Nicht die schlechtesten Christen und nicht die schlechtesten Kunstliebhaber beginnen, wenn es sich um biblische Inhalte aus dem Neuen Testament handelt, bei Weihnachten: Stall, Krippe, Maria, Josef, ein Neugeborenes im Stroh, Ochs, Esel, ein paar Gloria-Engel in den Lüften, Hirten (mit oder ohne Schalmei oder Dudelsack) auf dem Feld. Damit kann man in jeder Kirche und in jeder Stilrichtung die Geburt des Herrn erkennen (stimmt nicht ganz genau, wie wir später sehen werden, da es ja im Osten die Geburtshöhle gibt). OK, als einigermaßen Gebildeter erkennt man natürlich (vor allem in den großen kunsthistorischen Museen) auch noch die Verkündigungsszene, und, dafür muss man schon noch ein klein wenig versierter sein, die Szene, wo die gravide Maria die mit ihr verwandte und selbst mit Johannes (dem späteren Täufer) schwangere Elisabeth im Gebirge heimsucht.
Damit hat sich’s aber meistens – wer mehr erkennt, den erhebe ich schon in so etwas wie einen Expertenrang (natürlich nur honoris causa, denn wirkliche Fachleute sehen natürlich ganz anders aus; auch ich würde es nicht wagen, mich dazu zu zählen).
Was war also vor diesen genannten Ereignissen (und ich rede beileibe nicht vom „Alten Testament“ – das wird uns erst sehr viel später beschäftigen)? Blenden wir also vorher zurück zum Titel dieses Kapitels: „Wer war Maria, und woher kam sie?“
Nun, sie hatte ja wohl Eltern. Wenn man schon viel im Leben gelesen hat, wird man vielleicht selbst bemerkt haben, dass in vielen Geschichten, Sagen, Märchen, Erzählungen und Narrativen (wie man seit kurzem bevorzugt sagt) von bedeutenden Gestalten, Helden, Heiligen, Bösewichten etc. behauptet wird, sie wüssten nichts über ihre Eltern, wären Waisenkinder oder Halbwaisen gewesen, oder ihr In-die-Welt-Treten hätte sich schon durch außerordentliche Umstände von der Normalität abgehoben, wovon auch schon ihre Altvorderen betroffen gewesen sein können.
Das trifft auch auf die Eltern der Gottesmutter Maria zu. Von ihnen erfahren wir allerdings gar nichts aus der Bibel. Wir wissen aber längst, dass sich die Bibel beileibe nicht um alles gekümmert hat, was die fromme Hausfrau, den neugierigen Handwerker, den „gelahrten“ Arzt, den skrupellosen Landsknecht, die im praktischen Alltagsleben standen, interessiert hätte. Diese wollten oft einfach „mehr Fleisch auf die Knochen“ – bildlich gesprochen. Es bildeten sich Legenden aus, zusätzliche, apokryphe Evangelien wurden geschrieben, welche die offizielle Kirche aber nicht anerkannte, vielleicht gerade weil sie so bunt und detailreich waren. Und so ging es auch mit den Eltern von Maria, sie werden nämlich bereits im 2. Jahrhundert in apokryphen Evangelien erwähnt, was ihre bereits große Wertschätzung und Verehrung unter den damaligen Christen bezeugt. Und man gab den Eltern der Gottesmutter (gleichzeitig natürlich auch Großeltern Jesu) nun auch Namen: Anna und Joachim. lm 6. Jahrhundert intensivierte sich ihre Verehrung im byzantinischen Reich.

lm 8. und 9. Jahrhundert gelangte die Kunde von ihnen in den Westen, und sie wurden dort vor allem in Verbindung mit den Kreuzzügen immer beliebter. Anna und Joachim sollen in der Nähe des Bethesda-Teiches in Jerusalem gewohnt haben. Dort wurde im Jahr 1142 die St.-Anna-Kirche errichtet. Sie ist die älteste erhaltene Kreuzfahrerkirche. Nach der muslimischen Eroberung Jerusalems wurde aus ihr eine Koranschule, im Jahr 1856 gelangte das Gebäude jedoch als Geschenk des damaligen Sultans an Napoleon Ill. wieder in christlichen Besitz. Nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten übernahmen die Weißen Väter (eine römisch-katholische Ordensgemeinschaft) die St.-Anna-Kirche. Sie zählt zu den schönsten noch erhaltenen romanischen Kirchen in ganz Jerusalem.

