LOCK DOWN AUF DEM OLYMP

Wer noch nie etwas mit mit meinen Aufzeichnungen über die griechische göttliche Trias Athene, Hermes und Apollo zu tun hatte, verdient natürlich wenigstens eine kurze aufklärende Einleitung. Die divinen Geschwister wohnten seit langer Zeit in Venedig. Bevor diese Stadt endgültig unterging, gab es durchaus verschiedene Zeugnisse für ihre Anwesenheit in der Lagunenstadt. Sie wohnten in der Logetta am Fuß des Markusturms (Campanile), die zwischen 1537 und 1546 von Jacopo Sansovino errichtet worden war.

Wenn sie in der Stadt unterwegs waren, wurden sie durch symbolische Statuen vertreten:

Pallas Athene/Minerva (Foto: Von Dimitris Kamaras from Athens, Greece – Loggetta del Sansovino, Venice, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=118209064)
Apollo (Foto: Dimitris Kamaras from Athens, Greece – Apollo, Loggetta del Sansovino, Venezia, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=118223383)
Hermes/Mercurius (Foto: Wolfgang Moroder; CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56546777

Die Republik Venedig legte großen Wert auf die Anwesenheit der drei Gottheiten, denn in Athene sah man einen Verweis auf die Weisheit des venezianischen Adels und des Senats. Darüber hinaus ist sie ikonographisch als die Schutzpatronin der Städte, der taktischen Kriegsführung und des Schiffbaus anzusehen.

Apollo, der Gott der Musik, Dichtung und des Lichtes, repräsentiert die geistige und kulturelle Komponente der Republik sowie die Harmonie politischer Eintracht.

Hermes, der römische Gott des Handels und des Reisens symbolisiert einen Hinweis auf die Wirtschaftskraft und Handelsmacht der Serenissima in der Renaissance.

Die Prokuratoren, die höchsten Beamten des alten Venedig, tagten in diesem Gebäude, der ihnen als geschützter Versammlungsort zur Verfügung stand. Hier  hörten sie auch die Mitglieder des Großen Rates an, die ihre Gesetzesvorlagen präsentierten. Dieses Vorgehen war notwendig, da der Große Rat über keine eigene Legislative verfügte.

Ich glaube ja nicht, dass ich betonen muss, wie fad unternehmungslustigen Göttern die Gesellschaft solcher verstaubter Bürokraten war, so dass sie sich alsbald den Trick mit den Statuen ausdachten, um sich in die Vergnügungen der Lagunenstadt stürzen zu können, und zwar nicht nur während des legendären Karnevals.

Wie waren die Drei eigentlich nach Venedig gekommen? Nun, es ist ja kein Geheimnis, dass sie die Nase vom „Trojanischen Krieg“ und der auf ihn bezogenen Intrigenwirtschaft unter den olympischen Göttern so satt hatten, dass sie beschlossen, auszuwandern, oder sich zumindest die Welt einmal gründlich anzuschauen. Speziell Athene war total urlaubsreif durch die ewigen Hilfestellungen, die ihr Schützling Odysseus benötigte, da er von einer Kalamität in die andere stolperte. Apollo fühlte sich in seiner Haut momentan auch nicht ganz wohl, da ihm immer mehr Leute Feigheit nachsagten, hatte er doch den strahlenden Helden Achilles quasi hinterrücks erschossen, indem er ihm seinen tödlichen Pfeil in die Ferse, also in den rückwärtigsten Teil des Fußes jagte. Die Tieropfer für den Lichtgott waren seither drastisch gesunken. Gestiegen waren hingegen die Brandgaben für Hermes, allerdings nicht von den von ihm vertretenen Händlern und Kaufleuten, sondern von jenem Teil seiner Klientel, den er liebend gerne weggeleugnet hätte, den Dieben, Räubern und Wegelagerern. (Zyniker fragen, wo ist da eigentlich ein Unterschied zwischen den beiden Berufsgruppen?) So gingen die drei Geschwister also daran, den Erdkreis zu erforschen.

Um die Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr. befanden sie sich gerade in Oberitalien und nahmen Kurs auf die obere Adria, als ihnen hunderte Einheimische entgegenkamen, die alle schrien: „Attila ante portas“. Die Göttlichen konnten sie nicht so ganz verstehen, da sie nur klassisches Latein verstanden, die Rufe aber eher ein wenig vulgär verwaschen klangen. Neugierig wie sie waren, ließen sie sich ebenfalls von dem Menschenstrom mitreißen, der erst auf einer Insel zum Stehen kam, die später einmal Torcello heißen sollte. Da gefiel es ihnen eigentlich recht gut. Mit anderen Unternehmungslustigen erkundeten sie bald auch noch andere umliegende Inseln. Vor allem einige Frauen verblieben auf der nachmalig Burano benannten Insel. Als einmal Athene zu ihnen stieß, und die dort einheimisch gewordenen Frauen merkten, dass die Besucherin offensichtlich eine sehr gescheite Frau war, fragten sie sie, ob sie ihnen nicht irgendeine neue Beschäftigung beibringen könne, da ihnen so fad war. Athene saß noch das kränkende Erlebnis mit Arachne in den Knochen. Was, ihr wisst nicht wovon ich spreche? Also gut, ich sage euch, worum es da ging.

Arachne war eine begabte, aber hochmütige Weberin. Sie forderte Athene zu einem Wettstreit auf dem Gebiet der Webkunst heraus, den sie mit Bravour meisterte. Dies erzürnte die Olympierin derart, dass sie ihre sterbliche Konkurrentin schließlich in eine Spinne verwandelte. Seither hieß die Spinne im Altgriechischen Ἀράχνη Aráchnē, eine Bezeichnung, die lautlich angeglichen in vielen romanischen Sprachen weiterlebt: zum Beispiel „araignée“ im Französischen, „araña“ im Spanischen oder „ragno“ im Italienischen. Nun, wie gesagt, vom Weben hatte Athene genug, und so erfand sie das Sticken und brachte es den Frauen bei. Diese verfolgen bis zum heutigen Tag eine aufwendige Nadelspitzentechnik namens Reticella, was so viel bedeutet wie „kleines Netz“ und somit doch auch noch ein wenig an Arachne und Athene erinnert, auch wenn das Spinnennetz im Italienischen „ragnatela“ oder „scarpia“ (im Venezianischen) heißt.

Apollo mischte sich auch unter die Leute. So vor allem auf der späteren Insel Murano. Hier hatte sich einer aus einem Schilfrohr eine Flöte geschnitzt, blies aber so erbärmlich, dass es auch noch dem gerade kilometerweit entfernten Hermes die Flügelschuhe auszog. Beinahe wäre Apollo wütend geworden, aber nicht wegen der Missklänge, sondern weil ihn diese Episode an Marsyas den Aulosbläser, erinnerte, der ihn, den göttlichen Kytharaspieler, herausforderte, dann aber, als zum instrumentalen Spiel auch gesungen werden sollte, natürlich schmählich verlor und von Apollo bei lebendigem Leib gehäutet wurde. Irgendwie ging jetzt dem Musenführer das Stichwort „blasen“ nicht aus dem Sinn. Und da kam ihm eine ganz neue Idee. Was wäre, wenn aus dem Blasrohr keine Töne herauskämen, sondern ein wunderbares, durchscheinendes und auf Wunsch vielfärbiges Material, Glas, aus dem später ganz besondere Kunstwerke, wie etwa bunte Kirchenfenster gefertigt werden würden. So gründete er die erste venezianische Glasbläserzunft.

Hermes freilich flatterte herum, bis er ein hochwassersicheres Gelände mit einem höher gelegenen Ufer fand, rivus altus, Rialto. Hier erinnerte er sich, dass er ja auch der Patron der Wegkreuzungen war. Und da er mit seinen Wegbegleitern ja schon viele Weltgegenden kannte, kam ihm die Idee, das künftige Venedig zu einer ihm unterstehenden Kreuzung zwischen West und Ost, zu einer Drehscheibe zwischen Abendland und Orient zu machen. Und wie die geschichtlich Bewanderten unter uns wissen, ist ihm das auch gelungen. Und den Venezianern blieb es auch bewusst, wem sie ihre merkantilen Erfolge zu verdanken hatten, sonst hätten sie ihn nicht über ihren berühmten Stadtplan von Jacopo de’ Barbari aus dem Jahr 1500 gesetzt.

Und so verbrachten die drei olympischen Deitäten so manches fidele Jahrhundert in der Seestadt. Ihre zahlreichen Abenteuer hier aufzuführen, würde zu weit führen, aber vielleicht ergibt sich einmal die Gelegenheit dazu.

Natürlich stellt sich daher nun die Frage, warum sie die Stadt auf einmal verlassen wollten? Nun, der Massentourismus wurde ihnen einfach zu viel. Regelmäßig wurden sie mehrfach angerempelt, wenn sie sich durch das Gewühl kurzbehoster, Sandalen mit weißen Söckchen tragender Männlein und Weiblein, die allesamt ein Deutsch sprachen, das nicht der Bairischen Sprachgruppe angehörte, kämpften. Athene trug immer noch – wenn auch in verkleinerter Form – auch unter modernsten Blusen ihre Aegis, das ist die Brustplatte mit dem Abbild des grauenerregenden Hauptes der Medusa, mit dem sie jedes Gegenüber versteinern konnte. Deutlich ist dieser Brustschmuck z. B. Auf der Athenestatue vor dem österreichischen Parlament zu erkennen:

Foto: Thomas Ledl (CC BY-SA 3.0 AT)

Einmal konnte Hermes seine furiose Schwester nur mehr im letzten Moment daran hindern, ihre Bluse zu öffnen, um einen unachtsamen Rowdy mit dem Abbild der Medusa zum Hades zu schicken. Man bedenke, was für einen Aufruhr dies gegeben hätte: 1.) wegen des Toten; 2.) wegen des entblößten göttlichen Busens.

