Von ENGELN im Allgemeinen und bei Rainer Maria RILKE im Besonderen

Vor 100 Jahren erschienen die „Duineser Elegien“ von Rainer Maria Rilke im Insel Verlag. Ihr Beginn ist überwältigend: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“

Seinen Namen verdankt dieses Werk dem Schloss Duino bei Triest, wo es der Dichter begann.

Quelle: https://www.italien.de/poi/schloss-duino

Ein Artikel von der bedeutenden deutschen Literaturkritikerin, Redakteurin und Buchautorin Iris Radisch in der Hamburger Wochenzeitung „DIE ZEIT“ (Nr. 54 vom 20. Dezember 2023) berichtet, dass sich die Rilke-Gemeinde aus diesem Jubiläums-Anlass in der Schweiz traf, um die Elegien noch einmal ganz neu zu lesen, die – wie sie schreibt – manche für die bedeutendste Lyrik des 20. Jahrhunderts halten, andere für großartigen und herzergreifenden Kitsch. Diese Dichtung war Rilkes Vermächtnis, ihr Erscheinungsdatum lag nur drei Jahre vor seinem Tod, die er eben in einem düsteren und spartanischen Wehrturm (Tour Muzot) aus dem 13. Jahrhundert in Raron über dem Schweizer Ort Sierre verlebte.

Der Wehrturm auf einer alten Ansichtskarte (Quelle: https://valaisurprenant.ch/rilke-et-les-fantomes-de-muzot/
Rilke 1923 vor dem Turm Muzot (Quelle: https://valaisurprenant.ch/rilke-et-les-fantomes-de-muzot/

Frau Radisch umschreibt die allergrößten Fragen, um die es Rilke in den „Elegien“ geht: „Aus welchem Dunkel kommen wir? In welchem Dunkel verschwinden wir nach kurzer Zeit wieder? Was haben wir zu tun mit den endlosen Weiten des Weltraumes? Und wozu genau sind wir noch mal auf Erden? Was ist unsere Aufgabe?“

Freilich ging es den Adepten der Rilke-Gesellschaft bei ihrem Schweizer Treffen vor allem um ein nüchternes Sezieren der Elegie-Sprache Rilkes mit dem oft zu eiskalten Skalpell der Germanistik. Es stellt sich dennoch heraus, dass sich die zentralen Leitmotive nicht überlebt haben: „die Angst vor den leeren Räumen des Kosmos, die Kritik an der technischen Naturbeherrschung, das Ungenügen an der nach dem Maßstab menschlichen Vorteils gedeuteten Welt, die Verlassenheit des götter- und engellosen Menschen, das Verdrängen von Tod und Verfall.“

Dennoch steht gerade jetzt wieder ein Versuch im Zentrum, dem allen zu entkommen, und zwar mit dem ersten Band einer neuen historisch-kritischen Rilke-Gesamtausgabe, die den noch unbekannten umfangreichen Nachlass des Dichters berücksichtigt. Natürlich gibt es darin Kronjuwelen, wie etwa: „Sieh die Erde an, als solltest du sie einem Engel erklären.“ Dennoch, wie schließt Iris Radisch u.a. ihren Beitrag: „Ein Restgeheimnis wird es immer um die Duineser Elegien geben. Sie sind … eine der letzten großen Literatur-Kathedralen des 20. Jahrhunderts. Sie bieten keine Lösungen. Sie erzählen nicht von Auswegen. Aber vielleicht sind sie selbst ein Ausweg. Ein unerschöpflicher Bild- und Erfahrungsspeicher, an den man sich wie an Zapfsäulen aufladen kann, wenn die eigenen Batterien schwach werden.“

Eigentlich Impuls genug, um wieder einmal die „Duineser Elegien“ oder auch anderes von Rilke in die Hand zu nehmen!

Und in Verbindung mit den unenträtselbaren Geheimnissen Rilkes hatte auch ich ein eigenes Erlebnis, und zwar als ich selbst vor 20 Jahren vor des Dichters letzter Ruhestätte bei der Burgkirche St. Romanus in Raron stand und seine eigene Grabinschrift las:

„Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.“

Burgkirche St. Romanus. Unter der Uhr: Rilkes Grab. Links ober der Kirche der Wehrturm Muzot. (Quelle: https://www.pfarrei-raron.ch/rainer_maria_rilke/
Rilkes Grab an der Wand der Burgkirche (Quelle: https://www.pfarrei-raron.ch/rainer_maria_rilke/)

Ich war emotional tief ergriffen, vermutlich auch deshalb, weil sich diese Zeilen meiner rationalen Analyse entzogen. Später – noch immer im Wallis – aber emotional ein wenig ernüchtert (trotz des Konsums der hervorragenden, dort beheimateten Dole- und Fendant-Weine) erklärte ich mir die Angelegenheit brutal-selbstkritisch damit, dass ich einfach – obwohl studierter Germanist – zu blöd für eine Deutung des Epitaphs sei.

Nach Hause zurückgekehrt, zog ich wissenschaftliche Bibliotheken zu Rate, nur um letztlich einsehen zu müssen (oder für mein Selbstwertgefühl besser: dürfen), dass es zwar unzählige Deutungsversuche gab, von denen aber keiner als allein gültig für Rilkes letzte, in Stein gehauene Botschaft angesehen werden konnte. Wie wundervoll in einer Zeit, in der wir allem, was uns umgibt, den Schleier des Geheimnisses entreißen wollen (um dann nicht weniger unbefriedigt, ja verzweifelt zurückzubleiben, wie einst Schillers Jüngling, der partout dem verhüllten Göttinnen-Bildnis zu Sais sein Mysterium zu entreißen versuchte – nicht nur vergeblich, sondern sogar zu seinem irreparablen Schaden.

Zu guter Letzt möchte ich noch darauf hinweisen, dass in der obzitierten Ausgabe der „ZEIT“ das Titelthema lautet: „Das Geheimnis der Engel“. Kaum von Interesse für jene, die glauben, ohnedies alles über Engel zu wissen und u.a. auch wichtige Entscheidungen von den Engel-Tarotkarten abhängig zu machen. Ihnen will ich selbstverständlich nicht zu nahe treten. Wer aber noch imstande ist, mit ein wenig Humor und Ironie sowie einer Mischung aus Kinderwunschdenken und Skepsis an das Thema heranzugehen – wie der Autor Hugendick und übrigens auch ich – dem möchte ich empfehlen, sich das in Rede stehende ZEIT-Exemplar zu kaufen. Und NEIN! ich bekomme vom Hamburger Verlag für diese Werbung keine Tantiemen!!!

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