Durch die Kreuzzüge und die Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer gelang- ten viele Reliquien der hl. Anna in den Westen, unter anderem das Haupt der Heiligen (nach Düren, zwischen Aachen und Köln gelegen). Das 15. und 16. Jahrhundert bilden den Höhepunkt ihrer Verehrung. lm Jahr 1481 ließ Papst Sixtus IV. ihren Gedenktag in den römischen Kalender aufnehmen, 1584 legte Papst Gregor Xlll. den Festtag der hl. Anna auf den 26. Juli. Joachim, dessen Gedenktag ursprünglich der 16. August war, wird seit der Liturgiereform des ll. Vatikanums am gleichen Tag wie seine Ehefrau gefeiert.
Doch noch einmal zurück zu volkstümlichen Vorstellungen über das Elternpaar:
Die Legende erzählt, dass Anna und Joachim lange kinderlos waren, aber sich sehnlichst ein Kind gewünscht hätten. Sie wurden wegen ihrer Kinderlosigkeit von den Leuten verspottet, denn Kinderlosigkeit galt damals als Schande, ja als Strafe Gottes, denn im Buch „Exodus“ (Ex 23,25f) des Alten Testaments steht geschrieben, dass Kinder empfangen wird, wer sich an Gottes Gebote hält.
Aber Gott nimmt sich natürlich auch die Freiheit, Ausnahmen zu gestalten. Das apokryphe Protoevangelium des Jakobus schildert ausführlich die weiteren Ereignisse (es berichtet nicht das Leben Jesu Christi, sondern ist ein Marienleben):
In den „Geschichten der 12 Stämme Israels“ war die Rede von Joachim, der sehr reich gewesen sei und seine Gaben im Tempel stets doppelt darbrachte, weil er der Meinung war:
„Was dabei zu viel ist, mag dem ganzen Volk zu Gute kommen, und was auf meine Vergebung der Sünden entfällt, das gehöre dem Herrn zur Sühne für mich.“ Der große Tag des Herrn war herbeigekommen, und die Kinder Israel brachten ihre Gaben dar. Da trat der Hohepriester Rubim vor Joachim hin und sprach: „Du hast keinen Anspruch, als erster deine Gabe darzubringen, weil du keine Nachkommenschaft in Israel geschaffen hast.“
Was jetzt? Da wird ein gestandener, in Ehren ergrauter Mann, keinesfalls ein Halbstarker, aus einem Tempel hinausgeschmissen (zumindest mit sanfter Gewalt, in einer Art, wo man, wenn sie einem widerfährt, zumindest sagt: „Nimm gefälligst deine Pfoten weg!“). Hat er irgendein Gesetz gebrochen, einen religiösen Brauch verletzt, sich blasphemisch geäußert? Negativ, nichts von alldem. Wir lassen uns diese Szene noch einmal auf den Zungen unserer Augen zergehen. Gemalt hat sie kein Geringerer als Domenico Ghirlandaio.

Er hieß eigentlich Domenico di Tommaso di Currado di Doffo Bigordi. Mit so einem Namen kann man keine Karriere machen. Da muss etwas Kürzeres her, ein charakteristischer Spitzname. Und den bezog er von seinem Vater, bei dem er das Goldschmiedehandwerk lernte. Diesen übernahm er von seinem Vater, der berühmt dafür war, die metallischen girlandenartigen Kopfbedeckungen von modischen Florentinerinnen herzustellen, und daher „Il Ghirlandaio“ (Girlandenmacher) genannt wurde.