Ein zweiter Grund, von Venedig fortzugehen, lag in den immer häufiger werdenden Überflutungen. Schuld waren die zahlreichen tiefen Ausbaggerungen für das völlig unnötige Anlanden riesiger Kreuzfahrtschiffe so nahe am historischen Kern der Stadt. Dieses periodische Hochwasser, überflutete etwa den Markusplatz um einen Meter , sodass bereits auch schon die Krypta des Markusdoms Schäden erlitten hatte. Dieses Übermaß erinnerte nun Athene immer häufiger daran, dass die ganze Odyssee gewissermaßen ein ständiger Streit zwischen ihr und dem Meeresgott Poseidon gewesen war, hatte dieser doch Winde und Stürme ohne Ende gegen ihren Schützling ausgesandt. Und jetzt setzte dieser nasse Macho seinen wogenstiftenden Dreizack gegen die Lagunenstadt ein. Sie begann das allmählich persönlich zu nehmen, als Rache, dass es ihr letztendlich doch gelungen war, den König von Ithaka aus seinen Irrfahrten zu befreien und heil nach Hause zu Gattin und Sohn zu bringen.

Das Fass des Grolls aber brachte zum Überlaufen, als die Olympischen eines Nachts von einer ausgiebigen Zecherei nach Hause in die Logetta heimgekehrt waren und sehen mussten, dass die Sockel ihrer Ersatzstatuen auf das Unflätigste angeschmiert worden waren. Bei Athena stand: „Schleich‘ di, du schiache Assel“, bei Apollo hatte ein Dichterling gewirkt: „Geh‘ ins Café Florian, durt brauchn’s no an Nockatan“. Der etwas holprig reimende Schmierfink war wohl ein Wiener, der offensichtlich einen Bezug zu Georg Danzers Lied „was macht a Nackerter im Hawelka“ (letzteres ist das in Künstlerkreisen beliebteste Wiener Kaffeehaus) herstellen wollte. Am schlimmsten erwischte es Hermes, der wegen seiner leicht manierierten Körperhaltung anscheinend für einen Homosexuellen gehalten wurde. Unter ihm stand geschrieben: “ Du warmer Bruder, steckt dir deinen Caduceus in den Hintern“. Da war sogar einer am Werk gewesen, der einstmals eine höhere Bildung genossen haben musste, denn die Schmierage war in Hochdeutsch gehalten und der Täter hatte Kenntnis davon, wie der doppelt gewendelte Stab des Gottes heißt.

Nun, das war jetzt endgültig ihr Venedig nicht mehr. Die Koffer waren bald gepackt, und am nächsten Tag verließen sie die so enttäuschend gewordene Serenissima, ohne sich auch nur einmal umzuwenden. Freilich merkten sie in der übereilten Hast erst jetzt, dass sie noch gar nicht darüber diskutiert hatten, wohin sie sich nun wenden sollten.

Athene dachte an ein vorläufiges Kontrastprogramm. Wie wäre es, sich in eine Bergregion zu begeben. Nicht zu hoch zunächst, also z.B. nicht in die Schweiz, aber sie könnten es ja einmal mit Österreich oder Bayern versuchen. Hermes hatte einmal etwas aufgeschnappt, dass das österreichische Staatsoberhaupt eine Menge Propaganda für das von ihm so sehr geliebte Tiroler Kaunertal mache. Vielleicht könnte man es einmal dort probieren. Also steuerten sie dieses Ziel an und quartierten sich im „Hotel Kirchenwirt“ ein, mit seinen urigen Lärchenholz-Vertäfelungen in der Gaststube und in den Zimmern. Wunderschön für einen Urlaub. Aber hier auf die Dauer leben – eher negativ. Da sie alle Drei natürlich dunkelhäutige griechische Typen waren, hatten sie bald das Gefühl, dass man ihnen auf Schritt und Tritt nachschaute, eher Abstand zu ihnen hielt, sie überall rasch abfertigte, um sie schnell wieder los zu werden. Es dämmerte ihnen bald, dass man annahm, sie könnten ja auch Syrer, Afghanen oder Tunesier sein. Auch merkten sie schnell, dass sich hier alles Gesellschaftliche um das Vereinsleben drehte. Da gab es die Vereinigung der Bäuerinnen, den Familienverband, die Jungbauern und die Jungschar, die Musikkapelle, den Singkreis, die Schützengilde und die Schützenkompanie. Den Rest gab ihnen dann noch ein Band Mundartgedichte, der die Mentalität der Talbewohner auf den Punkt brachte

Baur sei,

frei sei,

Ahnaschtolz,

Schutz und Sega.

Grund und Boda

Halta und pflega.

So schnell hätte keines der zahllosen Augen des Riesen Argus zu schauen vermocht, wie Athene, Apollo und Hermes ihre Koffer gepackt hatten und wieder Reisende im Bergland geworden waren. Sie versuchten ihr Glück nun in etwas moderneren und cooleren Alpenregionen, sahen aber nicht selten vor lauter Berghütten-Villen und siebenstöckigen Chalet-Hotels im Megaformat keinen Gipfel mehr. Der nächste Versuch sollte sie nun in die absolute Bergeinsamkeit führen. Aber dort wo es noch still und idyllisch war, fielen sie unter den noch erzkatholischen Sennerinnen und Holzhackern als antike Götter allzu sehr auf, sie konnten sich tarnen wie sie wollten, es klebte anscheinend so etwas wie ein heidnischer Hautgout an ihnen.

Als nächstes dachten sie an den Hohen Atlas, dessen Name wenigstens noch etwas von griechischer Mythologie an sich hatte. Aber da herrschte eine gewisse Symmetrie zu den Alpen, statt um Christliches ging es hier natürlich um Islamisches, und ein paar Mal wären sie beinahe in die Bredouille gekommen, da Athena überhaupt nichts vom Verschleierungsgebot hielt, und noch weniger vom Alkohol-Verbot.

Versuchsweise schauten sie noch im Kaukasus vorbei. Dort aber stellte es sich bald
heraus, dass sie eingeklemmt waren in Reste eines harten Kerns von Restkommunismus gepaart mit dem damals noch Soft-Stalinismus eines Putin und dem byzantinischen Kirchenerbe der Griechisch-Orthodoxen, bei denen ihnen nur der Namensbestandteil „griechisch“ gefiel, nicht aber das Christliche, das hier natürlich wie bei den Katholiken im Vordergrund steht. Freilich wären sie aus anderen Gründen beinahe hier geblieben, denn Apollo hatte an den hymnischen Kirchengesängen mit ihren alten Tonarten Gefallen gefunden, während Athena sich nur schwer von Georgien trennen konnte, wo man bereits Wein machte, als man im antiken Griechenland noch kaum an die olympischen Götter glaubte. Es brauchte des Hermes ganze Überredungskunst, um in Erinnerung zu rufen, dass man Erholung und Ruhe suchen wollte nach alle den Strapazen eines überkochenden Venedig.

Schließlich einigte man sich darauf, am besten zumindest für einige Zeit wieder
zurückzukehren auf den angestammten Olymp. Da sie so lange Zeit in Venedig verbracht hatten, fremdelten die anderen Göttinnen und Götter ein wenig, und unserem Dreigestirn Athena, Apollo und Hermes kam die Kollegenschaft, die in letzter Zeit kaum einmal über den Kirchturmhorizont des Olymp Mytikas hinausgeblickt hatte, herzlich hinterwäldlerisch vor. Nur Zeus war merkwürdig liebenswürdig und spendabel, fuchtelte nicht so wie früher mit Blitzen und Donnerkeilen herum, und schien manchmal regelrecht vor sich hin zu träumen. Hephaistos, der ständig (seit ihn Venus mit Mars betrogen hatte) irgendeine
revanchistische Rechnung mit dem Götterhimmel offen hatte und darüber zum
Intriganten, Tratschmaul und hämischen Vernaderer geworden war, verriet unserer Trias die Gründe für diese Verhaltensänderung. Alice Schwarzer habe schon vor etlichen Jahren die Idee gehabt, man müsse doch wenigstens symbolisch den vielen Frauen, denen in den Jahrtausenden der Geschichte, aber auch in der noch älteren Mythologie, in der Märchen- und Sagenwelt Unrecht geschehen, Gewalt angetan worden, oder in ihrem Anspruch auf Gleichberechtigung eine bittere Kränkung widerfahren sei,
nachträglich Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das stieß (bei normalen Frauen) zunächst auf wenig Interesse, aber seit einige wenige (die nicht zu der gerade erwähnten Gruppe gehörten) die MeToo-Bewegung losgetreten hatten, die sich so schnell verbreitete, dass das Corona-Virus dagegen wie ein hilfloser Lahmarsch erscheinen musste, wurde im Genderkompetenzzentrum in Brüssel beschlossen, diese mittlerweile auf fruchtbaren Mist gefallene Idee an den Europäischen Gerichtshof weiterzuleiten. In dieser juridischen Schnapsideenfabrik haben wieder einmal alle geschlafen (wie etwa auch beim Karfreitags-Entscheid), schlampig wie üblich die Vorlagen nur überflogen, um dann im urplötzlich wie in einem Drogenrausch ausbrechenden Aktionismus über Interpol die Sexisten aus dem Altertum zur Fahndung auszuschreiben: die einstigen Götter (z.B.
Wotan, welcher Freia, die germanische Göttin der Jugend in der Manier eines allmächtigen Immobilienmaklers zwang, sich den grauslichen Riesen Fafner und Fasold zu prostituieren, nur weil ihm das nötige Kleingeld fehlte, um diese für die Errichtung der Walhalla-Burg zu entlohnen), die Heroen und sonstigen gewalttätigen Recken (man vergleiche nur etwa, wie ein Hildebrand, der Waffenmeister des — ach, fälschlicherweise für so edel erachteten — Dietrich von Bern und sicher im Einvernehmen mit diesem am Schluss des „Nibelungenliedes“ die „arme“ Kriemhild erschlug, dabei hatte sie doch nur aus verständlichen Rachegedanken ein mächtiges Blutbad angerichtet), oder auch merkwürdige Fabelwesen (als beispielsweise Herakles mit seiner zweiten Frau Deianeira einmal einen Hochwasser führenden Fluss überqueren musste, erbot sich der Kentaur Nessos, die junge Frau trockenen Fußes auf seinem Rücken hinüberzutragen,
galoppierte aber dann mit ihr davon, um sie zu vergewaltigen; der zweite Teil der
Geschichte tut hier nichts zur Sache). Selbst die Bibel ist nicht frei von miesen
Behandlungen des weiblichen Geschlechts — meist wegen Kinkerlitzchen, denke ich meinetwegen an Salome, von Herodes dem Tod durch Ersticken unter Soldatenschilden preisgegeben, für das bisschen Leichenschändung mittels Kuss auf die blassblauen Lippen des Jochanaan. Und natürlich war auch Zeus ganz vorne auf der Fahndungsliste zu finden. Verführung unzähliger Frauen und Unzucht mit ihnen: Europa, Danae, Alkmene, Leto, Demeter, Maia, Semele, Danae, Leda, Antiope, Io, Kalisto und, und, und…Soweit die Indiskretionen des Hephaistos. Was bedeutete das für Zeus, an dem natürlich auch die Jahrtausende nicht spurlos vorübergegangen waren? Die früher so mühelos vonstatten gegangenen Verführungs-Verwandlungen in andere Entitäten — vom
Adler bis zum Stier, von der selbst für die von Zeus ins Visier genommene Gattin
(Alkmene) nicht von der Gestalt ihres gehörnten Gatten (Amphytrion) unterscheidbare Erscheinungsform, bis zum Schwan und Goldregen — kosteten den Göttervater mittlerweile viel zu viel Energie, als dass der folgende Liebesakt noch ein Vergnügen hätte sein können, denn auch seine Potenz war nicht mehr titanisch (vielleicht eine späte Rache seiner Vorgänger, der Titanen, die er ja einst gnadenlos vernichtet hatte). Und sein Aussehen war ja überall auf der Erde (zumindest in gebildeten Kreisen) sattsam bekannt, seit sich vor zweieinhalb Jahrtausenden dieser eitle Bildhauer Phidias in den Kopf gesetzt hatte, eines der sieben Weltwunder zu schaffen, seine sitzende Kolossalstatue im Tempel von Olympia von etwa 13 Metern Höhe.

