Wer in diesen Tagen die Feuilletons durchblättert oder Kultursendungen im Radio hört, wird unweigerlich mit einer gewaltigen und schillernden Persönlichkeit konfrontiert: Pablo Neruda, dessen Todestag sich gestern (23. 9.) zum 50. mal jährte. Und so kann auch ich als für meine Freunde selbsternannter Jubiläen-Chronist natürlich nicht umhin, auf diesen Anlass hinzuweisen.
Seine Biographie deckt sehr viele berufliche und ideelle Tätigkeiten ab, zu denen ein hochintelligenter, sensibler, für seine Ideale brennender, und auch politisch höchst engagierter Mensch fähig sein kann. Ich bringe nur Stichworte, denn jede(r) kann sich rasch über Details etwa in Wikipedia informieren: Geprägt durch Erlebnisse im Spanischen Bürgerkrieg wurde er zum glühenden Gegner des Faschismus, wurde Kommunist, wandte sich später aber entsetzt vom Stalinismus ab. Er war Diplomat in Birma (jetzt Myanmar), Argentinien, Spanien und Mexiko. Er war Senator und Botschafter. Immer wieder musste er aber auch flüchten, weil er den jeweiligen Machthabern zu unbequem wurde. Seine Heimat Chile wurde auch sein Schicksalsland, wo er auch 12 Tage nach dem Militärputsch Pinochets verstarb (Mordgerüchte verstummten nie).
Was mich aber in erster Linie bewog, an Neruda zu erinnern, ist die Tatsache, dass er zu den größten Dichtern des vorigen Jahrhunderts zählt, der zurecht 1971 den Literaturnobelpreis verliehen bekam. Man sollte aus gegebenem Anlass wieder einmal (oder auch zum ersten Mal) einen seiner Gedichtbände zur Hand nehmen. Vielleicht kann ich mit der nachfolgenden Ode Appetit darauf machen:
Ode an das Leben
Langsam stirbt, wer Sklave der Gewohnheit wird, indem er jeden Tag die gleichen Wege geht, wer nie seine Überzeugungen hinterfragt, wer nie etwas riskiert und nie eine neue Farbe trägt, wer mit niemandem spricht, den er nicht kennt.
Langsam stirbt, wer sich keiner Passion hingibt, wer Schwarz dem Weiß und wer das Tüpfelchen auf dem “i” jeder Gefühlsregung vorzieht, besonders jenen Gefühlen, die die Augen zum Leuchten bringen, die ein Gähnen in ein Lächeln verwandeln und die das Herz vor Kummer bewahren.
Langsam stirbt, wer nicht seine Meinung sagt, wenn er sich unglücklich bei seiner Arbeit fühlt, wer, anstatt einen Traum zu verfolgen, die Sicherheit immer der Unsicherheit vorzieht, wer sich nicht wenigstens einmal in seinem Leben die Freiheit nimmt, sich vernünftigen Ratschlägen zu entziehen.
Langsam stirbt, wer nicht reist, wer nicht liest, wer keine Musik hört, wer nicht auch Würde in sich selbst findet.
Langsam stirbt, wer die Liebe zu sich selbst zerstört; wer sich nicht helfen lässt.
Langsam stirbt, wer die Tage damit verbringt, über sein Unglück oder über den ununterbrochenen Regen zu klagen.
Langsam stirbt, wer ein Projekt aufgibt, bevor er es beginnt; wer keine Fragen stellt zu Argumenten, die er nicht kennt, wer nicht antwortet, wenn man ihn nach etwas fragt, das er weiß.
Vermeiden wir den Tod in sanften Raten, in dem wir uns immer erinnern, dass das Leben eine viel größere Anstrengung verlangt als das bloße Atmen.
Nur mit unendlicher Geduld werden wir wahre Glückseligkeit erreichen.
(Quelle: https://www.newslichter.de/2022/10/ode-an-das-leben-2)


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