Vielleicht dürfen wir uns unter einem solchem Kopfschmuck so etwas vorstellen, wie ihn Ghirlandaio selbst dargestellt hat an der linken knienden Heiligen auf dem Bild „Segnender Christus in der Glorie mit Heiligen und dem Stifter Giusto Bencini“ in der Pinakothek von Volterra oder bei den beiden Damen auf seinem Bild der „Heimsuchung“ in der Cappella Tornabuoni in der Florentiner Kirche Santa Maria Novella (vorige Seite).
Doch wieder zurück zu Ghirlandaios Darstellung der Vertreibung Joachims aus dem Tempel. Aus diesem Bild können wir bereits viel lernen. Zunächst die Häme, mit der ein Maler fiese Charaktere für Jahrhunderte verewigt hat – manchmal sahen sie Zeitgenossen, unguten Anwohnern aus benachbarten Gassen, ziemlich ähnlich, und ansonsten verkörperten sie zumindest gewisse Typen, die, auch wenn sie Fantasiegebilde waren, einem täglich in den Straßen der Renaissancestädte begegnen konnten. So steht auf der rechten Seite ein Flegel dem Joachim direkt im Weg und scheint zu sagen: „Mach schön einen Bogen um mich, Alterchen“ (roter Pfeil).

Das könnte eine erste Lehre bei der Kunstbetrachtung sein, obwohl ich nicht das Geringste anordnen, sondern nur Anregungen, Empfehlungen bieten möchte – aus meiner Erfahrung (die aber vielleicht auch nur für mich und für niemanden sonst Geltung haben könnte). In dieser rechten Gruppe haben wir gleich rechts neben dem Flegel noch einen eher Greisenhaften mit herabgezogenen Mundwinkeln. Ich könnte mir vorstellen, dass er sich gerade denkt: „Scheiße, Schwein gehabt. Gott sei Dank habe ich in jungen Jahren rechtzeitig Kinder gezeugt, sonst ginge es mir jetzt ebenso wie dem reichen Joachim“.
Traut euch, einfach Geschichten zu den Bildern zu erfinden. Nichts kann falsch sein, ihr seid für euch selbst die Meisterinterpreten, und wenn ihr für euch richtige Inhalte gefunden habt, dann gelten diese und keinesfalls das, was sich das Bild einbildet zu sein! Und wenn der Künstler etwas anderes gemeint haben sollte, dann hatte er einfach keine Ahnung, was man sich drei, vier, fünf Jahrhunderte später unter seinen Kunstwerken alles vorstellen können wird. Ihr habt gemeinsam mit dem Fantasiegeist Ariel1 die Lufthoheit über eure verrückten Gedanken, Vergleiche, Assoziationen und Konnotationen, und ihr habt das Patent für eure Erfindungen.2
1 Vgl. Shakespeare, „The Tempest“ (.,Der Sturm“).
2 Ich will damit freilich nicht dazu verleiten, keine kunsthistorischen Fakten mehr lernen zu wollen, im Gegenteil!
Die zweite Lehre, die sich auch schon aus diesem Meisterwerk ergibt und uns immer wieder durch so manche Kunstepochen begleiten wird, ist, dass uns gar nicht so selten eine auf dem Bild befindliche Figur sehr auffällig, direkt und ungeniert ansieht, ganz so als wollte sie sagen: „Was sagst denn du zu der Szene, die ich dargestellt habe?“ Und die Szene kann positiv oder negativ sein, Heilsgeschehen, Wunder, Unglaubliches, Liebe, Schönheit, Stillleben oder Gewalt, Leiden, Passion, Gemeinheit, Hass, Schlachtengetümmel, oder was auch immer. Sehr häufig stellt der so penetrant aus dem Bild heraus und uns Anblickende, ein Selbstporträt des Malers dar. So auch in unserem Fall. Es ist Ghirlandaio selbst, der uns von links anschaut (schräge schwarze Linie).