Seither wurde sein Gesicht mit dem Vollbart und dem wallenden Haupthaar überall kopiert, wie hier beim „Zeus von Otricoli“ von einem unbekannten Künstler.

Viele hatten irgendwelche schon antike, meist römische Nachbildungen von Zeusbüsten nach griechischen Originalen gesehen. Für die Eremitage in St. Petersburg war sogar überhaupt der Versuch unternommen worden, die ganze olympische Zeusstatue zu rekonstruieren. Kurzum, der oberste Griechengott war sich im klaren, dass er wegen des blöden Steckbriefs künftig keine paar Stunden seiner Lust auf Erden würde frönen können, ohne verhaftet zu werden, als fossiler Harvey Weinstein sozusagen, sensationeller Jahrhundertfund für alle Feministinnen. Was er jetzt als Ersatz für den Libido-Entzug so trieb, wusste nicht einmal Hephaistos, die Elsa Maxwell des Olymp. Athena hatte so eine Ahnung, war sie doch dem Kopf des Göttervaters entsprungen und verfügte daher
manchmal über so etwas wie eine Art inzestuöser Telepathie, um in die Gedankenwelt ihres Erzeugers eindringen zu können. Doch sie wollte auf Nummer sicher gehen, und da sie das Privileg genoss, jederzeit beim Chefgott aufkreuzen zu dürfen, ohne Anmeldung bei dessen lästigem Sekretär Zerberus, entschloss sie sich zu einem klärenden Besuch.

Ihre Ahnung: wurde bestätigt: Zeus saß leicht zusammengesunken an seinem
Schreibtisch, eine nur mehr viertel volle Gallone halbsüßen Nektars vor sich, wohl von einem etwas höheren Alkoholgehalt, als er für das gewöhnliche Personal des griechischen Himmels sonst ausgeschenkt wurde, aber immer noch das, was man etwa in österreichischen Weingegenden gerne als „Tschapperliwasser“ bezeichnen würde. Athene schüttelte sich innerlich vor Grausen, umso mehr als ihr Vater, selig endlich wieder einmal weibliche Gesellschaft zu haben, ihr einen Krug voll des Gesöffs anbot. Artig bedankte sie sich, schüttete aber in unbeobachteten Momenten mindestens die Hälfte des „Gschladers“ in den Palmenkübel hinter ihr. Da kam ihr, der intelligentesten unter den Göttinnen, plötzlich eine brillante Idee (wohl auch als Folge des Alkohol-Entzugsschocks, unter dem sie seit der Rückkehr auf den Olymp litt). Sie fragte Zeus, ob
er nicht etwas besseres trinken wolle, als diesen abgestandenen Nektar. Er, inzwischen zuckerwattenweich geworden wie sein Getränk, lachte laut auf und meinte: „Ja gerne, aber hier gibt es seit tausenden von Jahren kein anderes Gesöffl“ Athena erwiderte: „Hier über den Wolken natürlich nicht, aber unten auf der Erde gibt es seit Jahrtausenden sehr wohl etwas besseres, nämlich ein Labsal, das man Wein nennt, auf Griechisch oinos!“ Davon hatte Zeus noch nie etwas gehört, allwissend war anscheinend doch nur der jüdische Jehova.

Nun erzählte Athena ihrem Gebärer von den Wonnen des vergorenen Traubensafts, von den Geheimnissen der Böden, der Lagen, der Traubenernte, der Traubenverarbeitung durch Abbeeren, Maischen und Pressen, der Öchslegrade, der Gärung, dem Filtrieren und Abfüllen. Man hätte meinen können, Athena hätte Önologie studiert, dabei war sie eher eine Autodidaktin, eine Praktikerin, learning by doing (bzw. drinking). Dem Göttervater war beim bloßen Zuhören der Mund wässrig geworden (immer diese Pantscherei), und er fragte nach, ob und wie man an diesen Göttertrank herankommen könnte? Athena sah ihre große Stunde gekommen und die Zukunft wieder im ros´e-igen,
pardon, natürlich im rosigen Licht. Sie sinnierte murmelnd vor sich hin, dass man
unbedingt einen Experten, sozusagen einen olympischen Sommelier benötigen würde, einen, der von Wein etwas verstünde, auf dass er zu ebener Erd‘ verkosten könnte, um nachher ins Elysium zu liefern, das dann erst diesen Namen wirklich verdienen würde. Zeus meinte gleich, das könnte doch gewiss Ganymed übernehmen, der wäre doch schon an der olympischen Tafel der Mundschenk. Das kam bei Athena gar nicht gut an, da wurde sie zur Feministin, obwohl sie damit sonst gar nichts am Hut hatte, da sie jederzeit ihren Mann stehen konnte. Aber die einstige Zurücksetzung der wundervollen Jugendgöttin Hebe zugunsten des phrygischen molligen Bauernlümmels lag der durchaus streitbaren Göttin der Weisheit noch immer wie ein Stein im Magen.

Zeus war in Erinnerung an die damaligen Kalamitäten etwas kleinlaut geworden, sodass Athene einen kühnen Vorstoß wagte: „Ich weiß von einem exzellenten Weinkenner, dem besten Sommelier überhaupt. Er hatte stets viele Kontakte nach Georgien, dem Geburtsland des Weines [wie ich schon erwähnt habe], er hatte viel Zeit, in der Theorie über den Weinbau nachzugrübeln, er ist ein Experte für unerträglichen Durst, ihm verdankt man auch die Erfindung des Glühweins, der uns hier im Olymp im Winter, wenn Schnee- und Hagelstürme um den Gipfel brausen, ein großer Trost sein würde, und von enormem
Vorteil wäre, dass seine Leber praktisch unzerstörbar ist.

Zeus (in voller Begeisterung): „Egal, wer das ist, her mit ihm!“
Athene (ein wenig geduckt und sotto voce): „Es wäre Prometheus“.

Der Wutanfall, den Zeus daraufhin bekam, löste sogar noch im Indischen Ozean einige Tsunamis aus. Aber es nützte ihm wenig, denn er hatte ja gesagt: „Egal, wer das ist“. Und als er einmal sein Gebrüll unterbrechen und Luft holen musste, argumentierte Athene ganz ruhig und sachlich: „Schau einmal, Papa! Du hast doch Prometheus auf dem achthöchsten Gipfel des Kaukasus, dem Kasbek, anschmieden lassen. Und da weht es ihm, da die Georgier ausnahmslos begnadete Trinker sind, tagaus, tagein und jede Nacht im Jahr die besten Weindüfte vom georgischen Kaukasusbergvorland (wie sich Handke ausgedrückt hätte)1 und aus der dortigen weinstockreichen Ebene im Osten in die Nase, woraus er die von mir erwähnten theoretischen önologischen Schlüsse ziehen kann, die für eine — auch uns zugute kommende — Weiterentwicklung des Weinbaus (seine „Ausbaufähigkeit“ würde man sagen, wenn es sich um eine einzelne Sorte oder Flasche handeln würde) goldeswert sein können. Gleichzeitig wird er in alle Ewigkeit durstig und daher extrem verkostungswillig sein, da er ja bei all den quälenden herangewehten Weinbouquets seit Jahrtausenden keinen Tropfen zu trinken bekam. Und den erwähnten köstlich von innen wärmenden Glühwein machte er ja gerade dadurch möglich, dass er den Menschen das Feuer brachte! Und wem ein Adler in solchen ewigen Zeiträumen Tag für Tag die Leber herausgehackt hat, auf dass sie wieder nachwachse, dessen Organ hat
die Widerstandsfähigkeit zumindest von Gusseisen, das heißt Alkoholschäden durch unmäßiges Verkosten sind bei ihm auch nicht zu erwarten. Und noch etwas: Prometheus hat den Menschen das Wissen um ihre Todesstunde genommen. Vorher waren sie stets viel zu früh müßig und arbeitsunwillig, mürrisch und asozial, wenn sie wussten, dass sie recht bald sterben mussten. Da Prometheus das änderte und sozusagen ein undurchsichtiges Leichentuch über das menschliche Ende breitete, musste er einen Ersatz dafür bieten, dass sich die Leute nun doch bemüßigt fühlten, entsprechend zu ‚hackeln‘ und für ein allfälliges Alter vorzusorgen. Und diese Ersatzdroge für die vorhergegangene Tachiniererei hieß Alkohol, gleichbedeutend mit Wein in milden Klimaräumen.

