ITALO CALVINO zum 100. Geburtstag

Ich fröne heute wieder einmal meiner Leidenschaft als Chronist, der Freundinnen und Freunde in Zusammenhang mit Jubiläen daran erinnern möchte, wie rasch in unserer schnelllebigen Zeit Ruhm verblasst, nicht getragene Perlen Patina ansetzen und wertvolles Silber anläuft. Heute (15.9.2023) wäre Italo Calvino 100 Jahre alt geworden. Es war ihm allerdings alles eher beschieden, als „grenzenlos zu altern“. Er war erst 62 Jahre alt, als er starb.

Calvino gilt als einer der bedeutendsten italienischen Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts. Viele seiner Bücher sind heute in Italien Volksgut und Schullektüre. Er war in Kuba geboren worden, im Schoß einer Familie, die sich den Werten der Aufklärung verpflichtet fühlte. Seine Jugend während des 2. Weltkriegs machte ihn zum glühenden Antifaschisten, der sich auch am Partisanenkampf beteiligte. Nach dem Krieg studierte Calvino Literaturwissenschaften in Turin und begann seine Erfahrungen in der Resistenza literarisch zu verarbeiten. Aus seinen einschneidenden persönlichen Erlebnissen hing er zunächst stark der Kommunistischen Partei Italiens (KPI), von der er sich dann aber abwandte und schließlich 1975 offiziell austrat in Hinblick auf die Gräuel in der Sowjetunion.

Anfang der 50er-Jahre wandte er sich einer für ihn neuen Gattung zu – der allegorisch-phantastischen Literatur. Ihn beschäftigte die Sammlung italienischer Volksmärchen, die er aus wissenschaftlichen ethnografischen Quellen entnahm und aus den verschiedenen italienischen Dialekten in ein allgemein verständliches Italienisch übersetzte. Mittlerweile sind Calvinos Fiabe italiane („Italienische Märchen“) auf der Halbinsel ein Hausbuch ähnlich den Märchen der Brüder Grimm im deutschsprachigen Raum.

Nach seiner Familiengründung in Rom verbrachte er einige Zeit in Paris, wo seine sogenannten „kombinatorischen“ Bücher entstanden, etwa die amüsant-ernste Spielerei mit dem erzählerischen Potential von Tarotkarten: „Das Schloss, darin sich Schicksale kreuzen“, oder „Die unsichtbaren Städte“. Mittlerweile war der Schriftsteller auch international bekannt geworden. Seinen wahrscheinlich größten Erfolg erzielte er mit dem hochkomplexen, aber auch unterhaltsamen Roman „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“, ein Spiel mit nahezu allen literarischen Gattungen des 20. Jahrhunderts.

1980 nach Rom zurückgekehrt, ereilte ihn der Ruf der Havard-Universität, 1985/86 die renommierten „Charles-Eliot-Norton-Poetry-Lectures“ zu halten, ein ehrendes Angebot, das jährlich an einen internationalen Künstler aller Kunstgattungen verliehen wird (vor Calvino z.B. an Jorge Luis Borges, Octavio Paz oder Leonard Bernstein). Er hatte fünf von sechs Vorlesungen fertiggestellt, mit der Absicht, zu sichten, was seiner Ansicht nach aus der Literatur des endenden 20. Jahrhunderts ins neue Millennium mitgenommen und weitergeführt werden sollte. Leider traf ihn am 6.9.1985 ein Gehirnschlag. Er erlangte nicht mehr das Bewusstsein. Sein Tod erregte in seinem Heimatland eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit; seine Lectures wurden zu einem Bestseller, der sogar an Kiosken erhältlich war.

Unter den zahlreichen Ehrungen und Preisen findet sich auch die Mitgliedschaft in der Französischen Ehrenlegion. Er galt als sehr aussichtsreicher Kandidat für den Literatur-Nobelpreis, den er freilich nicht erlebte – wie auch so mancher andere Grande der Schreibfeder (ich denke vor allem etwa an Philipp Roth) – aufgrund einer eine Zeitlang völlig undurchsichtigen Politik des verantwortlichen Komitees. Anders in Österreich (was ich aus Lokalpatriotismus natürlich nicht verschweigen kann): hier wurde Calvino 1976 der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur verliehen.

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