Ihn trifft von rechts der Blick Joachims auf Augenhöhe (schwarzer Pfeil nach links), als wollte er den Maler als Relais benützen, seine Gedanken an uns weiterzugeben. Und die könnten sein: „Was habe ich denn verbrochen, dass man mich mit Gewalt aus dem Tempel hinausschmeißt? Habe ich etwa wie ein Halbstarker randaliert? Habe ich etwa öffentliches Ärgernis erregt, mich etwa unsittlich entblößt, Unrat an heiliger Stätte abgeladen? Alles negativ! Alles nur, weil ich kinderlos alt geworden bin! Ghirlandaio, weise mit deiner Kunst die Leute auf diese Ungerechtigkeit hin!“
Schaut euch also jene Bilder genau an, in denen einer, meist aus einem Gefolge heraus, euch eindringlich anvisiert, es könnte der Maler sein. Nicht immer allerdings ist er es, manchmal sind es auch mehrere, die uns anblicken, und die Kunsthistoriker streiten bis heute über das „Who is who“. Künstler legen nämlich auch bis zum heutigen Tag gerne gelegentlich für Laien falsche Spuren und stellen Fallen auf. Aber auch solchen Spaß wollen wir genießen. Ja, stimmt, noch eine Lehre ziehen wir (gleich pars pro toto) aus diesem Bild. Oft genug sehen wir – meist im Hintergrund – eine Stadt, ein Dorf, eine Burg verewigt, was einen großartigen Blick auf Veduten längst vergangener Zeiten erlaubt.

Bei unserem Bild ist es die Fassade des berühmten, von Brunneleschi erbauten Findelhauses (Ospedale degli lnnocenti) in Florenz. Interessant ist, dass diese berühmte Fassade, bald nachdem Ghirlandaio seine Fresken gemalt hatte, in der unmittelbaren Nähe von S. Maria Novella am einstigen Ospedale di S. Paolo, das jetzt ein Fotomuseum beherbergt, wiederholt wurde.
Da sich gerade die Gelegenheit bietet, möchte ich hier noch zwei besonders bekannte Beispiele anführen:

Zunächst einen Kupferstich (1501/02) von Albrecht Dürer, der die Glücksgöttin Fortuna auf einer Kugel stehend (Symbol für die Unbeständigkeit des Glücks) darstellt. „Das große Glück“ wird der Stich genannt, weil es auch einen kleinen Kupferstich von Dürer mit der Glücksgöttin gibt: „Das kleine Glück“. Unter der „Fortuna“ breitet sich spiegelbildlich der Ort Klausen im Eisacktal aus.
Dürer soll dieses Blatt als Nemesis bezeichnet haben. Das verblüfft, denn Nemesis ist nicht die Göttin des Glücks, sondern die der Vergeltung. Vermutlich bezog sich Dürer auf ein lateinisches Gedicht von Angelo Poliziano von 1499, in dem Fortuna mit Nemesis gleichgesetzt wird. Als Fortuna steht die Gestalt auf einer Kugel, als Nemesis hält sie einen Pokal für gute Taten und Zaumzeug für die Unmäßigen bereit.
Das zweite Beispiel betrifft den Meister des Wiener Schottenaltars oder auch Wiener Schottenmeister. Er war ein um 1470 im österreichischen Raum tätiger Maler der Spätgotik. Da sein wahrer Name unbekannt ist, wird er nach dem von ihm für das Schottenstift in Wien geschaffenen großen Flügelaltar benannt, dem sogenannten „Wiener Schottenaltar“. Der Maler gilt als einer der bedeutenden niederländisch oder auch oberrheinisch beeinflussten Maler im Österreich seiner Zeit. Sein Einfluss soll über seine Schüler weit über den Wiener Raum hinausgegangen sein. Die Hintergrundlandschaften der Bilder sind wegen ihrer detaillierten und topographisch korrekten Darstellung von Wien eine wichtige Zeitquelle. So ist z. B. im Hintergrund der Flucht nach Ägypten das Panorama der Stadt um 1470 dargestellt.

Und auf der Szene der „Heimsuchung“ auf dem großen Flügelaltar, der auf ursprünglich vierundzwanzig Bildteilen (21 davon sind erhalten) dem Leben der Jungfrau Maria und der Passion gewidmet ist, findet sich eine der ältesten Darstellungen einer Straße (es ist die heutige Seilergasse) in Wien mit dem Stephansdom (Ostseite) rechts und vermutlich der alten Dominikanerkirche links im Hintergrund.