Aber, lieber Zeus, wenn Dir Prometheus so zuwider ist, dann bliebe wohl nur noch Noah als Experte übrig, aber der ist natürlich von der Jehova-Fraktion und wäre damit ein Fremdarbeiter, während Prometheus immerhin Grieche ist, und ich meine, wir sollten doch heimische Arbeitskräfte fördern!“

Zeus hatte sich in der Zwischenzeit ein wenig beruhigt, allmählich aufmerksamer
zugehört und schließlich nach vielem Seufzen dem Plan zugestimmt. Athene war aber noch nicht fertig. Sie zauberte Zeus gleichzeitig noch eine betörende Vorstellung von ihrem und ihrer Götterkumpanen einstigem Stammbeisl in Venedig in den Kopf, mit präziser Schilderung der anheimelnden Einrichtung, der Theke mit den vielen Flaschen im Hintergrund, den rustikalen Holztischen, die keinen Schaden litten, wenn man einmal (vielleicht nicht ganz nüchtern) ein Glas umleerte, und wo daher niemand keifte, was aber regelmäßig passierte, wenn solches an der olympischen Tafel mit ihren damastenen Tischtüchern passierte. Sie suggerierte dem obersten griechischen Religionschef, wie gemütlich man es haben könnte, wenn man an einer verborgenen Stelle der Olympflanke
heimlich so eine Osteria im Maßstab 1:1 einrichtete, nur für sie vier, Zeus, Athene, Apollo und Hermes. Hera brauchte (beinahe hätte sie — in Reminiszenz an ihren langen Aufenthalt in romanischen Gefilden — gesagt: beim Jupiter) nichts zu wissen von diesem Kabäuschen, sodass es gewiss nicht mehr, wie sonst üblich, zu einem Zählen der Gläschen und Promilichen durch die göttliche strenge Herrin kommen könne.

Zeus war nun erst recht Feuer und Flamme für den Plan, und er versprach, gleich
morgen Hephaistos und Dädalos zu beauftragen, den Nachbau in die Wege zu leiten. Athene ergänzte noch, dass Hebe sicher gerne bereit wäre Schankdienste zu leisten, wenn sie und ihr Gatte Herakles auch gelegentlich ein paar Schoppen abbekommen würden, und — damit die arme Göttervaterseele ihre Ruhe hätte — Ganymed könnte ja beim Gläserwaschen, beim Abfüllen und Umschenken von Gebinden und ähnlichen Arbeiten helfen. Zeus war auch damit sehr zufrieden. Es sollte dann später allerdings nicht dazu kommen, da Athene so klug war, selbst die Wirtin zu spielen, da sie voraussah, dass es ja a la longue doch wieder zu Eifersüchteleien zwischen dem vorgesehenen Personal kommen würde. Außerdem wäre die Geheimhaltung der „Osteria della Serenissima Pace“, so sollte das Wirtshaus in Erinnerung an Venedig heißen, eventuell in der Folge von ausgebrochenen Streitigkeiten noch zusätzlich gefährdet. Um ein jegliches Aufsehen zu vermeiden, veranstaltete man auch keine Einweihungsparty in
größerem Rahmen, als nach wenigen Tagen die Nachbildung der ehemaligen
venezianischen Locanda voll eingerichtet dastand — nur auf einen Giardino hatte man eben auch aus Gründen der Diskretion verzichtet. Was sich allerdings erst langsam zu füllen begann, waren die Weinregale — auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut.

Die Weinbeschaffung spielte sich nämlich folgendermaßen ab: Prometheus und sein vormals so quälender Adler waren inzwischen dicke Freunde geworden. Keiner trug dem Anderen etwas nach. Ja, Ihr habt richtig gelesen. Auch der Adler hätte nämlich auf sein Opfer einen Groll hegen können, denn dieses war schuld, dass er sein Lebtag lang keine Leber mehr auch nur von weitem sehen, geschweige denn essen konnte, egal ob es Lammleber, Schweinsleber, Rinderleber, ja selbst die feinste Kalbsleber war. Nämliches galt für Hühner- oder Entenleber. Auch die herrliche Leberknödelsuppe war ihm nun verwehrt. Ihm war sogar recht, dass Venedig am Versinken war, er hätte seiner früheren Lieblingsspeise Fegato alla Veneziana mit Polentascheiben, Risibisi oder Bandnudeln nie und nimmermehr frönen können. Ja selbst der Olymp für jeden feinschmeckenden Leberliebhaber (welch sinniger Vergleich mit dem Göttersitz), die Foie Gras oder
Stopfleber, blieb für ihn künftighin ein unersteigbarer Gipfel.

Prometheus freilich dachte, die Leiden bei sich in Relation setzend: „Kein Vergleich“, äußerte sich aber nicht, um die neue Freundschaft nicht aufs Spiel zu setzen. Somit konnte der olympische Weinhandel beginnen. Und so flogen die beiden, Prometheus und sein Adler, selbander friedlich vereint durch die weiten Lande der Seele und Seligkeit des Weines, kosteten sich durch von Georgien
über Griechenland, Italien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Ungarn und Slowenien, lernten auch allmählich nach kleineren Anbaugebieten zu differenzieren; so verkosteten sie z.B. im Wallis den Dole und den Fendant, unterschieden in Georgien etwa den roten Saperavi und den Mukuzani, oder den Kisi vom Mtsvane, lernten in Griechenland den besonderen geharzten Retsina zu schätzen, durchstreiften in Italien die Weingärten von Sizilien bis Sardinien, die Campagna zwischen Neapel und Rom unter besonderer Berücksichtigung eines echten Frascati (konsumiert bei einem tourismusfreien Winzer) — der Adler war übrigens nicht mit Gold aufzuwiegen, wenn es um Qualität ging, denn jeder
Weinbauer konnte sich die negativen Wirkungen seines Schnabels und seiner Krallen hochrechnen, wenn sich herausstellte, dass gepantscht worden war. Auf diese Weise kamen sie auch in der Toscana zu raren Chiantis und Vernazzas, es gelang ihnen, in den Cinqueterre den seltenen Sciacchetra´ zu verkosten (er war ihnen aber auf die Dauer zu süß) und in Montefiascone einige Gläser „Est, est, est“ auf das Seelenheil jenes legendären deutschen Prälaten namens Fugger und seines Vorauseilenden, vorkostenden Dieners zu trinken. Letzterer sollte für seinen italienreisenden geistlichen Herrn im vorab auf die Türen jener Weinkeller, in denen das seelentröstende Gewächs des Noah besonders gut war, mit Kreide das lateinische Wort „est“ (soviel wie: „der ist’s, den kann man saufen!“) schreiben. In Montefiascone aber schmeckte dem trinkfesten Ministranten der vino locale (aller Überlieferung gemäß handelte es sich um einen
Muskateller) so gut, dass er sich zu der dreifachen Bekräftigung „Est, est, est“ hinreißen ließ. Der ihm nachfolgende Prälat konnte das Urteil seines Adlatus nur bestätigen, pfiff auf die eigentlich geplante Rompilgerschaft, sondern genoss seine alten Tage vornehmlich fern der sengenden Sonne Latiums in der Kühle der einheimischen Tavernen und Keller, bis er sich schließlich sanft zu Tode gesoffen hatte.

Zusammenstellung der Berichte über „Est, est, est“

So wie nach dem Dichter Joseph Victor von Scheffel die von ihm ersonnene, ebenfalls enorm trinkfeste Rittergestalt des Herrn von Rodenstein zu Lebzeiten drei Dörfer versoffen hatte (siehe Anhang), so wird wohl unser hoher geistlicher Würdenträger so manche reiche Pfründe an den heidnischen Gott Bacchus verschachert haben — vermutlich in der näheren und weiteren Umgebung von Augsburg, worauf der Name Fugger schließen ließe. Während der Rodensteiner nur seinen gewaltigen Durst den „HerrnStudenten“ vermachte (über andere Besitztümer verfügte er ja wohl auch kaum noch), hatte unser Bischof offensichtlich noch ein bisschen Bares angespart, oder er hieß den wertvollen Ring seiner Würde posthum veräußern, und er hatte eine soziale Ader, denn er verfügte testamentarisch, dass nach seinem Tode jährlich zu Pfingsten auf seinem Grab sechzig Flaschen Wein von den örtlichen Armen „auf seine Gesundheit“
ausgetrunken werden sollten. Ein anderer, auch sehr alter Bericht spricht aber sogar von 60 Lagenae, eine Bezeichnung, die aus dem Lateinischen kommt und im Deutschen als „Lagel“ weiterlebte. Nun ist wohl anzunehmen, dass Lagena auch in diesem Bericht nur eine bauchige Flasche mit schmaler Öffnung bedeutete, denn nach mittelalterlichen Maßverhältnissen hätte etwa in Südtirol oder im schweizerischen St. Galler Raum ein Lagel auch 60 Liter umfassen können. Es wurde freilich auch berichtet, dass dieser Brauch zum jährlichen Todestag des Kirchenfürsten eine geraume Zeit eingehalten, dann aber insofern umgewandelt wurde, dass um den gleichbleibenden Wert Wein und Brot
den Bedürftigen gereicht wurde (es war ja wohl auch besser, den Darbenden den Alkohol nicht auf nüchternen Magen zu servieren). Es soll abschließend freilich auch nicht verschwiegen werden, dass es Zweifler gibt, welche meinen, dass die ganze Story eher gut erfunden sei, wenngleich ihr vielleicht ein anderer historischer Kern zugrunde liege. Ich bleibe trotzdem bei der romantischen Fassung.

