Zweitausendster Geburtstag von Plinius dem Älteren:


Statue von Plinius d. Ä. am Dom von Como; Foto: Wolfgang Sauber – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Jedes Handy hat bekanntlich eine Alarmfunktion, die uns rechtzeitig an einen Termin erinnern soll, sei es ein Arztbesuch oder die Pillen-Einnahme, der dringende Einkauf vor Geschäftsschluss, oder den beschleunigten Aufbruch zum Flughafen wegen Staugefahr an den Zubringern etc. Ich habe mir eine solche Funktion bekanntlich selbst arrogiert, um an Jubiläen zu erinnern, die uns auch in der Gegenwart vielleicht zum Nachdenken bringen sollten. Diese Zeilen stehen in Zusammenhang mit dem katastrophalen Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr., bei dem die antiken Städte Pompeji, Herculaneum, Stabiae und Oplontis verschüttet wurden. Doch ist nicht dieser der unmittelbare Anlass für das Gedenken, sondern Plinius der Ältere, der dabei wegen seines selbstlosen Einsatzes ums Leben kam. Er wurde nämlich vor 2000 Jahren in Como geboren. Über seinen Tod sind wir so gut unterrichtet, weil ihn sein Neffe und Adoptivsohn Plinius der Jüngere in einem Brief an den römischen Historiker Tacitus detailliert geschildert hat. Als nämlich eine große schwarze Wolke beobachtet worden war, habe Plinius d.Ä., der kurz zuvor zum Präfekten der römischen Flotte in Misenum ernannt worden war, zunächst aus Forschungsinteresse aber vor allem auch in dem Bemühen, den Opfern der Katastrophe zu helfen,  an das Ufer unterhalb des Vesuvs segeln wollen, um das Phänomen zu beobachten. Auf den Hilferuf einer gewissen Rectina hin habe er sich entschlossen, die dort ansässigen Menschen zu retten, aufgrund des Ascheregens habe man das Ufer jedoch nicht erreichen können. Stattdessen sei er nach Stabiae gesteuert und auf dem Gut eines Pomponianus abgestiegen. Nach einer unruhigen Nacht habe man am Morgen die Gebäude wegen starker Erdbeben verlassen müssen. Plinius sei an der Küste tot zusammengebrochen. Die Todesursache gilt heute als unklar. Als mögliche Ursachen werden in der Forschung Tod durch Ersticken, Vergiftung, Asthmaanfall, Herzinfarkt oder Schlaganfall diskutiert. So oder so haben also Pflichtbewusstsein und Hilfsbereitschaft den Präfekten im Alter von etwa 55 Jahren das Leben gekostet. Darüber (wie bei Sensationsmeldungen im gegenwärtigen Journalismus) verblassen leider seine unvergleichlichen Leistungen zu Lebzeiten.

Bekannt geworden ist Plinius einst nämlich vor allem durch sein naturwissenschaftliches Werk Naturalis historia (Naturgeschichte), das als einzige seiner zahllosen Schriften erhalten ist. In dieser Enzyklopädie in 37 Büchern fasste er vor allem die naturkundlichen Kenntnisse seiner Zeit zusammen. Sie stellt daher eine unschätzbare Quelle für das antike Wissen dar. Laut seinen eigenen Aussagen beinhaltet dieses Werk 20.000 wichtige Fakten zu den Themen Anthropologie, Arzneien aus Pflanzen- und Tiersubstanzen, Botanik, Ethnographie, Gartenbau, Geographie, Kosmologie, Kunstgeschichte, Medizin, Metallverarbeitung, menschliche Physiologie, Mineralogie, Schöne Künste und Zoologie, die er aus rund 2000 Büchern von 100 verschiedenen Autoren zusammengetragen hatte.

Kluge Köpfe hatten allerdings immer schon die Bedeutung dieses Gelehrten par excellence erkannt, nicht nur etwa der antike Erfolgsautor Apuleius, sondern auch Leute wie die Kirchenväter Tertullian und Augustinus. Die Humanisten Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio befassten sich eingehend mit ihm. Von Christoph Kolumbus wurde seine Naturgeschichte ebenfalls verwendet. Im Jahre 1469 erschien in Venedig die erste Druckausgabe; bis Ende des 18. Jahrhunderts lagen bereits weit über zweihundert komplette Ausgaben vor. Alexander von Humboldt bezeichnete das Werk als römisches Denkmal, abgefasst im „echten Geist einer Weltbeschreibung.“ Und der bedeutende Botaniker des 17. Jhs. Charles Plumier benannte ihm zu Ehren die Gattung Plinia der Pflanzenfamilie der Myrtengewächse (Myrtaceae). Carl von Linné übernahm später diesen Namen. Und auch der Mondkrater Plinius wurde sogar noch 1935 nach ihm benannt.

Doch noch einmal zurück zum Tod des Jubilars. Sein Neffe beschrieb ihn als einen in jeder Hinsicht den römischen Idealen entsprechenden Mann. Mutig, weise, belesen, wissbegierig und selbstbeherrscht. Beim Vulkanausbruch „eilte er dorthin, wo andere fliehen, die Steuerruder geradeaus mitten in die Gefahr, völlig frei von Furcht…“ Und so hat es mich eigentlich entsetzt, dass der von mir sonst so geschätzte Umberto Eco Plinius d. Ä. in Zusammenhang mit seinem Tod als völligen Versager, beruflich Unfähigen, Opfer eigener Fehlentscheidungen etc., hinstellt. Ich weiß schon, dass er damit eine Textkritik am entsprechenden Brief des jüngeren Plinius vom Stapel lassen wollte. Dennoch: spiegelt sich darin nicht doch auch der tödliche Krebsschaden unserer Gegenwarts-Gesellschaft – getrieben vom „Liberalen Kapitalismus“, der nur in Profit-Steigerung, Leistungserhöhung, Manntagen, Wirtschaftswachstum, Bruttosozialprodukt und Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen unter Missachtung jeglicher Humanität seine „Ideale“ verankert sieht. Da kann eine von humaner Spontaneität gelenkte Aktion, wie jene leider noch dazu letal ausgegangene des großen Römers, ja nur mehr als doofe Blödheit und Unfähigkeit gewertet werden! Apropos: das führt uns am Schluss noch einmal zum Vesuv zurück. Experten meinen, er werde trotz seines momentanen Wohlverhaltens gewiss wieder einmal ausbrechen. Dann müssten allein aus der „roten Zone“ an den Hängen des Vulkans 700.000 Menschen evakuiert und auf ganz Italien verteilt werden, wahre Dummköpfe, die sich dort ansiedeln konnten dank übermäßiger Korruption, mafiöser Profitgier, Feigheit der Lokalpolitik etc. „Plinius schau åba“!

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