An solchen alten, ganz präzise gemalten Bildern kann man oft auch den Bekleidungsstil verschiedener Bevölkerungsschichten ablesen, ferner die Beschaffenheit etwa von Geräten (z.B. bei Gartendarstellungen) oder Kochgeschirr etc.
Zeit, die Exkursion zu beenden und zu Joachim zurückzukehren. Als er mit Gewalt aus dem Tempel entfernt worden war, wurde er sehr betrübt und ging fort zum Zwölf-Stämme- Buch Israels mit dem Gedanken: „Ich will doch das Zwölf-Stämme-Buch Israels einmal ansehen, ob ich ganz allein keine Nachkommenschaft in Israel geschaffen habe.“ Und er forschte nach und stellte von allen Gerechten fest, dass sie Nachkommenschaft in Israel hatten erstehen lassen. Und es kam ihm vom Erzvater Abraham in den Sinn, dass Gott ihm wenigstens noch am letzten Tag einen Sohn, den Isaak, gegeben hatte, und Joachim wurde sehr betrübt und zeigte sich seinem Weibe gar nicht, sondern begab sich ohne Abschied in die Wüste: dort schlug er sein Zelt auf und fastete 40 Tage und 40 Nächte. Er sprach bei sich: „Ich will nicht hinabsteigen weder zu Speise noch zu Trank, bis mich der Herr mein Gott gnädig heimgesucht hat; so lange soll das Gebet mir Speise und Trank sein.“
Wir haben hier eine Art Präfiguration zum 40-tägigen Fasten Christi in der Wüste. Eine um 1400 aufgekommene Reisesperre für seuchenverdächtige Ankömmlinge – Venedig verbot bereits 1374 die Hafeneinfahrt für pestverdächtige Schiffe – bezeichnete man in Italien als quaranta giorni (vierzig Tage). Das Wort „Quarantäne“ gelangte im 17. Jahrhundert wie italienisch quarantena aus französisch quarantaine de jours („vierzig Tage“) ins Deutsche. Das französische Wort quarantaine wurde im 12. Jahrhundert von galloromanisch quarranta abgeleitet, das über das Volkslateinische von lateinisch quadraginta („vierzig“) stammt. Nun haben wir damit wohl auch andere, nämlich kulturgeschichtliche Bezüge zur Quarantäne in Corona-Zeiten aufgespürt.
Joachims Frau Anna aber stimmte eine zweifache Trauerweise an und hielt zweifache Klage: „Klage halten will ich über mein Witwenlos, Klage halten will ich über meine Kinderlosigkeit.“ Der große Tag des Herrn aber kam herbei, und Judith, ihre Magd, sagte: „Wie lange willst du deine Seele in Trauer niederbeugen? Siehe, herbeigekommen ist der große Tag des Herrn. Da darfst du doch nicht trauern! Nimm lieber dies Kopfband, das mir die frühere Arbeitsherrin geschenkt hat! Mir steht nicht an, es umzubinden, weil ich nur eine Magd bin, und es hat doch königliches Gepräge.“ Anna aber sagte: „Geh, bleib mir damit weg! Das tue ich auf gar keinen Fall. Der Herr hat mich ja schon genug gebeugt. Vielleicht hat ein geriebener Bursche mit dem du eine Liebschaft gehabt hast es dir geschenkt, und du bist nur gekommen, mich in deine Sünde mit hineinzuziehen.“ Da sagte Judith: „Was sollte ich dir noch Unglück wünschen, wo dich der Herr doch genug gestraft und deinen Mutterleib verschlossen hat, um dir keine Leibesfrucht in lsrael zu geben?“ Anna wurde sehr betrübt, sie legte ihre Trauerkleider ab, wusch ihr Haupt und zog ihre Brautkleider an, und um die neunte Stunde ging sie in den Garten hinab, um etwas hin und her zu wandern. Da sah sie einen Lorbeerbaum und setzte sich unter ihn und flehte zum Herrn und sprach: „Gott meiner Väter, segne mich und erhöre meine Bitten, wie du den Mutterleib Sarahs gesegnet und ihr einen Sohn, den Isaak, geschenkt hast!“ Und als sie zum Himmel schaute, sah sie ein Sperlingsnest im Lorbeerbaum. Da stimmte sie bei sich eine Trauerweise an und sang: „Weh mir! Wer hat mich gezeugt, welch ein Mutterleib mich hervorgebracht? Denn als Fluch bin ich geboren vor den Kindern Israel und bin mit Schimpf angetan, und mit Spott haben sie mich belegt hinaus zum Tempel des Herrn. Weh mir! Wem kann ich mich vergleichen? Nicht kann ich mich vergleichen den Vögeln des
Himmels, denn auch die Vögel des Himmels erben sich fort vor dir, Herr! Weh mir! Wem kann ich mich vergleichen? Nicht kann ich mich vergleichen den Tieren der Erde, denn auch die Tiere der Erde erben sich fort vor dir, Herr! Weh mir! Wem kann ich mich vergleichen? Nicht kann ich mich vergleichen diesen Wassern hier, denn auch diese Wasser erben sich fort vor dir, Herr! Weh mir! Wem kann ich mich vergleichen? Nicht kann ich mich vergleichen diesem Lande hier, denn auch dieses Land bringt seine Früchte zu seiner Zeit und preiset dich, Herr!“ Und siehe, ein Engel des Herrn trat herzu und sprach zu ihr: „Anna, Anna! Erhört hat der Herr deine Bitte: du sollst empfangen und sollst gebären, und dein Same soll in aller Welt genannt werden.“ Und Anna sagte: „So wahr der Herr mein Gott lebt, wenn ich dann gebären werde, ob männlich oder weiblich, will ich es dem Herrn meinem Gott als Gabe darbringen, und es soll ihm alle Tage seines Lebens nach Priesterart dienen.“