Wenn sich unsere olympischen Önologen weiter nördlich aufhielten, labten sie sich vor ihren Einkäufen an Merlots und friulanischen Weißweinen, die einst Tocai hießen, bis die EU völlig deppert diese Bezeichnung in Rücksichtnahme auf die Ungarn verbot, obwohl jeder, der nicht schon sein letztes Ganglion verbechert hatte, wusste, dass der trockene Italiener mit dem süßen Pusztaabkömmling nichts, aber auch schon gar nichts gemein hatte. In der Friaul fanden sie auch die Königsrebe Picolit, manchmal nach Veilchen duftend.

Weiter streiften sie in Italien durch die Produkte der Trauben von Soave und Valpolicella, wo ihnen der Ripasso besonders behagte, während sich der Amarone in ihren Augen eher zum „Drüberstreuen“ eignete. Gekrönt wurde so manche escursione in bella Italia im Piemont mit kostbarem Barolo und Nebbiolo.

Was Frankreich anbelangte, so schwärmten sie von der zweistelligen Zahl all der Sorten, die sie über den Gaumen kreisen lassen konnten — selbst sie mussten darüber Aufzeichnungen in dicken Notizbüchern führen, sonst hätten sie sich nicht einmal die Nomenklatura der edelsten Gewächse gemerkt.

Etwas leichter war es an Rhein und Mosel, doch auch Deutschland konnte mit Zimelien aufwarten, etwa mit dem gold- bis rosefarbenen Weißherbst, vorzugsweise schon am späten Vormittag mit warmen Laugenbrezein zu genießen, wie es ihnen einmal im Bodenseegebiet beschieden war.

In Österreich beschränkte sich das Team zunächst einmal auf Grünen Veltliner, Riesling, Muskat-Ottonell, Blaufränkisch und Zweigelt. In der erweiterten Feineinstellung kamen dann noch der steirische Schilcher und der auf das Burgenland beschränkte Uhudler dazu, früher sogenannte „Selbst- oder Direktträger“ mit Anteilen von Methylalkohol, die die Trinker angeblich aggressiv machen sollten, weshalb man diese Weine auch „Rabiatperlen“ nannte. Eine andere Bezeichnung war „Heckenklescher“. Besonders bissige Zungen behaupteten sogar, pro Fass würde ein Blindenhund mitgeliefert, da die
Aufnahme von Methanol zum Verlust der Sehkraft führen kann. Mittlerweile wurden diese Weinsorten aber entschärft und gelten jetzt als (manchmal gar nicht billige) Spezialitäten. Ungarn mit seinem Tokaijer hatten wir schon, da war ihnen sonst nur noch das „Erlauer Stierblut“ aufgefallen. Etwas breiter aufgestellt war da noch der Balkan, vom eher sauren slowenischen Cvicek, dem Refosk, oder dem auf der Karsthochebene gedeihenden Teran; hinüber dann zum kroatischen Plavac und dem violettschwarzen Dingac.

Natürlich erforderten diese Expeditionen viel Zeit — auch die Isländer hatten das
amerikanische Vinland, das gesegnete Weinland, erst nach Wochen entdeckt — und natürlich konnte das anthropozoomorphe Weinhändlerpaar trotz der imperialen Spannweite der Adlerschwingen, die einen großen Bösendorfer-Flügel zugedeckt hätten, immer nur eine sehr begrenzte Stückzahl herausragender Flaschen bis zum Olymp transportieren. So füllten sich die Regale der Friedensschenke am Olymp (nicht „auf dem Olymp“ — ich kann schon durchaus Grammatik —, denn das Privatgasthaus lag ja nicht auf dem Gipfel, sondern an einem tiefer gelegenen Hang) nur zögerlich, während die Weinausflüge der einstigen Leber-Schicksalsgemeinschaft sich mehrten, und damit natürlich auch deren Reisespesen, was sowohl Zeus als auch Athena ob der hohen Qualität der angelieferten Fechsungen völlig kalt ließ, nur Hermes als der Säckelwart des
Privatbetriebes machte manchmal ein etwas bedenkliches Gesicht — wurscht, als Gott der Diebe würde er (wie jeder andere Finanzminister auch) über seine Adoranten wieder einige Drachmen in seinen Tresor zurück bekommen.

Eines schönen Tages, die Weinregale waren schon recht ordentlich gefüllt, musste sich eine etwas trübsinnige Athena Rechenschaft darüber geben, dass ihr irgendetwas fehlte, trotz der schlaraffenlandartigen Versorgungssituation hinter der Theke. Dem musste sie auf den Grund gehen, und das hieß gleichzeitig, dass sie einige Missure Palladiane zwecks Denkhilfe bis auf den Grund leeren musste, also bis auf die Nagelprobe. Ihr erinnert Euch hoffentlich an jenes nach ihr benannte und bemessene Trinkgefäß-Quantum. Einige der herrlichen, auf Murano mundgeblasenen Glaskrüge mit dem Fassungsvermögen kleiner Eimer hatte sie wohl auf der Flucht aus dem untergehenden Venedig retten können, doch waren bei der darauffolgenden Odyssee auch schon mehrere zu Bruch gegangen. So hatte sie unsere Weinlieferanten inzwischen beauftragt, aus einem anderen Glasbläserland, nämlich aus Thüringen, einige überdimensionale
Pokale mitzubringen und dazu gleich auch den dort produzierenden Halbbitter-Kräuterlikör zwecks Desinfektion der Gefäße, bevor sie anschließend mit Wein gefüllt werden würden, wobei Athena selbstverständlich die hochprozentige Spülung nicht wegschüttete, sondern sich in ihren Schlund goss — war ja so etwas wie Medizin, und man wusste ja nie, welche Infektionen einem auflauern konnten (eine Weisheit, die sich bald höchst dramatisch bewahrheiten sollte). Also, um wieder anzuschließen: nach einigen dieser misure dämmerte ihr, dass ihr einfach die lebhafte Gesellschaft fehlte, die sie in den venezianischen Trattorien und sonstigen volkstümlichen Lokalen umgeben hatte, von der Kellnerin, der ein Stoß Teller aus den Händen geglitten und auf demTerrazzo-Boden zerschellt
war, und die sich daraufhin ganz nonchalant zu den Gästen umwandte und „Scusa a tutte“ sagte, worauf ein unglaublicher Applaus aufbrandete und ein strahlendes Lächeln auf ihr Gesicht zauberte, bis hin zu jenen Momenten, in denen sich nach einigem alkoholischen Schmieren der Stimmbänder immer irgendein Reserve-Caruso oder eine bisher verkannte Callas fand, die eine Arie schmetterten, öfter noch natürlich der Karaoke-Abklatsch eines Adriano Celentano oder Eros Ramazotti mit einem Schlager aus der letzten Hitparade. Oder es fielen ihr die Neckereien, Stänkereien und kleinen Streitereien an Nachbartischen ein, wenn an einem solchen etwas zu laut etwa ein Fußballverein oder ein Fahrradprofi heruntergemacht wurde, der zufällig ein Favorit der Gegenpartei an dem gegenüberliegenden Tisch war, oder die etwas zu intensiv gegenüber den Bardamen geäußerten Lamentationen frustrierter Ehemänner, dass sie von ihren Gattinnen nicht verstanden würden. Herrje, sie musste endlich wieder einmal unter Menschen, dieser leicht miefenden, lustigen, verschlagenen, manchmal lispelnden, manchmal rhetorisch auftrumpfenden, bescheißenden, stets verliebten, aus tiefstem schwarzen Herzen hassen könnenden, aber unendlich liebenswerten, das Leben im Bewusstsein ihrer Sterblichkeit aus vollen Zügen genießenden (ein Lebensgefühl, das keinem unsterblichen
Gott je beschieden war) Packelrass‘. Sie musste auf Gedeih und Verderb wieder einmal hinab zu der Geerdetheit dieser weiblichen und männlichen Kanaillen.

So bat sie Hermes (denn Prometheus und sein Adler waren gerade erst vor zwei Tagen zu einer neuen Sommelier-Tour aufgebrochen und sicher für mehrere Wochen unterwegs), sich einmal in irdischen Gefilden umzusehen, wie denn die Lage allgemein so wäre, und in welchem Land es noch richtige Beiseln, Kneipen, Klitschen, Budiken, Dorfkrüge, Pinten, Spunten, Kaschemmen, Spelunken, Tavernen, Locande, Cantine, Mescite, Bettole, Fiaschetterie, Tascas, Vinaterias, Bodegas, Buvettes, Boites, Pubs, Ale Houses, Beer-Halls, Gästgivargarden, (jetzt reicht’s, ihr wisst, was sie meinte) gemäß ihren Vorstellungen gab. Solche Informationen hatte es von dem Wein erforschenden Gott-Vogel-Duo bisher nicht gegeben, denn dieses war so auf seine unmittelbare akquisitorische Aufgabe fixiert, dass es nichts mitbekam, was sonst auf der Welt so vorging — dazu kam, dass es ja bis auf die Flugstunden auch die meiste Zeit „im Tran“
war, was Athena gut nachvollziehen konnte.

