Die bekannteste musikalische „Draufgabe“

Manchmal folgen Jubiläen einander allzu schnell. Zum Glück geht es meist um komplett unterschiedliche Themen. Diesmal um keine Person, sondern um Musik. Und ich würde nicht schon wieder nervig zur Feder greifen, wenn nicht jeweils am Neujahrstag, dieses „Encore“, denn das offizielle Programm endet bereits vorher, von ca. 50 Millionen Menschen beinahe auf der ganzen Welt (92 Länder) im Radio oder TV gesehen würde.

Ja, es ist der Radetzkymarsch, der heute 175 Jahre „jung“ wird. Während das Publikum im „Goldenen Saal“ des Wiener Musikvereins an vielen Stellen mitklatscht, wenn die Wiener Philharmoniker ihn interpretieren, würde ich gerne die „Urfassung“ empfehlen, weil hier interessante Nebenstimmen gehört werden können, die man sonst wohl noch nie vernommen hat. Sie ist zu hören unter der Stabführung des verstorbenen großen österreichischen Dirigenten Harnoncourt unter dem Link https://www.youtube.com/watch?v=UaiS5WrE-mY.

Es dürfte sich allerdings schon herumgesprochen haben, dass ich meinen Reminiszenzen an Gedenktage meist auch noch etwas zum Nachdenken anfüge.

Erstens möchte ich erinnern an den „Sterbenden Gallier“, jene antike Marmor-Statue, die sich heute in den Kapitolinischen Museen (Inv.Nr. 747; Foto: José Luiz Bernardes Ribeiro / CC BY-SA 4.0) in Rom befindet. Das Werk ist vermutlich die römische Kopie eines Bronze-Originals von etwa 230/220 v. Chr., das im Athena-Heiligtum von Pergamon stand. Die Plastik dokumentierte damit den Sieg über die Kelten, die im griechisch-kleinasiatischen Raum als Galater bekannt waren.

Schaut man genau hin, so entdeckt man unter dem linken Bein des Sterbenden ein zerbrochenes Blasinstrument, eine Art Lure, die als Kriegstrompete die Soldaten anstacheln sollte. Der Gallier ist somit als einer von Tausenden und Abertausenden mit (in diesem Fall: eigenen) „klingenden Spiel“ in den Schlachtentod gegangen. Vielleicht sollte man auch daran gelegentlich denken, wenn man den schwungvollen Radetzkymarsch hört.

Woran unmittelbar eine Erinnerung an die Schlachten Radetzkys anschließen sollte. Der Marsch wurde nämlich anlässlich des überragenden Sieges des Feldherrn in der Schlacht bei Custozza über die piemontesischen Truppen errungen, wodurch die Lombardei für Österreich zurückgewonnen wurde. 11 Jahre später sah es ganz anders aus. Da kam es – nicht mehr unter dem Marschallstab von Radetzky – zur vernichtenden Niederlage der Österreicher, und nicht nur das (und hier schließt sich eben der Kreis zum „Sterbenden Gallier“), es wurde die blutigste militärische Auseinandersetzung seit der Schlacht von Waterloo. Im Verlauf der Schlacht waren bis zu 30.000 Soldaten getötet und verwundet worden. Mindestens 10.000 Soldaten galten als vermisst oder gefangen. Rund 40.000 weitere Soldaten erkrankten durch Nahrungsmangel, Überanstrengung und aufgrund der völlig unzureichenden sanitären Verhältnisse in den Tagen nach der Schlacht. Die meisten Soldaten starben nicht bei den Kampfhandlungen, sondern später an den Folgen ihrer Verwundungen. Es herrschte extremer Mangel an medizinischer Versorgung der Opfer durch notwendige militärische Sanitätsdienste, die auf beiden Seiten sowohl personell als auch bezüglich ihrer Ausstattung völlig überfordert waren. Verwundete wurden oft nach ihrer Bergung sich selbst überlassen oder gänzlich auf dem Schlachtfeld zurückgelassen. Nahrung und Wasser standen nur in unzureichenden Mengen zur Verfügung und waren darüber hinaus von hygienisch schlechter Qualität. Die Grausamkeit der Schlacht und die Hilflosigkeit der verwundeten Soldaten veranlassten Henry Dunant zu seinem Buch „Eine Erinnerung an Solferino“. Das führte zur Gründung des Roten Kreuzes und zur Vereinbarung der Genfer Konvention von 1863.

Und noch ein Denkanstoß: Goethe schrieb noch (freilich ironisch auf die Mentalität vieler seiner Zeitgenossen anspielend): „Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten; dann kehrt man abends froh nach Haus und segnet Fried und Friedenszeiten.

Letztes „Memento“: Wien liegt näher an der Ukraine als an Vorarlberg. Mit dem Goethe’schen Seelenfrieden ist es also für uns längst vorbei.

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