Und siehe, da kamen zwei Boten und meldeten ihr: „Siehe, Joachim, dein Mann, ist im Anmarsch mit seinen Herden.“ Ein Engel des Herrn nämlich war zu ihm hinabgestiegen und hatte ihm gesagt: „Joachim, Joachim! Erhört hat der Herr Gott deine Bitte. Geh hinab von hier! Denn siehe: dein Weib Anna wird schwanger werden.“

EINSCHUB für FORTGESCHRITTENE
Wir blicken nach oben, und da stoßen wir auf zwei Bilder, die uns eigentlich alles erzählen über eine Zeitenwende, die derjenigen, in der wir uns gerade befinden, recht ähnlich sieht, wenngleich sie in einer anderen Tonart steht. Was meine ich damit? Nun unsere Zeit ist eine Epoche, in der schon seit geraumer Zeit davon die Rede ist, dass man bald fast ohne Papier für die Vermittlung geistiger Inhalte auskommen könne – der Digitalisierung, dem Computer, dem Fernsehen, den Kindles, dem Browser (und wie das Zeug alles fachsprachlich heißt) sei dank. Ja, in Finnland ist man ja auch schon auf die Schnapsidee gekommen, man solle den schulischen Unterricht der Handschrift zugunsten der optimalen Bedienung von Tastaturen aufgeben. Ich hege dennoch die Zuversicht, dass es nie so weit kommen wird, denn es mehren sich doch wieder Stimmen, die meinen, das Buch könne doch nicht immerdar ersetzt werden, Buchmessen finden statt (genau wie Filmfestivals, obwohl man der Großleinwand auch schon vor Jahren den Tod zugunsten des TV-Kastls vorhergesagt hatte), man lässt sich ausgedruckte Fotoalben vom letzten Urlaub oder über die Kinderentwicklung im vergangenen Jahr ausdrucken, statt sie nur auf dem Handy anzuschauen, große Literaten schreiben wieder mit Füllfeder oder Bleistift und hacken nicht mehr nur in die Computer-Tastatur etc. Aber es stimmt schon: unübersehbare Veränderungen haben sich herausgebildet: drei Mal in 24 Stunden eine Tageszeitung zu drucken, wie das noch vor 60 Jahren von großen Printmedien als non plus ultra aktuellster Berichterstattung betrieben worden war, wäre heutzutage ein Unsinn, denn längst haben Bilder und Nachrichten in Sekundenschnelle den Weg rund um den Globus gefunden (selbst den Sommernachtstraum-Puck bei weitem an Geschwindigkeit übertreffend), ob nun beispielsweise der Wald um S. Francisco brennt, oder der Hafen von Beirut.
Jetzt aber zum Vergleich zurück in die Renaissance. Ich setze genügend Wissen über diese Periode als Mega-Zeitenwende voraus und möchte mich nur auf den hier relevanten Spezialaspekt konzentrieren. lm Mittelalter saßen ganze Generationen fleißiger Schreiber und Buchmaler in den kalten Skriptorien der Klöster. Die Manntage sind kaum zu ermessen, bis so eine kostbare Handschrift fertiggestellt war, und wollte man sie vervielfältigen, so musste man ebenso viel Zeit, Fleiß, Geschick und Kunstfertigkeit hineininvestieren, wie man für das Original gebraucht hatte.
Das änderte sich jäh, als Gutenberg den Buchdruck erfand, denn jetzt konnte man mit einem Bruchteil von Aufwand viele Exemplare eines Werks herstellen, sei es ein Buch, sei es ein Flugblatt (besonders wichtig als Propagandamaterial in den gerade angebrochenen Zeiten der Glaubenskriege), seien es ganze Serien von Kupferstichen oder Holzschnitten, wie etwa Albrecht Dürers „Marienleben“. Diese Blätter gelangten nun in die damalige Welt hinaus zu Gelehrten, anderen Künstlern oder auch fanatischen Glaubensstreitern. Sie waren nicht mehr wie die Libri Catenati in den alten Bibliotheken an ihrem Standplatz angekettet, auf dass ihnen nicht verbrecherisches Pack das Laufen lehren konnte.