Die Zeit, bis Hermes zurückkommen würde, verbrachte die Göttin mit der Verkostung der letzten importierten köstlichen Getränke. Doch dann kam dieser relativ rasch wieder, bleich und nach irgendwelchen Desinfektionsmitteln stinkend. Üble Nachrichten brachte er. Alle Ess-, Trink- und sonstige Unterhaltungsstätten seien in Europa (und darüber hinaus auch schon fast auf der ganzen Welt) auf unbestimmte Zeit geschlossen, desgleichen Parks und Kinderspielplätze, Sportstätten, Theater und Konzertsäle, und mehrere Menschen dürften auch im Freien nicht mehr zusammenstehen und tratschen.
Athena war konsterniert, konnte das Gehörte nicht fassen. „Was ist der Grund dafür?“, stammelte sie. „Es geht ein verdammtes Virus um“, klärte Hermes auf, ‚Corona‘ genannt. Oder wissenschaftlich genauer COVID-19, was aber niemand so sagt, außer ein paar Streber von Politikern und Journalisten. Diese abartige Grippe hat bereits alle Kontinente erfasst, ein Zustand, den sie Pandemie nennen — wobei ich nicht verstehe, dass keine Sau mehr Altgriechisch, also unsere Muttersprache, lernen will, dass sie aber dann solche Ausdrücke verwenden. Aber egal, jedenfalls können wir im Augenblick und wahrscheinlich für eine eher ziemlich lange Zeit nicht dort hinunter, denn man würde uns verhaften. Es herrscht nämlich überall Ausgangssperre, und nur Ausübende von
benötigten Spezialberufen, wie z.B. Kassierinnen im Lebensmittelhandel,
Krankenhausbedienstete, Apothekenpersonal, Busfahrer, Bank- und Postbedienstete, dürfen sich noch auf der Straße sehen lassen.“

Unmittelbar nach des Hermes‘ Bericht kamen auch Prometheus und sein Adler
angeflogen, ebenso bleich (wenn man das auch von einem Vogel sagen kann) und
gestresst wie der Götterbote, denn sie hatten sich der Perlustrierung durch einige
Polizisten und Soldaten nur durch eiligsten Abflug entziehen können, und mussten dabei nicht nur einige Federn lassen (bei diesem Vergleich ist nun der Adler im Vorteil, während man ihn bei Prometheus nur im übertragenden Sinn anwenden kann — ausgleichende Gerechtigkeit), sondern es gingen dabei leider auch einige Fläschchen zu Bruch, sodass die Nachfüllung der Regale hinter dem Tresen diesmal eher kärglich ausfiel. Glücklicherweise würden aber die bisher angesammelten Vorräte gewiss für viele Monate reichen. „Okay“, dachte sich Athena in Reaktion auf diese Hiobsbotschaften, „dann bleibt es eben in nächster Zeit beim Wirkungstrinken, Zeus tut ohnedies schon die längste Zeit nichts anderes, und Apollo, Hermes und unseren Weinlieferanten wird eben auch nichts
anderes übrigbleiben.“

Sie erwischte ausgerechnet eine Flasche ungarischen Tokajers, und da fiel ihr das
zugehörige Stichwort ein: Mulatschak! Drei Tage und drei Nächte mulatierten (© Karl Kraus) sie und soffen sich das Hirn aus dem Schädel, die verantwortungsbewussten Zellen aus der Leber, die Steine aus der Galle und ihren Gängen, überfluteten die Langerhansschen Inseln in der Bauchspeicheldrüse mit einem Alkohol-Tsunami, brachten die Bowmanschen Kapseln in den Nieren zum Platzen, und, und, und (weiter reichen
meine anatomischen Kenntnisse nicht). Doch nach aufgrund göttlicher
Regenerationsfähigkeit und gallonenweise hinuntergespülten Mineralwassers aus dem georgischen Kurort Borjomi (das einst sogar Breschnew, der noch viel mehr soff als unsere göttlichen Zecher, nach seinen Wodka-Gelagen wiederbelebt hatte)
überstandenem Delirium, hatten alle Beteiligten ein schales Gefühl, nicht nur in der Mundhöhle (die roch wie ein georgisches Klosterklo, um bei diesem Land zu bleiben), nein, auch im Gemüte. So kannte es ja wohl nicht weitergehen! Dann und wann war ein Riesenbesäufnis ja wohl nötig, unerlässlich und in Krisenzeiten nahezu vom Arzt verordnet, wenngleich leider von der Krankenkassa nicht rückvergütet, aber als Dauerzustand konnte das wohl nicht durchgehen. Da waren sie alle sich einig. Etwas Pausenfüllendes zwischen den Gelagen musste zweifellos her.

Da kam Athena auf die Idee, das ohnedies leer stehende Hinterzimmer der Osteria umzugestalten in eine Bibliothek! Gemeinsam mit Apollo, der für die Belletristik zuständig war, erstellte sie, kompetent für Sachbücher, eine umfangreiche Bestellliste, die sie an Amazon mailte.

Also, haltet mich bitte nicht für naiv und blöd! Ich weiß auch, dass dieser kapitalistische, aber für abgelegene Gegenden ohne Buchhandlungen dennoch sehr praktische Service freilich nicht bis hinauf in die felsigen Regionen des Olymp liefert. Aber da gibt es das kleine Dorf Kalyvia mit knapp weniger als 500 Einwohnern am Fuß des griechischen Göttersitzes. Hier hatte man eine provisorische Apotheke eingerichtet, die als Corona-Notfalleinrichtung auch für die verstreuten umliegenden Höfe dienen sollte. Dorthin konnten die Bücherpakete — getarnt als medizinische Bedarfsartikel — geliefert werden. Und in der Folge flog dann der Adler des Prometheus hinunter und holte die Lieferungen ab. Telefonisch war mit den Pharmazeuten vereinbart worden, die
Sendungen neben die Türe zu legen, wie alles andere auch, da ja sonst
Ansteckungsgefahr lauerte. Auf diese Weise bemerkte auch niemand, dass der
Abholende kein Mensch, sondern ein Großvogel war. Einmal kam ein Bauer mit seinem Esel in der Nähe vorbei. Der rieb sich aber nur die Augen und dachte: „Verdammt, war das gestern doch zu viel Ouzo“. Als er wieder aufblickte, war der gefiederte Transporteur längst wieder in den Lüften und nicht mehr zu sehen.

So kam in wenigen Wochen eine ganz ansehnliche Bibliothek zusammen. Sogar Hermes hatte sich einige spezielle Neuerscheinungen zum globalen Finanzwesen unter besonderer Berücksichtigung des Hedgefonds-Unwesens, zur Prognostizierbarkeit einer etwaigen neuerlichen Weltwirtschaftskrise als Folge der Corona-Pandemie und Studien zum Anwachsen der Einbruchskriminalität und des Taschendiebstahls im Lichte der Flüchtlingswellen bestellt (letzteres in seiner Funktion als Gott der Diebe, der sich auch als solcher bemühen musste, auf dem neuesten Wissensstand zu bleiben).

Unlängst stieß Apollo beim Studium der Kataloge, die Neuerscheinungen betrafen, auf einen anscheinend prachtvollen Bildband über den großen Flamen Peter Paul Rubens, ergänzt durch neueste Forschungsergebnisse zu dessen Biografie und Werk. Der Künstlergott hatte bei diesem Quarantäne-Siechtum ohnedies Sehnsucht, sich wenigstens optisch-zweidimensional in üppigem rosa Weiberfleisch baden zu können (gut dass weder Athena noch eine der Musen — geschweige denn Hera — in der Nähe waren, sie hätten womöglich seine Gedanken lesen können). Als einige Tage später der Adler mit dem
Bildband, von der bibliophilen Landapotheke herkommend, keuchend landete, denn der Schmöker wog gut und gern einige Kilos, war Apollo gerade nicht anwesend, und so nahm Athena das Werk in Empfang und begann gleich, darin zu blättern. Die Bilder mit den fülligen Geschlechtsgenossinnen überblätterte sie relativ rasch und uninteressiert. Und so landete sie alsbald bei der Reproduktion eines höchst merkwürdigen Gemäldes,

Rechts posierten zwar wieder drei nackte Damen, allerdings nicht so vollschlank wie man das von dem flämischen Meister sonst oft gewohnt war. Später stellte sich heraus, dass dies wohl beabsichtigt gewesen sein dürfte, denn es handelte sich um die drei Grazien, und die konnte wohl nicht einmal ein Rubens als dralle, begrapschbare Schankdirnen darstellen. Was aber Athena elektrisierte, war der linke Teil des Gemäldes. Ja, was musste sie da sehen? Sich selbst — kenntlich an ihrem Helm und dem gleichfarbenen, dunkelvioletten auf dem Boden liegenden Schild mit dem Bild der schlangenhäuptigen Medusa — inmitten einer Gruppe von drei einigermaßen bekleideten Gestalten. Links (vom Betrachter aus gesehen) ein Viola da Gamba-Spieler, dessen Lorbeerkranz ihn als Apollo auswies. Und
von rechts oben schwebte eindeutig Hermes herab, in raschem Flug, wie am heftig nach hinten flatternden Gewand erkennbar war, den er gerade noch rechtzeitig mit einem Griff an den roten Vorhang bremsen konnte.

Und vor ihr, Athene, beugte sich ein Mädchen in rotem Gewand über einen dicken Folianten. Die Linke Athenes zeigt auf die Rechte des Mädchens, das offensichtlich mit einem Federkiel schreibt. Der Caduceus des Hermes weist auch mit Vehemenz in jenen Bereich, und dieses sein Attribut ist ein segnendes, ein wahrer Zauberstab — und er scheint dem Mädchen mit aller Kraft zu signalisieren: „Möge die Übung gelingen!“

Athene war perplex: Da war also irgendwie symbolisch sehr stark die Musik vertreten, denn auf dem Boden lag noch unter der Gambe eine Laute. Rechts neben dieser befand sich eine männliche Marmorbüste. Es war schwer zu entscheiden, welche überragende griechische Persönlichkeit sie darstellt. Einerseits könnte es sich um Homer handeln, dann hätten wir vor uns, dass das Mädchen auch in Poesie unterrichtet werden wird. Anderseits könnte man aus der „Himmelfahrtsnase“ der Statue herauslesen, dass sie Sokrates abbildet, womit — gewissermaßen übergeordnet — auch die Philosophie ins Spiel käme.

