hätte sich eine solche Gelegenheit ganz gewiss nicht entgehen lassen.

Man muss aber diesem Fake recht dankbar sein, denn er hat uns unter dem Titel „Bethlehemitischer Kindermord“ Bildwerke von ungeheurer Dramatik beschert. Ich denke nur an diesen Ausschnitt der Darstellung bei Rubens.

Im übrigen sind aber oft Legenden, Sagen und Märchen wirkmächtiger als die Realität. In der katholischen Kirche werden die „drei Könige“ als Heilige verehrt, auch wenn ihnen wohl keine realen Personen entsprechen. Eine förmliche Heiligsprechung hat es für sie nie gegeben. Bis ins 12. Jahrhundert weiß man über die Reliquien der Könige nichts real Greifbares, nur dass fiktiv die hl. Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin, auf einer Pilgerfahrt in Palästina um das Jahr 326 die angeblichen Gebeine der Könige gefunden und mit sich genommen haben soll. Einige Jahre später hätte dann der damalige Bischof von Mailand von eben diesem Kaiser die Reliquien als Geschenk erhalten und sie in einer Basilika außerhalb der Mauern der Hauptstadt der Lombardei aufbewahrt haben. 1158 belagert der deutsche Kaiser Barbarossa Mailand und lässt die vermeintlichen Reliquien in die Stadt schaffen.

Nach der Eroberung Mailands (1162) werden die Gebeine der Könige (oder was eben als solches angesehen wurde) wieder zum Spielball politischen und wirtschaftlichen Kalküls. Barbarossa hatte einen engen Berater namens Reinald von Dassel. Dieser war Erzbischof von Köln, Erzkanzler für Italien, und nahm maßgeblich Einfluss auf die kaiserliche Politik in Italien und in der Auseinandersetzung mit dem Papsttum im Besonderen. Man erinnert sich, dass es schon seit dem Vater Karls des Großen stets eine Abhängigkeit der deutschen Kaiser vom Papsttum gab. Wenn aber Barbarossa im Besitz der Reliquien der sozusagen „ersten christlichen Könige“ war, und diese in sein Reich überführen ließ, erlangte er eine enorme sakrale Rechtfertigung auch ohne das Papsttum (seinen Nachfolgern hat dies freilich auch nicht viel geholfen). So schenkte er in einem geschickten Schachzug die Gebeine seinem Getreuen Rainald von Dassel, der sie mit ungeheurem Pomp nach Köln, seinem Erzbistum, überführen ließ, wo sie in dem um 1200 entstandenen Dreikönigsschrein beigesetzt wurden.

Quelle: Beckstett, CC BY-SA 3.0 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:K%C3%B6ln_Dreik%C3%B6nigsschrein.JPG

Diese Schatztruhe, die der Meister Nikolaus von Verdun geschaffen hat, ist in ihrer Art gemeinsam mit dem im österreichischen Klosterneuburg befindlichen Verduner Altar von seiner Hand das größte Kunstwerk in dieser Technik.

Detail aus dem Altar. Quelle: https://www.stift-klosterneuburg.at/stift-und-orden/geschichte/zeittafel/verduner-altar/

Nur Lumpen sind bescheiden, und daher ließ sich auch Rainald von Dassel auf dem Kölner Kunstwerk verewigen.

1248 wurde begonnen, über dieses Schatzkästchen eine riesige Schatztruhe zu errichten, den hochgotischen Kölner Dom.

Quelle: Thomas Wolf, www.foto-tw.de; CC BY-SA 3.0 de https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6lner_Dom#/media/Datei:K%C3%B6lner_Dom_nachts_2013.jpg

Es gibt übrigens einen ganz großartigen Schelmenroman über die Zeit Friedrichs Barbarossa von keinem Geringeren als Umberto Eco (Autor des „Namens der Rose“): „Baudolino“ (freilich recht umfangreich, aber so köstlich voll mit Lügenmärchen über damalige historische Ereignisse, und daher auch die Story von der Annexion der Heiligen Gebeine-Trias).

Zumindest im Alpenraum aber auch in Deutschland ziehen die Sternsinger, drei Kinder mit einer Begleitperson, von Haus zu Haus, singen ein Lied, wünschen alles Gute für das neue Jahr und sammeln für Projekte in der Dritten Welt. Wenn man will, schreiben sie folgende Formel über die Haustüre.