Bild unten: Foto: J. G. Kramer; CC BY-SA 4.0; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Interieur_librije_-_Zutphen_-_20327384_-_RCE.jpg?uselang=de
Und durch diese freie Verbreitung von grafischen Zyklen erklärt es sich, dass (wie oben im Bild vorgeführt) etwa Dürers Darstellung, wie der Engel dem Joachim auf der Weide erscheint, um ihm zu offenbaren, dass er durch die Gnade Gottes nun im Alter doch noch Vater würde, etwa auch in Lindenholz geschnitzt erscheinen konnte. Es gäbe viele Beispiele, wegen der örtlichen Nähe sei aber noch die Kärntner Kirche Maria Saal erwähnt, wo sich beispielsweise an der Südwand ein Epitaph befindet, der durch die Marienkrönung aus Dürers in Rede stehendem Zyklus inspiriert wurde.
Der Erinnerungsstein wurde vom Salzburger Erzbischof Leonhard von Keutschach für seine Brüder Sigmund und Wolfgang von Keutschach3 gestiftet und von Hans Valkenauer (* um 1448; † nach 1518), dem namhaften Steinbildhauer der Spätgotik im Salzburger Raum, geschaffen.
3 1515 kauften die Brüder Sigmund und Wolfgang von Keutschach das Gebäude von Tanzenberg. Die Errichtung des heutigen Renaissanceschlosses wurde um 1530 von beiden begonnen und gegen 1560 von Leonhard II. von Keutschach fertiggestellt. Auf dem Schild, der dem rechten Knieenden zugeordnet ist, findet sich die „Keutschacher Rübe“. Sie hat auch in den spöttischen Merkspruch, der die Salzburger Mundart charakterisieren soll, Eingang gefunden: „Hruәp, Hruәp, hrenn‘, die Hross fress’n die Hruәbn!“ Drei salzburgische sprachliche bzw. kulturelle Eigenarten umfasst der Spruch: „Hruәp“ ist die Kurzform für Ruprecht, einem der wichtigsten Landespatrone. Das „hr“ ist eine phonetische Besonderheit und steht für anlautendes „r“, „(H)Ross’“ spielt auf die wichtige Pferdezucht an (Pinzgauer) und die „(H)ruabn“ eben auf die Wappenpflanze des so erfolgreichen Salzburger Erzbischofs Leonhard von Keutschach.