Unter dem Hinterhaupt der Büste ragt eine Malerpalette mit Pinseln heraus, klarer Hinweis auf die Bildende Kunst. Und rechts vor dieser liegt ein rauer Stein mit Behauungswerkzeugen — Sinnbild der Bildhauerkunst und der Architektur.

Athena war noch immer erstarrt. Als sie wieder zu sich kam, schien ihr, als habe sie das Mädchen schon einmal irgendwo gesehen. Freilich war sie unsterblich und hatte Jahrtausende durchwandert, da hatte sie inzwischen Millionen von Jungfern erblickt, jubilierende, zu Tode betrübte, herrschende oder solche in Fronarbeit, vergewaltigte und angebetete, Feen und Putzfrauen, Bäuerinnen und Kaiserinnen und viele andere. Aber aus keiner dieser ewig lang zurückliegenden Zeiten konnte sie sich an so ein Mädchen erinnern, und schon gar nicht aus Rubens‘ Epoche,

In der Zwischenzeit waren auch Apoll und Hermes, aus ihrem Mittagsschlaf erwacht, wieder eingetroffen, Auch sie rührte nahezu der Schlag, als sie das Bild sahen. Und sie waren genauso ratlos wie ihre Schwester Athene. Diese hatte nun eine wahrhaft göttliche Idee: Auf zum Parnass! Wieso dieses? Nun, was alle wissen (alle, die zumindest noch eine klassische Bildung genossen haben), der Parnass ist der Sitz der Musen. Was aber beileibe nicht alle wissen, das ist, dass auf dem Parnass auch alle verstorbenen großen Geister, alle Künstler, Philosophen und Wissenschaftler aus aller Welt und aus allen Zeiten versammelt sind. Ihr Leserinnen und Leser, die Ihr einwendet, niemals hätten so viele Leute auf diesem Berg Platz, braucht mir nicht blöd zu kommen. Erstens überschätzt Ihr den Menschengeist, denn bei illustren Vertretern dieser Spezies handelt es sich keinesfalls um eine gigantische Menge, und zweitens ist der Parnass kein spitzer Zuckerhut, kein Matterhorn, sondern er hat einen sehr breiten Kamm, und da ist genügend Platz für die Creme de la Creme.

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Abgesehen davon haben sich die alten Herren, die bis zur Renaissance lebten, in den Berg hinein zurückgezogen, da es ihnen allmählich draußen zu windig wurde. Wie komfortabel sie wohnen, haben Raffael und seine Schüler festgehalten und einiges aus der genialen Prominenz dargestellt, und zwar in den Stanzen genannten Gemächern im Apostolischen Palast in Rom. Diejenigen, die sich im
Freien ergehen, könnten möglicherweise dazu dadurch motiviert gewesen sein, dass sie sich damit in Gesellschaft der neun Musen befanden, die ja ständig leichtbekleidet sind, weil ihnen angeblich immer so heiß ist. Es sind interessanterweise lauter schon lange abgeschiedene Literaten2, Zeitgenossen Raffaels, die sich auch angeregt unterhalten können mit den antiken Unsterblichen der Feder oder des Stylus3, darunter übrigens auch die Dame Sappho, wobei die unvergängliche Lyrikerin aus Lesbos ebenso gern wie
die Herren unter den Musen weilt, wenn auch aus leicht modifizierten Gründen.

„Parnass“
„Schule von Athen“

Es ist dies endlich eine hervorragende Gelegenheit für ein „Who is who“ (einige Zuschreibungen sind allerdings umstritten):

  1.  Zenon von Kition
  2. Epikur 
  3.  Federigo II. Gonzaga?
  4.  Boethius oder Anaximander oder Empedokles?
  5.  Averroes
  6.  Pythagoras
  7.  Alkibiades oder Alexander der Große?
  8.  Anisthenes oder Xenophon?
  9.  Hypatia oder Francesco Maria I. della Rovere
  10. Aischines oder Xenophon?
  11.  Parmenides oder Euklid?
  12.  Sokrates
  13.  Heraklit (verkörpert durch Michelangelo)
  14.  Platon mit der Schrift Timaios  (verkörpert durch Leonardo da Vinci)
  15. Aristoteles mit der Schrift Ethik
  16.  Diogenes
  17. Plotin?
  18.  Euklid oder Archimedes mit Zirkel (verkörpert durch Bramante)?
  19.  Strabon oder Zarathustra?
  20. Ptolemäus
  21.  Raffael als Apelles
  22.  Sodoma als Protogenes

Seine Abbildung der Luxushöhle im Parnass bezeichnete Raffael eben als „Schule von Athen“, weil sich darin in erster Linie wieder antike Personen aufhalten. Allerdings schummelte er auch hier – wie wir gesehen haben – Zeitgenossen, insbesondere bildende Künstler, hinein, sogar sich selbst.

All dies fiel Athena blitzartig ein. Und irgendwo dort drüben auf dem Parnass musste auf jeden Fall auch Rubens stecken, der mehr über das merkwürdige Gemälde in dem Bildband wissen musste, hatte er es doch selbst gemalt.

So erteilte die Göttin umgehend dem Adler den Auftrag: „Flieg, o Aar (diese hehre Ausdrucksweise war sie sich in diesem Augenblick schuldig, um ihrem Auftrag die nötige Autorität zu verleihen), und bringe Rubens auf die selbe Weise her zu uns, wie er selbst den Flug des Ganymed mit Zeus als Adler dargestellt hat‘, wobei sie ihm die betreffende Illustration in dem Bildband zeigte:

Gesagt getan, der Adler hatte den großen Barockmaler drüben auf dem Musensitz
unschwer aufgespürt und ihn sich gekrallt, bevor der Apelles des Barock noch wusste, wie Ihm geschah. Nun, der Adler ist gelandet! The Eagle has landed.

Die beiden göttlichen Lötter wollten des Großvogels Fracht in Bezug auf das in Rede stehende Gemälde gleich ins Kreuzverhör nehmen, doch Athene mit ihren
herausragenden, eben weiblichen Manieren nahm sich gleich des Gastes an und führte ihn in die alkoholgeschwängerten Lagerhallen. Verschämt, aber gleichzeitig beinahe auch verzückt, reagierte der Maler, als er sah, dass es auch belgisches Bier gab, denn französischen Wein verachtete er seit langer Zeit, da ihn der Schuft Richelieu quasi aus dem Land gejagt und seiner guten Einkünfte beraubt hatte. Und so nahm Athena unter verständnisvollem Lächeln ein Gebinde „Leffe” und eines der Marke „Grimbergen“ mit und kehrte mit dem Künstler zurück, um ihn mit dem bewussten Bild zu konfrontieren.

Rubens stand ganz gebannt vor der mittlerweile auf dem Computer vergrößerten
Reproduktion seines Gemäldes.

„Ach*, sagte er, „ich weiß, mittlerweile hängt dieser große Schinken im Pariser Louvre. Was habe ich mich mit dieser ganzen Serie abgeplagt!“

„Serie?“, fragte Hermes nach, der wahrscheinlich schon in megalomanen
Geschäftsmodellen dachte.

„Da muss ich wohl ein wenig ausholen“, replizierte der Antwerpener. „Meine
Auftraggeberin war Maria. Sie entstammte väterlicherseits der mächtigen und reichen Florentiner Familie der Medici. Ihr Vater war der Großherzogs der Toskana, Francesco I. de’ Medici, ihre Mutter die Erzherzogin Johanna von Österreich.“

„Von Österreich!“, rief Athena aus, „jetzt weiß ich, warum mich das Gesicht des kleinen Mädchens auf dem Bild an jemanden erinnert. Aber davon später, Bitte, Peter Paul, erzähle weiter.“

„Nun, Maria wurde zur zweiten Frau des französischen Königs Heinrich IV. und damit seit 1600 Königin von Frankreich. 1601 gebar sie den späteren König Ludwig XIIl. Nach der Ermordung Heinrichs IV. übernahm sie 1610 mehrere Jahre lang die Regentschaft für den noch unmündigen Sohn, der jedoch schon sieben Jahre später gegen ihren Widerstand die Herrschaft an sich riss. Obwohl sie zunächst den Aufstieg des späteren Kardinals Richelieu gefördert hatte, geriet sie später in schroffen Gegensatz zu ihm und verlor schließlich den gegen ihn ausgetragenen Machtkampf. Seit 1631 lebte sie im Exil, vom Schicksal unstet und unbarmherzig herumgetrieben, wobei sie sogar auch einmal in Antwerpen in jenem Haus wohnte, in dem ich geboren worden war. Unsterbliche Verdienste erwarb sich die machtbewusste Königinwitwe aber nach echter Mediceer-Art
vor allem als bedeutende Patronin der Künste. Unter anderem verdankte ihr mein großer französischer Kollege Nicolas Poussin seine Karriere.