+

20 – C + M + B – 23

Es ist eigentlich das Kürzel des lateinischen Segensspruches „Christus mansionem benedicat“ („Christus segne dieses Haus“). Die Volksetymologie wollte darin aber die Abkürzungen der fiktiven Namen der Heiligen-Drei-Könige sehen: Caspar, Melchior und Balthasar.

Überhaupt ist den Leserinnen und Lesern sicher bekannt, dass in den katholischen Kirchen Weihnachtskrippen aufgestellt werden, in die das lokale Volksleben eingebaut wird. Früher oft genug wertvolle Schnitzfiguren, die dann am 6. Jänner um die „Heiligen Drei Könige“ erweitert werden, auch manchmal opulent garniert etwa mit Kamelen und exotischer Dienerschaft.

Hier eine Krippe aus dem für seine Schnitzereien weltberühmten Südtiroler Grödnertal. Hinten der Dolomitenberg Langkofel. Diese Kostbarkeit kostet die Kleinigkeit von 9.900 €.

Quelle: https://www.demetz-patrick.com/de/bethlehem-krippe-99/krippe-krippenfiguren-bet-mit-stall-54-figuren-15559.html

Ganz besonders originell und voll des dortigen Volkslebens sind natürlich die neapolitanischen Krippen. Hier eine mit Marktszenen:

Quelle: https://www.bayerisches-nationalmuseum.de/sammlung/00225107

Und hier eine voll mit allen gastronomischen Genüssen Italiens:

Quelle: Antonio Fucito; CC BY-SA 2.0;  – https://www.flickr.com/photos/tanzen80/8321040181/

Aber auch eine, die wegen der „Heiligen Drei Könige“ alle erdenklichen orientalischen Stückeln spielt:

Neapolitanische Krippe im Museu de Arte Sacra de São Paulo (Brasilien); zusammengestellt nach dem italienischen Original. Quelle: Cecioka; CC BY-SA 4.0; https://de.wikipedia.org/wiki/Neapolitanische_Krippe#/media/Datei:Pres%C3%A9pio_Napolitano_Museu_de_Arte_Sacra_39.jpg

Und dann gibt es natürlich auch noch die provenzalischen Krippen, wo die Figuren Santons heißen. Auch hier wieder gutes altes Volksleben:

Quelle: https://www.catawiki.com/de/l/29865814-santonniers-puppen-santons-de-provence-5-terrakotta-textilien-provenzalische-stoffe

Zum Schluss darf aber auch verbaler Humor zum Fest nicht fehlen. Und die bringt – wer hätte das gedacht – keine Geringerer als der gute alte Goethe mit seinem Gedicht „Epiphanias“ herbei:

Die heil'gen drei König mit ihrem Stern,
Sie essen, trinken, und bezahlen nicht gern;
Sie essen gern, sie trinken gern,
Sie essen, trinken, und bezahlen nicht gern.
Die heil'gen drei König sind kommen allhier,
Es sind ihrer drei und sind nicht ihrer vier;
Und wenn statt drei es viere war',
So war' ein heil'ger drei König mehr.
Ich erster bin der weiß und auch der schön',
Bei Tage solltet ihr mich nur erst sehn!
Doch ach, mit allen Spezerein
Werd ich sein Tag kein Mädchen mir erfrein!
Ich aber bin der braun' und bin der lang',
Bekannt bei Weibern wohl und beim Gesang.
Ich bringe Gold statt Spezerein,
Da werd ich überall willkommen sein.
Ich endlich bin der schwarz' und bin der klein'
Und kann auch wohl einmal recht lustig sein.
Ich esse gern, ich trinke gern,
Ich esse, trinke und bedank mich gern.
Die heil'gen drei König' sind wohl gesinnt,
Sie suchen die Mutter und auch das Kind;
Der Joseph fromm sitzt auch dabei,
Der Ochs und Esel liegen auf der Streu.
Wir bringen Myrrhen, wir bringen Gold,
Dem Weihrauch sind die Damen hold;
Und haben wir Wein von gutem Gewächs,
So trinken wir drei so gut als ihrer sechs.
Da wir nun hier schöne Herrn und Fraun,
Aber keine Ochsen und Esel schaun;
So sind wir nicht am rechten Ort
Und ziehn unsers Weges weiter fort.

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