Bekannt wurde Valkenauer vor allem durch sein Auftragswerk für Kaiser Maximilian I. für den Dom zu Speyer, das jedoch nie vollendet wurde, da der Auftraggeber zuvor gestorben war.
Es gäbe in Kärnten noch andere Beispiele für die Übernahme von Dürer-Grafik in Epitaphe, etwa den „Abschied Christi von seiner Mutter“4 auf jenem für den Dechant Rosegger, der sich ebenfalls in Maria Saal befindet, oder den besonders interessanten für den Propst Georg Vischl in der Bartholomäuskirche in Friesach.
4 Aus Dürers „Kleiner Holzschnittpassion“. Weiterführendes bei: Richard Milesi, Dürergraphik als Vorlage für Grabplastiken in Kämten. ln: lm Schnittpunkt, Kärntner Kulturhefte, 2/71, S. 38 ff.
ENDE des EINSCHUBS
Und Joachim war hinabgezogen und hatte seine Hirten gerufen und geheißen: „Bringt mir zehn Lämmer hierher, ohne Makel und Fehl! Die sollen dem Herrn, meinem Gott gehören. Und bringt mir zwölf zarte Kälber! Die sollen für die Priester und die Ältesten sein. Und hundert Ziegenböcke für das ganze Volk!“ Und siehe, Joachim kam mit seinen Herden gezogen, und Anna stand an der Tür und sah Joachim kommen. Da lief sie und hängte sich an seinen Hals und sagte: „Jetzt weiß ich, dass der Herr mich reichlich gesegnet hat. Denn siehe, die Witwe ist keine Witwe mehr, und ich Kinderlose soll schwanger werden.“ Und Joachim gab sich am ersten Tag der Ruhe in seinem Hause hin. Am anderen Tag aber brachte er seine Gaben im Tempel dar und sprach bei sich: „Wenn der Herr Gott mir gnädig geworden ist, dann soll mir das Stirnblatt des Priesters es offenbar machen.“ Und Joachim brachte seine Gaben dar und gab acht auf das Stirnblatt des Priesters, als er zum Altar des Herrn hinzutrat, und er sah keine Sünde an sich. Da sprach Joachim: „Jetzt weiß ich, dass der Herr mir gnädig geworden ist und alle meine Sünden vergeben hat.“ Und er ging gerechtfertigt hinab aus dem Tempel des Herrn und kehrte heim in sein Haus. Es gingen aber ihre Monate vorüber: im neunten Monat dann gebar Anna. Und sie sagte zur Hebamme: „Was habe ich geboren?“ Die sagte: „Ein Mädchen.“ Da sprach Anna: „Erhoben ist meine Seele an diesem Tage.“ Und sie legte es nieder und bettete es. Als aber die Tage um waren, wusch sich Anna und gab dem Kinde die Brust und nannte seinen Namen: Maria.
Nach der inhaltlich ähnlichen Fassung dieser Ereignisse in der Legenda Aurea fand die Begegnung zwischen Joachim und Anna nach der Zeit der Trennung auf Geheiß eines Engels an der goldenen Pforte in Jerusalem statt.
4 Aus Dürers „Kleiner Holzschnittpassion“. Weiterführendes bei: Richard Milesi, Dürergraphik als Vorlage für Grabplastiken in Kämten. ln: lm Schnittpunkt, Kärntner Kulturhefte, 2/71, S. 38 ff.
Der freudige Kuss der beiden Eheleute bei dieser Begegnung wird in einem Fresko von Giotto di Bondone in der Scrovegni-Kapelle in Padua in beeindruckender Weise dargestellt.

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Es wäre mir unmöglich, nicht auf den großartigen Text einzugehen, den Kervani in seinem Buch „UngIäubiges Staunen. Über das Christentum“ (München, 201513, S. 250 ff.) diesem Bild gewidmet hat:




Als ich mir noch einige andere Bilder über das Zusammentreffen an der Goldenen Pforte angesehen habe, ist mir aufgefallen, dass bei einigen das Gewand des hl. Joachim rückwärts hoch aufwirbelt. Kann freilich der Eile geschuldet sein, mit der er seiner Gemahlin entgegeneilt, kann aber meines Erachtens auch ein dezenter Hinweis sein auf seine wieder erwachte Zeugungskraft.

Bild rechts: Foto: José Luiz; CC BY-SA 4.0; Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Joachin_and_Anne_at_the_Golden_Gate_-Pfullendorf_Altar–Staatsgalerie–Stuttgart-_Germany_2017.jpg?uselang=de
Damit können wir uns in anderen Beiträgen dann der Einheit MARIENLEBEN (mit Ausnahme von Weihnachten und Passion/Ostern, die eigene Einheiten bilden werden) zuwenden.

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