Ab 1615 ließ sie sich das Palais du Luxembourg als repräsentativen Witwensitz mit dem angeschlossenen Park Jardin du Luxembourg errichten. Und nun komme auch ich ins Spiel, denn sie berief mich, diesen ihren Palast ab 1622 durch eine Gemäldefolge, den sogenannten Medici-Zyklus, auszugestalten. Meine 24 Bilder zeigen Stationen aus Marias Leben von ihrer Geburt bis zur Versöhnung mit ihrem Sohn Ludwig XIIl. und sind alle heute im Louvre zu sehen.“

Nun meldete sich wieder Athene zu Wort: „Peter Paul, du hast früher erwähnt, dass die Mutter von Maria eine Österreicherin war. Und da fiel mir spontan wieder ein, dass mich das Mädchen auf deinem Bild ebenfalls an ein österreichisches Mädchen erinnert, das wir gut kennen, an eine gewisse Isabella, die jetzt mit ihren Eltern und ihrem Brüderchen in London lebt. Natürlich haben wir über all den Katastrophen der letzten Zeit, den IS-Anschlägen, den Waldbränden, und jetzt gar der Corona-Pandemie ein bisschen den Anschluss verloren und sind nicht auf dem neuesten Stand der Entwicklung unseres sozusagen ‚Patenkinds‘ Isabella4. Aber, Peter Paul, du hast uns sehr geholfen. Nimm-dir zum Dank ein Tragerl ‚Lambic‘-Bier5 mit auf den Parnass und
lass alle deine Freunde dort schön grüßen.“

Rubens: „Verbindlichsten Dank. Aber es ist merkwürdig, als ich das bewusste Kind auf dem Unterrichts-Bild malte, hatte ich immer das Gefühl, als ob ich nicht die Maria Medici, sondern ein anderes Kind malen würde. Solltet ihr ein gutes Foto von dieser Isabella auftreiben, so würde es mich reizen, dieses in ein kleines Gemälde umzusetzen.“

Wieder allein, berieten die drei Götter, was nun zu tun sei, um — außer der
Porträtähnlichkeit — einen stichhaltigen Beweis zu finden, dass Rubens vor fast 400 Jahren in einer übersinnlichen, vielleicht geträumten Erfahrung etwas gemalt haben könnte, das nun in der Gegenwart (natürlich im Ambiente des 21. Jahrhunderts) stattfand, dass sie nämlich — auf ebenso geheimnisvolle Weise — indirekt trotz der großen Entfernung anscheinend zur Erziehung eines Mädchens in London beitrugen.

Da gab es wohl nur eines: Hermes musste so schnell wie möglich in die britische
Hauptstadt abschwirren, um — als ohnedies trickreichster unter ihnen — möglichst viel über die Bildungsfortschritte der jungen Dame herauszubekommen. Schon am nächsten Tag flog er fort — leichtflügelig und heilfroh, dass er diesmal nicht seine beiden göttlichen
Geschwister huckepack mitnehmen musste, wie vor einigen Jahren, nachdem Isabellas Brüderchen Maxi auf die Welt gekommen war.

Nach vierzehn Tagen war der Götterbote wieder zurück am Olymp. Er hatte alle seine Fähigkeiten eingesetzt und eine Menge über die Ausbildung von Isabella in Erfahrung gebracht, was prinzipiell tatsächlich mit dem Rubens-Gemälde übereinstimmte. Sie lernte nämlich ein Streichinstrument, und zwar Geige, und konnte schon so große Fortschritte verzeichnen, dass dies wohl nur durch apollinische Therapie erklärbar war. Rubens hatte den Sonnengott übrigens — wie eine spätere Rückfrage beim Künstler ergab — nur deshalb mit einer Viola da Gamba dargestellt, weil durch eine Geige sein halbes Antlitz verdeckt gewesen wäre. Und Isabella las sehr gern, ja sie verschlang geradezu ein Buch nach dem anderen, und sie schrieb schon fantasievolle Aufsätze, welche die zuständigen Lehrkräfte in Erstaunen versetzten, ganz so als ob sie tatsächlich von Athene dazu angeleitet würde. Überhaupt waren ihre Lernerfolge in der Schule exzellent, was sie, glaube ich, Hermes verdanken könnte, der bekanntlich traditionell die Botschaft der Götter den Sterblichen überbringt und sie dabei auch übersetzt. Seine Botschaften sind damit also keine bloßen Mitteilungen, sondern fordem Einsicht und Verständnis bei den Rezipienten. Deshalb wird die Wissenschaft vom „Erklären und Verstehen“ auch als Hermeneutik bezeichnet. So kann er wohl auch helfen, schwierigen Lernstoff schneller zu begreifen und sich diesen nachhaltiger zu merken.6 Dass Isabella sehr gerne zeichnet, malt und bastelt, bleibt auch kein Geheimnis — ihre mütterlichen Großeltern haben schon viele von ihr gestaltete Glückwünsche zu Festtagen erhalten. Insofern stimmen auch die Palette und der Stein mit den Werkzeugen mit Isabellas gestalterischen Talenten überein.

Und die drei Grazien standen natürlich noch einmal ganz generell als Repräsentantinnen für alle Kunstfertigkeiten da, die ein begabtes junges Mädchen erlernen konnte, im Besonderen waren sie aber vielleicht auch ein Hinweis auf die Ballettstunden, die Isabella genoss (und die Grazie vermitteln sollten). Sehr stolz war aber Hermes als Gottheit der Gymnastik, des Turnens, der Athletik, kurzum des Sports, insbesondere auch darauf, dass das Mädchen sehr fit, durchtrainiert und wendig war, was er seinem Einfluss zuschrieb. So hatte sie z.B. kürzlich etwa beim Schwimmen ihre Wettbewerbsgegnerinnen um Längen deklassiert. Laufen und Turnen lagen ihr auch sehr gut.

Kurzum, es schien wirklich so, als hätten die drei, Athena, Apollo und Hermes all diese Talente und Begabungen in ihr erweckt — und da auch Götter ehrgeizig sein können, beschlossen sie umgehend, auch weiterhin am Ball zu bleiben und aus Isabella eine perfekte, hochbegabte Lady zu machen!

  1. Siehe: Peter Handke, Don Juan: erzählt von ihm selbst, passim. ↩︎
  2. Statius, Vergil, Homer, Dante, Ennius, Anakreon, Petrarca, Corinna (stammt weder geografisch noch sexuell orientiert aus Lesbos), Alkalos, Sappho, Ariost, Boccaccio, Tibull, Tebaldeo, Properz, Ovid, Sannazzaro und Horaz in Gesellschaft von Apoll, Calliope, Terpsichore, Erato, Polihymnia, Melpomene, Urania, Thalia, Klio und Euterpe. ↩︎
  3. Schreibgerät, mit dem man im Altertum auf Wachstafeln schrieb, ↩︎
  4. Gemeint ist tatsächlich eines der Enkelkinder des Autors. ↩︎
  5. Lambic ist eine belgische Bierspezialität, die durch Spontangärung entsteht. Die Zutaten für Lambic sind zwar wie bei anderen Bierbrauverfahren auch Wasser, Malz und Hopfen. Es wird aber
    keine Hefe zugesetzt, sondern diese wird durch eine offene Lagerung des Sudes aus der Umgebungsluft „eingefangen“. Dieses Verfahren der nicht geführten, sondern spontanen Gärung war bis zur Entdeckung der mikrobiologischen Zusammenhänge das Standardverfahren in der
    Bierherstellung nicht bekannt. Heute ist das Lambic eine der wenigen Ausnahmen, bei der diese Methode nach angewandt wird ↩︎
  6. In Bezug auf Isabella ist es egal, ob die auf dem Boden liegende Marmorbüste Homer oder Sokrates darstellt. Jener wäre Symbol für ihre Schreib- und Lesefreudigkeit, dieser für ihre positive Neugierde, ihr
    Nachdenken und Verstehenwollen.
    Ich denke, ich bin noch eine Erklärung schuldig, warum dieses unser Enkelkind so plötzlich in diese Erzählung hereingebrochen ist. Es ist nicht nur großväterlicher Stolz dafür verantwortlich, sondern vor allem auch der Umstand, dass schon Apollo und die Musen bei der Hochzeit von Isabellas Eltern in Venedig anwesend waren. Und unsere olympische Trias nahm auch in der Folge regen Anteil am jungen Familienleben. Sie bewachten die ersten Schritte des Kleinkinds, sie flogen nach London, als Isabellas Brüderchen Maxi auf die Welt gekommen war, sie waren anwesend bei Geburtstagsjubiläen der Großeltern, also des Autors und seiner Gattin etc. Das wurde alles dokumentiert, doch wäre es kaum für eine familienfremde Allgemeinheit von Interesse. ↩︎

ANHANG:

Das war der Herr von_Rodenstein

Joseph Viktor von Scheffel (1826 – 1886)

Das war der Herr von Rodenstein,
Der sprach: »Dass Gott mir helf‘,
Gibt’s nirgend mehr ’nen Tropfen Wein
Des Nachts um halber zwölf?«
‚raus da! ‚raus aus dem Haus da!
Herr Wirt, »dass Gott mir helf‘,
Gibt’s nirgend mehr ’nen Tropfen Wein
Des Nachts um halber zwölf?«

Er ritt landauf, landab im Trab,
Kein Wirt ließ ihn ins Haus;
Todkrank noch seufzt vom Gaul herab
Er in die Nacht hinaus:

»’raus da! ‚raus aus dem Haus da!
Herr Wirt, dass Gott mir helf‘,
Gibt’s nirgend mehr ’nen Tropfen Wein
Des Nachts um halber zwölf?«

Und als mit Spieß und Jägersrock
Sie ihn zu Grab getan,

Hub selbst die alte Lumpenglock“
Betrübt zu läuten an:

»’raus da! ‚raus aus dem Haus da!
Herr Wirt, dass Gott mir helf”,
Gibt’s nirgend mehr ’nen Tropfen Wein
Des Nachts um halber zwölf?«

Doch wem der letzte Schoppen fehlt,
Den duld’t kein Erdreich nicht;
Drum tobt er jetzt, vom Durst gequält,
Als Geist umher und spricht:
»’raus da! ‚raus aus dem Haus da!
Herr Wirt, dass Gott mir helf‘,
Gibt’s nirgend mehr ’nen Tropfen Wein
Des Nachts um halber zwölf?«

Und alles, was im Odenwald
Sein‘ Durst noch nicht gestillt,

Das folgt ihm bald, das schallt und knallt,
Das klafft und stampft und brüllt:
»’raus da! ‚raus aus dem Haus da!

Herr Wirt, dass Gott mir helf‘,
Gibt’s nirgend mehr ’nen Tropfen Wein
Des Nachts um halber zwölf?«

… Dies Lied singt man, wenn’s auch verdrießt,
Gestrengem Wirt zur Lehr‘;
Wer zu genau die Herberg‘ schließt,
Den straft das wilde Heer:
»’raus da! ‚raus aus dem Haus da!
Rumdiridi, Freijagd!
Hoidirido, Freinacht!
Hausknecht hervor!
Öffne das Tor!
‚raus! ‚raus! ‚raus!«

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